Genbankkartoffeln

Genbankkartoffeln. Das hört sich nicht gut an. Klingt nach Gen-Kartoffeln, gen-manipulierten Kartoffeln, Kartoffeln mit künstlich zusammengebastelten Genen, Kartoffeln mit allerlei Eigenschaften, die vorrangig den Dünge- und Pflanzenschutzmittelproduzenten, dem Handel und bestenfalls noch den Anbauern nützen, in den seltensten Fällen aber dem Endkonsumenten, den V-e-r-b-r-a-u-c-h-e-r-n, den Kartoffelessern, uns also.

Aber hier soll es nicht um Gen-Kartoffeln gehen sondern um Genbank-Kartoffeln, und zwar um die, die ich im Frühjahr aus der „Genbank landwirtschaftlicher und gärtnerischer Kulturpflanzen des Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK)“ bekommen habe.

Anleitung für die Bestellung von Kartoffeln bei der Genbank des IPK
Zuerst muss man sich registrieren.
Auf der Suchseite geht man dann folgendermaßen vor: Dort, wo „Bot. Name: Art“ steht, wählt man „Bot. Name: Gattung“ aus. Nun sucht man im rechten Auswahlfeld nach „Solanum“ und wählt diese Gattung aus. Dann klickt man auf das grüne Kreuz ganz rechts.
Danach stellt man links wieder „Bot. Name: Art“ ein und wählt anschließend rechts „tuberosum“ aus. Noch einmal das grüne Kreuz anklicken.
Nun endlich „Suchen“ drücken.
Jetzt erhält man eine Liste mit allen Kartoffelsorten, die in der Genbank erhalten werden.
Am besten bestellt man ab Ende Oktober, wenn die Genbank eine Liste der Sorten veröffentlicht, die sie in diesem Jahr nachgebaut hat bzw. von denen sie Knollen abgeben will.
Meine Genbank-Kartoffeln am 16. Mai 2015
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Meine Genbank-Kartoffeln am 16. Mai 2015

Nun wird nicht jede*r wissen, was eine Genbank ist; vielleicht eine Bank, in der Gen-Kartoffeln sicher aufbewahrt werden?
Könnte sein, ist aber nur ein „witziger“ Gedanke.

Eine Genbank ist – und das schon seit 1924, als N. I. Wawilow im heutigen St. Petersburg die erste und mittlerweile größte Genbank anlegte, eine „…Sammlung von Nutzpflanzen bzw. allgemein von gefährdeten Arten mit dem Ziel, genetisches Material für künftige Neuzüchtungen oder gentechnische Anwendungen zu bewahren und dieses nutzbar zu machen…“, wie die gen-technik-nahe Webseite pflanzenforschung.de textet, ein schnödes Materiallager für Pflanzenzüchtung und Gen-Technik also.

Dass Genbanken heute öffentlich gefördert, unterhalten und vernetzt werden, hat allerdings noch einen weiteren Grund: die „Vielfalt auf dem Teller“ zu erhalten; die Vielfalt der Nutzpflanzen, die seit 100 Jahren stetig abnimmt, soll nicht allein für weiteren Züchtungsfortschritt erhalten werden sondern auch für Dich und für mich.

Nutzpflanzenvielfalt
Im Laufe der Jahrtausende wurden Nutzpflanzen an unzählige verschiedene Umweltbedingungen und Bedürfnisse angepasst (siehe unten: Züchtung); es entstanden unendlich viele Sorten, d. h. unterschiedliche Varianten einer Art. Jede Region, ja vielleicht jeder Haushalt hatte eigene Sorten.
In neuerer Zeit verloren die Umweltbedingungen aber stark an Bedeutung, da sich der Anbau auf die günstigsten Standorte konzentrierte und eine große Anzahl von Hilfsmitteln (Dünger, Pflanzenschutzmittel) den Einfluss negativ wirkender Umweltfaktoren dämpften bzw. ausschlossen; außerdem verringerte sich die Zahl der Auslesekriterien erheblich: Ertragsleistung, Transport- und Lagerfähigkeit reichten, um für den „globalen“ Markt tauglich zu sein. Dafür reichten wenige Sorten; der große Rest der regional angepassten Sorten wurde nicht mehr gebraucht.
Panoramabild aller Genbank-Kartoffeln am 21. Juni
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Panoramabild aller Genbank-Kartoffeln am 21. Juni

