Friedhof der Stachelbeeren

oder: Warum ich meine Stachelbeersämlinge “Maurers Sämling (1 bis 105)” nenne.

Das Beitragsbild erinnert ohne Zweifel an einen Soldatenfriedhof: Grabsteine von hunderten, tausenden, oft ohne Namen begrabenen Männern; aber hier geht es um Stachelbeeren, die in einem Buch begraben liegen. Es geht aber auch um meine kleine Stachelbeersämlingsplantage, deren Abbildung jetzt an einen Friedhof erinnert, die aber genau das Gegenteil davon ist: ein Ort der Wiederauferstehung (Ja, es war Ostern, als das Bild entstand!).

Die Grabstätte aus Papier, die ich heute bekannt(er) machen möchte, ist “Maurer’s Stachelbeerbuch über die besten und verbreitetsten Stachelbeersorten”.

image-10679

Die etwas ältere Stachelbeeranlage, die ich nun noch etwas erweitert habe (der Rhabarber kommt wech)

Ich hatte den Verlag, der das Werk im Quart-Format veröffentlicht hat (Eugen Ulmer, Stuttgart), neulich angefragt, ob ich die wunderbaren, kolorierten Bildtafeln veröffentlichen dürfe, auf denen alle Früchte der im Buch beschriebenen 134 Sorten dargestellt sind.
Die Antwort lautete: “Es ist generell so, dass die Rechte an Büchern oder Illustrationen aus Büchern 70 Jahre nach dem Tod des Autors gemeinfrei werden, also von jedermann reproduziert werden dürfen. Laut meinen Unterlagen ist Maurers Stachelbeerbuch 1913 erschienen, der Autor auch im Jahr 1913 verstorben. Somit ist das Material mittlerweile frei und darf von Ihnen verwendet werden.”

Es ist also erlaubt – und deshalb tue ich das hiermit (alle Tafeln wurden von dem Jenaer Lithographen Adolf Giltsch erstellt).

Vor kurzem ist das prachtvolle Werk (endlich) auch von der TU Berlin digitalisiert worden; damit ist das Grab der Stachelbeervielfalt für Jedermann und Jedefrau zugänglich.

image-10680

Tafel I: Rotfrüchtige Stachelbeeren I

Rotfrüchtige II
image-10681

Tafel II: Rotfrüchtige II

image-10682

Tafel III: Rotefrüchtige III

image-10683

Tafel IV: Rotfrüchtige IV

Ironie des Schicksals

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass gerade Louis Maurer auch als Totengräber der Stachelbeervielfalt bezeichnet werden muss, obwohl dieser Beerenobstzüchter hoffte, mit seinem Buch die Stachelbeerkultur in Deutschland zu befördern und voranzubringen.

Er schreibt in seinem Vorwort (siehe unten): “Von den in den letzten 17 Jahren in der Öffentlichkeit behandelten Bestrebungen zur Hebung der Beerenobstkultur ist keine von so einschneidendem, fördersamen Einfluß gewesen, als die Empfehlung von anbauwürdigen Beerenobstsorten seitens des Deutschen Pomologen-Vereins 1896 in Kassel. In dem dort empfohlenen Hausgartensortiment findet der Besitzer kleiner Gärten seine Bedürfnisse befriedigt, des weiteren findet man die Sorten verzeichnet, welche der Großanbau für die Wein- und Marmeladenbereitung fordert, und wer besonders frühe braucht, kann sich die betreffenden Sorten unter den dort angegebenen auswählen. So ist in dem Sortiment allen Erfordernissen Rechnung getragen.”

Ja, er hat die erste Einschränkung der damaligen Vielfalt auf eine begrenzte, anbauwürdige Anzahl an Sorten vorbehaltlos begrüßt!

Dass die anbauwürdigen Sorten im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch zunehmend höhere Ansprüche von Anbauern, Handel und auch Verbrauchern, durch “Marktwirtschaft” (statt “Selbstversorgung”) auf immer weniger Sorten eingeschränkt wurden, konnte er nicht ahnen, noch weniger, dass Stachelbeeren die Gunst des Publikums verlieren würden (Wer backt heute noch Stachelbeertorten?).

Für den Hausgarten stehen heute in der Regel noch drei Sorten zur Verfügung: Hinnonmäki Rot, Grün und Gelb oder ein paar andere Sorten, wie “Invicta” (1980), “Redeva” (2000) oder “Rolonda” (1987), die unter den 19 Sorten der “Beschreibenden Sortenliste Strauchbeerenobst (2002)” des Bundessortenamtes zu finden sind.

image-10684

Die drei Hinnonmäkis (unbezahlte Werbung)

Louis Maurer hat sich damals außerordentlich viel Mühe gegeben, die vielen Sorten exakt zu beschreiben, damit sie exakt bestimmt und auseinandergehalten werden konnten; er hat dafür gesorgt, dass sie zu verkaufsfähigen “Sorten” wurden.

Trotz dieses Aufwands konnte Louis Maurer mit seinem Buch kaum eine der 54 roten, 31 grünen, 35 gelben und 20 weißen Stachelbeersorten retten, die er in seinem Buch ausführlich dargestellt hat; aber er hat damit wenigstens die Erinnerung an sie bewahrt.

