Meine Schnecken

Nachdem ich mich im letzten Beitrag ausführlich als Gärtner zu Schnecken (und ihrer Kontrolle) geäußert habe, betrachte ich die Schnecken meines Gartens heute mal mit den Augen des Biologen. Und da sehen Schnecken ganz anders aus!

Der Biologe denkt nicht in den Kategorien von „Gut“ und „Böse“. Er betrachtet Schnecken als Teil der Natur, der sich über Jahrmillionen entwickelt und überlebt hat, der einfach da ist und sich dort prächtig vermehrt und entwickelt, wo die Lebensbedingungen günstig sind.
Der Biologe will nur wissen, stellt Fragen, sucht Antworten, beobachtet, untersucht, experimentiert und lässt ansonsten in Ruhe.

Natürlich bin ich im Garten in erster Linie Gärtner, der Pflanzen anbauen und Früchte ernten will; aber ich bin eben auch Biologe, den interessiert, was da kreucht und fleucht. Und das Schöne an den Schnecken ist vor allem ihre Langsamkeit; sie macht es einfach, Schnecken zu sehen und zu beobachten – auch wenn die meisten hauptsächlich in der Nacht aktiv sind.

Der heutige Beitrag ist vor allem auch als kleine Wiedergutmachung für die Tötung so vieler Nacktschnecken durch den Gärtner gedacht, er soll eine Art Liebeserklärung an eine außergewöhnliche Klasse von Tieren sein: die der Gastropoda (die „Bauchfüßer“) aus dem Stamm der Weichtiere (Mollusca), es ist meine Liebeserklärung an die Schnecken (nicht eifersüchtig sein, meine liebe Frau!).

Wer Schnecken ohne Argwohn betrachten kann, wird sie einfach lieben müssen. Es gibt zwar neben den Gärtnern mit ihrer Antipathie gegen die unerwünschten Mitesser auch Menschen mit einer grundsätzlichen Abneigung gegen alles Schleimige, Feuchte. Euch sage ich: ihr müsst die Schnecken nicht unbedingt anfassen, um sie studieren zu können – und Gehäuseschnecken ziehen ihren schleimigen Körper bei Berührungen sowieso sofort in ihr Haus zurück. Schaut einfach einmal genau hin!

Ich finde sie auf jeden Fall großartig und beobachte sie liebend gerne! Nachfolgend stelle ich Euch alle Schnecken vor, denen ich bis jetzt in meinem Gartenreich begegnet bin.

Ich fange mit der größten Schnecke an, von der ich bei meinem Einzug hin und wieder ein Einzelexemplar zu Gesicht bekam: die Weinbergschnecke (Helix pomatia). Von ihr treffe ich mittlerweile sogar drei an einem Fleck; auch sie scheint sich vermehrt zu haben (also nicht nur die garstige Gemeine Wegschnecke), auch ihr scheint meine Art des Gartenbaus, des Laissez faire, zu gefallen.

Weinbergschnecke flüchte aus meinem Beet
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Weinbergschnecke flüchte aus meinem Beet

Die nächstgrößeren Arten sind (soweit ich das mit meinem Bestimmungsbuch für Laien – Klaus Bogon: Landschnecken – korrekt feststellen kann) die Gefleckte Schnirkelschnecke oder Baumschnecke (Arianta arbustorum) sowie die Schwarzmündige Bänderschnecke (Cepaea nemoralis, auch Hain-Bänderschnecke oder Hain-Schnirkelschnecke genannt), die es in zahlreichen Farbvariationen gibt (von gelb bis orange, mit und ohne Streifen).

Tête-à-Tête zweier Baumschnecken am Boden (auf meinem Gartenweg)
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Tête-à-Tête zweier Baumschnecken am Boden (auf meinem Gartenweg)

Bänderschnecke mit typischer Streifung
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Hain-Bänderschnecke mit typischer Streifung

Orangefarbiges Exemplar - oder ist es die Weißmündige Bänderschnecke Cepaea hortensis?
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Orangefarbiges Exemplar der Hain-Bänderschnecke – oder ist es eine Garten-Bänderschnecke (Cepaea hortensis)?

Neben diesen Arten findet sich die folgende ebenfalls recht häufig, die ich als die Heideschneckenart Cernuella cespitum identifiziert habe (da ich so gut wie nichts im Internet über sie finde, aber nur unter großen Vorbehalten). Obwohl Heideschnecken bevorzugt trockene, warme Biotope besiedeln, soll diese laut Klaus Bogon alle möglichen Lebensräume besiedeln.
Sie scheint mir zwar seit meiner Gartenübernahme etwas rückläufig zu sein, was damit zusammenhängen mag, dass der Garten bei mir dichter bewachsen ist.
Ich finde diese Art ganz in der Nähe oft zu Hunderten auf dem Radweg neben der Straße, wenn ich morgens zum Bäcker radele; sie kann dort eigentlich nur in zwei schmalen, immer wieder gemähten Rasensäumen leben; das aber anscheinend gut.

