Kartoffel(vor)schau

Gestern hat die Genbank des Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Groß Lüsewitz geliefert, und zwar nicht nur die bestellten vier Sorten (Aquila – DE 1942, Lipa – Slowakei 1973 , Otava – CZE 1981 und Fransen – NL ca. 1900), sondern obendrein noch vier Sorten (Edelgard – DE 1936, Eigenheimer – NL 1893, Magnum Bonum – GB 1876 und Pirat – DE 1958), die ich als Ersatz angegeben hatte, falls die bestellten nicht verfügbar wären (so hatte ich die im Bestellformular vorgesehene Möglichkeit zumindest verstanden).

So sonnen sich also je drei Exemplare von acht Sorten im Zwischenraum eines Doppelfensters unseres Wohnzimmers und warten darauf, mit meiner fetten, schwarzen Gartenerde in Kontakt zu kommen.

Alle Sorten hatte ich nach der geschmacklichen Bewertung ausgewählt, die sie laut Knollenliste der Genbank haben: die Angeforderten hatten 9 Punkte (Höchstpunktzahl), der Ersatz immerhin noch 8.

von links: Magnum Bonum, Aquila, Eigenheimer
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von links: Magnum Bonum, Aquila, Eigenheimer, Pirat

von links: Otava, Fransen, Edelgard, Lipa
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von links: Otava, Fransen, Edelgard, Lipa

Mal sehen, was ich von der offiziellen Geschmackseinschätzung zu halten habe; aber erst einmal müssen sie genügend Ertrag bringen, damit auch etwas zum Probieren abfällt – und nicht nur neue Pflanzkartoffeln.
Nach der Ernte werde ich penibel Bericht erstatten.

Vorgestern trafen schon fünf exotische Kartoffelsorten (Maori, Titicacasee, Rote Hörner, Mayan Gold oder Gunda, Pimpernel oder Woudster) von Cordula aus Labenz/Schleswig-Holstein ein, die sie in ihrem Garten anbaut und in ihrem Blog vorstellt.
Als ich neulich durch Zufall über ihr Gartentagebuch stolperte, fragte ich sie gleich an, woher sie denn diese ausgefallenen Sorten bekommen habe und ob sie nicht bereit sei, die eine oder andere Knolle abzugeben (Cordula tauscht und vergibt gerne)?
Sie hat die meisten auch von anderen Hobby-Gärtner*innen bekommen, und gab mir gern ein paar ihrer Schätze gegen Porto-Erstattung ab.

Nun liegen nicht nur die fünf Exemplare der vier Sorten in der Vorkeimkiste, die ich im letzten Jahr aus Peru bekommen habe, sondern auch noch diese Denkwürdigkeiten.

von links: Rote Hörner, zwei "rote" Kartoffeln aus Peru, Titicacasee (violette Fingerlinge), Sieglinde (rechte Seite), links unten; Birte; dazwischen sind noch ein paar Highland Burgundy Red verstreut sowie die beiden anderen, weit vorgekeimten Kartoffeln aus Peru)
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Links oben: Rote Hörner, daneben zwei “rote” Kartoffeln aus Peru, Titicacasee (violette Fingerlinge), Sieglinde (ganze rechte Seite), links unten: Birte; dazwischen sind ein paar Highland Burgundy Red verstreut sowie die drei anderen, weit vorgekeimten Kartoffeln aus Peru)

Von links: Mayan Gold oder Gunda, Pimpernell oder Woudster (rötlich), Maori (violett)
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Vor der Kiste von links: Mayan Gold oder Gunda, Pimpernel oder Woudster (rötlich), Maori (violett)

Die Liste meiner diesjährigen Kartoffelsorten wird aber noch länger, wie ja der Anblick der “Kartoffelkiste” oben schon vermuten lässt: im OBI-Baumarkt wurde in diesem Frühjahr nicht nur die Sorte “Adretta” angeboten, sondern zusätzlich eine ganze Reihe “alter” Sorten; an “Sieglinde” konnte ich (leider) nicht vorbeigehen, ohne sie zärtlich in meinen Warenkorb zu betten.

Dann wäre da noch “Birte”, eine vorwiegend festkochende Schwester der “Adretta”; diese hatte mir einst Herr Gattner von der Züchterfirma NORIKA Nordring-Kartoffelzucht- und Vermehrungs-GmbH, der Nachfolgeorganisation des Kartoffelforschungsinstituts der Akademie der Landwirtschaft der DDR, in seiner Anwort auf eine Email von mir als seine bevorzugte Sorte gepriesen.

