Die Geburt der Vielfalt

oder: Wie ich mir locker 49 verschiedene Stachelbeersorten verschafft habe.

Ich hatte einst einen Stachelbeerstrauch im Garten; jetzt sind es ungefähr 150 Sträucher. Das sind 150 verschiedene Sorten, weil jeder Strauch aus einem Samen erwachsen ist. 49 Büsche haben in diesem Jahr (ein paar) Früchte gebracht.

Die diesjährige Ernte habe ich am 19. Juli abgeschlossen und anschließend die Beeren eines jeden Strauchs fotografiert, so dass ich Euch nun alle bisherigen Varianten präsentieren kann; dazu müsst Ihr nur bis nach unten scrollen…

Vorher gebe ich aber noch ein paar Allgemeinheiten zum besten, wie z. B. einen Aufruf, eine Diskussion und einige Infos über Stachelbeermitesser, die meine Ernte geschmälert haben. Über negative klimatische Einflüsse schreibe ich fast nichts.

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Arm, zerkratzt, aber glücklich: Die Stachelbeeren sind gepflückt

Ihr könnt beim Anblick der Stachelbeergalerie erahnen, wie viele verschiedene Stachelbeeren es wieder geben könnte, wenn wieder mehr Menschen Stachelbeeren aus Samen ziehen würden, wenn sich wieder mehr Liebhaber*innen am Zuchtwerk beteiligen würden – und nicht nur Kreise, die Stachelbeeren gewerbsmäßig züchten und anbauen.

Betriebe, die vom Stachelbeerverkauf leben wollen, müssen maximalen Ertrag, perfektes Erscheinungsbild, gute Transport- und Lagerfähigkeit sowie leichte Pflückbarkeit (heute vor allem mit Maschinen) an die erste Stelle ihrer Auswahlkriterien setzen.
Das schränkt die Sortenzahl und die genetische Vielfalt seit über 150 Jahren erheblich ein.

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Admiral labt sich an überreifen Stachelbeeren

Liebhaber*innen können jedoch Eigenschaften und Merkmale von Stachelbeeren bevorzugen, die für gewerbliche Anbauer*innen keinen Wert haben.
Das würde die Stachelbeersorten und ihre genetische Variabilität wieder erheblich vermehren.

Ich habe die Sache mit der Sämlingsaufzucht vor Jahren nicht mit diesem Ziel begonnen sondern nur, weil ich wissen wollte, was aus einem Stachelbeersämling wird. Ich wollte einfach die Probe aufs Exempel machen; denn häufig wird auf die Frage, ob man Stachelbeeren über Samen vermehren könne, reflexartig geantwortet, das ginge nicht oder das würde nichts, Stachelbeeren könnten nur über Ableger bzw. Stecklinge vermehrt werden.

Tja, jetzt bin ich klüger. Ehrlich gesagt, hätte ich mit einer derartigen Vielfalt an Stachelbeeren, die nur von einem einzigen Busch abstammen, niemals gerechnet (klar, die Insekten haben sicher auch ein paar Gene von Stachelbeersträuchern aus Nachbargärten eingekreuzt); aber es hat mir gezeigt, dass nur die Praxis zeigen kann, was wirklich möglich ist – und dass man sich nicht auf ein tradiertes Vorurteil verlassen kann.

Vielleicht kann die Bildergalerie unten ein paar Besitzer*innen größerer Gärten ermuntern, meinem Beispiel nachzueifern und ebenfalls möglichst viele Stachelbeersämlinge aufzuziehen.
Ein paar Überraschungsbüsche passen aber auch in kleine Gärten.

So kann wieder Vielfalt wachsen…

Stachelbeersorten ohne Namen kaufen

Was machen aber diejenigen, die lieber ein paar Sämlingsstachelbeersträucher kaufen würden, weil sie die Ungewissheit nicht ertragen wollen, die mit der eigenen Anzucht von Sämlingen zwangsläufig verbunden ist? Denn bei Sämlingen weiß man nicht im Voraus, welche Art Büsche und Früchte man bekommt.

