Pflanzenzucht kann jeder

Tschuldigung, liebe Frau(en), auch jede Frau kann natürlich Pflanzen züchten.

Was ich sagen will, ist dies: Pflanzen züchten ist nicht (allzu) schwer – jede*r Gärtner*in, jede*r Landwirt*in sollte das tun, wenn es irgendwie möglich ist.

Jetzt wird möglicherweise mancheine*r denken: Mein Gott, jetzt soll ich auch noch Pflanzenzucht betreiben, mir reicht doch schon die Arbeit, die ich habe – und braucht man zum Pflanzenzüchten nicht eine wissenschaftliche Ausbildung?

Ja, was die „Arbeit“ anbelangt, muss das natürlich jede*r selbst entscheiden, ob noch Kapazitäten brach liegen, ob genügend Lust und Zeit vorhanden sind, etwas mehr (oder anderes) zu tun; aber wissenschaftliche Vorbildung oder gar ein Studium ist auf keinen Fall nötig.

Da werden mir die professionellen Züchter*innen ganz sicher energisch widersprechen; doch es kommt auf den Standpunkt an – und den will ich im folgenden darlegen:

Die erste Frage muss lauten: Was versteht man überhaupt unter Pflanzenzucht? Wann darf man sich Pflanzenzüchter*in nennen?

Als Antwort stelle ich eine andere Frage: Wurden unsere Kulturpflanzen – von A wie Ananas über K wie Kartoffel, M wie Mais und W wie Weizen bis Z wie Zitrone – zielgerichtet erzeugt? Oder wuchsen diese Nutzpflanzen in ihrer nutzbaren Form irgendwo in der Natur und der Mensch musste sie „nur“ finden, einsammeln und weiterhin anbauen?

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Samengewinnung bei der Melone

Das Letztere ist richtig: alle Kulturpflanzen wurden vom Menschen „gefunden“ und danach gehegt und gepflegt. Anbauen und Züchten (Ziehen) waren deshalb jahrtausendelang gleichbedeutende Begriffe.

Um aber diese „gefundenen“ Nutzpflanzen jedes Jahr wieder anbauen zu können, musste man Samen dieser Pflanzen gewinnen (generative Vermehrung; Beispiel: Getreide) oder andere Teile der Pflanzen aufbewahren und im nächsten Jahr wieder auspflanzen (vegetative Vermehrung; Beispiel: Kartoffel).

Ich glaube, dass die Menschen schnell bemerkt haben, dass sie bessere Ernten einfahren konnten, wenn sie ihre besten Pflanzen für die Vermehrung nutzten.
Ihre besten Pfanzen aber waren die, die unter den örtlichen Gegebenheiten am besten gediehen.

Durch eine solche, ständige Auswahl entstanden aber mit der Zeit lokal angepasste Sorten der Pflanzenarten, die genutzt wurden. Es kam natürlich auch vor, dass hin und wieder unter den angebauten Pflanzen eine außergewöhnlich „bessere“ gefunden wurde.

Wenn heute also der Begriff „Züchten“ als „das Entwickeln neuer Sorten“ definiert wird, dann haben alle Menschen gezüchtet, die Samen von ihren besten Pflanzen gewonnen haben – und sie züchten auch heute noch, wenn sie Samen ihrer (besten) Pflanzen gewinnen.

Züchten bedeutet also nichts anderes als das Auswählen (der besten Pflanzen) und das Gewinnen von Samen (dieser „Auserwählten“). Das Auswählen könnte man dabei auch noch weglassen; denn die Pflanzen, die überhaupt wachsen und Samen bringen, sind ja schon diejenigen, die an einen bestimmten Ort, seine Boden-, Klima und Anbaubedingungen am besten angepasst sind.

Die gezielte Auswahl der „Besten“ aus diesen Guten verbessert und beschleunigt zwar das Ergebnis, aber es ändert nichts am Prinzip: Man muss nur Samen von seinen Nutzpflanzen gewinnen, um als Züchter*in zu gelten, als Entwickler*in neuer Sorten.

Wieso kam es aber dazu, dass „Züchten“ irgendwann etwas anderes bedeuten sollte als „Anbau von Nutzpflanzen mit anschließender Samengewinnung“, dass sich „Züchten“ und „Anbauen“ in ihrem Bedeutungsgehalt unterschieden?

Diese Trennung hat sich bis heute nicht endgültig durchgesetzt; viele Leute verwenden beide Begriffe immer noch synonym.

Die Trennung dieser beiden Begriffe aber begann, als dem Prozess der Auswahl eine größere Bedeutung beigemessen wurde, als sich dieser nicht mehr nur allgemein und unbewusst auf die Auswahl der „Besten“ beschränkte, sondern ganz bewusst einzelne Kriterien für die Auswahl zugrunde gelegt und diese möglichst exakt bewertet wurden. So wurde z. B. der Ertragshöhe ein besonderes Gewicht beigemessen; dazu kamen weitere Kriterien, anhand derer die „besten“ Pflanzen ausgewählt wurden, wie z. B. ihre Transportfähigkeit, ihr Aussehen, ob sie mit Maschinen zu ernten waren oder ob sie auf hohe Düngergaben positiv reagierten.

