Das Kartoffelkäfer-Dossier II

oder: Unkonventionelle Konzepte zur Kontrolle des Konkurrenten.

Nachdem ich Euch den Kartoffelkäfer im Kartoffelkäfer-Dossier I ausführlich vorgestellt habe, möchte ich Euch heute (endlich, aber hoffentlich noch rechtzeitig zur neuen Saison) mit neuen Strategien bekannt machen, die meiner Meinung nach die negativen Auswirkungen der Kartoffelkäfer effektiv(er) eindämmen könnten, d. h., nachhaltiger und gesünder für Mensch und Umwelt.

Auch auf die bisher zumeist eingesetzten Mittel, die Insektizide, auch „Chemische Keule“ genannt, werde ich ein wenig eingehen, Mittel, mit denen der industriell-gewerbliche Kartoffelbau die Käfer seit ihrer Ernährungsumstellung von einer Wildpflanze zur Kartoffelpflanze niedermachen will; aber ich beziehe sie nur ein, um ihre gefährliche Überschätzung noch einmal deutlich zu machen.

Außerdem behandele ich die Frage, ob Kartoffelkäfer natürliche Feinde haben, und stelle die wirksamsten Maßnahmen für Hobby-Gärtner:innen zusammen – jede:r soll etwas Nützliches in diesem Beitrag finden können.

Zwei Finger halten einen Kartoffelkäfer

„Erstkontakt“ mit einem Kartoffelkäfer (die Furcht, ihn zu zerdrücken, spielt mit)

In der Hauptsache geht es mir heute jedoch um grundsätzliche Konzepte, die den Käferbefall beschränken oder doch zumindest unter ein Maß drücken sollen, das auch in „Kartoffelkäferjahren“ noch eine ausreichende Ernte sichert.

Jede:r für sich oder alle gegen einen

Grundsätzliche Strategien sind nur sehr begrenzt wirksam, wenn sie ausschließlich von Einzelnen umgesetzt werden. Kein gewerblicher Kartoffelanbauer kann unter den gegenwärtigen, marktwirtschaftlichen Konkurrenzbedingungen eine grundsätzliche Strategie umsetzen, ohne dabei wirtschaftlichen Suizid zu begehen; deshalb erfordern meine Vorschläge eine gesellschaftliche Diskussion über den gewünschten Umgang mit dem „Kartoffelkäferproblem“ (und den Problemen mit allen anderen Organismen, die an unseren, mühsam erzeugten Nahrungsmitteln teilhaben wollen).

Die Gesellschaft als Ganzes muss bereit sein, die Kosten für eine andere Art der „Bekämpfung“ (ich werde dieses Wort nur dieses eine Mal verwenden und ansonsten von „Kontrolle“ sprechen) zu tragen, wobei die Frage besteht: Wer ist die „Gesellschaft“? Die Brandenburger, die Deutschen, die Europäer oder die Menschheit?

Ich behaupte: In diesem Fall würde anfangs schon ein deutsches Bundesland genügen, um eine neue, gemeinschaftliche Strategie zu erproben; bei Erfolg werden schnell weitere mitmachen.

Eine großräumige, gemeinsame Strategie würde meines Erachtens ganz sicher erfolgreicher sein als die beschränkten, unkoordinierten Bemühungen vieler Einzelner, die heute angewendet werden.

Zwei Kartoffelkäfer beim Geschlechtsverkehr

Zwei Kartoffelkäfer beim Geschlechtsverkehr (24. Mai)

„Lieber St. Florian“ oder ein Beispiel für eine kurzsichtige Strategie

Ich habe schon im letzten Beitrag kurz zwei Maßnahmen angedeutet, die vor allem Anbauer:innen von Bio-Kartoffeln empfohlen werden, um den Kartoffelkäferbefall zu minimieren: Neue Felder sollten wenigstens 500 Meter von den vorjährigen Anbauflächen entfernt angelegt und auf letzteren sollten alle „Durchwuchskartoffeln“ gründlich beseitigt werden, da sie gefährliche „Befallsherde“ seien (die zweite Maßnahme wird auch den konventionellen Anbauer:innen von ihren Berater:innen nahegelegt).

