Keine Angst vor Sämlingen!

Kann man sich das vorstellen: Seit ungefähr 200 Jahren werden von Laien keine Obstbäume mehr aus Samen gezogen! Nicht eine neue Sorte wurde seit damals von Herr und Frau Jedermann ins Leben gerufen. Die „Profis“ haben diese Jahrtausende alte Selbstverständlichkeit zu ihrem Spezialgebiet erklärt, von dem die Ahnungslosen besser die Finger lassen, weil…

„…aus Kernen gezogene Bäume stets andere Früchte [tragen] als die Muttersorte, in der Regel ungenießbare.“ (Aus einer Information der ARCHE NOAH zur Veredelung von Obstgehölzen)

Mit dieser geschickten Mischung aus Wahrheit und Lüge, verkaufen die „Profis“ die Mehrheit der Gärtner*innen für dumm, so dass sie sich auf diesem Gebiet keine eigenen Erfahrungen mehr zutraut.

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Neue Aprikosensämlinge am 13. April 2019

Wahr ist: Die Früchte von Apfel-, Birnen- oder Kirschbäumen, die aus einem Samen (Kern, Stein) erwachsen, gleichen in der Regel nicht den Früchten, aus denen die Samen stammen.

Die Lüge: Die Früchte dieser aus Samen gezogenen Bäume seien in der Regel ungenießbar.

Die gesamte Wahrheit: Die Früchte dieser aus Samen gezogenen Bäume sind in aller Regel genießbar; sie sind nicht in jedem Fall gleich gut oder gar besser als die Früchte der Mutterbäume.

Nun gut: Die Zurückhaltung von Gärtner*innen, eigene Obstbäume aus Samen zu ziehen, erklärt sich sicher zu Teilen auch dadurch, dass Apfel- und Birnbäume oft erst nach 10 bis 15 Jahren erste Früchte tragen und damit zeigen, ob sich das Warten und der zugestandene Raum gelohnt haben; so viel sei zugestanden.

Trotzdem…

Kurze Anleitung für die Anzucht von Obstbaum- und Beerenstrauch-Sämlingen

Das einfachste ist natürlich, Sämlinge, die irgendwo im Garten auftauchen, im Frühjahr auszugraben und an die gewünschte Stelle zu verpflanzen. Das habe ich mit den meisten Stachel- und Johannisbeeren so gemacht.

Doch falls man keine Sämlinge findet oder sie nicht rechtzeitig erkennt, dann heißt es, Kerne und Steine von guten Früchten selbst auszusäen (was immer das Beste ist; siehe den „Wichtigen Hinweis“ am Ende des Beitrags).

Ich habe die Samen bisher immer in Plastik-Blumentöpfe ausgesät und diese bis knapp unter den Rand eingegraben.

In den ersten Jahren habe ich dazu ziemlich kleine Töpfe genommen.
Das Problem bei diesen ist dann allerdings, dass die Wurzeln nach einem Jahr oft schon durch die Löcher im Topfboden hindurchgewachsen und teilweise so dick geworden sind, dass man sie nicht mehr ohne weiteres herausziehen kann, wenn man die Sämlinge im folgenden Frühjahr verschult, d. h., an einen Platz setzt, an dem sie sich die nächsten ein bis drei Jahre kräftigen können, oder an ihren endgültigen Platz pflanzt.

Aus diesem Grund habe ich im letzten Jahr ca. 20 cm tiefe Töpfe genommen. Die waren bei den Apfelbaum-, Johannisbeer- und Weintrauben-Sämlingen perfekt.

Aussäen muss man immer im Herbst. Die meisten Samen brauchen entweder einen „Kälteschock“ (Äpfel) oder die Einwirkungen von Temperatur und Feuchtigkeit, damit die Keimlinge aus den harten Steinen ausbrechen zu können.

Man kann die Samen selbstverständlich auch direkt in ein ordentlich bearbeitetes Beet säen; man bedeckt sie mit einer Erdschicht, die ungefähr doppelt so dick ist wie der Same (auch in den Blumentöpfen).

Vielleicht sollte ich zum Schluss noch an eine möglichst genaue Bezeichnung der Aussaatstellen erinnern; ich wusste teilweise im nächsten Frühjahr nicht mehr, was ich wohin gesät hatte (ist vor allem bei unterschiedlichen Sorten ratsam).

