Sag, wo die Reinetten sind…

…wo sind sie geblieben?

In Anlehnung an das berühmte Anti-Kriegslied von Pete Seeger „Where Have All the Flowers Gone?“ (ja, Gärter*innen müssen von Natur aus Kriegsgegner*innen sein; denn niemand braucht Frieden und sichere Verhältnisse mehr als sie!) beklage ich im heutigen Beitrag das Verschwinden vieler „alter“ Apfelsorten. Eigentlich beklage ich aber vor allem das Verschwinden eines einzigen Baumes.

Dieser Apfelbaum stand auf dem Nachbarhof in meinem Heimatdorf Hohenwepel (das ist der Hof, der mir in meiner Kindheit noch ein Bild früherer Landwirtschaft geliefert hat); er hatte ziemlich kleine Äpfel, die mir aber ein einzigartiges Apfelgeschmackserlebnis beschert haben, das ich niemals vergessen werde und das ich später oft bei einem Biss in einen unbekannten Apfel wieder zu schmecken hoffte.

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„Reinetten“, am 3. Oktober 2016 in einem polnischen Dorf entdeckt

Ich schreibe ausdrücklich „hoffte“; denn das ungestillte Verlangen gehört der Vergangenheit an!

In den Jahren 2016 und 2017 hatte ich doch tatsächlich das Vergnügen, den erinnerten, wunderbaren Geschmack wieder im Munde zu spüren. Zwei Mal stieß ich rein zufällig auf einen Apfelbaum, dessen Früchte so wie des Nachbarn Äpfel schmeckten, mich zumindest ganz stark an diese erinnerten.

Einen Baum fand ich in einem kleinen polnischen Dorf am Straßenrand, als ich mir das Gut Adolfsruh ansehen wollte, das die Kartoffelzucht der Familie Böhm in den 1920er Jahren erworben und nach dem Nazi-Krieg verloren hatte.
Auf den anderen Baum stieß ich… nein, das verrate ich erst am Schluss…

Und was tue ich nun?

Klar, ich versuche, aus den Samen dieser Äpfel meinen eigenen Geschmacksapfelbaum zu ziehen (oder vielleicht sogar mehrere).

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Meine „Sämlingszuchtstation“ am 29. April

Doch das ist Zukunftsmusik.

Hier will ich Euch ein wenig über die Apfelsorten der „Reinetten“ erzählen; denn ich glaube, dass ich damals nur in eine Reinette gebissen haben kann. Ich will den Wunsch in Euch wecken, diese Äpfel selbst einmal kosten zu wollen (der Ostwestfale sagt übrigens „probieren“; apropos Ostwestfalen: Im Obst-Arboretum in Bielefeld-Olderdissen gibt es 350 Apfelsorten zu bestaunen, zu probieren und zu kaufen. Ich werd‘ mir auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit mal die dortigen Äpfel auf der Zunge zergehen lassen – vielleicht ist ja meine geliebte Apfelsorte dabei).

Ich fange damit an, Euch zu erklären, was „Reinetten“ überhaupt sind, zumindest will ich das mal versuchen.

Warum heißen Reinetten Renetten?

Ich verwende konsequent die, im Englischen und Französischen (oder auch früher im Deutschen) gebräuchliche Bezeichnung „Reinette“, obwohl diese Äpfel in der heutigen, deutsch-sprachigen „Obst-Literatur“ ausschließlich als „Renetten“ bezeichnet werden.

Über die Bedeutung bzw. Herkunft des Wortes „Reinette“ gibt es nämlich zwei Versionen: Nach der einen soll es sich um die Verkleinerungsform (Diminutiv) des französischen Wortes „Reine“ („Königin“) handeln; die mit diesem Namen belegten Äpfel sollen lange Zeit die Lieblingsäpfel französischer Königinnen gewesen sein (und natürlich auch vieler „Normal-Sterblicher“); es soll sich um erstklassiges Tafelobst gehandelt haben, das schon aus dem Mittelalter bezeugt ist.

Das ist für mich eine überzeugende Vorstellung: meine Lieblingsäpfel waren auch die Lieblingsäpfel von Königinnen; deshalb hänge ich dieser Version an.

In der zweiten Version wird der Name von „Frosch(haut)“ („Rana“, lateinisch-italienisch für „Frosch“) abgeleitet (in älteren, obstkundlichen Schriften werden die Äpfel auch „Ränetten“ genannt). Auch diese Benennung entbehrt nicht einer gewissen Plausibilität: zahlreiche Äpfel, die zu den „Reinetten“ gezählt werden, haben eine rauhe, punktierte, oft mit „Rostflecken“ übersäte Schale.