Ich hatte auch schon angedeutet, dass ich eine solche Strategie für wenig sinnvoll halte; denn was passiert in diesem Fall?

Wenn Kartoffelkäfer im Frühjahr in der Umgebung ihrer Winterquartiere nichts Fressbares finden, erheben sie sich in die Lüfte und suchen die nähere Umgebung nach Nahrungspflanzen ab.

Das wissen ganz sicher auch die Berater:innen.

Ihre Hoffnung besteht also (höchstwahrscheinlich) darin, dass bei der Umkreissuche ein gewisser Prozentsatz der Käfer das Leben verliert – oder sich auf die Felder der Nachbarn verirrt (was selbstverständlich nicht laut ausgesprochen wird).

Zwei Kartoffelkäfer bei ungewöhnlichen Geschlechtsverkehr

Auch Kartoffelkäfer treiben es bisweilen „anders herum“, wie diese Aufnahme beweist

Ohne Frage werden Käfer bei ihren Suchflügen umkommen; aber auf diese vage Hoffnung eine Kontrollstrategie zu gründen, halte ich für wenig weit gedacht.

Wenn alle Kartoffelanbauer:innen nämlich diese Strategie anwenden, hat jede Anbauerin zwar einen geringeren Prozentsatz der im Vorjahr „selbst gezüchteten“ Käfer auf dem Acker, dafür aber zusätzlich einen entsprechenden Prozentsatz an Käfern aller umliegenden Kartoffelbauern: Ich würde so etwas „Nullsummen-Spiel“ nennen.

Außerdem befördert eine solche Strategie die Ausbreitung der Käfer ganz ungemein: Waren sie zuvor auf den vorjährigen Kartoffelfeldern oder zumindest in deren Nähe konzentriert, so verteilen sie sich nun über viele Quadratkilometer und bevölkern gleichmäßig alle Felder der Umgebung (was selbstverständlich ein kleiner Prozentsatz der Käferpopulation immer tut).

Drei Kartoffelkäfer beim Geschlechtsverkehr

Kartoffelkäfer kennen auch den „Flotten Dreier“…

Kartoffelkäferkontrolle mit Gemeinschaftsgeist

Eine Strategie mit mehr Verstand sähe meines Erachtens anders aus.

Wie oben schon angemerkt, sollen die „Durchwuchskartoffeln“ ja deshalb beseitigt werden, weil sie „Befallsherde“ seien; diese Bezeichnung zeigt eindeutig, dass diese, aus den Vorjahresrestkartoffeln erwachsenen Stauden die Kartoffelkäfer besonders magisch anziehen.

Das ist aus ihrer und der Lebensweise ihrer Nahrungspflanzen heraus leicht erklärlich, wie ich in der 1. Folge des Dossiers hoffentlich überzeugend dargestellt habe: Nach ihrer Winterruhe suchen die allermeisten Käfer aufgrund ihrer Bindung an ein Knollengewächs zu Fuß nach Futter in der Nähe; da sie Kartoffelstauden anhand ihres Geruchs über einige Entfernung wahrnehmen können, versuchen sie zur Stärkung zunächst die nächstgelegenen Pflanzen aufzusuchen.

Dieses ziemlich festgelegte Verhalten der Kartoffelkäfer könnte nun konsequent zu ihrer Kontrolle genutzt werden: Auf dem vorjährigen Kartoffelfeld könnten einzelne Streifen von Kartoffeln nicht geerntet, sondern als „Fallen“ im Boden belassen werden (sie könnten im Winter sogar zum Frostschutz noch zusätzlich gehäufelt werden). In den früh und zahlreich austreibenden Kartoffelpflanzen dieser Streifen wird sich im folgenden Frühjahr der überwiegende Teil der Kartoffelkäfer sammeln, die sich im Vorjahresfeld entwickeln konnten.

Zahlreiche Kartoffelkäfer auf 'Durchwuchskartoffel'

Zahlreiche Kartoffelkäfer haben sich zum gemeinsamen Mahl auf einer „Durchwuchskartoffel“ versammelt

Man braucht sie dann dort nur noch einzusammeln; eine entsprechende (selbstfahrende, satelliten-gesteuerte) Maschine für diesen Zweck zu konstruieren, sollte das allerkleinste Problem darstellen (gute Ansätze, wie den Bio-Collector, gab es bereits).