Sortenbeschreibung

Beispiel, wie jede Sorte von Louis Maurer beschrieben und dargestellt wurde (ob bei dieser Sorte auch Eigenwerbung mitschwingt, möchte ich offenlassen; immerhin hat Herr Maurer auch eine gewerbliche Gärtnerei betrieben):

Sämling von Maurer. H. Maurer.
(Abbildung 64. — Farbtafel III. 39. a. b.)
Pomol. Mon. H. 1887 S. 98 — L. Maurer B. Str. S. 26.

Sämling von Maurer ist eine deutsche Stachelbeere, welche vor ungefähr 60 Jahren von Heinrich Maurer in Jena gezüchtet wurde. Die Sorte hat in Deutschland eine große Verbreitung gefunden. Überall schätzt man ihre ansehnliche und vortrefflich schmeckende Beere und ihren fruchtbaren Strauch. Der D. P.-V. hat Sämling von Maurer im Jahre 1896 zur Anpflanzung in Hausgärten und zum Massenanbau empfohlen. Im Auslande, mit Ausnahme von Österreich, Schweden, Norwegen und Dänemark kennt man die Sorte wenig. In England wird sie durch ähnliche Formen ersetzt. Als einen Doppelnamen des Sämling von Maurer hat W. Dürkop in den Pom. M.-H. 1897, S. 212 die Bezeichnung Queen of Queens klar nachgewiesen. Unter diesem Namen hatten vor 20 Jahren einige norddeutsche Baumschulen den Sämling von Maurer längere Zeit in ihren Katalogen geführt und verkauft. Jetzt begegnet man diesem Irrtum nur noch selten.

Strauch sehr kräftig wachsend, dauerhaft, groß, lichtkronig, von ungemeiner Fruchtbarkeit; für Haus- und Obstgärten, nach ausgiebigen Erfahrungen auch in freier Lage gut gedeihend; Langtriebe abstehend, schlank, Spitzen meist stachellos, untere Stengelglieder zerstreut stachelborstig; Winterknospen kräftig entwickelt; Stacheln einfach, lang; Blätter mit drei oder fünf spitzen oder stumpfen Lappen.

Beere ziemlich früh reifend, sehr groß, 17 ccm, Form veränderlich, rundlich, bisweilen rund, auch birnförmig, oft schief, am Stielchen und an der Kelchwölbung oft abgeplattet; Hauptadern am Stielchen flach eingesenkt, hier mitunter in der Richtung der Adern, 0,5—0,75 mm tief aufgerissen; Samen nicht durchscheinend; Schale dünn, hellrot marmoriert, später gleichmäßig dunkelpurpurrot mit einzelnen schwarzen Flecken, ziemlich dicht- und lang drüsenborstig, auch zerstreut kurzflaumig; Adern gelbrot, in der Reife kaum sichtbar; Atmungsflecken groß und mittelgroß, locker gereiht; Kelch meist geschlossen, auch unvollständig, selten halboffen; Stiel halb bis doppelt so lang wie das Stielchen, beide bis 27 mm; das eine Vorblättchen am Stiele oft zu einem Laubblatt entwickelt.

Geschmack süß, mit feiner Säure gewürzt.
Zum Rohgenuß und Einkochen bestgeeignet und wegen des reichen Gehaltes ihres Saftes an Extraktivstoffen zur Weinbereitung vortrefflich.

Ferner seien als hierher gehörig kurz erwähnt:

1. In Emperor, Smith (Illustr. Handb. S. 22) kann ich nur eine dem Sämling von Maurer nach Farbe, Behaarung und Wuchs sehr ähnliche, nach ihrer Form allerdings konstanter runde Beere, aber nach ihrer Fruchtbarkeit keine ebenso hoch stehende Sorte erblicken. In den Baumschulkatalogen findet man Emperor bisweilen verzeichnet. Die von Pansner, S. 6, 19 beschriebene Emperor, Gorton ist eine rote, kahle, rundliche, spätreifende Beere, also verschieden von Emperor, Smith.

2. Im Illustr. Handb. S. 20 und im Deutsch. Obstcab. VI. Sect. 2. Lief. ist eine der Sämling von Maurer nahestehende Stachelbeere Queen Mab, Williamson beschrieben und abgebildet. Dieselbe hat im Laufe der Zeit eine ziemliche Verbreitung gefunden. Der Unterschied zwischen beiden besteht nach meinen Beobachtungen darin, daß Sämling von Maurer einen kräftigeren und dichteren Wuchs und eine größere Fruchtbarkeit besitzt, auch durchschnittlich größere Beeren trägt als Queen Mab, um es kurz zu sagen, eine verbesserte Form der Queen Mab darstellt.

3. Keen’s Seedling, Pansner, S. 21, 448 und Ilustr. Handb., S. 27, siehe auch unter Keen’s Seedling, Warrington.

4. Eine dem Sämling von Maurer entfernter stehende, durchaus selbständige englische Sorte ist Forester, Etchells — Rob. Hogg, S. 346 —. Dieselbe unterscheidet sich von Sämling von Maurer durch ihre auffallend gleichmäßig entwickelten, fast ausschließlich rundlichen, kürzer und feiner drüsenborstigen auch einige Tage später reifenden Früchte. Der Strauch von Forester wächst weniger kräftig, auch nicht so dicht wie Sämling von Maurer, aber aufrecht. In Farbe, Größe und Geschmack sind beide gleich.