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Keimlinge von Johannisbeeren, die zu Hunderten unter den Büschen zu finden sind (27. April 2019)

Wie es dazu kam, dass die Anzucht von Obstbaumsämlingen keine Frage mehr ist

Ich finde es schon erstaunlich, dass eine viel-hundertjährige Tradition nach einer Weile einfach vollkommen erlöschen, in Vergessenheit geraten und sogar als Dummheit abgestempelt werden kann, vor der ausdrücklich gewarnt wird?

Eine Erklärung liefert vielleicht ein Buch von 1798 von Johann Leibitzer mit dem vollständigen Titel „Vollständiges Handbuch der Obstbaumzucht, in welchem der Bürger und Landmann eine gründliche Anweisung findet, wie er sowohl die nützlichsten Obstbäume und Fruchtsträuche auf die leichteste Art pflanzen, erziehen, und veredeln soll, als auch wie die verschiedenen Früchte derselben in der Haushaltung am zweckmäßigsten zu verwenden sind.“

Eine aufgeklärte „Elite“ von Pfarrer, Adligem und Lehrer erklärt darin den selbstgenügsamen, sich nach altbewährter Tradition selbst versorgenden Dorfbewohnern in Form von belehrenden Dialogen, wie sie die Produktion steigern, sich in die „Marktwirtschaft“ integrieren und in immerwährendem Fortschritt zu einem immer besseren Leben gelangen können.

Die Belehrungen allein hätten vermutlich nicht geholfen, aber wirtschaftliche Not – zuerst durch fehlende Nahrungsmittel, später durch deren Überproduktion und Preisverfall – half kräftig mit, die neuen Lehren fruchtbar werden zu lassen.

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Mein Kirschbaumsämling vor einem Beet mit (überwiegend) Erdbeersämlingen

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Blüten des Kirschbaumsämlings am 13. April 2019, fünf Jahre nach seiner Geburt

Mitwirkende in dem folgenden Lehrstück (Seite 6 bis 9 der Einleitung des zuvor erwähnten Buches): Die Dörfler Hans, Görge und Stophel, Richter Thoms, Pfarrer Liebwerth, Herr von Ahrheim und Lehrer Lehrmann:

„Ey warum, – antwortete Hans, ich habe ja Bäume, die schon lange Frucht tragen, und besonders Aepfel und Birne, die ich noch in meiner Jugend aus Kernen von sehr gutem Obst gezogen habe; da habe ich für mich in manchen Jahren satt. Und ich – sprach Görge, habe mir gute Bäume vor vielen Jahren aus dem Walde gegraben, (denn auch im Walde findet man zuweilen Bäume mit schmackhaften Früchten) schöne gelbe und rothe, hübsch große Aepfel, die ich da fand und mir wohl schmeckten, diese habe ich in den Garten versetzt, und nun tragen diese Bäume herrliche Früchte. Und so lobte jeder mit ziemlicher Wärme seine Gartenbäume.

Das kann seyn, fiel der Richter scherzend ein, daß mancher von euch gute Bäume habe, aber sind sie so schön, wie jene in dem Garten unsers Vaters Liebwerth, oder Herrn von Ahrheim? tragen sie Obst von solcher Güte, Größe, Schönheit und Geschmack? und so reichlich? jährlich so voll auf? sind eure Bäume so ansehnlich, gesund, und so ordentlich? — Ich glaube nicht. Betrachtet nur eure, und jene, und dann sagt mir, ob ihr keinen Unterschied bemerket? —

Freylich sind unsere viel schlechter, nahm Stophel das Wort, weil sie meistens nicht gepfropft sind, allein wir müssen uns mit dem begnügen, was wir haben, und es ist doch immer besser etwas, als nichts zu haben.

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Meine kleine Plantage aus Pflaumen- und Johannisbeersämlingen