Drei Kartoffelkäfer auf Kartoffelstaude

Drei hungrige Kartoffelkäfer laben sich nach der Winterruhe an Kartoffelblättern

Das größere Problem liegt eher darin, dass sich für einen einzelnen Kartoffelanbauer eine solche Maßnahme wirtschaftlich nicht rechnet: Er würde zwar seine „eigenen“ Kartoffelkäfer mit dieser Methode ziemlich konsequent einfangen, würde aber trotzdem jede Menge Käfer seiner Nachbarn abbekommen, die weiterhin auf die „Zerstreuungsmethode“ setzen.

Die aussichtsreichere Strategie ist also nur großräumig umzusetzen und wäre nur wirksam, wenn alle Kartoffelanbauer:innen eines Gebietes zu ihrer Umsetzung verpflichtet oder für eine freiwillige Teilnahme gewonnen würden.

Diese Strategie, wirklich konsequent angewandt, sollte die Kartoffelkäfer sogar an den Rand des Aussterbens bringen, ist meine bescheidene Meinung – wenn da nicht noch ihre „Anpassungsfähigkeit“ wäre…

An einem Blatt fressender Kartoffelkäfer

Ein hungriger Kartoffelkäfer stärkt sich für seine Lebensaufgaben

Haben Kartoffelkäfer natürliche Feinde?

Oftmals wird der Wunsch laut, die Kartoffelkäferplage mit Hilfe natürlicher Gegenspieler einzudämmen. In oberflächlichem Schriftum heißt es dazu in der Regel: Kartoffelkäfer haben hierzulande keine natürlichen Feinde.

Unter natürlichen Feinden werden dabei vor allem „Fressfeinde“, also bekannte, gut sichtbare Lebewesen, wie Vögel, Igel, Spitzmäuse oder Kröten verstanden.

Wer nur diese Tiere zu den natürlichen Feinden zählt, hat möglicherweise recht: Diese Tierarten verschmähen die eingewanderten Käferchen tatsächlich zumeist (noch); aber es gibt ja noch andere Wesen, die da nicht so wählerisch sind oder die Farben des Kartoffelkäfers und seiner Larven nicht für Warntafeln mit der Aufschrift „Achtung! Giftig!“ halten: andere Insekten, Fadenwürmer (Nematoden), Pilze, Bakterien und Viren zum Beispiel.

Zwei Kartoffelkäfer (von hinten, von vorn)

Kartoffelkäfer kommen und gehen…

Schon in den 1950er-Jahren wurde beobachtet, dass einheimische Raupenfliegen (Tachiniden) auch massenhaft Kartoffelkäferlarven mit Eiern belegten. Die Tachinidenlarven konnten sich zwar damals – soweit feststellbar – nicht in den Kartoffelkäferlarven entwickeln; aber die Natur stellt ja immer eine große genetische Vielfalt zur Verfügung, und somit besteht auch die Chance, dass unter den Raupenfliegen eine Variante ist, die von Kartoffelkäferlarven leben kann.

Pilze, Bakterien und Viren sind in der Regel breiter aufgestellt, was ihre Nahrungsgrundlage anbelangt; sie vernichten in großer Zahl Eier, Larven-, Puppen- oder Überwinterungsstadien der Kartoffelkäfer; denn nicht jedes Jahr ist ein „Kartoffelkäferjahr“. Feuchte Jahre setzen den trockenheitsgewohnten Kartoffelkäfern mächtig zu: Sie fallen ihren natürlichen Feinden massenhaft zum Opfer.

Die Frage, mit der ich diesen Abschnitt überschrieben habe, ist also eindeutig mit „Ja“ zu beantworten: Kartoffelkäfer haben jede Menge natürliche Feinde!

Insofern wäre es auch möglich, eine Strategie unter dem Slogan zu verfolgen:

Mehr Chancen für die natürlichen Widersacher der Kartoffelkäfer!