Das ist doch eine schöne Sache: ich kann z. B. in der Kartoffel-Genbank kostenlos und online ein paar Sorten (maximal acht) bestellen und erhalte dann im Frühjahr drei Knollen jeder Sorte frei Haus. Da freue ich mich und die Genbank freut sich auch: sie kann ihre „Abfallprodukte“ billig entsorgen, sie kann den (minimalen) Überschuss, der bei der periodisch notwendigen Erhaltungsvermehrung anfällt und den sie nicht selbst braucht oder an Forschungseinrichtungen abgeben kann, unter’s erfreute Volk streuen.

Erhaltungsvermehrung
Samen und Pflanzmaterial können nicht ewig gelagert werden; sie verlieren Keim- bzw. Zellteilungsfähigkeit, weshalb die gesammelten Sorten regelmäßig angebaut werden müssen, um wieder „frische“ Samen, frische Knollen, Ableger, Ausläufer etc. zu liefern.

Es könnten sich möglicherweise aber noch viel mehr Leute freuen, wenn ich (oder ein Geschäftsmann) diese Sorten aus der Genbank in größerem Maßstab vermehren, bewerben und vermarkten würde (wie es der skandinavischen Genbank NordGen sehr recht wäre); doch dieser nahe liegenden Idee stehen bürokratische Hürden im Weg, die einfach unglaublich sind, vor allem wenn man bedenkt, dass selbst unsere Regierung den besten Weg zur Erhaltung von Vielfalt in deren nachhaltiger Nutzung sieht („Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“, 2007).

12. Juli
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12. Juli

Das Info-Blatt der Kartoffel-Genbank des IPK benennt die Hindernisse klar beim Namen: „Aus manchen Anfragen geht hervor, dass später eventuell an eine Vermarktung der von uns erhaltenen Sorten gedacht ist. Diesbezüglich möchten wir Sie darauf hinweisen, dass das für Saat-/Pflanzkartoffeln von Sorten, die in der Bundessortenliste nicht (mehr) eingetragen sind, nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen (Saatgutverkehrsgesetz) nicht zulässig ist (außer es handelt sich um sogenannte Erhaltungssorten); zudem gehen Sie uns gegenüber bei der SMTA-Unterzeichnung die Verpflichtung ein, IPK-Material nicht bzw. nur unter den Bedingungen der SMTA weiterzugeben; ein Anbau von uns abgegebener Knollen für kommerzielle Zwecke ist somit nur schwerlich möglich.“

SMTA: Standard Material Transfer Agreement
Privatrechtlicher Vertrag zwischen Abgeber und Empfänger einer genetischen Ressource, der im Rahmen des Internationalen Vertrages über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (International Treaty on Plant Genetic Ressources for Food and Agriculture, ITPGRFA, 2001, Rom) entwickelt wurde.
Er soll dafür sorgen, dass die Nutzer von „freien“ genetischen Ressourcen einen Teil ihres Gewinns (falls vorhanden) an „Natur“ und „Gesellschaft“ abgeben. Diese nach Gewinn strebenden Nutzer sind vor allem in den Industrieländern zu Hause, die Gewinn bringenden genetischen Ressourcen vornehmlich in den weniger industrialisierten Ländern. Der Vertrag dient eigentlich dazu, die „weniger entwickelten“ Länder ein wenig an der Ausbeutung ihrer Ressourcen teilhaben zu lassen.
Dass er nun (angeblich) verhindert, dass in den „hoch entwickelten“ Ländern die Nutzpflanzenvielfalt wieder größer wird, ist schon eine merkwürdige Sache (der ich auf den Grund gehen werde – weil: ich glaube das nämlich nicht).
25. Juli
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25. Juli

Die SMTA schließt den kommerziellen Anbau nicht aus. Jeder Mensch, den ich mit Knollen versorgen würde, müsste diese zwar ebenfalls unterschreiben; er würde damit aber nur bestätigen, dass er das erhaltene Material ebenfalls „nicht für Forschung, Züchtung sowie Ausbildung für Ernährung und Landwirtschaft“ verwenden wird.