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Stachelbeersämlinge unter einem Stachelbeerstrauch

Wenn ich mit diesem Beitrag ein paar Baumschulbesitzer*innen animieren könnte, Sämlinge aufzuziehen, damit sie Stachelbeerliebhaber*innen eine größere Auswahl an Stachelbeersträuchern anzubieten hätten, wäre das Problem doch gelöst, oder?
Ich könnte das auch selbst tun, klar.
Das Internet macht es ja heute möglich, auf einfache Art ein breites Angebot zu präsentieren und den notwendigen Kundenkreis zu erreichen; in diesem Fall könnte man sich gewünschte Sorten sogar auf Bestellung vermehren lassen.

Aber nein, so einfach geht das nicht!

Jede Sorte eines solchen vielfältigen, lebendigen Angebots müsste ein Schild mit der Aufschrift tragen “Ich bin illegal!”; denn diese Sämlinge sind nicht in der amtlichen Gesamtliste der Obstsorten verzeichnet, in der alle Obstsorten aufgeführt sein müssen, “deren Vermehrungsmaterial in Deutschland vertriebsfähig ist”, wie es so schön amtsdeutsch heißt.

13.000 Obstsorten werden in dieser Liste aufgezählt. 13.000. Das klingt gewaltig; aber die überwiegende Mehrzahl der dort aufgeführten Sorten ist längst ausgestorben.
Alleiniges Kriterium für die so genannte Vertriebsfähigkeit von “Stachelbeermaterial” ist nämlich, dass “zu der Sorte eine amtliche oder amtlich anerkannte Beschreibung vorliegt.”

Stachelbeeren ohne Namen und ohne Sortenbeschreibung dürfen nicht gewerblich angeboten werden! Sorten müssen mausetot sein, damit sie verkauft werden dürfen (ja, ich übertreibe).

Das ist verrückt, oder?

Wie so der genetischen Vielfalt auf die Sprünge geholfen werden soll, ist mir ein Rätsel.

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Meine Stachelbeerplantage am 27. April des Jahres (mit Sitzplatz)

Stachelbeervielfalt als reines Hirngespinst

Ich stelle Euch meine Stachelbeeren hier vor, damit Ihr sie Euch vorstellen könnt; wenigstens das.

Ich kann mit meiner Sämlingsaufzucht und der folgenden Fotogalerie nur beispielhaft zeigen, dass neue Stachelbeervielfalt ohne Probleme möglich ist. Man muss nicht in den letzten Winkel kriechen, um dort noch Relikte vergangener Zeiten zu finden. Es spricht nichts dagegen, das zu tun; aber auch diese Vielfaltsreste müssen wiederbelebt, müssen in Gebrauch genommen werden, müssen in den genetischen Pool einfließen, aus dem ständig neue Vielfalt entspringt.

Nur lebende Vielfalt hat das Zeug, heute und morgen nützlich zu sein und eines Tages der Menschheit vielleicht das Überleben zu sichern; lebende Vielfalt ist aber solche, die wächst und sich ständig vermehrt, die sich unter Alltagsbedingungen bewährt und überall zu finden ist, nicht ein paar tief vergrabene, tiefgefrorene oder gut konservierte Samen- und Gewebereste aus der Vergangenheit.

Lebende Wesen nur als Gen-Material zu sehen, als genetische Ressourcen, und sie entsprechend zu behandeln, kann nicht der richtige Ansatz sein.

Könnten die Gene tiefgefrorener Dinosaurier den heutigen Artenschwund stoppen?

Ich will und kann die genetische Vielfalt – nicht einmal die der Stachelbeeren – alleine wiederherstellen und verbreiten; ich kann nur den amtlichen Irrsinn ein wenig lächerlich machen, der glaubt, mit ein paar Korrekturen an einer Gesetzgebung, die zur Bereinigung der (Sorten)Vielfalt erlassen wurde, auch das Gegenteil bewirken zu können, nämlich die genetische Vielfalt der Nutzpflanzen wiederherzustellen.

Die genetische Vielfalt braucht ein völlig anderes gesetzliches Instrumentarium; die Saat- und Pflanzgutverkehrsgesetzgebung war und ist tödlich für sie.

