Kürbisse und Sex

Wenn Du, liebe*r Besucher*in, jetzt durch den Lockreiz des Wortes „Sex“ auf diese Seite gestoßen bist und vielleicht etwas über Sex mit Kürbissen zu erfahren hoffst oder auch nur über Varianten menschlicher Sexualität allgemein, so muss ich Dich enttäuschen; hier geht es um Sex, den Kürbisse untereinander haben – oder eben auch nicht. Darum geht es eigentlich.

Es geht darum, wie ich erkannte, dass es mehrere Kürbisarten gibt, die in Deutschland angebaut werden (können), und dass die erhoffte Kreuzung bestimmter Sorten eine Illusion ist, wenn sie verschiedenen Arten angehören.

Nun baue ich schon mehrere Jahre den hübschen, kleinen, orange-roten Hokkaido-Kürbis an (er wird auch „Uchiki Kuri“, „Red Kuri“ oder auf Französisch „Potimarron“ genannt).

image-5273

Orange-roter Hokkaido (Innenansicht)

Die Samen für den Start meines Kürbisanbaus hatte ich zwei gekauften Kürbissen der genannten Sorte unterschiedlicher Herkunft entnommen. In jedem Jahr habe ich Samen der geernteten Früchte für das nächste Jahr aufbewahrt.

image-5274

Samen des Kürbis‘ „Türkenturban“ oder „Bischfsmütze“, einer mit dem Hokkaido-Kürbis verwandten Sorte (C. maxima)

Im ersten Jahr hatte ich außerdem noch einen gelben Riesenkürbis im Programm, dessen Samen mein Sohn Juri in seiner Schule bekommen hatte.

Erst im Winter 2015/16 habe ich mir zum ersten Mal Kürbissamen gekauft. In einem Baumarkt fiel mir ein sehr andersartig aussehender Kürbis ins Auge, der auf der Saatgut-Packung als „Muscat de Provence“ bezeichnet wurde.

image-5275

Musquée de Provence

Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren. Und insgeheim meinem Hokkaido einen ungewöhnlichen „Geschlechtspartner“ anbieten.

Aus diesem Grunde hatte ich mir in jenem Winter das ausgewachsene Exemplar einer weiteren Kürbissorte gekauft, einen spanisch-stämmigen „Butternut“-Kürbis, und seine Samen für das Frühjahr aufgehoben.

image-5276

Butternut-Kürbis

Im Frühjahr 2016 also zog ich von meinen drei Sorten zwei-drei Pflanzen vor und mischte im Mai je eine Pflanze jeder Sorte unter meine „Milpa“ aus Mais, Sonnenblumen und Stangenbohnen. Übrig gebliebene Pflanzen setzte ich außerdem in der Nähe meines Komposthaufens aus.

image-5277

Moschuskürbis-Pflanzen überwuchern die Kompostecke 2016

Insgeheim stellte ich mir vor, dass sich diese drei Sorten nun mischen und 2017 neue, interessante Formen und Farben hervorbringen würden.

Der „Butternut“ musste sich zwar anscheinend erst an das etwas rauere Klima des Nordens gewöhnen und kam nur langsam auf Touren, aber die beiden anderen breiteten rasch ihre zahlreichen Triebe aus und bildeten auch in der dichten Milpa die eine oder andere Panzerbeere.

image-5278

Butternut-Kürbis mit Anlaufschwierigkeiten (1. Juli 2017)

Ihre Samen hob ich sorgsam auf (nun, ja, bei der Organisation des Saatguts gibt es noch Verbesserungspotential), um dann in diesem Jahr das Ergebnis der Durchmischung freudig zu erfahren.

Da ich ja beim besten Willen immer nur zwei-drei Pflanzen in meinem Garten wuchern lassen kann, bat ich meinen Bruder, der auf dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb einen etwas ausgedehnteren Kürbisanbau betreibt, doch einige meiner Samen zu verwenden. Ich wollte genau wissen, welcher Farben- und Formenreichtum durch die Vermischung evtl. entstanden sein könnte.

Da mir die meisten Samen jedoch taub zu sein, d. h. keinen Keimling zu enthalten schienen, machte ich sicherheitshalber im Winter eine Keimprobe; diese fiel erschreckend schlecht aus: von 10 Samen keimte bestenfalls einer.

image-5279

Musquée de Provence am 25. Juni 2017

Der Massenanbau fiel damit flach. Auch befielen mich leichte Zweifel, ob denn die gegenseitige Befruchtung erfolgreich gewesen sei: die Wachstums- und damit Blühzeit der verschiedenen Kürbissorten war vielleicht zu verschieden, die Befruchterinsekten nicht interessiert genug oder ähnliche Gründe redete ich mir als Erklärung für die mäßige Keimrate ein.