Aber die Saatgut-Gesetzgebung, die steht meinem florierenden Handel mit alten Kartoffelsorten mächtig gewaltig im Wege.

Grob gesagt verlangt diese nämlich, dass nur amtlich zugelassene Sorten in Verkehr gebracht werden dürfen. Und eine amtliche Zulassung bekommt eine Sorte nur, wenn sie unterscheidbar, homogen und stabil ist, einen größeren (landeskulturellen) Wert hat als alle schon zugelassenen Sorten, und ich bereit bin, die notwendigen (hohen) Gebühren für diese Amtshandlung zu latzen.
Nichts von dem könnten ich armer, alter Knacker und die armen, alten Sorte leisten.

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4. August

Merkwürdig an der ganzen Sache ist dies: derartige gesetzliche Regelungen wurden einstmals (sowohl im Kapitalismaus als auch im Sozialismus) eingeführt, um die Nahrungsproduktion zuverlässig zu steigern, um die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung sicherzustellen, um dem konservativen Bauerntum auf die Sprünge zu helfen (zum Sprung von der gewohnten Selbst- zur gewünschten Marktversorgung); aber mittlerweile ersticken wir unter Nahrungsmittelbergen, können gar nicht so schnell essen, exportieren, vernichten und verkommen lassen, wie auf den intensiv bewirtschafteten Flächen mit hohem Betriebsmitteleinsatz „produziert“ wird.

Es wäre also an der Zeit, einen Gang runterzuschalten und teilweise extensiver zu wirtschaften: Öko-und Kleinbauern, Direkt-Vermarkter, Bewirtschafter von Grenzertragslagen, Hobby-Gärtner, Grünflächenämter der Gemeinden u. a. könnten Sorten anbauen, die nicht vorrangig auf Ertrag, Transportfähigkeit, Resistenz und Haltbarkeit – mit einem Wort: auf Wirtschaftlichkeit – gezüchtet wurden; sie könnten mit alten oder regionalen Sorten spezielle Bedürfnisse, besondere Ansprüche, außergewöhnliche Liebhabereien, sprich: Nischenmärkte bedienen. Dazu müsste nur das Saatgutrecht entsprechend angepasst werden.

Exkurs „Züchtung“, Anpassung von Pflanzen an menschliche Bedürfnisse

~10.000 v.u.Z. – ~1850, 1. Phase: Auswahl, Selektion; es werden die Pflanzen für die Vermehrung im nächsten Jahr ausgewählt, die am besten unter den jeweiligen Umweltbedingungen wachsen und den Bedürfnisse am besten entsprechen. Diese „Verbesserungenen“ führen im Laufe vieler Pflanzengenerationen, also in Jahrzehnten bis Jahrhunderten, zu „angepassten“ Sorten, die sich statistisch von anderen Sorten unterscheiden lassen und relativ stabil fortpflanzen.
Probleme: Die Erträge sind begrenzt; sie sind sehr stark von Witterungsverhältnissen, Krankheiten und „Schädlingen“ bestimmt.

ab ~1850, 2. Phase: bewusste Züchtung; es findet eine gezielte Kreuzung (nach den Mendel’schen Gesetzen) von Pflanzen mit bestimmten, gewünschten Eigenschaften statt. Durch anschließende Auswahl nach den gewünschten Merkmalen und weitere Kreuzungen werden diese genetisch fixiert. Die Züchtung einer verbesserten Sorte dauert ca. 10 Jahre.
Probleme: Die Züchtungsziele sind vorrangig Ertragssteigerung, Handelsfähigkeit und Krankheitsresistenz. Kriterien wie Anpassung an regionales Klima bzw. lokale Geschmacksvorlieben spielen keine Rolle mehr; dadurch verringert sich die Zahl der unterschiedlichen Sorten stark. Dieser Prozess wird später durch staatliche Eingriffe (Sortenzulassung, Ausschluss der meisten Sorten) noch beschleunigt.
Die Züchter setzen einen Schutz „ihrer Sorten“ durch, um die Zucht finanzieren und Gewinne erzielen zu können, wodurch der hof-eigene Nachbau von Saatgut erheblich eingeschränkt bzw. sogar verboten wird.