Diese beiden Punkte möchte ich hier nur (mal wieder) erwähnen; ich werde mich noch ausführlicher mit ihnen beschäftigen.

Stachelbeervielfalt zum Anfassen

Ich verzichte auf eine ausführliche oder blumige Beschreibung der Büsche und der Beeren, wie sie in den neuen und älteren Stachelbeermonographien sowie Verkaufskatalogen üblich ist und war. Nur in Einzelfällen erwähne ich unter den Bildern die Wuchsform der Sämlinge, ihre Fruchtbarkeit, ihre Beliebtheit bei Stachelbeerblattwespen, ihre Anfälligkeit für die Reize des Amerikanischen Stachelbeermehltaus und ähnliche Dinge, die natürlich auch für reine Liebhaber*innen von Interesse sind.

Zum Geschmack der Beeren mache ich überhaupt keine Angaben; nur so viel: Keine Sorte ist mir außergewöhnlich aufgefallen, weder negativ noch positiv. Es gab Unterschiede, aber eben keine gravierenden.

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Blattläuse gab es zu Jahresanfang jede Menge – und bald auch jede Menge Gegenspieler

Ich gebe Euch also nur wenig Konkretes an die Hand, das Euch von der Echtheit meiner vielen Sorten überzeugen könnte; Ihr müsst mir (und den Bildern) einfach glauben, dass sie tatsächlich existieren.

Aber ihr dürft jederzeit in meinen Garten kommen und Büsche und Beeren dort berühren, um Euch von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen.

Ich darf Euch Ableger meiner Büsche schenken, nur verkaufen darf ich sie Euch nicht; aber wozu auch: Ihr könnt selbst Stachelbeersamen in die Erde streuen!
Nur damit Ihr es wisst: Stachelbeerfrüchte – in ihnen ruhen die kostbaren Samen – dürfen auch namenlos verkauft und weitergegeben werden (die Beeren einfach an einer unkrautfreien Stelle in die Erde matschen – zerdrücken und mit Erde mischen – und feucht halten).

Stachelbeerplagen und andere Verluste

Zum Schluss, vor dem Bilderbuch-Dessert, verliere ich noch ein paar Worte über meine Stachelbeerverluste, die es leider auch gab, und mit denen auch ein Stachelbeer-Enthusiast mit 150 verschiedenen Stachelbeerbüschen leben muss; aber ich sach ma so, je mehr Varianten ich habe, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass immer ein paar Varianten einen guten Ertrag bringen: Der eine Busch wird in einem Jahr vom Amerikanischen Stachelbeermehltau heimgesucht, aber von der Stachelbeerblattwespe verschont; beim nächsten Busch ist es umgekehrt.

Amerikanischer Stachelbeermehltau

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Vom Amerikanischen Stachelbeermehltau befallener Busch im Vorjahr (7. Juli 2019)

Der Amerikanische Stachelbeermehltau (Sphaerotheka mors-uvae), der in den meisten Jahren, in denen ich nun Stachelbeeren hätschele, immer seinen Teil mit braunem Pilzgeflecht überzogen hat (wie manche Beeren im braunen Pelz aussehen, kannst Du Dir im Beitrag “Stachelbeeren aus Samen” ansehen), war in diesem Jahr ungewöhnlich zurückhaltend; nur hier und da hatte eine Beere ein braunes Fleckchen oder ein Trieb mehligen Überzug.

Ob es am Klima gelegen hat oder daran, dass ich im Frühjahr beim Beschneiden und Auslichten der Büsche nahezu sämtliche Triebspitzen konsequent um die Hälfte gekürzt habe (vor allem an den Triebspitzen überdauern die Pilzsporen den Winter), kann ich nicht sagen; aber es war toll, einmal alle Beeren in ihrer ganzen Schönheit bewundern zu dürfen.

Gelbe Stachelbeerblattwespe

Für die Gelbe Stachelbeerblattwespe (Nematus ribesii) war es dagegen ein gutes Jahr; ihre Brut hat sich reichlich Stachelbeerblätter einverleibt.