5. Auch die bekannte Lancashire Lad, Hartshorn sei noch kurz erwähnt. Diese alte bewährte Stachelbeere gehört ebenfalls zu der Sortengruppe, als deren vollkommenster Repräsentant Sämling von Maurer angesehen werden kann. Lancashire Lad war den deutschen Beerenobstschriftstellern schon vor 60 Jahren bekannt, nicht aber den deutschen Beerenobstzüchtern und Baumschulenbesitzern. In England hat sie eine allgemeine Verbreitung gefunden. Lancashire Lad unterscheidet sich von Sämling von Maurer dadurch, daß ihr Stiel und Stielchen kürzer (20—30 mm), ihre Stacheln 1—2-teilig und die Drüsenhaare ihrer Früchte kürzer und schwächer sind, auch erheblich zerstreuter stehen als bei Sämling von Maurer.

image-10685

Abbildung 64. Sämling von Maurer H. Maurer

Somit kann das Buch immerhin die Erinnerung daran wachhalten, welche Stachelbeervielfalt es einmal gab. Vielleicht kann es außerdem den Glauben daran wecken, dass es diese auch in Zukunft wieder geben kann; denn….

Die Stachelbeersorten sind nicht tot, sie schlafen nur

Stachelbeeren sind heute out; den meisten Menschen sind sie zu stachelig, zu säuerlich, zu niedrig wachsend (trotz Hochstämmchen) – oder mittlerweile auch fast schon nicht mehr bekannt. Mit dem vielen süßen Obst aus aller Welt können sie nicht konkurrieren.

Gibt es noch Menschen, die um die Stachelbeervielfalt trauern, die gerne wissen möchten, wie unterschiedlich Stachelbeeren nicht nur aussehen, sondern auch schmecken können?

Wer das Aussehen verschiedener Stachelbeersorten kennenlernen möchte, der kann nun immerhin zum virtuellen Grab der “Unbekannten Stachelbeere” pilgern und sich am Anblick der vergangenen Vielfalt der Stachelbeeren ergötzen.

Er kann auch eine Reise nach Riehen in die Schweiz unternehmen und dort das “Lebendmuseum” für Beerenobst besuchen, dessen stachelbeeriger Teil neulich in einem Buch festgehalten wurde.

Aber was machen diejenigen, die sie auch schmecken möchten?

image-10686

Tafel V: Grünfrüchtige I

image-10687

Tafel VI: Grünfrüchtige II

image-10688

Tafel VII: Grünfrüchtige III

Wer die Vielfalt der Stachelbeeren auch schmecken möchte, der muss meinen Garten zur Reifezeit der Stachelbeeren besuchen oder selbst Stachelbeeren aus Samen ziehen; denn noch ist es möglich, wieder neue Vielfalt erstehen zu lassen. Noch schlummern genügend Gene auch in den wenigen Sorten, die der Handel bietet, in den alten Büschen, die noch einige Leute in ihren Gärten pflegen, oder in verwilderten Stachelbeersträuchern, die hier und da zu finden sind.

image-10689

Stachelbeerbusch in der verwilderten Parzelle, die ich neulich in Pflege genommen habe

In der britischen Zeitung “The Guardian” las ich gerade über einen zufälligen Stachelbeerenfund in Nord-England (das Bild des Artikels zeigt wahrscheinlich die nordamerikanische Wild-Stachelbeere “Veilchenbeere/Prickly Goodeberry”, Ribes cynosbati und keine Variante unserer Stachelbeer-Art Ribes uva-crispa; trotzdem…): “Our nameless prickly berry is most likely the result of random recombination of genes in a seed dispersed in a bird dropping, rather than a surviving variety from the golden age of the gooseberry, but it is part of a living, feral gene pool of these tart fruits that have fallen out of favour.”
(Unsere namenlose stachelige Beere ist höchstwahrscheinlich das Ergebnis einer zufälligen Rekombination von Genen in einem Samen, der durch einen Vogelschiss verstreut wurde, und keine überlebende Sorte aus dem goldenen Zeitalter der Stachelbeere, aber sie ist Teil eines lebenden, wilden Genpools dieser Tortenfrüchte, die in Ungnade gefallen sind.)

Ich hatte 2012 nur einen Busch mit rot-braunen Beeren im Garten; jetzt habe ich 105 Büsche, die aus Samen entstanden sind und die auch grüne, gelbe, violette und vielleicht sogar weiße Früchte tragen.

Mir scheint, dass es vielleicht nur eine begrenzte Anzahl von Frucht-, Wuchs und Geschmackstypen gibt, die innerhalb einer Obstart vorkommen können, so dass es letztlich nur winzige Unterschiede sind, die innerhalb dieser Typen wiederum Unterteilungen möglich machen?

Die zahlreichen Beispiele für sehr ähnliche Sorten, die Louis Maurer bei der Beschreibung der Sorte “Sämling von Maurer” (oben) anführt, lassen mich das vermuten, aber auch dass einige meiner Früchte große Ähnlichkeit mit den dort beschriebenen Sorten aufweisen.

Wie auch immer: Es ist ein elektrisierendes Gefühl, zwischen blühenden Stachelbeerbüschen zu sitzen und die Insekten von Blüte zu Blüte fliegen zu sehen: Welche neuen Varianten mögen sie schaffen, welche Mutationen werden passieren? Wie werden die Früchte an den neuen Büschen aussehen und schmecken?

image-10691

Insekten umschwirren mich (wie Motten das Licht); am 19. April in meiner Stachelbeeranlage

Ach, könnte ich nur tausende von Büschen ziehen, um die ehemalige Vielfalt vollständig wiederherstellen! (Besser wäre es natürlich, wenn Tausende jeweils nur einen Busch aus Samen ziehen würden!)

