Nabelschau…

…oder warum ich nicht nur Gartenbau betreibe, sondern auch darüber schreibe.

Fünf Versuche, Dir auf fünf Fragen eine Antwort zu geben.

  1. Wer schreibt hier?
  2. Über was schreibe ich hier eigentlich genau?
  3. Für wen schreibe ich?
  4. Warum schreibe ich?
  5. In welcher Form versuche ich zu schreiben?
  6. Warum mache ich diese Berichte aus dem Garten allen zugänglich?

Falls Deine Frage nicht dabei ist (oder Dich eine Antwort nicht zufrieden stellt), nutze bitte die Kommentarfunktion oder das Kontaktformular; ich werde dann so schnell wie möglich eine Antwort geben.

1. Wer schreibt hier?

Es schreibt hier ein männliches Wesen, das sich bereits dem Rentenalter nähert. Geboren und aufgewachsen ist es auf einem landwirtschaftlichen Betrieb (ich sage ausdrücklich nicht „Bauernhof“!) im tiefsten Ostwestfalen (lose Zungen behaupten, dieses Grenzgebiet gehöre bereits zu „Nordhessen“).

Als Kind hat es in einem herrlich großen „Bauerngarten“ gespielt und dort erste Erfahrungen mit Säen und Ernten gesammelt, bis dieser Garten eines Tages ohne Vorwarnung gerodet und in Ackerland umgewandelt wurde.

An diesem Tag verlor es seine Wurzeln und „ICH“ wurde ins Leben geworfen; ich trage seitdem den Namen Jürgen, einen Namen, der wenigstens eine ferne Ahnung von „Bauer“ (γεωργός, geōrgós) anklingen lässt.

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Mit 18 Jahren habe ich meine ländliche Heimat verlassen und seitdem ausschließlich in Städten gelebt, seit 1982 in Berlin.
Ich aß das trockene Brot der industriellen Zivilisation, fernab jeglicher Verbindung zu lebendigem Boden. Ich studierte zwar noch Biologie („Lehre vom Leben“) in der Annahme, dies habe etwas mit „dem Lebendigen“ zu tun; aber die Einzelteile von Lebendem ergaben für mich nichts Lebendiges.
Nachdem also auch dieser Hoffnungsfunken erloschen war, trudelte ich durch das weitere Leben wie eine steuerlose Sonde im Weltall.

Erst als ich 1994 zu einem Balkon und 1999 zu einem Waldgrundstück kam, keimten wieder Samen unter meinen Händen und ließen die Erinnerung an das Paradies erwachen; aber erst 2012 fand meine Frau das Tor zu meinem jetzigen Garten, das Tor zum Vorraum des Paradieses.

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2. Über was schreibe ich hier eigentlich genau?

Es geht hier vor allem um Einblicke in meinen Garten, nichts weiter.

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Der Schwerpunkt meiner Interessen (und somit auch meiner Berichte aus dem Garten) liegt auf der Sammlung, dem Erhalt und der Vermehrung „alter“ Sorten, von Sorten, die moderneren (ertragreicheren, transportfähigeren, krankheitsresistenteren) weichen mussten und nur noch bei Liebhabern und in Genbanken überleben.
Daneben ist die Aufzucht „neuer“ Sorten (aus Samen) mein Lieblingsthema (ich lese so gern in den Sortenlisten: Zufallssämling).

Zukünftige Pflaumenbäume
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Zukünftige Pflaumenbäume

Die Obst- und Gemüsesorten, die ich in meinem Garten bevorzugt anbaue, sind: Erdbeeren, Kartoffeln, Spargel, Bohnen, Zwiebeln und Kürbisgewächse (Kürbis, Zuckini, Melone); danach folgen Tabak, Möhren und Beerensträucher (Johannis-, Stachel-, Him- und Brombeeren).

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Cocozelle di Tripolis

Ganz am Rande werden alle anderen Obst- und Gemüsearten sowie Blumen in diesem Blog behandelt, ebenso wie die anderen Aufgaben, die es im Garten zu erledigen gibt: Un[erwünschtes]kraut jäten, Rasen mähen, Verbesserungen erfinden, den Freizeitwert erhöhen.

Die meisten Beiträge befassen sich mit nur einer Sorte bzw. mit einem Thema; ich schreibe sehr selten über meine Tätigkeiten innerhalb eines Zeitraums (Tage, Wochenende); insofern ist dies kein Tagebuch.
Zumeist versuche ich halbjährlich einen Überblick über eine bestimmte Pflanzenart zu geben, über ihr Werden, Gedeihen und Vergehen.