Ihr habt Recht, erwiederte Thoms, aber sehet Freunde! wir haben zwar Bäume genug, allein sie sind nicht viel werth; auf dem Platze hingegen, wo ein schlechter Waldbaum steht, könnte ein besserer wachsen, der uns selbst mit herrlichen Früchten erquickt (o die neulichten Aepfel in der Stadt schmecken mir noch) und wovon wir manches für baares Geld verkaufen könnten; da uns itzt fast niemand unsere Baumfrüchte abnehmen will, weil sie meistens nur wild sind, und nach unserer Unwissenheit oder – Faulheit schmecken: nur zuweilen, wenn man keine besseren kriegt, lösen wir einige Groschen, mehrentheils von Kindern und armen Leuten, weil wir viel geben müssen; sonst aber bleiben wir damit sitzen, und führen sie unverkauft nach Hause. Im Gegentheil, wenn wir kostbares Obst hätten, würde man es gern kaufen, eine gute Waare selbst in unseren Gärten suchen, wir könnten die Fuhren in die Stadt sparen, und wie manche Hundert blanke Thaler kämen in unser Dorf! — Wäre es nicht rathsamer (und wirklich Zeit) daß wir auf die Verbesserung unserer Baumgärten dächten, nachdem uns die Küchengärten so viele Vortheile verschaffen, und alle noch übrigen Plätze mit nützlichen Bäumen bepflanzten? —

Ja! gewiß, riefen alle, Richter Thoms hat Recht, und mancher von uns hat das schöne Geld gesehen, welches für einen Wagen Obst gelöst wurde, wenn wir aus Liebwerths Garten einiges zur Stadt brachten, und wie reissend es wurde verkauft! – aber, aber – wer versteht sich mit den Bäumen! wer kennt die guten und schlechten? woher kriegen wir junge und gute Bäumchen? wer lehret uns pflanzen, veredeln, und gehörig warten und pflegen, bis sie einst da sind, uns mit den gewünschten Früchten erfreuen, und unsere Mühe und Arbeit belohnen? – erkläret uns Richter diese Fragen, und wir sind bereit alle unsere wilden Krüppel zu vertilgen und nützliche Bäume an ihre Stelle zu pflanzen.“

Pflaumensämlinge
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Sämlinge von leckeren Pflaumen, die ein Arbeitskollege 2018 am Wegesrand entdeckt hatte

In dem oben zitierten Buch von 1798 weiß man noch, wogegen es anzugehen gilt, auch im „Handbuch über die Obstbaumzucht und Obstlehre“ von J. L. Christ (1804) wird die Anzucht von Obstbäumen aus Samen noch als Fußnote erwähnt [1], aber schon 1836 heißt es: „Die Mittel, welche anzuwenden sind, um durch Kunst neue Sorten hervorzubringen, verdienen eben so wenig dem Landmanne zur Kenntnis gebracht zu werden, als die künstliche Behandlung solcher Fruchtbäume, die nur am Spalier, als Pyramiden etc. erzogen werden;…“ [2].

Die „Hebung der Obstcultur“ [3], d. h., die Ertragssteigerung steht allein im Vordergrund. Dazu wurden alle Bereiche des Obstanbaus professionalisiert, vor allem aber die Unzahl an Sorten auf wenige, ertragsstarke reduziert. Die Anzucht von Sorten aus Sämlingen nehmen nur noch professionelle Züchter vor.

In alten Werken über Beerenobstbau (1852) wird die Anzucht neuer Sorten aus Samen noch ausführlich beschrieben; aber seit damals dienen Anleitungen für die Anzucht von Apfel-, Birnen- und Kirschen-Sämlingen, sofern sie überhaupt noch Bestandteil der Obstbau-Literatur sind, ausschließlich deren späterer Veredelung mit ausgewählten, leistungsfähigen Sorten.

Die späteren Anforderungen des (Groß)Handels nach großen Mengen einheitlichen Obstes, das der Masse schmecken musste, trugen dann weiter dazu bei, alle Spezialitäten und Sorten für Sonderverwendungen (Dörren, Saft, Obstwein, Mus, Kraut, Einkochen etc.) in der Versenkung verschwinden zu lassen. „Sag, wo die Reinetten sind, wo sind sie geblieben…“

Dahin sind wir also heute gekommen: Die Erwerbsobstbauern haben keinen Spielraum für Experimente und nutzen deshalb nur noch ganz wenige, ertragreiche Sorten und die Mehrheit der gärtnernden Menschheit wird von einer tief sitzenden Angst gelähmt, neue Sorten aus Samen zu ziehen, weil… …weil deren Früchte angeblich ungenießbar sind bzw. nichts taugen.