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Handbuch Samengärtnerei: Inhaltsverzeichnis

Nachdem die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung von Gregor Mendel entdeckt und 1866 veröffentlicht (und ca. 40 Jahre später von Carl Correns, Hugo de Vries und Erich Tschermak bekannt gemacht) wurden, konnten Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften auch gezielt gekreuzt (gemischt) werden, um die Entstehung „besserer“ Pflanzen zu beschleunigen und sie nicht nur dem Zufall zu überlassen.

Der Prozess, der bisher „nebenbei“, neben dem Anbau der Nutzpflanzen ablief, nämlich Samen zu gewinnen und dabei (ungezielt) neue Sorten zu entwickeln, wurde nun eine eigene Profession, wurde ein hauptberuflich ausgeführter, gezielter Prozess, wurde „Züchten“ genannt. Es fand eine Spezialisierung statt; das, was Jahrtausende eins war, wurde aufgespalten in verschiedene Tätigkeitsbereiche: in die Erzeugung von Pflanzenprodukten zur Nutzung (Anbauen), die Samengewinnung (Saatgut-Erzeugung/-Vermehrung) und die Züchtung (Entwicklung „besserer“ Sorten).

Durch diese Spezialisierung wurden zwar alle Bereiche effektiver: der Anbau brachte höhere Erträge, die Planzensorten können weitaus schneller, in größerer Zahl und gesünder vermehrt werden, neue Sorten können in immer kürzerer Zeit und äußerst zielgerichtet erzeugt werden; aber sind die Menschen, die diese drei Tätigkeiten in Personalunion ausführen, damit keine Pflanzenzüchter*innen mehr?

Jeder Mensch, der Nutzpflanzen anbaut, die besten Pflanzen auswählt und von diesen Samen gewinnt, ist ein Pflanzenzüchter, weil er in diesem Prozess nämlich neue Sorten entwickelt. Jede*r kann also Pflanzen züchten. Das einzige, das mensch dazu tun muss, ist: Samen gewinnen, Samen ernten, Saatgut erzeugen (wie auch immer diese Tätigkeit in Deutsch benannt werden muss; im Englischen gibt es dafür den Ausdruck: „to save seeds“, Samen aufbewahren).

Wer heute allerdings das reine Anbauen von Pflanzen (ohne Samengewinnung) als Züchten bezeichnet, der liegt grundlegend falsch, wie hoffentlich durch meine Ausführungen deutlich geworden ist.

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Handbuch Samengärtneri: Inhaltsverzeichnis

Die Saatgutgewinnung ist in den meisten Fällen sehr einfach (Bohnen, Erbsen, Kürbis) und nur in manchen Fällen etwas schwieriger, aufwendiger, aber in allen Fällen ohne Probleme auszuführen: manchmal muss man nur wissen, wie.

Dazu werde ich demnächst einen eigenen Beitrag verfassen; bis dahin verweise ich auf die ausgezeichneten (englisch-sprachigen) Webseiten „How To Save Seeds“ sowie die Richtlinien zur Samengewinnung der britischen „Heritage Seed Library“; außerdem stelle ich ein paar analoge Werke, Bücher genannt, zu diesem Thema zusammen (merkwürdigerweise ist die Samengewinnung im anglo-amerikanischen Raum viel weiter verbreitet als in Deutschland; man sieht aber an den Jahreszahlen der Buchveröffentlichungen ganz schön, dass das Thema auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt).

[1] Andrea Heistinger: Handbuch Samengärtnerei, Löwenzahn-Verlag 2004 und Ulmer Verlag, 2010

[2] Constanze von Eschbach: Meine eigene Samengärtnerei, Kopp Verlag, 2015

[3] Ulla Hasselmark: Meine fabelhafte Samengärtnerei, Bassermann Inspiration, 2013

[4] Ortner, Marlies: Saatgut aus dem Hausgarten, Oeko-Buch Verlag, 2012

[5] Leroy, Cora: Gemüsesamen selbst gezogen, AT-Verlag, 2016

[6] Geier, Bernward: Biologisches Saatgut aus dem eigenen Garten, Synthesis-Verlag, 1982 sowie Premio Verlag, 1996

[7] Kaiser, Paul: Die Anzucht von Gemüsesamen für den eigenen Bedarf des Gärtners, Mittgard-Verlag, Reprint von 1905

[8] Banzhaf, Anja: Saatgut – Wer die Saat hat, hat das Sagen, Oekom-Verlag, 2016, München (Leseprobe)

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