Im Moment versuche ich, über Instagram von anderen europäischen Stachelbeerliebhabern Samen ihrer Büsche zu bekommen, um die genetische Vielfalt meiner Sämlingssammlung zu erhöhen. Wenn das klappt, brauche ich nur noch vieeeeel mehr Platz…

Lust auf neue Stachelbeervielfalt?

Ja, ich habe Lust auf neue Stachelbeervielfalt; aber ich möchte auch neue Lust bei anderen entfachen, ich möchte so vielen Gärtner*innen wie möglich Mut machen, eigene Stachelbeerbüsche aus Samen zu ziehen!

Doch möglicherweise haben viele von Euch nicht die nötige Muße, sich selbst Stachelbeerbüsche unbekannter Art aus Samen zu ziehen – obwohl Ihr vielleicht an außergewöhnlichen Stachelbeeren interessiert seid.

Was ist mit Euch? Habt Ihr deshalb kein Anrecht auf namenlose, interessante, wohlschmeckende, andersartige Stachelbeeren, die Euch frei Haus geliefert werden?

Müsst Ihr mit dem Standardsortiment der Baumschulen und Baumärkte vorlieb nehmen, die in vielen Fällen nicht einmal das liefern, was sie versprechen?

Oder müsst Ihr hoffen, mühsam ein schwächliches, eventuell falsch benanntes oder durch vegetative Mutationen verändertes Exemplar einer “alten” Sorte aus einer Genbank loszueisen, aus Genbanken, die sparen müssen, wo sie nur können?

Ja, das müsst Ihr!

Keine Baumschule dürfte Euch einen Stachelbeerbusch verkaufen, den sie aus einem Samen gezogen hat!

Unwissen, Gleichgültigkeit oder Betrug?

Nicht jeder Billig- (oder auch Teuer-)Produzent von Obstpflanzen im In- und Ausland kennt sich mit Sorten aus oder hat auch nur das notwenige Interesse dafür; aber das war schon immer so, wie eine Frage in Möllers Deutsche Gärtner-Zeitung” (29/2, 1914, S. 22) zeigt: “Welche Farbe hat die Stachelbeersorte Wonderful? Nach W. Kliem, Gotha, Liste 1913, Seite 43, soll sie grün, nach Herrn. A. Hesse, Weener, Liste 1912, Seite 24, rotbraun sein.”
Man schaue sich im Internet mal die Abbildungen der Stachelbeersorte “Invicta” von verschiedenen Anbietern an: Hat die Sorte nun glatte oder behaarte Früchte, rundliche oder elliptische, grüne oder gelbe?

Der Leser bekam damals folgendes zur Antwort:

“Wonderful (Saunder) ist die Braunrote Riesenbeere*), wie sie seit langem zu deutsch genannt wird. Meine Mutterpflanzen stammten aus der Beerenobstschule von L. MAURER, Jena, sodaß jeder Zweifel an der Echtheit ausgeschlossen ist. Leider ist diese Firma nun aufgelöst, diese einzige Zufluchtsstätte im ganzen Deutschen Reiche, wo man seine Zweifel über die Echtheit einer Beerenobstsorte aufklären konnte. Der Wirrwarr unter den Beerenobstsorten ist groß. besonders wo sehr viele Sorten geführt werden. Um eine große Sammlung Beerenobst rein zu erhalten, gehören schon die Freudigkeit und der Uneigennutz eines MAURER dazu. — Wie skrupellos man bei der Lieferung von Beeren zum Teil verfährt, können Sie erfahren, wenn Sie sich von einer Anzahl Firmen die gleichen Sorten bestellen. Was geht zum Beispiel heute nicht alles unter dem Namen Rote Kirschjohannisbeere! Man scheut sich sogar nicht, ganz charaktersichere Sorten nochmals unter andern Namen in den Handel zu geben. Wo ist nun der Mann, der MAURERs Erbe antritt? Es zu übernehmen, dazu gehört ein großer Idealismus. Pflicht ist es aber für jeden Baumschulbesitzer, auch die Kleinobstsortimente sortenrein zu halten, und um das zu ermöglichen, nur ein kleines und gutes Sortiment zu führen.
Ed. Hetschold in Radeberg-Dresden.
*) Siehe auch Maurers Stachelbeerbuch, Seite 72 und 73. Red.
image-10692

Tafel VIII: Gelbfrüchtige I

image-10693

Tafel IX: Gelbfrüchtige II

image-10694

Tafel X: Gelbfrüchtige III

Ein Hemmschuh für die Vielfalt

Der Gesetzgeber hat strenge Regelungen erlassen, was als Vermehrungsmaterial und als Pflanzen von Obstarten gewerblich in Verkehr gebracht (gehandelt/verkauft) werden darf.

Früher durften nur Sorten verkauft werden, die beim Bundessortenamt (BSA) zugelassen worden waren. Mit Inkrafttreten der Richtlinie 2008/90/EG und den dazu erlassenen Durchführungsrichtlinien hat sich das etwas geändert: Für den Vertrieb innerhalb der Europäischen Union müssen die Sorten seit 2017 nur noch amtlich in ein Sortenregister eingetragen werden. Das ist nicht ganz so aufwändig und teuer wie eine Sortenzulassung, aber immer noch an bestimmte Kriterien gebunden, deren wichtigstes eine Sortenbeschreibung ist.