[1] Johann Ludwig Christ: Handbuch über die Obstbaumzucht und Obstlehre, 1804
[2] Georg Conrad Bayer: Anweisung zum Obstbau und zur Benutzung des Obstes, für den Bürger und Landmann, 1836
[3] J. G. Konrad Oberdieck & Eduard Lucas: Beiträge zur Hebung der Obstcultur, 1857

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Pflaumensämling

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Blüten des Pflaumensämlings

Wissen versus Glauben

Aussagen, die Früchte von Sämlingen seien in der Regel ungenießbar, sind seit 200 Jahren nichts anderes als Wiederholungen unbewiesener Behauptungen; denn seit damals hat kaum jemand die Probe aufs Exempel gemacht und tatsächlich Obstbäume aus Samen (Kernen, Steinen) gezogen.

Ich weiß davon zumindest bis jetzt nichts; falls ich hier etwas verpasst habe, bitte ich um Aufklärung in den Kommentaren.

Meine eigenen Erfahrungen beschränken sich zwar bisher nur auf Erdbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren, aber bei diesen Beerenfrüchten verhält es sich nicht anders als bei Äpfeln, Birnen und Kirschen: Ihre Nachkommen sind immer „Mischlinge“, da ihre Eltern nicht reinerbig (homozygot) sind. Auf den beiden (bei Erdbeeren vier) Chromosomensätzen sind jeweils unterschiedliche Eigenschaften kodiert. Man kann also niemals mit Gewissheit sagen, wie die Nachkommenschaft aussehen wird; dazu braucht es bei diesen Obstarten nicht einmal eine Befruchtung durch den Pollen einer anderen Sorte.

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Zukünftig werde ich mehr wissen: Kirschen- (links) und Birnensämlinge (rechts; am 27. April 2019)

Was ich über meine, mindestens 100 Sämlinge der genannten Beerenarten mit Gewissheit sagen kann: Kein Sämling hatte bisher ungenießbare Früchte!
Ich sage auch dazu: Nicht alle Früchte waren besser als die Früchte heute gängiger Sorten!

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Ein Dutzend Schwarze Johannisbeer-Sämlinge

Dazu eine kleine Anekdote: Ich hatte im letzten Jahr einem Arbeitskollegen eine Schale Schwarze Johannisbeeren mitgebracht, die ich in meiner Sämlingsanlage gepflückt hatte. Als er ein paar davon aß, bemerkte er beiläufig, dass sie ja unterschiedlich schmeckten.

Ich muss gestehen, dass ich mich über diese Aussage heimlich unheimlich gefreut habe.

Ja, alle schwarzen Johannisbeeren sehen sich zwar sehr, sehr ähnlich, schmecken tun sie aber verdammt unterschiedlich! Sie schmecken (obwohl nicht jedermanns Geschmack)! Auf jeden Fall! Sie sind genießbar!

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Die Ernte meiner Schwarze-Johannisbeersämlinge 2018 (am 6. Juli)

Neben diesen Tatsachen berichte ich Euch hier und jetzt von meinen drei Pflaumen-Sämlingen und einem Süßkirschen-Sämling, die im Moment blühen: Ihr sollt mit der gleichen Spannung auf ihre Früchte warten wie ich!

Über diese Früchte – sofern sie denn reifen – werde ich selbstverständlich im Sommer einen Beitrag verfassen: Sollten sie ungenießbar sein, so werdet Ihr das erfahren und ich werde dabei auf die Knie fallen und ehrlich Abbitte leisten für meine übertriebene Gewissheit, sie würden niemals ungenießbar sein.

Über die Früchte meiner Aprikosen- und Pfirsichsämlinge habe ich ja schon Bericht erstattet; die Früchte dieser beiden Obstarten sind, ebenso wie die Pflaumen, oftmals ziemlich ähnlich wie die Früchte des Mutterbaumes. Da sie vom Pollen der eigenen Blüte(n) befruchtet werden können (sie sind selbstfertil), sind sie ziemlich reinerbig (homozygot). Ein Sämling dieser Obstarten wird nur dann ein (unbekannter) Mischling sein, wenn die Blüte zufällig mit dem Pollen einer anderen Sorte befruchtet wurde.

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Sämling einer Grünen Reineclaude

Auf eine solche Befruchtung hoffe ich natürlich insgeheim, wenn ich einen Sämling dieser Arten großziehe; aber bei einigen würde ich mich auch freuen, wenn sie so gut schmecken würden wie die Früchte, denen ich die Steine entnommmen habe.

Wichtiger Hinweis!
Man sollte immer nur Sämlinge aus Samen von Früchten ziehen, die man kennt und für gut befunden hat.

Ansonsten kann es passieren – gerade bei Kirschen, dass man einen Wildling groß zieht, dessen Früchte zwar genießbar sind, deren Verzehr aber keinen Genuss bereitet.