Trotzdem versuchte ich in diesem Jahr, wenigstens ein paar Exemplare in meinem Garten aufzuziehen, um zu sehen, ob nicht doch etwas Besonderes entstanden sein könnte.

Tatsächlich keimten von den zahlreichen Samen, die ich in die Töpfchen presste, ein paar Pflänzchen.

In diesem Jahr habe ich noch eine verwilderte Parzelle der angrenzenden Kleingartenkolonie in Pflege genommen und mit Erdbeeren, Kartoffeln und Johannisbeersämlingen bestellt.
Zwischen den Johannisbeeren fand ich dann noch genügend Platz, vier Kürbispflanzen auszusetzen.

Von den Hokkaido-Kürbissen überwucherten zwei Pflanzen im Nu große Teile des ihnen zugeteilten Areals; gegen Ende des Sommers taten es ihnen je eine Pflanze von „Muscat de Provence“ und „Butternut“ nach.

image-5280

Orange-roter Hokkaido am 22. Juli 2017

Die Hokkaidos produzierten jede Menge Früchte, doch alle sahen so aus, wie sie aussehen sollten: keine neue Form und/oder Farbe tauchte auf. Auch die ersten Früchte der beiden anderen Pflanzen, die ich im dichten Blattgewirr ausmachen konnte, zeigten keine auffälligen Veränderungen.

image-5281

Junger „Musquée de Provence“ ohne auffällige Abweichungen von der Normalform (am 30. Juli)

Das war der Stand der Dinge, als es an meinem Computerarbeitsplatz einmal zeitweise keine Arbeit gab, und ich mich mit anderen Dingen beschäftigen konnte. Solche Zeiten nutze ich gerne, um mich weiterzubilden. In diesem Falle wollte ich mein Wissen über den Kürbis „Muscat de Provence“ vertiefen bzw. erst einmal ein paar Grundlagen legen.

Als ich seinen Namen bei einer bekannten Suchmaschine eingab, tauchten in diesem Zusammenhang u. a. Bezeichnungen wie „Muscade de Provence“, „Musquée de Provence“, „Cucurbita moschata“ und „Moschuskürbis“ auf, was mich letztlich zum Wikipedia-Eintrag „Moschus-Kürbis“ führte.

Cucurbita moschata? Das las ich zum ersten Mal. Bisher dachte ich, alle Kürbisse und die ganz nah verwandten Zuckinis gehörten der Art Cucurbita pepo, dem Gartenkürbis an.

Ein Studium der Wikipedia-Seite, auf der die Gattung Cucurbita ausführlicher dargestellt wird, belehrte mich dann eines Besseren: es gibt mehrere Arten von Kürbissen, die vom Menschen kultiviert werden, und zwar: Cucurbita maxima, C. moschata und C. pepo. Alle drei Arten stammen zwar ursprünglich vom amerikanischen Kontinent, wenn auch aus unterschiedlichen Zonen.

image-5282

Butternut-Früchtchen (30. Juli 2017)

Ich las: „Muscat de Provence“ und „Butternut“ gehören zur Art Cucurbita moschata, der Hokkaido bzw. Uchiki Kuri zur Art Cucurbita maxima. Also nicht einmal dieser Knirps gehört zu den Gartenkürbissen, zur Art Cucurbita pepo, wie ich bisher annahm.

Tja, da hatte ich die Erklärung für die fehlgeschlagene Vermischung meiner Kürbissorten; denn so viel war mir als studierter Biologe noch klar: das Merkmal einer Art ist u. a., dass sich ihre Mitglieder nicht mit denen einer anderen Art (fruchtbar) kreuzen können.

Aber wenigstens der „Butternut“ hätte sich mit dem großen Grünen mischen können! Diese gehören doch beide zur Art C. moschata!?

Na, mal sehen, ob sich da in diesem Jahr etwas tut. Ihre Früchte müssen nur ausreifen, damit ich das im nächsten Jahr prüfen kann. Und fruchtbare Samen bilden.
Was die Reife anbetrifft, gibt es bis jetzt noch Fragezeichen: Mitglieder der Art C. moschata gedeihen eher in wärmerem Klima, stammen sie doch aus den tropischen Gebieten Mittel- und Südamerikas.

image-5283

Samen eines Butternut-Kürbis von 2017 (fruchtbar und genetisch gemischt?)