ab ~1950, 3. Phase: Hybridbildung; es werden (technisch) extreme Inzuchtlinien mit bestimmten, positiven Eigenschaften erzeugt, die anschließend gekreuzt werden; deren Kinder, die F1-Generation, Hybriden genannt, besitzen eine besonders starke Ausprägung der positiven Eigenschaften (Heterosis-Effekt). Die Nachkommen von Hybriden spalten sich aber (nach den Mendel’schen Gesetzen) wiederum stark auf, sie behalten also nicht ihre positiven Eigenschaften. Inzuchtlinien können jedoch innerhalb weniger Jahre erzeugt werden.
Probleme: Hybriden sind in den gewünschten Eigenschaften besonders stark, in den meisten anderen dagegen eher schwach; auf geringfügige Änderungen der äußeren Bedingungen (Krankheiten, Klima) reagieren sie deshalb besonders empfindlich.
Ein hof-eigener Nachbau von Saatgut ist vollständig ausgeschlossen; das Saatgut muss jedes Jahr von den Züchtern nachgekauft werden.

ab ~1980, 4. Phase: mit Hilfe gen-technischer Methoden können gewünschte Gen-Abschnitte gezielt ins Erbgut von Pflanzenzellen eingeschleust werden. Durch bio-technische Methoden können sehr schnell neue Pflanzen aus diesen Zellen erzeugt und wiederum mit Hilfe von molekular-biologischen Methoden auf die gewünschten Eigenschaften getestet und selektiert werden. Die Zeit, auf diese Weise eine neue Pflanzensorte zu kreieren, ist kürzer als bei jeder anderen Methode.
Probleme: Das Einsetzen von Genabschnitten anderer Arten/Organismen ist wie das Aussetzen einer Tier- oder Pflanzenart in neuen Gebieten: die Auswirkungen sind unvorhersehbar und meistens nicht mehr kontrollierbar; niemand kann wissen, was die fremden Genabschnitte unter den Bedingungen einer natürlichen Vermehrung (Aufspaltung und Rekombination des Genmaterials) bewirken. In diesem Zusammenhang möchte ich nur auf ein paar Beispiele von Pilzen und Tieren verweisen, die z. B. von Amerika nach Europa versetzt wurden und auch von mir angebaute Pflanzen betroffen haben: Reblaus, Kartoffelkäfer, Stachelbeer-Mehltau, Krautfäule.

Ein solche Änderung würde nicht allen alten Sorten zu einer Nutzung verhelfen, klar; aber doch weitaus mehr, als es jetzt sind. Außerdem würden die Sorten dann weiterhin einer Selektion ausgesetzt, sowohl durch die natürlichen, regional unterschiedlichen Umweltbedingungen als auch durch die Vorstellungen der Anbauer*innen; es könnte auf diese Weise die genetische Vielfalt nicht nur sicherer erhalten sondern sogar vermehrt werden.

17. August
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17. August

Eine teilweise Extensivierung der Landwirtschaft und die Zulassung von „alten“ Sorten würde Einfluss und Gewinne des Agro-Business (Züchtung, Vermehrung, Hilfsmittelproduktion) nicht schmälern, dessen Konzentrationsprozesse nicht verringern. Auch die Mehrheit der Ackerbauern wird weiterhin „Landwirt“ bleiben, wird weiterhin ertrag-maximierend, konventionell, „fortschrittlich“ wirtschaften, für den Massenmarkt produzieren, wird sich ebenfalls konzentrieren, sowohl an Zahl als auch auf die besten Böden und Klima-Lagen; aber an ihren Rändern könnten Alternativen ihre Existenz fristen – und vielleicht eines Tages das Überleben Aller garantieren.