Jede:r kann sich leicht vorstellen, dass bei der großflächigen Bekämpfung des Kartoffelkäfers mit Insektiziden auch alle Organismen, die ihn dezimieren könnten, geschädigt bzw. behindert werden; deshalb würde ich als zweiten Vorschlag zur Kontrolle des Käfers den folgenden unterbreiten:

Meiner Vorstellung nach wird ein Gebiet von der Mindestgröße eines Regierungsbezirks als „Versuchsgebiet“ ausgewiesen; in diesem Gebiet müssten in größerem Maßstab Kartoffeln angebaut werden. Das ausgewiesene Versuchsgebiet müsste in gewisser Entfernung von anderen, größeren Anbaugebieten liegen (damit diese vom neuen Konzept nicht betroffen werden). Im Versuchsgebiet wird für mindestens zehn Jahre jegliche Bekämpfung des Kartoffelkäfers eingestellt und ausschließlich die natürliche Vermehrung des Käfers und seiner natürlichen Widersacher beobachtet und wissenschaftlich untersucht.

Kartoffelkäfer, auf dem Rücken liegend

Niedergerungen…

Alle Anbauer:innen in diesem Gebiet müssten selbstverständlich von der Gesellschaft für Verluste entschädigt werden.

Gleichzeitig sollte die genetische Vielfalt der Kartoffeln in diesem Gebiet maximal vermehrt werden, um feststellen zu können, wie die Käfer auf unterschiedliche Kartoffelvarianten reagieren.

Ich weiß, dass dieser Plan noch verwegener ist als der obige; aber ich bin mir sicher, dass er eines Tages breite Unterstützung finden wird, da sich nur auf diese Weise neue Varianten der natürlichen Feinde des Kartoffelkäfers entwickeln und neue Erkenntnisse über sie gewonnen werden können…

Ich komme nun zu den „erprobten“ Maßnahmen, die zwar die Agro-Chemie-Industrie groß, die Käfer aber bisher nicht kleiner gemacht haben (und mit denen sie auch, meiner Meinung nach, niemals endgültig besiegt werden können).

Die „Chemische Keule“ und ihre Auswirkungen

Kaum waren von den Käfern die ersten Felder in den USA kahl gefressen worden, dachten findige Köpfe auch schon über Maßnahmen zu ihrer Vernichtung nach. Die am schnellsten wirkenden, am einfachsten herzustellenden und am meisten Arbeit sparenden Mittel sind chemischer Natur, Gifte, kurz gesagt; deshalb wurden die Käfer von Anfang an vor allem vergiftet.

Das erste Mittel, das zu diesem Zweck gegen den Kartoffelkäfer eingesetzt wurde, war ein Präparat, das Arsen enthielt und „Schweinfurter oder Pariser Grün“ genannt wurde; es wurde zuvor in erster Linie als Farbpigment genutzt. „Mitte der 1890er Jahre wurden in den USA bereits 2.000 Tonnen jährlich verkauft“ (Wikipedia) – und natürlich in die Umwelt ausgebracht.

Nuegeborene Kartoffelkäfer

Heute besonders im Visier der Chemie-Industrie: die empfindlichen ersten Stadien der Kartoffelkäferlarven…

Kartoffelkäferlarve frisst an Kartoffelstängel

Wenn sie nicht meine Kartoffelsämlinge fressen würde…

Auch wenn sich Insekten stark vom Menschen (und von anderen Lebewesen) unterscheiden, sind ihre Lebensprozesse doch nicht grundlegend anders; aus diesem Grunde wirken die Kartoffelkäfergifte auch immer auf andere lebende Organismen. Schon damals war bekannt, dass „Schweinfurter bzw. Pariser Grün“ auch für Menschen direkt höchst giftg war und es wurde von Anfang an eindringlich vor seinem Einsatz gewarnt; aber erst viele Jahre später waren die Schäden für Mensch und Umwelt für jede:n so deutlich sichtbar, dass seine Verwendung als Kartoffelkäferkiller gesetzlich verboten wurde.

Ein paar Filmausschnitte mögen den früheren, sorglosen (oder soll ich sagen: gewissenlosen) Umgang mit den Giften belegen, die jedem Betrachter die Haare zu Berge stehen lassen müssen (mich grausen solche Anblicke auf jeden Fall). Wie werden unsere Nachfahren unseren heutigen Umgang mit der „Chemischen Keule“ beurteilen?