“In das Register können Sorten aufgenommen werden, wenn sie nach den Bestimmungen des Sortenschutzrechtes geschützt, amtlich zugelassen oder ‘allgemein bekannt‘ sind. Letzteres betrifft Sorten, die vor dem 30.09.2012 vermarktet wurden und für die eine amtliche oder amtlich anerkannte Beschreibung vorliegt. Auch Sorten, die in einem anderen Mitgliedstaat eingetragen sind oder für die ein Antrag auf Sortenschutz oder –zulassung anhängig ist, gelten als allgemein bekannt. Vermehrungsmaterial kann als zertifiziertes Material oder als Standardmaterial (sog. CAC-Material – Conformitas Agraria Communitatis) EU-weit vertrieben werden.

Darüber hinaus können Sorten, die an sich ohne Wert für den kommerziellen Anbau (sog. Amateursorten), aber regional oder für den Hobbybereich von Interesse sind, auf nationaler Ebene als CAC-Material in Verkehr gebracht werden, sofern zu der Sorte eine amtlich anerkannte Beschreibung vorliegt. Auch Sorten, die von Bedeutung für den Erhalt der genetischen Vielfalt sind, können in begrenzter Stückzahl im Inland vertrieben werden.

Alle vorgenannten Sorten werden in Deutschland in die ‘Gesamtliste der Obstsorten‘ eingetragen. Diese bietet damit eine Übersicht sowohl für die betroffenen Wirtschaftskreise, als auch für interessierte Verbraucher.” informiert das BSA alle, die es wissen wollen.

image-10695

Tafel XI: Weißfrüchtige I

image-10696

Tafel XII: Weißfrüchtige II

Diese elende Fixierung auf die “Sorte”, auf eine (genetisch) möglichst eng gefasste Gruppe von Pflanzen!

Nur Stachelbeersorten, die in die entsprechende Sortenliste (hier: Stachelbeeren) eingetragen sind, die also irgendwann einmal beschrieben worden sind, dürfen vermarktet werden.

Wem nützt das?

Ich sehe nur einen Vorteil für Pflanzenzuchtunternehmen und die gewerblichen (Groß)Verbraucher von Pflanz- und Saatgut, für die gewerbliche Wirtschaft also! Bestenfalls hat der Verwaltungsapparat noch ein Interesse an einer derartigen “Sorten-Verwaltung”.

Die Vermehrung der genetischen Vielfalt wird durch diese “Sortenfixierung” verhindert; sie liegt anscheinend (noch) nicht im Interesse der “Wirtschaft”…

Hier muss die Frage erlaubt sein: Gibt es nicht andere Möglichkeiten, Verbraucherschutz, landwirtschaftliche Produktivität, (berechtigtes) Gewinninteresse der Pflanzenzuchtunternehmen und genetische Vielfalt unter einen Hut zu bringen?

Jeder Hobby- und Freizeitanbauerin sollte es doch reichen, wenn ein Verkäufer von Saat- und Pflanzgut die Pflanzenart garantiert: Es sollten z. B. kein Rapssamen als Weißkohlsamen verkauft werden dürfen; auch die Beschreibung der Eigenschaften des Saat- und Pflanzguts, das er anbietet, sollte ausreichen.
Jede*r sollte selbst entscheiden können, ob er*sie sorten- oder art-echtes Saat- und Pflanzgut verwenden will.

image-10697

Tafel XIII: Kleinfrüchtige I

image-10698

Tafel XIV: Kleinfrüchtige II

Dann könnten auch Ableger von Stachelbeersämlingen legal verkauft werden, dann könnte jede Baumschule unbegrenzt Vielfalt verbreiten.

Jede*r Verkäufer*in könnte die Eigenschaften einer “Sorte” selbst beschreiben. Falls die Pflanzen nicht die Eigenschaften zeigen, die versprochen wurden, gälte die gewöhnliche Produkthaftung – wie bei allen anderen Gebrauchsgütern im Privatbereich auch.

Der ganze Sortenschutzkram gehört für den Hobby- und Freizeitbereich abgeschafft; aber auch im Bio- und Öko-Anbau oder bei der Direktvermarktung halte ich ihn für überflüssig.

Wie gesagt: Wem das amtliche Prüfsiegel lieber ist, der soll nicht daran gehindert werden, sich darauf zu verlassen; doch wer kein Zertifikat haben möchte, der soll auch das entsprechende Risiko selbst tragen dürfen. Es ist ein privates Risiko; die Gesllschaft als ganzes erleidet durch “falsche” Sorten keinen Schaden – sie hat trotzdem genug zu essen.

Es wäre ein Leichtes, das bisherge Saatgutrecht nicht für alle Inverkehrbringer von Saat- und Pflanzgut verbindlich zu machen, sondern ausschließlich für die, die es an bestimmte, gewerbliche Abnehmer verkaufen.

Die Namen meiner Stachelbeersämlinge

Wenn die Insekten – vor allem meine neuen Bienen – auch während meiner jetzigen Abwesenheit fleißig sind und wenn keine weiteren Frostnächte die zarten Früchtchen zerstören, dann werde ich Euch im Juli hoffentlich noch mehr verschiedene Stachelbeeren lebendig vorführen können als im letzten Jahr; es haben mir bisher schon weitaus mehr Sträucher Blüten gezeigt.