Wie diese Sorte aber nun in meine Vorkeimkiste kommt, hat folgende Bewandtnis: Die NORIKA hat ihren Verwaltungssitz (und einige andere Einrichtungen) in Groß-Lüsewitz/Mecklenburg-Vorpommern. In diesem Ort lebt aber auch eine gute Freundin meiner liebsten Frau. Was also lag näher, sie auf  diese Kartoffel anzusetzen: ich bat sie, in der örtlichen Verkaufsstelle der NORIKA nach dieser Sorte zu fragen. Auf dem Weg dorthin fand sie die besagte Kartoffel aber schon in einem dortigen Lebensmittelmarkt; was wollte ich mehr – ob Speise- oder Pflanzkartoffel, beide produzieren die gleichen Knollen – und über eingeschleppte Krankheiten lamentiere ich dann später (man muss nämlich wissen, dass Pflanzkartoffeln nach strengen Regeln angebaut werden, um möglichst krankheitsfreie Knollen zu erzeugen; aber bei mir herrscht ja das Prinzip Hoffnung – sonst könnte ich mir auch keine Kartoffeln von irgendwelchen Hobby-Anbauer*innen schicken lassen – siehe oben).

Als letzte folgt die schöne Annabelle. Sie habe ich meinem Bruder abgeworben, dessen Spitzenkraft sie in den letzten Jahren war. Aus seinen großen Lagerbeständen suchte ich mir bei unserem letzten Besuch im Oktober eine Handvoll feiner Pflanzkartoffeln aus, die mit den anderen (siehe unten) den Winter im Kühlschrank verbringen mussten.

So, wieviele neue Sorten sind das nun zusammen? Habt Ihr mitgezählt?
OK, ich sag’s Euch: 20.

Zu den 10 Sorten vom letzten Jahr
Adretta
Blauer Schwede
Cherie
Highland Burgundy Red
Rosara
Ruandische (rot)
Abkömmling Ruandische (weiß)
Shetland Black
Valfi
Vitelotte
von denen jeweils 15 Exemplare den Winter im Kühlschrank im Gartenhaus ganz ordentlich überlebt haben und im Moment vor dessem großen Südfenster (hoffentlich) die Sonne genießen, gesellen sich also weitere 20 Sorten.
Der Kartoffelsammler in mir wird überdeutlich sichtbar, fürchte ich.

Halt! Noch ist die Kartoffel(vor)schau nicht mal vollständig; denn es fehlen noch einige Sämlinge, die aus letzjährig gewonnenen Samen hervorgegangen sind und die ebenfalls je eine neue Sorte hervorbringen und sich momentan auf dem Anzuchttisch entwickeln.

Sämlinge von Blauer Schwede, Highland Burgundy Red, Shetland Black (links) und meiner "Ruandischen" (rechts)
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Sämlinge von Blauer Schwede, Highland Burgundy Red, Shetland Black (Mitte) und meiner “Ruandischen” (rechts daneben)

Wieviele dieser Pflanzen in den Boden kommen, ist momentan noch ungewiss: ich habe keinen Überblick über den Platz, den all die bis hierher aufgezählten Kartoffeln beanspruchen werden.

Ich trage zwar schon einen Plan mit mir herum, wo und wie ich die Kartoffeln in diesem Jahr anbauen werde, aber der wird letztlich erst vor Ort in die Praxis umgesetzt und evtl. entsprechend modifiziert werden müssen.
Nur soviel sei an dieser Stelle verraten: er lehnt sich an das Konzept der MILPA an, einem alten Anbausystem der amerikanischen Ureinwohner, bei dem Mais, Bohnen und Kürbis zusammen gepflanzt werden, um sich gegenseitig zu unterstützen; die Bohnen liefern Stickstoff, der Mais dient als Rankhilfe und der Kürbis unterdrückt den Beikrautbewuchs.
Ich will in diesem System den Kürbis durch die Kartoffel ersetzen.

Mehr dazu im Sommer (oder im Herbst), wenn Ergebnisse über meinen MILPA-Mix vorliegen; bis dahin können sich Interessierte mal dieses schöne Projekt einer schwedischen Künstlerin in den Prinzessinnengärten in Berlin anschauen – es gibt viel über die Kartoffel zu erfahren (allerdings in Englisch).