Diese Erhellung dunkler Flecken meines Gehirns reichte dem „Großen Meister“ aber nicht: er wollte mir noch klar machen, dass der „Moschus-Kürbis“ tatsächlich so heißt.

Anfangs dachte ich nämlich: „Moschus-Kürbis“, lächerlich! Die Art heißt doch sicherlich „Muskat-Kürbis“, das italienisch-lateinische „moschata“, wird doch „moskata“ gesprochen, was ohne Zweifel „Muskat“ bedeutet und nicht „Moschus“. Der Wikipedia-Artikel muss sofort korrigiert werden!

Nur ein intensiveres Internet-Studium dieses Metiers klärte mich auch in diesem Punkt auf: „moschata“ wird zwar tatsächlich „moskata“ ausgesprochen, bedeutet aber dennoch „Moschus“ (im Gegensatz zu „moscato“, dem Muskat); der große, grüne Kürbis sollte also korrekterweise „Musquée de Provence“ heißen und nicht „Muscat (oder Muscade) de Provence“ („Musquée de Provence“ wird er auch in der französisch-sprachigen Wikipedia bezeichnet).

Jetzt habe ich nur noch Probleme mit der Bezeichnung meines orange-farbenen Kürbisses. Zwar weiß ich jetzt, dass er zur Art C. maxima, den Riesen-Kürbissen gehört – und sich deshalb mit dem „Gelben Zentner“ mischen könnte – aber warum er im Deutschen die Namen „Hokkaido“, „Uchiki Kuri“ oder „Red Kuri“ trägt, weiß ich immer noch nicht genau (in einer Fußnote der englisch-sprachigen Wikipedia wird außerdem behauptet: „‚Red Kuri‘, or ‚Orange Hokkaido‘, squash should not be confused with ‚Hokkaido‘ squash, another variety from the same subspecies“).

image-5284

Blatt eines Hokkaido-Kürbis (Cucurbita maxima)

Außerdem habe ich über diesen Kürbis erfahren, dass er einst über die USA nach Japan gelangt ist und dort bis 1933 seine gegenwärtige Form erhalten hat, wenn auch nicht auf der Nordinsel Hokkaido, wie der Name nahelegt, sondern in einem Gemüsebau-Bezirk der Hauptinsel Honshu.

Auf jeden Fall werde ich weiter auf sexuelle Kontakte unter meinen Kürbissen hoffen; vielleicht sollte ich auch dem Hokkaido noch eine*n ungewöhnlichere*n Geschlechtspartner*in anbieten.

image-5285

Blatt eines Butternut-Kürbis (Cucurbita moschata); die weißen Flecken verlieren sich im Laufe der Vegetationsperiode

Oder achten die Kürbisse auf die „Reinheit des Blutes“ und mischen sich nicht mit fremden Sorten?

image-5286

Blatt des Musquée de Provence-Kürbis

Was bisher klar geworden sein sollte: die beiden Kürbissorten C. moschata und C. maxima können sich nicht mit der Art C. pepo mischen, also können sich diese Arten nicht mit Zuckinis mischen; denn letztere werden der Art C. pepo zugerechnet. Zu dieser Art gehören allerdings nahezu sämtliche Zierkürbissorten.

Wer Zuckini und Zierkürbisse zu nahe beieinander (also unter 500m Abstand) anbaut, der muss mit einer Kreuzung von Zuckini und Zierkürbissen rechnen – und sollte dann seine Zuckini nicht zur Saatgutgewinnung nutzen; denn Zierkürbisse enthalten größere Mengen des gesundheitschädlichen Cucurbitacins, das im Extremfall sogar zum Tode führen kann. Man erkennt es aber leicht an seinem bitteren Geschmack. Bittere Kürbisse oder Zuckinis sollte man auf keinen Fall essen.

image-5287

Wuchernde weiße Zuckini aus Polen (30. September 2017)

P.S.: Ein paar Wochen später bin ich schlauer, was den Namen des Roten Hokkaidos betrifft; denn genau so sollte er genannt werden (neben Uchiki Kuri oder Red Kuri). Neben dem Roten Hokkaido gibt es nämlich noch den Grünen Hokkaido, in Japan und den USA auch Kabocha Kuri genannt.

Ja, mit der Namengebung ist es ein Kreuz, nicht nur bei den Kürbissen.