Aber meine Lieblingsäpfel und Frösche in einen Topf werfen? Nee, das geht gar nicht!

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Kann man das „Froschhaut“ nennen oder „rostigen Überzug“?

Deshalb heißen sie bei mir „Reinetten“.
Wer mehr über diese Apfelsorten auf Deutsch wissen möchte, der muss nach „Renette“ suchen.

So viel zum Namen dieser Äpfel.

Was macht einen Apfel nun zur „Reinette“?

Ich könnte die Frage kurz, aber völlig unbefriedigend beantworten: Eine „Reinette“ wird zur „Reinette“, wenn jemand eine Apfelsorte entsprechend benennt.

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Werde ich diese drei Sämlinge einst „Reinetten“ nennen dürfen?

Bis vor kurzem (nun ja, bis in die 1960er Jahre) gab es kein amtliches oder allgemein anerkanntes (und staatlich überwachtes) System, nach dem (neue) Apfelsorten zu bezeichnen waren, das einen einzigartigen Namen, eine eindeutige Kennzeichnung jedes Apfels garantierte; wie gesagt, konnte jeder eine Apfelsorte nach eigenem Gutdünken mit einem Namen belegen.

Wenn es sich nicht um gezielte Irreführungen handelte, wurden bei der Benennung einer Apfelsorte (und auch aller anderen Obst- und Gemüsesorten) häufig auffällige Kennzeichen, Herkunftsorte oder die Namen der Züchter oder „Weitergeber“ als Gundlage genommen.

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Oder diese beiden Nachfahren der „polnischen“ Reinetten?

Das auffälligste Merkmal einer Reinette ist ihr einzigartiger (königinlicher) Geschmack.

Der Obstkundler (Pomologe) August Friedrich Adrian Diel, der als einer der ersten 1799 den „Versuch einer systematischen Beschreibung in Deutschland vorhandener Kernobstsorten“ unternommen hat, ordnete einen Apfel seiner IV. Klasse, den „Reinetten“, zu (S. 45), wenn folgende acht Merkmale zutrafen:

  1. Haben feinkörnichtes, feines, kurz abknackendes, festes oder feines und dabei weiches Fleisch.
  2. Sind meistens das Ideal schöner Aepfelformen, indem die Wölbung von der Mitte des Apfels gegen den Kelch, mit der Wölbung nach dem Stiel, sich ähnlich sind, oder nicht stark contrastieren.
  3. Alle sind grau punctiert, oder haben rostige Anflüge, oder wahre Überzüge davon.
  4. Sind nur selten etwas fettig anzufühlen, und die Hauptausnahme ist z. B. die Edelreinette.
  5. Haben nur allein die erhabene, gewürzhafte Zuckersäure, welche wir Reinettengeschmack nennen.
  6. Welken nur allein sehr gerne, und müssen deshalb unter allen Aepfeln am längsten am Baum hängen.
  7. Die eigentlich süßen, aber dabei gewürzhaften Aepfel, kommen nur unter die Zahl der Reinetten, durch ihre Form, ihre rostigen Abzeichen, und durch ihr feines, festes Fleisch.
  8. Feines, festes, abknackendes Fleisch, bringt auch Früchte in diese Classe, die für sich selbst keine eigene Classe auszumachen im Stande sind, z. B. die Peppings.

Er merkte zu den „Reinetten“ außerdem an: „Es ist merkwürdig, dass auch der Stümper so leicht eine Reinette erkennt, und doch keine Kennzeichen weiß warum? Dieses liegt bloß in dem Geschmack. Aber der nahen Übergänge sind für den Systematiker so viele, daß es doch auch hier äußerst schwer ist, oft über eine Frucht zu entscheiden, ob sie Reinette ist. Hier hilft bloß Nro. 1. und 5.“

Zwei Merkmale sollen einen Apfel also als „Reinette“ auszeichnen: die Konsistenz ihres Fleisches sowie ihr besonderer Geschmack. Letzterer ist so besonders, dass er die Bezeichnung „reinettenartig“ bekommen hat – anders kann man ihn nicht beschreiben.

Die Benennung und Einteilung (Systematik) von Äpfeln

Viele Jahrhunderte hindurch waren Anbauern von Äpfeln die Namen ihrer Äpfel völlig schnurz; sie wurden nahezu ausschließlich in Hausgärten oder Streuobstwiesen zur eigenen Versorgung gepflanzt. Es war allein wichtig, Äpfel zu haben, die ihren Zweck erfüllten: Tafel-, Lager-, Dörr-, Most-, Mus- und Krautäpfel, um nur die wichtigsten Verwendungszwecke zu nennen.
Falls Namen vergeben wurden, richtete man sich nach den oben schon genannten Kriterien: besondere Kennzeichen, Orts- und Personennamen.