Ausschnitt aus „Welt im Film“ 60/1946 | 17.07.1946

Die Videos sind Ausschnitte aus folgenden Langfassungen:
1. Bundesarchiv: „Welt im Film“ 166/1948 | 30.07.1948
2. Bundesarchiv: „Welt im Film“ 220/1949 | 15.08.1949
3. Bundesarchiv: „Welt im Film“ 321/1951 | 27.07.1951
4. Youtube: Historische Landwirtschaft: Wir pflanzen und pflegen Kartoffeln – Produziert 1951
5. Youtube: Communist Propaganda – Potato Bug

Die chemischen Mittel haben aber noch eine weitere Nebenwirkung: Sie selektieren. Der größte Teil der Kartoffelkäfer(larven) wird zwar abgetötet, ein kleiner Teil überlebt die Begiftung jedoch und vermehrt sich weiter, so lange, bis es heißt: Die Käfer haben eine Resistenz entwickelt; das kam in den ca. 150 Jahren, die Kartoffelkäfer nun begiftet werden, alle paar Jahre vor (die entsprechende Tabelle der Wirkstoffe und der Jahre, nach denen sie unwirksam wurden, füge ich hier nicht wieder ein, sondern verweise auf meinen Beitrag „Wettlauf zwischen Hase und Igel“, in dem sie zu finden ist, und der sich mit dieser Problematik eingehend befasst).

Außer vielfältig resistenten Käfern und belasteten Menschen hat die primitive Waffe „Chemische Keule“ also wenig Bleibendes gebracht…

Was Freizeit-Gärtner:innen gegen Kartoffelkäfer tun können

Handlese

Ich gehe davon aus, dass nachdenkliche Gärtner:innen weder Gift auf ihre Kartoffelpflanzen sprühen noch Kaffeesatz und pulverisierte Pfefferminzblätter auf ihnen verteilen, sondern umweltfreundlichere bzw. wirksamere Methoden einsetzen wollen; diese sind aber ohne Frage in der Regel arbeitsintensiver.

Kartoffelkäferlarven im Eimer

Die (Aus)Beute eines Durchgangs durch mein kleines Kartoffelbeet am 26. Juni

Die einfachste und wirksamste Methode ist die Handlese: Alle Tage mal durchs Beet zu streifen und nach Eigelegen zu fahnden, um diese zu zerdrücken, bringt den meisten Erfolg; wenn man mit der Hand von unten her die Blätter anhebt, sind die gelben Eigelege meistens gut zu erkennen.

Wenn sich schon Larven zeigen – bei schlechtem Wetter verstecken sich die ersten beiden Stadien gern in den Blattfiedern der neugebildeten Blätter – kann man eine Schüssel oder einen Eimer unter die Pflanzen halten und diese kurz und heftig anstoßen; dann lassen sich oft auch die Larven fallen (die Käfer so gut wie immer) und man muss nicht jedes Tierchen einzeln absammeln.

Kartoffelkäferlarven werden mit kochendem Wasser getötet

Brutal, aber am schnellsten wirksam: kochendes Wasser

Dieser Arbeitseinsatz ist aber nur auf einer sehr begrenzten Anbaufläche möglich (oder man hat eine ausreichend große Familie oder einen willigen Freundeskreis).

Fallen pflanzen

Wenn der Garten größer ist und die Anbauflächen in den einzelnen Jahren größere Abstände voneinander haben können (ich würde jetzt einfach mal wenigstens 50 Meter annehmen), ist auch die „Fallenmethode“ mit Hilfe von „Durchwuchskartoffeln“ im Vorjahresbeet erfolgversprechend: Man lässt im alten Beet wieder eine Handvoll Kartoffeln wachsen und sammelt an diesen die anmarschierenden Käfer konsequent alle paar Stunden ab; aber, wie oben schon geschrieben, ist diese Maßnahme weniger wirksam, wenn die Nachbarn auf die „Zerstreuungsmethode“ setzen…

Kartoffelkäfer klettert an der Außenseite eines Glases

Härchenpolster an den „Füßen“ (Tarsen) machen Haftung möglich, selbst an glattem Glas…

Netze

Wer über Gemüseschutznetze verfügt und nur ein kleines Kartoffelbeet behüten muss, kann dieses auch mit einem Netz überziehen, bevor die Kartoffeln auflaufen (das Kraut sichtbar wird). Es muss aber rund um das Beet gut in die Erde eingegraben werden, da die Käferchen zu Fuß zum Futter wandern und ein locker auf der Erde liegendes Netz locker unterwandern.