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Stachelbeerblattwespenlarven in Action

Es war aber auffällig, dass manche Büsche kein Blättchen lassen mussten, während andere nahezu kahl gefressen wurden. Dass diese Schonung Gründe haben muss (und kein Zufall gewesen sein kann), schließe ich daraus, dass um manche verschonten Büsche herum Kahlfrass herrschte: Für die Blattwespen-Weibchen wäre es ein Leichtes gewesen, alle Büsche mit Eiern zu belegen.

Ob wirklich einige Stachelbeerbüsche von den Blattwespen verschmäht werden, müssen die folgenden Jahre zeigen; aber möglich ist es schon: Auch der Stachelbeermehltau mochte in den vergangenen Jahren zahlreiche Sorten nicht und andere ganz besonders.

Überdruck statt Sonnenbrand

Noch eine verlustreiche Auffälligkeit muss ich vermelden: Hatten meine Stachelbeeren im Vorjahr noch heftig unter Sonnenbrand gelitten, so war die Sonne in diesem Jahr gnädig.

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Verluste durch Sonnenbrand am 7. Juli 2019

Doch nach den ersten ausgiebigeren Regenfällen Anfang Juli musste ich jede Menge Beeren entdecken, die wie ausgelutscht aussahen; die meisten davon waren auch abgefallen.

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Ausgelutscht und abgefallen am 11. Juli 2020

Zuerst dachte ich an ein Tier, das Appetit auf meine prallen Beeren bekommen habe, ein Waschbär z. B., und ich wollte schon die ersten Verwünschungen gegen diesen (un)heimlichen Mitesser ausstoßen; aber dann besann ich mich und machte doch eher den Regen für dieses Malheur verantwortlich: Nach der langen Trockenheit im Mai und Juni haben die Beeren wahrscheinlich die plötzlich auf sie eindringende Wassermenge nicht verdauen können und sind geplatzt; es hat vor allem Büsche betroffen, die nicht im Schatten von Bäumen stehen.

Jetzt aber genug lamentiert, jetzt…

Auf die Weide, ihr Augen!

Jetzt gibts nur noch eins: Bilder, Bilder, Bilder; denn auch die können ja bekanntlich ein wenig Anschauung vermitteln (die Nummerierung ist leider nicht in jedem Fall mit der im Beitrag “Stachelbeeren aus Samen” identisch, da ich die “richtige” Bezifferung erst in diesem Frühjahr vorgenommen habe).

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Stachelbeersorte Nr. 1

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Nr. 2

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Nr. 3

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Nr. 4

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Nr. 6

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Nr. 7

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Nr. 8

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Nr. 9; riesiger Busch mit reicher Ernte; sehr lecker, wenn richtig reif

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Nr. 10

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Nr. 12; der erste der Sträucher vom vorletzten Jahr, die am meisten vom Regen geschädigt wurden

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Nr. 14

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Nr. 15

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Nr. 16

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Nr. 18

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Nr. 19

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Nr. 20

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Nr. 21

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Nr. 22

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Nr. 23

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Nr. 26; Beginn der nächsten Reihe älterer Büsche

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Nr. 27

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Nr. 28

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Nr. 29; besonders großer Busch mit besonders großen Beeren und wenig Stacheln

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Nr. 31; schon überreif (wie einige andere auch; das ist der Nachteil, wenn man nur einmal zur Ernte schreitet)

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Nr. 32; sehr ertragreich

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Nr. 33

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Nr. 34

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Nr. 36

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Nr. 37

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Nr. 39

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Nr. 40

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Nr. 41

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Nr. 42

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Nr. 43

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Nr. 44

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Nr. 45; ohne Frass der Stachelbeerblattwespe

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Nr. 47; von Stachelbeerblattwespe stark entlaubt

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Nr. 48; wie zuvor

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Nr. 49; total unbeliebt bei der Stachelbeerblattwespe

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Nr. 50; abgefressen

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Nr. 51; sehr ertragreicher Strauch; gut für Grünpflücke; aber entlaubt

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Nr. 52

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Nr. 54

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Nr. 55

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Nr. 56; meine liebste Gelbe (bisher) – ertragreich und ohne Mehltau (bisher)

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Nr. 63

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Nr. 67; einer der ersten Youngster, der Früchte trägt

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Nr. 82

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Nr. 88