Ich hatte einen Kirschbaumsämling, der zufällig in der Nähe des Eingangs aufgetaucht war, ein paar Jahre wachsen lassen, bis ich im letzten Jahr seine ersten Früchte probieren konnte: Leider waren sie sein Todesurteil; denn es war eine Vogelkirsche, sprich: Eine Wildkirsche.

Werde ich mehr Erfolg haben, als der Pfarrer Cludius vor über 200 Jahren?

Nun muss ich gestehen, dass ich in meinem Bestreben, möglichst viele Menschen zu überzeugen, Sämlinge aller möglichen Obstarten aufzuziehen, gehörig erschüttert wurde, nachdem ich über den nachfolgenden Disput gestolpert bin: Er stammt aus der „Gartenzeitung oder Repertorium neuer, gemeinnütziger und wissenswürdiger Dinge in allen Zweigen der Gartenkunst.“ und wurde 1804/05 veröffentlicht.

Er dreht sich zwar in der Hauptsache (wieder) um meine „Lieblingszuchtobjekte“, die Stachelbeeren, aber die dort von beiden Seiten gemachten Aussagen treffen auf alle Obstarten zu.

Schon damals gab es Menschen, die für die Anzucht von Sämlingen plädiert haben – wie sich heute zeigt: Leider erfolglos.

Die meisten Menschen wollen wissen, woran sie sind und vertrauen deshalb seit jeher lieber den Fachleuten, den Profis; sie sind keine Freund*innen von Überraschungen.

Das werde auch ich höchstwahrscheinlich nicht ändern können, auch wenn ich hier noch einmal energisch auf die Quintessenz der damaligen Gegenrede verweise: Aus Samen gezogene Obstbäume und -sträucher tragen nicht zwangsläufig ungenießbare Früchte.

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Meine ca. 50 Stachelbeersämlinge am 13. April 2019

Schon 1805 stand der unbewiesenen Annahme eines unbekannten Verfassers (Vf.), dass „aus den Saamenkernen der Stachelbeeren, eben so wie aus den Saamen anderer Obstsorten, die erste wilde Stammart wieder gezogen worden ist“, die auf Tatsachen basierende Frage des Gegenredners gegenüber, des Stachelbeerliebhabers und Pfarrers Cludius aus Hildesheim: „Wie aber, wenn alle Gartenliebhaber von je her so gedacht hätten, wie der Vf., würden wir dann die vielen schönen Sorten deutscher und englischer Stachelbeeren haben?“

Bei der einstigen Masse an Sorten und der Notwendigkeit, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, war ein Ratschlag vielleicht nachvollziehbar, sich eher auf gute bekannte Sorten zu verlassen als noch mehr unbekannte neue Sorten zu ziehen. Aber bei der heutigen Sortenarmut (und der damit verbundenen Verringerung der genetischen Vielfalt) ist es fast schon eine Pflicht für Hobby-Gärtner*innen, die nicht auf den Ertrag ihrer Obstbäume und -sträucher angewiesen sind, neue Sorten zu schaffen.

Ich wiederhole deshalb mein Mantra: Bitte, tut mir den Gefallen, oder besser noch: Tut Euren Kindern den Gefallen und zieht Sämlinge auf; denn Ihr werdet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine ungenießbaren Früchte bekommen – aber ganz sicher eine neue Sorte mit einer neuen Gen-Kombination und neue, genießbare Früchte!

Nachfolgend dokumentiere ich ausschnittsweise die damalige Auseinandersetzung und die jeweils vorgebrachten Argumente (Wer die vollständigen Texte lesen will, findet sie in diesem Digitalisat der „Gartenzeitung“ in der Bayerischen Staatsbibliothek).

Die Vermehrung der Stachelbeeren aus Saamenkernen ist eine überflüssige und Zeit und Raum verderbende Sache

Standpunkt eines unbekannten Verfassers; Seite 188 bis 189:

„…Die Vermehrung der Stachelbeeren aus Saamenkernen ist in ökonomischer Rücksicht, und da man durch Wurzelschosse und Stecklinge seinen Zweck weit eher erreichen, und auch mit Gewißheit die Sorte rein wieder erhalten kann, eine überflüssige und Zeit und Raum verderbende Sache.