Doch es muss Denkmuster, Interessenlagen und eingefahrene Verfahrenswege geben, die das nicht zulassen. Noch 2013 wollte die EU-Kommission die Verordnung 2013/0137 (COD) erlassen, die die gesamte Saatgut-Gesetzgebung in der bisherigen Form nicht nur erhalten sondern sogar verschärft hätte. Die bisherigen Nischen und Grauzonen wären zwar teilweise geregelt worden aber eher restriktiv.

Mal sehen, was die EU als nächstes ausbrütet, welche Regelungen für Saatgut sie das nächste Mal präsentiert. Der oben genannte (vom EU-Parlament abgeschmetterte und mittlerweile zurückgezogene) Verordnungsentwurf hatte zu heftigen Reaktionen, aber auch zu öffentlicher Aufmerksamkeit für das Thema „Nutzpflanzenvielfalt“ und Bewusstseinsbildung geführt; ich hoffe, dass beim nächsten Mal Erhaltungssorten, Amateursorten, Nischensorten den Platz bekommen, der ihnen gebührt: diese freien Sorten, die Allen gehören, sollten auch von Allen ohne Einschränkung vermehrt, vertrieben und genutzt werden dürfen.

Ich will jetzt nicht dafür argumentieren, dass es für diesen Nischenmarkt keine Regulierung geben soll; denn schwarze Schafe gibt es überall.
Aber würde es nicht ausreichen, wenn „kleine“ Samenhändler*innen ihr Geschäft beim Bundessortenamt anmelden, dazu die Sorten, die sie verkaufen wollen mit einer Beschreibung sowie ein paar Fotos (so wie es auch in den Verkaufskatalogen geschieht)? Die Aufsichtsbehörde macht dann hin und wieder unangemeldet Kontrollbesuche, nimmt ein paar Verkaufsverpackungen mit und testet sie in eigenem Anbau. Würde das nicht reichen, um den Verbraucher zu schützen?

Ich kann nicht verstehen, wieso ich kein kleines Geschäft mit guten, alten Sorten aufmachen darf, wieso ich keine neuen Hobby-Sorten züchten und vermarkten darf, wieso ich auf den Tausch mit anderen Gärtner*nnen und den Überschuss der Genbanken angewiesen bleiben soll, um interessante, ungewöhnliche Sorten anbauen und schmecken zu können, wieso ich eines Tages sogar gezwungen sein werde, jedes Jahr neues Hybrid-Saatgut zu kaufen, weil es kein sortenfestes mehr gibt, das ich selbst vermehren könnte?
Verdammt, da muss sich was ändern!

Puh, jetzt aber zurück zur Praxis, zum Gartenboden, in dem ich die Genbank-Kartoffeln versenkt habe.


Wie schon erwähnt hatte ich im Frühjahr acht Kartoffelsorten zu je drei Exemplaren aus der Genbank Gatersleben, Zweigstelle Groß-Lüsewitz, erhalten. Die habe ich dann am 19. April entlang des Folientunnels im Dreiecksverband verlegt, indem ich dazu für jede Kartoffel ein Loch in den unbearbeiteten, durch den Aufbau des Folientunnels eher festgetretenen Boden gemacht habe – Kartoffel rein, Erde drüber – fertig; nicht umgegraben, nicht gedüngt, nichts.

Bis zur Ernte am 14. September habe ich mich dann auch kaum um sie gekümmert. Ich habe sie zwar im Mai noch ordentlich angehäufelt, sie hin und wieder von Schnecken und Kartoffelkäfern befreit, aber das war’s auch schon. Beikraut musste ich kaum jäten und gewässert habe ich trotz der Trockenheit und Schweinehitze auch kein einziges Mal.

Es kam mir jedoch bei der Ernte so vor, als seien die Kartoffeln, die nah an der Folie des Tunnels gestanden haben, dicker und zahlreicher gewesen; sie haben auf jeden Fall mehr Wasser bekommen – das Wasser, das bei Regen vom Tunnel abgelaufen ist. Möglicherweise hat das auch den übrigen zum Wachsen gereicht.