Bis hierhin war eigentlich alles gut: die meisten Bauern und Gartenbesitzer zogen Apfelbäume aus Samen guter Bäume; dies war billiger, als veredelte Bäume zu kaufen, und einfacher zu bewerkstelligen, als Bäume zu „veredeln“, d. h., die Zweige (Reiser) von schon bekannten, guten, „edlen“ Sorten auf Sämlinge zu pfropfen; dazu bedarf es einer gewissen Kunstfertigkeit und Erfahrung. Letzteres wurde natürlich auch praktiziert, was daran zu erkennen ist, dass sich manche Sorten (lokal) verbreiteten.

Durch diese Verfahrensweise gab es allein in Deutschland um das Jahr 1800 tausend(e von) Apfelsorten, die Millionen von (An)Bauern zufrieden stellten.

Doch mit der „Aufklärung“ (durch die Naturwissenschaften) kamen auch diejenigen, die wissenschaftlich arbeiten, die beschreiben, einteilen, klassifizieren und bewerten wollten. So fordert z. B. Johann Georg Dittrich in „Systematisches Handbuch der Obstkunde nebst Anleitung zur Obstbaumzucht und zweckmäßiger Benutzung des Obstes“ von 1836 „aus der großen Anzahl vorhandener Obstsorten fernerhin nur diejenigen zur Fortpflanzung auszuwählen, deren Werth anerkannt ist, und jene Menge geringer Obstsorten, mit welchen fast ganz Deutschland jetzt noch überschwemmt ist, der Vergessenheit zu übergeben.“ (Vorrede, S. VIII)

Nachvollziehbar – wollte man doch die Fruchtqualität verbessern und vor allem die Erträge steigern – aber leider nicht ohne Nebenwirkungen…

Wie oben schon erwähnt, veröffentlichte der Obstkundler (Pomologe) A. F. A. Diel 1799 seine Systematik der Apfelsorten, die er vor allem auf die Merkmale der Früchte stützte; dieses System wurde später teilweise ergänzt, umgearbeitet oder anders gegliedert, z. B. vom Pomologen Eduard Lucas (Illustrirtes Handbuch der Obstkunde, S. 26; 1855), blieb jedoch lange in seiner Grundform erhalten.

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Meine Apfel-, Johannisbeer- und Weintraubensämlinge am 29. Juli

Da die tatsächlichen Abstammungsverhältnisse der verschiedenen (alten) Apfelsorten so gut nie bekannt waren – man hätte zwar bei der Sämlingsaufzucht meistens den „Mutterbaum“ angeben können, der die Samen geliefert hat, aber in den seltensten Fällen den „Vaterbaum“, der als Befruchter gedient hatte – waren diese Systeme ziemlich willkürlich und wurden dann später auch vollkommen aufgegeben.

Ein System ist nur dann nützlich, um sich in einer unübersehbaren Menge einen Überblick zu verschaffen, um Ordnung ins „Chaos“ zu bringen.

Doch darum geht es schon längst nicht mehr.

Der wissenschaftliche Ansatz hatte vollen Erfolg: die gewaltige Anzahl an Apfelsorten wurde auf die 20 „besten“ (ertragreichsten, den heutigen Wirtschaftsbedingungen optimal angepassten) Sorten beschränkt. Die kennt jeder gewerbliche Obstbauer. Die überschaubare Menge an „alten“ (nie oder nicht mehr gewerblich genutzten) Apfelsorten, die sich noch in irgendwelchen Winkeln erhalten haben, kennen ein paar interessierte Privatleute auswendig.

Für die wenigen, gängigen Tafeläpfel, die heute gewerblich angebaut werden, lohnt sich kein aufwändiges System mehr; außerdem sind sich alle diese Äpfel sehr ähnlich und haben zu großen Teilen dieselben Vorfahren. Die amtlich zugelassenen Apfelsorten werden anhand bestimmter Merkmale exakt erfasst und mit einem eindeutigen Namen belegt. Jeder Apfel der bundessortenamtlichen Liste sollte sich so eindeutig bestimmen lassen.

Die Nebenwirkungen der wissenschaftlichen Obstzucht beschreibt sehr anschaulich einer der wenigen fachkundigen, heutigen Pomologen, Hans-Joachim Bannier, in dem Beitrag „Moderne Apfelzüchtung: Genetische Verarmung und Tendenzen zur Inzucht“ oder für die, die’s kurz und knackig wollen: „Der zerplatzte Traum“.