Ist’s hingegen um Versuche und Beobachtungen über Erzeugung neuer Sorten zu thun, so kann das freilich nicht anders, als durch die Aussaat der Saamenkerne geschehen, indessen hat Deutschland hierin noch wenige wichtige Beiträge geliefert. Alles schränkt sich darauf ein, daß die Saamenkerne, aufgegangen sind, und daß von den Früchten (s. Gartenzeitung I Band s. 379) „nach dem Ausspruch aller, die sie gekostet haben, viere davon sich durch Wohlgeschmack so auszeichneten, daß sie die englischen Sorten übertrafen.“ Ob sie groß oder klein ausgefallen sind, hierüber fehlen die Berichte.

Wenn wir nun wissen, daß die kleine wilde Stachelbeere den süßesten und würzhaftesten Geschmack hat, so könnten wir auch nach jener Relation, in Ermanglung einer bestimmtern Charakteristik, annehmen, daß aus den Saamenkernen der Stachelbeeren, eben so wie aus den Saamen anderer Obstsorten, die erste wilde Stammart wieder gezogen worden ist. Das wäre nun wohl ein schlechter Lohn für eine mehrjährige Bemühung!

Hierzu kommt noch, was ich schon oben gesagt habe, daß die Stachelbeeren diese Auszeichnung in der Cultur in keiner reellen Rücksicht werth sind, und daß uns nur Nachahmungssucht (vielleicht auch Speculation auf den artigen Preis von 4 Gr. für das Stück) verleiten konnte, einer unbedeutenden Sache einen bedeutenden Werth beizulegen.

Blumen und andere in der Botanik sich auszeichnende Gewächse sind ein würdiger Gegenstand der Kunst und Liebhaberey, aber bei Gartenprodukten, deren wirklicher Werth in der häuslichen Benutzung bestehet, da ist die spielende Beobachtung und Liebhaberey, mit unnützer Zeit- und Raumverschwendung verbunden, eine übel angebrachte Sache. Um so mehr hier, da wir uns mit 300 (wirklichen oder angeblichen) Sorten englischer Stachelbeeren vollkommen begnügen können.

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Experiment: Stachelbeersämlinge einer bestimmten „Sorte“

Würden wir dann die vielen schönen Sorten deutscher und englischer Stachelbeeren haben?

Standpunkt von Hermann Heimart Cludius, Hildesheim; Seite 347 bis 350:

„Die Vermehrung der Stachelbeeren aus Saamenkernen, heißt es S. 188. ist in ökonomischer Rücksicht, und da man durch Wurzelschosse und Stecklinge seinen Zweck weit eher erreichen, und auch mit Gewißheit die Sorte rein wieder erhalten kann, eine überflüssige und Raum verderbende Sache.

So allgemein das lautet, sollte man denken, der Vf. halte alles Ziehen aus Saamen für überflüssig und Raum verderbend. Wie aber, wenn alle Gartenliebhaber von je her so gedacht hätten, wie der Vf., würden wir dann die vielen schönen Sorten deutscher und englischer Stachelbeeren haben? besonders, wenn man, nach dem Geschmacke des Vf. (S. 189.), bei der kleinen wilden Stachelbeere den süßen und würzhaftesten Geschmack gefunden hätte, würde niemand Gartenstachelbeeren gezogen haben.

Aber der Sinn des Vf. soll vielleicht seyn, jetzt, da man einmal so viele gute Arten deutscher und englischer Stachelbeeren habe, daß man sich wol mit der Menge derselben begnügen könne, jetzt sey es unnöthig und unnütz, noch Stachelbeeren aus Saamen zu erziehen. Allein, auch wenn dies die Meinung seyn soll, muß ich erinnern, daß man mit eben dem Rechte sagen könnte: an den bekannten und gesammelten Pflanzen haben wir längst genug, und mehr, als wir brauchen; stellt nun, ihr Pflanzenliebhaber, alles fernere Sammeln ein: an den vorhandenen Kirschen-, Pflaumen-, Birnen- und Aepfelsorten haben wir größern Reichthum als wir gebrauchen können; nun ziehe niemand weiter aus Saamen neue Sorten; es ist Zeit und Raum verspielend, ökonomischer ists, Bäume zu pfropfen, da man sie auf diese Weise in ihrer Art rein fortpflanzen kann.