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Tomatensorte „Golden Currant“

Ich versuche daneben alle meine Tätigkeiten, Vorlieben und Pläne, die den Garten betreffen, ausführlich darzustellen. Ihr, meine Leser*innen sollt einen Einblick in meinen Garten und mein Leben dort bekommen, so als seiet Ihr zu Besuch und hörtet mich über ein bestimmtes Thema plaudern.

Natürlich versuche ich, neben meinen Erfahrungen und (Miss)Erfolgen auch angelesenes Wissen in meine Berichte einfließen zu lassen, damit auch Leser*innen auf ihre Kosten kommen, die nicht mich, sondern „etwas“ kennenlernen wollen.

Ich fürchte, dass ich dieses Berichtsbuch mit der Zeit auch zu Beiträgen missbrauchen werde, die nur entfernt mit meinem Garten und seinen Schwerpunkten zusammenhängen, wie z. B. Samengewinnung, Pflanzenzucht, Buchvorstellungen oder Politik; aber das werden wir sehen.

3. Für wen schreibe ich?

Die Anfangsidee war, meiner näheren Umgebung, meiner Familie, Freunden und Bekannten, einen Einblick in meinen Garten zu verschaffen, denjenigen, die weit entfernt wohnen, die keine Zeit oder nicht genügend Interesse haben, an die Ostgrenze Deutschlands, an die Oder zu reisen, nur um einmal einen (halben) Tag in meinem Garten zu verbringen, und sich dann dabei all das anzuhören, das ich hier in ausschweifenden Monologen niederlege.

Ein weiterer Adressat dieser Aufzeichnungen bin ich selbst (vielleicht sogar der wichtigste).

Ich lege ein Verzeichnis meiner Pflanzen und Tiere an, meiner Anbauflächen und angebauten Sorten, meiner Tätigkeiten, Erlebnisse und Erfahrungen.

Ich halte meine Erinnerungen fest. Ich wecke meine Erinnerungen. Ich schwelge in Erinnerungen.
An Vieles erinnere ich mich schon nach kurzer Zeit nicht mehr; dann lese ich in meinen Garten-Berichten. Aus dem gleichen Grund fotografiere ich meinen Garten möglichst ausgiebig, damit ich mir immer wieder ein Bild machen kann, damit ich mir später ansehen kann, wie er „früher“ aussah.

Ich denke über mich und mein Gartenleben nach. Ich reflektiere; denn manches fällt mir erst auf oder wird mir erst bewusst, wenn ich mich intensiver damit beschäftige.

Zu guter Letzt kam der Gedanke ins Spiel, meine Gedanken, Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten allen zur Verfügung zu stellen, die gerne lesen und nach Informationen übers Gärtnern oder bestimmte Pflanzen suchen, also Dir und Gleichgesinnten.

4. Warum schreibe ich?

Einen Grund – und ich glaube, es war der ursprünglichste – habe ich schon genannt: meiner näheren Umgebung einen persönlichen Besuch zu ersparen bzw. ihr einen virtuellen Besuch zu ermöglichen, ihr schriftlich und bildlich meinen Garten darzustellen.

Den zweitwichtigsten Grund habe ich auch schon erwähnt: Aufzeichnung, Dokumentation, Erinnerung und Reflexion meines „Gartenlebens“. Introspektion. Selbstverortung.

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Ein dritter Grund ist, dass ich lieber schreibe, als zu reden, mich lieber „unpersönlich“ mitteile, mich lieber schriftlich ausdrücke.
Beim Schreiben kann ich Gedanken zurechtbiegen, an Formulierungen feilen, Sinn und Struktur herausarbeiten, was ich bei wörtlicher Rede nicht kann (ich bin kein Redner, kein Erzähler). Ich kann mir mit einem Bericht Zeit lassen, ihn wirken lassen, umschreiben, korrigieren, bevor ich ihn meinen Mitmenschen präsentiere.

5. Wie schreibe ich?

Ich mische eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit recherchiertem Wissen. Ich möchte berichten und informieren. Ich möchte Chronist und Sachbuchautor sein weniger Journalist oder Essayist, d. h., dass Unterhaltung und Spaß nicht im Vordergrund stehen.

Ich bemühe mich, trotz aller Sach- und Faktenhuberei nicht nur nüchtern, sachlich und trocken zu schreiben, sondern auch ein bisschen witzig und unterhaltsam.

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Ich möchte außerdem Gesicht zeigen, mein Umfeld, meine Meinung und meine Vergangenheit; denn ich glaube, es ist wie im wirklichen Leben: Jemand schenkt „sekundären“ (von anderen Menschen gefilterten) Informationen eher Glauben (ein primäres Interesse vorausgesetzt), wenn er der „Quelle“ vertraut, wenn er den Überbringer der Botschaft (ein wenig) kennt.

Ich will also möglichst offen und ehrlich schreiben.