Bevor ich zur Endauswertung komme, stelle ich die Daten vor, die die Genbank zu den Kartoffelsorten veröffentlicht hatte (Erklärung der Zahlen in der Abbildung unter der Tabelle):

Sorte Land/Jahr Nutz. Reife Blüte Knolle Schale Fleisch Augen Geschm. Koch.
Aquila DEU, 1942 UNI 4 3 5 7 6 6 6 BC
Edelgard DEU, 1938 SP 2 1 4 9 7 7 8 BC
Eigenheimer NLD, 1893 SP 5 1 5 7 6 5 8 C
Fransen NLD 5 4 3 7 6 4 9
Lipa SVK, 1973 SP 5 1 5 7 6 6 9
Magnum Bonum GBR, 1876 3 5 7 3 5 8 C
Otava CZE, 1981 SP 6 1 6 7 7 6 9 B
Pirat DEU, 1958 SP 5 1 4 7 7 4 8
Merkmale laut Kartoffelliste der Genbank (Bedeutung der Zahlen s. nachfolgende Grafik)
Legende der Kartoffelliste (Merkmale)
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Legende der Kartoffelliste (Merkmale)

Die meisten Sorten hatte ich ja nach dem Geschmack ausgewählt, bis auf Aquila, die ich mir nur den Eltern meiner lieben Frau zuliebe angelacht habe; sie erzählten mir bei einem Rundgang durch den Garten einmal, dass sie diese Sorte aus ihrer Jugend kannten (zusammen mit der Sorte „Flava“, die ich aber noch nicht aus der Genbank bekommen konnte).

Nun muss ich gestehen, dass mir keine Sorte im Geschmackstest (1 = schlecht schmeckend, 9 = sehr gut) als Pellkartoffel besonders positiv aufgefallen wäre. Trotzdem werde ich die drei 9er-Sorten (Fransen, Lipa und Otava) sowie die 8er „Magnum Bonum“ vorläufig behalten (wenn sie denn den Winter im Gartenhaus überstehen). Und Aquila sowieso.

Die Knollen hatte ich bei der Beerdigung leider nicht gewogen; somit kann ich nicht genau sagen, welchen Einfluss die Größe der Pflanzknollen auf den Ernteertrag hat.

Sorte Anzahl Kg gesamt ∅ Gr / Knolle ∅ Gr / Planze Früchte
Aquila 44 2,1 48 700 keine
Edelgard 30 1,9 63 630 einige
Eigenheimer 31 2,2 71 730 keine
Fransen 44 2,1 48 700 viele
Lipa 17 2,3 135 770 zahlreiche
Magnum Bonum 32 2,8 87,5 930 keine
Otava 24 1,9 80 630 wenige
Pirat 20 2,6 130 870 wenige
Ernteergebnis der Genbank-Kartoffeln; drei Knollen pro Sorte gelegt

Die Erträge je Pflanze liegen zwischen 630 und 930 Gramm, was nicht unbedingt der Hammer ist (ich lese teilweise von 1500 bis 2000 Gramm/Pflanze); aber noch habe ich Spielraum bei Düngung und Bewässerung, da ist noch Luft nach oben drin.

Würde ich jetzt eine Sorte als etwas Besonderes empfehlen können?
Nein, keine ragte irgendwie heraus; es machte einfach nur Spaß, diese unbekannten Sorten aufzuziehen, zu besitzen, zu schmecken und vielleicht zu kreuzen (psst, das darf nicht sein!).

Ich freue mich einfach, Vielfalt im Garten zu haben, manchmal auch in der Küche – und mich vielleicht eines Tages in die eine oder andere Sorte zu verlieben – aus irgendwelchen irrationalen Gründen – oder doch eines Tages ganz rational festzustellen, dass ein paar Kartoffelsorten besser als andere in meinem Garten gedeihen.

Lesestoff zu Biodiversität, Gen-Technik und Agro-Industrie

Kartoffelvielfalt