Ich werde die Früchte von allen meinen “Sorten” (ja, jeder Stachelbeerbusch, der aus einem Samen entstanden ist, ist eine neue, eigenständige Sorte!) zwar alle einzeln und großformatig fotografieren, aber ich werde die “Sorten” nicht so ausführlich und akkurat beschreiben, wie Vater Heinrich Maurer und Sohn Louis (und viele andere) das getan haben, die damit die vielen Irrtümer und Mißverständnisse beseitigen wollten, die annodazumal bei der immensen Stachelbeervielfalt in der Stachelbeersortenkenntnis herrschten.

Damals ging es darum, unter den Vielen die Besten zu finden und zu verbreiten. Mir geht es heute darum, die Wenigen wieder zu Vielen zu machen. In diesem Fall sind akkurate Sortenbeschreibungen völlig überflüssig, wie ich finde.

Bevor die Beschreibung, Klassifizierung und Systematisierung, die Sorteneinteilung der Stachelbeeren begann, gab es eine unbegrenzte Anzahl an Stachelbeerenvarietäten; jeder hatte “seine” Stachelbeeren im Garten, die ihm schmeckten und passten; die Namen der Stachelbeeren waren bedeutungslos.

Wenn ich mir heute meine Sämlinge ansehe, kann ich einige klar und deutlich unterscheiden; aber bei vielen müsste ich alle Merkmalsausprägungen ebenso genau beschreiben, wie Louis Maurer das getan hat oder wie es heute bei der Sortenzulassung verlangt wird. Eine Wahnsinnsarbeit!

Mir ist ausschließlich wichtig, dass meine Stachelbeeren schmecken und die Sträucher gesund und kräftig wachsen. Um eine Sortenbezeichnung kümmere ich mich nur aus einem Grund: Zum Andenken und zu Ehren der beiden Maurers, den “Stachelbeerkönigen von Jena”, werde ich alle meine “guten” Stachelbeersorten “Maurers Sämling” nennen zusammen mit der Ordnungszahl, die sie in meiner Plantage nun bekommen haben.

Ich möchte an die Maurers erinnern, weil sie sich so intensiv mit Stachelbeeren beschäftigt haben, weil sie so viel Kraft und Energie in genaue Beschreibungen und Abbildungen gesteckt haben, auch wenn diese heute nur noch Erinnerungswert haben. Ich möchte ihnen meine Reverenz erweisen, obwohl sie zum Niedergang der genetischen Vielfalt bei Stachelbeeren beigetragen haben, einfach nur, weil sie besonders ausgeprägte Stachelbeerliebhaber waren.

Wenn Du eine einmalige “Sorte” haben möchtest, musst Du in meinem Garten vorbeikommen, die Beeren probieren, die Büsche betrachten und mir die Nummer Deiner Favoritin nennen; dann bekommst Du einen Ableger. Zuhause darfst Du ihr dann auch einen anderen, eigenen Namen geben (meinetwegen auch einen Frauennamen).

Ansonsten musst Du selbst Stachelbeersamen säen!

Weitere Materialien zu “Maurer’s Stachelbeerbuch”

Vorwort.

Seit dem Jahre 1867 ist eine größere selbständige pomologische Arbeit über die Kulturformen des Stachelbeerstrauches in Deutschland nicht erschienen. Die letzte Arbeit war das Beerenobstheft des Illustr. Handb. der Obstkunde von Heinrich Maurer (S. 193). Diese Tatsache, sowie die unbestritten großen Fortschritte, welche die Stachelbeerkultur gerade in den letzten Jahrzehnten in Deutschland gemacht hat, lassen eine Neubearbeitung des Gegenstandes für hinreichend begründet erscheinen. Sie schien mir auch um so angezeigter, als jeder weiß, daß gerade in der Stachelbeersortenkenntnis noch heute viele Irrtümer und Mißverständnisse herrschen, zu deren Beseitigung diese Arbeit vor allem beitragen soll. Schon oft bin ich sowohl von Fachleuten als auch Freunden des Obstbaues zu früherer Veröffentlichung meiner Beobachtungen gedrängt worden; allein die Überzeugung, daß nur ein auf längere Beobachtungen und Erfahrungen basierendes Urteil die Sache fördern könnte, bestimmte mich, von vorschnellen Publikationen abzusehen. Wenn die ersten Exemplare dieses Buches in die Hände der Beerenobstfreunde gelangt sind, werden über zwei Jahrzehnte verflossen sein, in welchen ich die mir verfügbare freie Zeit dieser Arbeit gewidmet habe. Zuerst mußte ich, und darüber vergingen fast zehn Jahre, ein neues korrektes Sortiment in meinen Anlagen aufstellen, manche Irrtümer in meiner alten Sammlung beseitigen und durch Neubezüge manche verloren gegangene Sorte zu ergänzen suchen. Dies war eine sehr mühsame, an Enttäuschungen überreiche Vorarbeit, die mich beinahe entmutigt hätte, das gesteckte Ziel weiter zu verfolgen. Allein die Überzeugung von der Bedeutung einer rationellen Stachelbeerkultur ließ mich nicht erlahmen, auf dem betretenen Wege fortzuarbeiten, und ich muß heute beim Abschluß meiner Arbeit sagen, daß mich ihre Resultate überaus befriedigt haben, indem ich jetzt fest davon überzeugt bin, daß man sich nach exakter Vorarbeit über das Stachelbeersortenmaterial ebensogut verständigen kann wie über die Kulturformen jedes anderen unserer Obstgehölze, vielleicht sogar auf dem Gebiete der Stachelbeeren noch besser. Eine weitere Schwierigkeit bei der Arbeit brachte die vielfach zutage tretende Unzulänglichkeit der Literatur. Abgesehen davon, daß sehr beachtenswerte Arbeiten englischen Ursprungs sind, also aus einer, von der unseren verschiedenen Beobachtungsbasis stammen, leiden sie an allzu großer Kürze und an Vernachlässigung der Wachstumseigenschaften dieses Strauches. Für die Wertbemessung einer Sorte ist beim Engländer die Größe der Beere das Wichtigste, für uns aber nicht minder auch andere Eigenschaften des Strauches. Können wir aber die Unterscheidungsmerkmale nicht in der Beere finden, dann finden wir sie vielleicht im Strauch, weil die Vegetationsunterschiede konstanter entwickelt sind, als die von dem Grade der Kultur abhängigen Eigenschaften der Beere.