Das Einnetzen ist außerdem nur wirksam, wenn sich das Kartoffelbeet in gewissem Abstand (ich sage auch mal wieder aus dem Bauch: ca. 50 Meter) vom Kartoffelbeet des Vorjahres entfernt befindet: Es dürfen sich nämlich keine Winterruhestätten der Käfer unter dem Netz befinden; wenn das der Fall ist, sind durch das Netz vor allem die Kartoffelkäfer bestens geschützt und weniger die Kartoffelpflanzen.

Ab wann lohnt sich der Einsatz von Zeit und Geld

Nach diesen Vorschlägen zur Kontrolle der Kartoffelkäfer ist auch unbedingt die Frage zu beantworten, ab wann sich welcher Aufwand lohnt?

Nachdem früher jeder Befall sofort und konsequent bekämpft wurde, erfolgt ein Mitteleinsatz auch im konventionellen Kartoffelanbau heutzutage zumeist nur noch dann, wenn der Befall eine „Schadschwelle“ überschreitet.

Als „Schadschwelle“ wird ein Befall mit schädigenden Organismen (hier: die Anzahl von Larven pro Kartoffelstaude) bezeichnet, die einen solchen Schaden verursachen (die Ernte so weit verringern), dass sich der Einsatz von Zeit und Geld lohnt, d. h., es wird mehr Geld durch vermehrtes Erntegut verdient, als für die Bekämpfung der Schadorganismen ausgegeben werden muss.

Im gewerblichen Kartoffelanbau liegt diese Schwelle zur Zeit bei durchschnittlich zwei erwachsenen Käfern, einem Eigelege oder 15 jungen Larven pro Staude.
Erst, wenn auf 25, zufällig im Feld verteilten Stauden mehr als die genannten Käferstadien gefunden werden, ist ein (Insektizid-)Einsatz (privat)wirtschaftlich sinnvoll.

Trotzdem wird immer noch neun Mal jährlich mit der Giftspritze aufs Kartoffelfeld gefahren, wobei diese wenigstens ein Mal ein Insektizid enthält.

Häufigkeit der Behandlung von Kartoffeln (2011 bis 2020)

Jahr insgesamt Fungizide Herbizide Insektizide
2011 8,63 6,51 2,48 1,14
2012 9,45 7,19 2,50 1,28
2013 8,67 6,61 2,29 1,06
2014 9,68 7,60 2,41 0,81
2015 8,96 6,66 2,51 1,28
2016 9,79 7,85 2,38 1,11
2017 9,79 7,72 2,50 1,13
2018 8,18 6,28 2,10 1,19
2019 8,59 6,42 2,31 1,36
2020 8,94 6,78 2,25 1,22
Das Julius-Kühn-Institut dokumentiert die Behandlung unserer Nahrung mit „Schutzmitteln“

Im Garten kostet eine Sammelaktion zwar „nur“ Zeit, aber auch diese sollte man gegen den Mehrertrag aufrechnen, den man eventuell am Ende des Jahres einsacken kann; manchmal lohnt sich die Mühe nicht.

Außerdem gilt es immer zu bedenken, dass sich mit den Kartoffelkäfern auch ihre natürlichen Feinde (siehe oben) vermehren – und wer in diesem Jahr ein Kilo Kartoffeln opfert, erntet dafür vielleicht im nächsten Jahr drei Kilo mehr, ohne sich mühen und sorgen zu müssen.

Das gilt selbstverständlich nur für Hobby-Gärtner:innen. Gewerblich und privat-wirtschaftlich arbeitende Landwirte müssen dafür sorgen, dass sie und ihre Familien genug zu essen haben; sie können es sich nicht leisten, Opfer für die Gesellschaft zu bringen.

Die Gesellschaft muss schon insgesamt beschließen, dass sie zeitweise auf eine gewisse Menge Kartoffeln verzichten will und kann; dafür werbe ich hier…