Dies ist aber noch nicht alles. Der Vf., welcher (S. 189.) bloß vermuthet, und dadurch zeigt, daß er nicht aus Erfahrung spricht, will hier nach einer Vermuthung (in den Worten „so könnten wir hier nach jener Relation [soll heißen Analogie] annehmen“) absprechen. Das ist nun wirklich gar kühn, mit einer Vermuthung gegen Erfahrungen absprechen. Auch in ökonomischer Rücksicht ist es durchaus nicht der Fall, daß Zeit und Raum dabei verloren ginge. Der gute Wirth, nehme ich an, will genießen oder erwerben, und also von dem, was er anlegt und bauet, so bald als möglich Ertrag, und den reichlichsten Ertrag haben. Wenn er nun eine Anlage von Stachelbeeren machen will, wie erhält er die am leichtesten und geschwindesten? Durch Saamen. Wie leicht sammelt er Beeren von guten Sorten, oder läßt sich eine Schachtel voll der besten englischen oder deutschen schicken! Er legt die Kerne in gutem Lande geräumig; sie gehen im nächsten Frühlinge auf, und werden 1 bis 2 Fuß hoch; die stärksten bringen gleich im zweiten Jahre Früchte, und im dritten tragen sie insgesammt, und zwar voll. Dagegen ist es mühselig und kostbar, wenn er von englischen oder deutschen Stachelbeeren Ableger macht oder kommen läßt. Stecklinge müssen im ersten Jahre anwurzeln, im zweiten werden sie verpflanzt, im dritten bringen sie einige wenige, obwohl große Früchte, und vom vierten Jahre an, wie von denen aus Saamen gezogenen vom dritten Jahre an, hat man erst reichen Ertrags sich zu erfreuen. Hierauf heißt es (S. 189.), wenn es um Versuche und Beobachtungen über Erzeugung neuer Sorten zu thun sey (und warum sollte das nicht?): so könne das freilich nicht anders als durch Aussäung der Saamenkerne geschehen. Indessen habe Deutschland hierin noch wenige wichtige Beiträge geliefert.
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Sämling einer Roten Johannisbeere mit roten Blüten, einer Felsen-Johannisbeere?

Ob vor unserer Zeit, oder auch jetzt, Gartenfreunde in Deutschland gesucht haben, von den Stachelbeeren durch Aussäung der Kerne mehrere und bessere Sorten zu erhalten, weiß ich nicht. Aber gute Sorten, wie der Vf. selbst rühmt (S. 184.), sind doch einmal da. Sind diese nun, ohne daß man sich Mühe darum gegeben, von selbst aus Saamen entstanden: so erhellt ja eben daraus, wie leicht die Stachelbeere in neue und bessere Arten übergehet, und was hätte längst seyn können, wenn man die Stachelbeeren mehr beachtet hätte, und wenn einige Gartenfreunde aus Saamen hätten Stachelbeeren in Menge ziehen wollen. Wie groß möchte wol eine vollständige Sammlung guter deutscher Stachelbeeren seyn, wenn es möglich wäre, sie zusammen zu bringen! Die Ursache, warum die Stachelbeeren aus Saamen so leicht neue Sorten geben, habe ich im ersten Bande S. 378. dargelegt.

Der Hr. Vf. rügt aber, daß sich in dem angeführten Aufsatze alles darauf beschränke, daß die Saamenkerne aufgegangen seyn, und meint, weil ich da von den vier sich durch Wohlgeschmack sehr auszeichnenden, aus Saamen gewonnenen, neuen Sorten nicht ausdrücklich sage, daß sie groß ausgefallen wären, sie möchten wol in die kleine wilde Stachelbeere, welche den süßesten und gewürzigsten Geschmack habe, zurückgegangen seyn. Sollte außer ihm auch wol irgend ein Leser der Gartenzeitung mich so mißverstanden haben? Läßt sich von einem Manne, welcher eine sehr bedeutende Sammlung deutscher und englischer Stachelbeeren besitzt, und welcher Vergleichungen, die bei dem Nichtkenner nicht möglich sind, anstellen kann, irgend denken, daß er als ganz vorzüglich rühmen werde, was ganz schlecht sey? Läßt sich nach dem Zusammenhange nicht voraussetzen, daß die gerühmten vorzüglichen Stachelbeeren den besten englischen weder an Größe noch an Schönheit nachstehen?