Auch bei anderen Obstgehölzformen legt man auf die Wachstumsverhältnisse jetzt eine viel größere Bedeutung als früher.

Der letzte Punkt, der die Beendigung der Arbeit verzögerte, lag insofern im Objekt selbst, als die Reifezeit der Früchte oft durch hohe Wärmegrade sehr rasch und plötzlich vorüberging.

Diejenigen Momente nun, welche die Arbeit sehr förderten, waren erstens die überaus günstigen Wachstumsbedingungen, welche die Kulturformen der Stachelbeeren in meinen Baumschulen, in denen der Boden in der Nähe des Saaleflusses fast alljährlich normale Beeren entwickelte, fanden, so daß die Beobachtungen keine Unterbrechungen erlitten; zweitens konnte ich weiterbauen auf den fast vierzigjährigen Erfahrungen meines sel. Vaters, welcher durch frühes Erkennen und Ergreifen des Gegenstandes den richtigen Wert dieses wichtigen Zweiges der Obstkultur in zahlreichen Schriften, welche er der Öffentlichkeit übergab, bewiesen hat.

Wenn es drittens richtig ist, daß selbst exakte Beschreibungen durch wirklich gute Abbildungen in ihrem Werte sehr gehoben werden können, so habe ich die Richtigkeit dieser Tatsache bei der vorliegenden Arbeit empfunden. Ich muß es daher als besonders dankbar anerkennen, daß ich in unserem leider zu früh verstorbenen Meister Ad. Giltsch einen Künstler gefunden habe, der sich der Herstellung der Originalbilder mit großem Eifer und einem selten feinen Empfinden für die typischen Eigenschaften der einzelnen Sorten gewidmet hat und das Ganze hierdurch wesentlich fördern half.

Thüringen ist seit annähernd 70 Jahren in Deutschland die Hauptförderstelle des Obstbaues, besonders des Beerenobstbaues gewesen, die Arbeiten seiner Hauptförderer haben auch im Auslande, besonders in den nordischen Ländern Europas, Beachtung gefunden; zahlreiche Sachverständige aus jenen Ländern haben unsere Kulturen besucht und unsere Beobachtungen und Erfahrungen in ihre Heimat getragen. — Der Stachelbeerstrauch ist wohl das zur Varietätenbildung geneigteste Obstgehölz, die Zahl seiner beschriebenen Formen eine ungemein große. Indes ein großer Teil derjenigen, welche Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt wurden, und in großer Zahl auftauchten, — dieser Höhepunkt der Stachelbeerneuzüchtungen — ist wieder verschwunden. Diese Tatsache hat mir vor allem mit die Richtung dafür gegeben, in welcher sich die Sortenwahl für eine Arbeit, wie die vorliegende zu bewegen hat; soll sie sich nicht im Zweck- und Endlosen verlieren. Anderseits meine ich, daß Sorten, welche sich nachweislich über 100 Jahre in der Kultur erhalten haben, und durch den Nachwuchs des Neuen nicht verdrängt worden sind, ihren hohen Wert doch sicher beweisen. Ein derartiger gewissenhafter Nachweis fehlte aber bisher und die frühere Literatur zeigt uns, daß viel umfangreichere pomologische Stachelbeerarbeiten nur vorübergehend Beachtung gefunden, die Stachelbeerkultur also nicht gefördert haben. Wenn ich den Beschreibungen der Hauptsorten eine Anzahl kurz charakterisierter ähnlicher Varietäten beigefügt habe, so wollte ich dadurch hauptsächlich Mißverständnisse, welche durch Sortenähnlichkeiten vorkommen, vorbeugen. Eine besondere Beachtung glaubte ich den kleinfrüchtigen, wegen ihres Aromas hochgeschätzten Formen, schenken zu müssen. Die Sortenkenntnis dieser kleinen Beeren ist bei uns bis jetzt eine sehr geringe, sie sind in den deutschen Baumschulen kaum erhältlich, und ich habe sie deshalb innerhalb der einzelnen Farbenabteilungen auf besonderen Tabellen zusammengestellt, um so ihre charakteristischen Eigenschaften übersichtlicher hervorheben zu können. Zum Studium dieser kleinfrüchtigen Sorten empfehle ich jedem die Arbeit von Rob. Thompson in The Transact. of the Horticult. Society of London 1835; man staunt hier über das abgeklärte Urteil eines Mannes vor 80 Jahren.