6. Warum veröffentliche ich Berichte aus dem Garten?

Prolog: Jeder sollte sich grundsätzlich hin und wieder fragen, warum er etwas tut. Das tut man jedoch vor allen Dingen, wenn man mit diesem Etwas ein Problem hat, wenn es nicht (mehr) selbstverständlich ist.
Kommunikation ist mir nie leicht gefallen, Kommunikation über das anonyme Internet ist für mich noch weniger selbstverständlich; deshalb frage ich mich womöglich: Warum?

Eine Erklärung ist auf jeden Fall ein persönliches Problem (das möglicherweise auch viele andere „Blogger“ haben): Ich kenne zu wenig Menschen in meiner Umgebung, mit denen ich meine Garten-Leidenschaft teilen, denen ich sie mitteilen kann.

Ich habe (immer mal wieder) das Bedürfnis, mich über Gartenbau auszutauschen, von meinen Erfahrungen, Plänen und Ideen zu berichten; das ist Fakt. Ich möchte jedoch niemanden mit meinen persönlichen Vorlieben langweilen, niemanden zutexten. Eine derartige einseitige „Kommunikation“ befriedigt mich nicht (auch wenn es schon mal passiert, dass ich überquelle und meiner Liebsten mein Herz ausschütte – und sie mir freundlicherweise ein Ohr leiht).

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Das ist das Schöne an dieser Art Veröffentlichung: ich kann mein Herz ausschütten, mich ausgiebig mitteilen, ohne irgendjemanden zu belästigen.
Ich biete Kommunikation an, ich mache ein Angebot, ich formuliere einen Interaktionswunsch, ich stelle eine Plattform für einen Austausch bereit – mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und möglicherweise treffe ich auf Gegenliebe.

Nun tauchten in meiner Umgebung (oder war es in meinem Unterbewusstsein?) Mutmaßungen über weitere mögliche Gründe auf, diese Veröffentlichung in die Tat umgesetzt zu haben.

Möchtest Du Deine Mitmenschen nicht vor allem aufklären, ihnen zeigen, wie „richtig“ gegärtnert wird?
Also, aufklären will ich auf keinen Fall! Das würde bedeuten, dass jemand aufgeklärt, d. h., „klarsichtig“ gemacht werden müsste.
Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, dass jeder die Art Gartenbau finden muss, die am besten zu ihm passt, mit der sie/er glücklich wird.
Ich will nur darstellen, was ich mache und wie ich es mache, wie ich das Richtige für mich finde. Ich will Körnchen (Samen!) ausstreuen. Das schon. Jeder soll sich dann die herauspicken, die ihm schmecken – das kann eine Anleitung, eine Information, ein Link, eine Idee oder ein Schmunzeln sein.
So halte ich es auch, wenn ich lese. Ich nehme das auf, was ich brauchen kann.

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Machst Du Deine Gedanken öffentlich, um Bestätigung, Anerkennung zu bekommen?
Ich freue mich über Resonanz. Hinweise. Kritik. Sicher. Lob. Noch mehr natürlich. Jede Reaktion gibt ein gutes Gefühl.

Hegst Du insgeheim die Hoffnung, mit dem Garten-Blog eines Tages Geld zu verdienen? Oder dass Dich vielleicht jemand entdeckt und als (Online-)Redakteur für eine Garten-Zeitschrift verpflichtet?
Das will ich nicht ausschließen; diese Gedanken spielten aber beim Start dieses Berichtshefts überhaupt keine Rolle.

Bevor ich anfing, die Warum-Frage für mich zu beantworten, habe ich die Suchmaschinen nach den Motiven anderer Menschen befragt, die Blogs oder überhaupt irgendetwas schreiben und veröffentlichen?
Ich fragte: Gibt es eine Selbstreflexion in der Publizisten-Branche (wozu ich neben Journalist*innen und Blogger*innen auch Wissenschaftler*innen zähle)?

Erstaunlicherweise habe ich dazu so gut wie nichts gefunden; eine kleine Studien über die Beweggründe bloggender Jugendlicher war alles.

Stellen sich Menschen, die etwas veröffentlichen, niemals die Frage, warum sie das tun? Oder schreiben sie nur darüber nicht gern? Oder ist „Geld zu verdienen“ der einzige Grund – und nur mir nicht klar?

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Eine solche Annahme würde durch die Tatsache erhärtet, dass es anscheinend genügend Menschen gibt, die etwas schreiben wollen, ohne etwas zu sagen zu haben, ja selbst, ohne etwas zu wissen. Oder wie soll ich Blog-Beiträge mit Tipps, wie man Themen finden kann, sonst verstehen? Die zahlreichen Hinweise, wie man seinen Blog vermarktet, passen da nur zu gut ins Bild.

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Nun ja, das ist das Ende der Nabelschau.



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