Auffallend ist die Behauptung, daß die kleine wilde Stachelbeere mit gelben und runden Früchten nach S. 184 u. 189. an Süßigkeit und Wohlgeschmack alle andern übertreffen soll. Welches die allererste ursprüngliche Stachelbeere sey, ist wol so ausgemacht noch nicht. Wenn aber die, welche der Hr. Vf. bezeichnet, den süßesten und würzhaftesten Geschmack hat: so bekenne ich, daß mir die ganz unbekannt sey. Die hier wild wachsenden ganz kleinen dunkelgrünen, gelben und schwarzen Heckenstachelbeeren (wie sie genannt werden), haben etwas so Zusammenziehendes, daß selten arme Kinder davon genießen, und, wenn sie ja davon gekostet haben, gleich mit Widerwillen davon gehen.

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Trieb eines späten Johannisbeersämlings

Was aber den schlechten Lohn für eine mehrjährige Bemühung betrifft, nämlich, daß der Hr. Vf. vermuthet, (also nicht aus Erfahrung spricht,) es möchten wol die meisten, wo nicht alle, aus Saamen gezogenen Stachelbeeren in die erste wilde (und doch von ihm als die wohlschmeckendste gerühmte!) Stammart zurück gegangen seyn: so muß ich aus meiner Erfahrung darauf erwiedern, daß das bei der großen Menge der Stachelbeeren, die ich gezogen habe, auch nicht bei Einem Busche der Fall gewesen ist. Vielleicht trägt die Lage meines Gartens dazu bei, weil in der Nähe sehr wenige wilde Stachelbeeren in den Hecken sind. Um nicht mißverstanden und mißdeutet zu werden, setze ich hinzu: nicht alle meine Saamenstöcke haben neue schöne oder gute Sorten geliefert, sondern es sind auch kleine und schlechte darunter gewesen, aber nicht Ein Stamm ist einer Wilden an Kleinheit und Schlechtheit ähnlich gewesen, sondern bei weitem die meisten der von mir verworfenen waren so, daß die meisten, welche Stachelbeerbüschen wol einen Platz in ihrem Garten gönnen, aber weder Kenner noch Liebhaber sind, sie in ihren Gärten ganz gern haben würden. Aber welche neue vortreffliche Sorten habe ich schon gewonnen, die den besten englischen an Größe und Schönheit nicht nachstehen, und die meisten derselben an Wohlgeschmack übertreffen!
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Keimling einer gelb-roten Sauerkirsche, die ich im letzten Jahr im Remstal gefunden habe (13. April 2019)

Wenn das dem Hn. Vf. nichts ist: so giebt es andere Leute, denen das Vergnügen macht, und die sich von ihm nicht werden bereden lassen, seine 6 Sorten deutscher Stachelbeeren für das beste, was man in der Art irgend hat, zu halten, oder mit ihm seine wilde Stachelbeere allen Gartenstachelbeeren in Rücksicht des Wohlgeschmacks vorzuziehen. Sie werden ihm gern seinen Geschmack lassen, sich aber auch ausbitten, daß er ihnen den ihrigen lasse. Blumen und andere in der Botanik sich auszeichnende Gewächse sind ihm ein würdigerer Gegenstand der Kunst und Liebhaberey (S. 189.). Immerhin, andere können anders denken, und eine Sammlung von Sorten einer Frucht kann ihnen so lieb seyn, als irgend dem Blumisten eine reiche Flor, und dem Botaniker eine reiche Sammlung von Gewächsen.
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Keimlinge einer besonderen Brombeere, die ich auf der letzten „Gartenfahrt“ entdeckt habe (27. April 2019)

„Bei Gartenprodukten, sagt er, deren wirklicher Werth in der häuslichen Benutzung bestehet (als ob nicht auch die könnten Liebhaberey werden), da ist die spielende Beobachtung und Liebhaberey, mit unnützer (?) Zeit und Raumverschwendung verbunden (darauf ist oben schon geantwortet) eine übel angebrachte Sache, um so mehr, da wir uns mit 300 wirklichen oder angeblichen Sorten englischer Stachelbeeren vollkommen begnügen können.“ Mannigfaltigkeit, Schönheit, Wohlgeschmack, welches alles durch fortgesetzten Fleiß immer mehr erzielt wird, gilt ihm also wenig oder nichts.…“

Dem ist nichts hinzuzufügen außer: „Mannigfaltigkeit“ wird heute als „Vielfalt“ bezeichnet, als „genetische Variabilität“ – und die ist heute nicht nur ein Privatvergnügen wie damals, sondern möglicherweise eine Überlebensfrage.