Von den in den letzten 17 Jahren in der Öffentlichkeit behandelten Bestrebungen zur Hebung der Beerenobstkultur ist keine von so einschneidendem, fördersamen Einfluß gewesen, als die Empfehlung von anbauwürdigen Beerenobstsorten seitens des Deutschen Pomologen-Vereins 1896 in Kassel. In dem dort empfohlenen Hausgartensortiment findet der Besitzer kleiner Gärten seine Bedürfnisse befriedigt, des weiteren findet man die Sorten verzeichnet, welche der Großanbau für die Wein- und Marmeladenbereitung fordert, und wer besonders frühe braucht, kann sich die betreffenden Sorten unter den dort angegebenen auswählen. So ist in dem Sortiment allen Erfordernissen Rechnung getragen. In der Vorversammlung 1894 in Erfurt fand die Revision der zu empfehlenden Sorten statt. An dem Zustandekommen dieser Empfehlung hat sich der damalige I. Vorsitzende des Vereins, Ökonomierat Franz Späth durch große Energie und reiche Sachkenntnis bleibende Verdienste erworben, was ihm nicht vergessen sein soll. Aber auch den Baumschulenbesitzern war mit der Empfehlung ein großer Dienst erwiesen. Sie wußten nun, welche Sorten sie in Massen, welche in kleiner Anzahl vermehren mußten. Und sie taten es auch. Sie nahmen die empfohlenen Sorten sämtlich in ihre Kataloge auf. Gleichzeitig mit der Empfehlung der 26 Sorten erfolgte durch mich in Kassel eine Verdeutschung von 26 englischen Sortennamen. Es geschah dies auf Späths Anregung; heute, nach kaum 15 Jahren, sind sie so gut wie eingeführt, so daß ich zur Bestellzeit kaum einen Auftrag unter hundert bekam, in welchem noch die englischen Namen verzeichnet waren.

Mögen die vom Deutschen Pomologen-Verein empfohlenen Stachelbeersorten bei der Neuanlage von Anpflanzungen immer mehr Verwendung finden, denn dies liegt im Interesse der Fortschritte des Beerenobstbaues. Beim Abschluß meiner Arbeit sehe ich mich veranlaßt, dem Verlagsbuchhändler Herrn Eugen Ulmer in Stuttgart und dem Lithographen Herrn Eduard Giltsch in Jena meinen verbindlichsten Dank für das große Interesse, welches sie bei Zustandekommen des Werkes betätigt haben, auszusprechen. Die Verlagsbuchhandlung hat unter Zuschuß bedeutender materieller Mittel und Herr Giltsch unter Einsetzung seiner ganzen künstlerischen Kraft das Bildwerk des Buches gefördert, so daß es sich in einer so vortrefflichen Weise dem Beschauer zeigt. Ferner bin ich meinem Kollegen, Herrn Garteninspektor Ernst Rettig in Jena, welcher während meiner Erkrankung die Drucklegung meines Buches mit Hingabe und Sorgfalt in freundlichster Weise überwacht hat, zu aufrichtigem Dank verbunden.

Biografische Notizen über die Beerenobstzüchter Heinrich und Louis Maurer

Heinrich Maurer (15.12.1818 – 06.09.1885)
Louis Maurer (24.7.1850 – 31.3.1913)
“Die Beerenobst-Gärtnerei der Familie Maurer in Jena erwarb sich zwischen 1842 und 1911 einen Ruf, der weit über die Stadt hinausreichte. Gefragt waren das Wissen und die Pflanzen von Heinrich und Louis Maurer in ganz Europa.”
Heinrich Maurer, 1818 in Luckenwalde/Brandenburg geboren, übernahm 1842 eine Gärtnerei in Jena, in der er während seiner Lehrzeit als Gärtner gearbeitet hatte. Sein Interesse galt vor allem dem Beerenobst und hier besonders den Stachelbeeren. Seine Sammlung umfasste über 500 Sorten.
Nach dem Tode des Vaters 1885 übernahm sein Sohn Louis die Gärtnerei und führte sie erfolgreich fort. 1911, mit 61 Jahren, gab er den Betrieb jedoch auf und übergab große Teile seiner Beerenobstbestandes an Ernst Macherauch in Weimar. Kurz nach Veröffentlichung des “Stachelbeerbuches” starb er jedoch und wurde in der Familiengrabstätte der Maurers auf dem Johannisfriedhof in Jena begraben. (aus: 07 – Das Stadtmagazin für Jena und Region, Ausgabe 93, November 2017, S. 20 – 22)

Ernst Macherauch führt 1928 noch 55 Stachelbeersorten in seinem Katalog an, 1936 noch 28; der Trend ist eindeutig.

Das vorgestellte Buch sowie weitere Bücher über Stachelbeeren

Louis Maurer: Maurer’s Stachelbeerbuch über die besten und verbreitetsten Stachelbeersorten, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1913
Heinrich Maurer: Illustriertes Handbuch der Obstkunde, Band VII, Beerenobst (ab Seite 193), Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1875
Johann Heinrich Lorenz Pansner (Hrsg: Heinrich Maurer): Versuch einer Monographie der Stachelbeeren, Verlag Carl Doebereiner, Jena, 1852
Claudio Niggli, Martin Frei: Stachelbeeren – Sortenvielfalt und Kulturgeschichte, Verlag Haupt, Bern, 2019