Ja, die Vielfalt der Apfelsorten wurde effektiv beseitigt.

Apfelbäume aus Samen ziehen

Vielleicht kommt die Zeit, in der jede*r Hobby-Gärtner*in neben den Baum einer „alten“, regional-typischen, empfohlenen Sorte einen Sämling pflanzt, und damit eine neue Unübersichtlichkeit schafft, die irgendwann irgendjemand ordnen möchte; dann wird vielleicht wieder ein System nötig sein.

Ich werde auf jeden Fall mit der neuen Unübersichtlichkeit den Anfang machen und versuchen, möglichst viele Apfelbäume aus Samen zu ziehen und damit die Apfelsortenvielfalt zu vergrößern.

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Fünf Apfelbaumsämlinge sind hier zu sehen (nun ja, einer ist verdeckt)

Ich werde dazu nicht gezielt kreuzen, sondern einfach die Samen von wohlschmeckenden Äpfeln nehmen.
Das Neue, das Undenkbare wird durch das Kreuzen zuvor ausgewählter „Geschlechtspartner“ unmöglich gemacht, zumindest sehr erschwert; denn selbst da, wo es zufällig entsteht, würde es eliminiert, da es nicht den gewünschten Zuchtzielen entspricht.

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Meine Reinetten-Entdeckung 2017

Ich will aber genau das: ich will das Überraschende, das Noch-nicht-Gedachte, das Mögliche finden. Das kann aber nur mit einer Sämlingszucht glücken, die auf den Zufall baut, auf zufällig zusammengesetzte, neue Kombinationen und auf zufällige Mutationen (noch sind genügend unterschiedliche Apfelsorten im Lande verstreut, so dass ungewöhnliche Kombinationen entstehen können).

Der Zufall lässt sich allerdings nicht berechnen oder erzwingen, der braucht Glück und millionenfachen Versuch; deshalb hoffe ich auf Millionen Hobby-Gärtner*innen, die statt der exotischen Kamtschatka- und Goji-Beere oder Nashi-Birne einem Apfelsämling Raum geben. Etwas derart Unwirtschaftliches wie die Pflege eines x-beliebigen, unbekannten Sämlings kann von keinem „Wirtschaftsunternehmen“ jemals geleistet werden, das können nur Hobby-Gärtner*innen.

Meine ersten zehn Sämlinge könnten im kommenden Jahr vielleicht schon Bestäubungspartner sein und erste Früchte liefern.

Im „Jahresheft 2010“ des Pomologen-Vereins in einem Beitrag von Herbert Ritthaler über „Das Schicksal der unbekannten Sorten“ (S. 16) fand ich meine Vorgehensweise im Grunde vollkommen bestätigt; es geht um Sämlinge, die früher einmal irgendjemand aufgezogen hat: „Lohnt sich überhaupt die Erfassung und weitere Untersuchung zahlreicher Typen, denen mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals ein offizieller Name zugeordnet werden kann? Die Antwort sollte eindeutig ‚ja‘ lauten, wenn wir die Erhaltung genetischer Vielfalt zu den wichtigen Zielen zählen wollen.“

In dem Beitrag geht es zwar um die Erhaltung genetischer Vielfalt, aber die Argumente, die dort dafür vorgebracht werden, treffen genauso auf die Vermehrung dieser Vielfalt zu.

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Ein Apfelsämling hat in diesem Jahr am 29. April schon mal probegeblüht

Die fünf Sämlinge der „Reinetten“ werden noch ein paar Jahre brauchen, bis sie Früchte liefern – sofern ich überhaupt noch einen Platz für sie in meinen Gärten finde. Ich bin aber schon jetzt gespannt, ob mir ein Baum Reinettengeschmack schenkt, ich fiebere ihm entgegen… und werde deshalb irgendwo noch Platz schaffen, wenn es sein muss.

Bis dahin werde ich auf jeden Fall noch mal Ausflüge zu den mir schon bekannten „Reinetten“-Bäumen machen; einer ist nämlich nicht weit entfernt: er steht auf dem Gelände der letztjährigen IGA (Internationale Gartenausstellung) in Berlin und scheint zufällig dorthin gekommen zu sein. Ich hoffe nur, dass dieser Zufallssämling nicht bereits im Zuge von „Pflege-“ oder Umbauarbeiten gerodet wurde.

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Ich weiß, ich könnte es mir auch einfacher machen, Reiser von diesen Bäumen schneiden und versuchen, sie auf meine (schon großen) Sämlinge zu pfropfen – wer weiß, vielleicht versuche ich auch das einmal.