Heideschnecke an zertretener Nacktschnecke (auch Gehäuseschnecken sind kannibalisch)
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Heideschnecke an zertretener Nacktschnecke (auch Gehäuseschnecken scheinen kannibalisch zu sein)

Im Gegensatz zu den Heideschnecken lebt die Gemeine Bernsteinschnecke (Succinea putris) am liebsten in der Nähe von Gewässern, also eher in feuchten Gebieten. Da mein Garten Teil einer ehemaligen Flussniederung, des Odertals, ist und früher ganz sicher immer wieder überschwemmt wurde, ist diese Schnecke bei mir natürlich in ihrem Element.
Diese Schnecken werden häufig von dem Saugwurm Leucochloridium paradoxum, einem Parasiten, befallen (s. u.); ich habe auch bei mir schon ein Exemplar gefunden, das von ihm parasitiert war: ihre beiden oberen Fühler waren stark geschwollen und pulsierten heftig; Futter suchende Vögel halten diese für Maden, fressen sie und infizieren sich so mit dem Wurm, der sich dann in ihnen weiter entwickelt, fortpflanzt und seine Eier mit dem Vogelkot verbreitet.

Vom Saugwurm Leucochloridium paradoxum parasitierte Gemeine Bergsteinschnecke (Succinea putris)
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Von Leucochloridium paradoxum parasitierte Gemeine Bergsteinschnecke (Succinea putris); 6. August 2015

Zu guter Letzt stelle ich die kleinste Gehäuseschnecke vor, die mir bisher untergekommen ist; sie ist kaum größer als ein Fingernagel. Ich habe sie bisher noch nicht kriechend gesehen. Teilweise liegen viele Gehäuse zusammen in der Mulchauflage. Ich halte sie für eine Haarschneckenart, die Gemeine Haarschnecke (Trochulus hispidus).

Schneckchen neben meinem Zeigefinger
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Schneckchen neben meinem Zeigefinger

Ansammlung von Haarschnecken
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Ansammlung von „Haarschnecken“ (bei einem dunkleren Gehäuse links im Bild sind Härchen zu erkennen)

Dieses hübsche, animierte Bild aus dem Wikipedia-Fundus soll noch ein wenig mehr der Schnecke zeigen.

Trochulus hispidus in Bewegung
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Trochulus hispidus in Bewegung (nicht von mir, sondern von Wikipedia)

Nun zu den Nacktschnecken. Als erstes sollt ihr die die Ackerschnecke (Deroceras spec., wahrscheinlich Deroceras agreste, die Einfarbige Ackerschnecke) kennenlernen; sie ist nicht sehr zahlreich und sehr klein. Ich hoffe als Gärtner, dass dies so bleibt; nicht dass es eines Tages zu einer Massevermehrung und damit zu größeren Schäden kommt.
Sie versteckt sich in den kleinsten Bodenritzen.

Größeres Exemplar der Ackerschnecke, in meinem Sammeleimer gefangen
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Größeres Exemplar der Ackerschnecke in meinem Fangeimer – oder ist es der Hammerschnegel (Deroceras sturanyi)?

Als letzte Art die schon vorgestellte Gemeine Wegschnecke (Arion vulgaris), die lange (oder manchmal immer noch) als Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus) bezeichnet wurde; sie ist die häufigste Art in meinem Garten – und da sie keine Pflanze verschmäht, auch die unbeliebteste (aber ich will hier als Biologe sprechen).
Leider musste ich bei einem etwas eingehenderen Studium der Literatur über diese Schnecke feststellen, dass die Sache gar nicht so einfach und klar ist: Wegschneckenarten gibt es einige, die außerdem äußerst schwer zu bestimmen (und damit zu unterscheiden) sind. So werden auch die Wegschnecken Arion ater, A. rufus (beide werden zumeist als Farbvarianten der Großen Wegschnecke angesehen), A. hortensis (Garten-Wegschnecke), A. distinctus (Gemeine ???  Wegschnecke), A. subfuscus (Braune Wegschnecke) sowie A. fasciatus (Gelbstreifige Wegschnecke) als Gartenbewohner und dortselbst als gefräßig beschrieben.
Laut den Beschreibungen sind sie alle farblich sehr variabel und ähnlich.

Wer weiß also, mit wem ich es hier genau zu tun habe, wer sich von meinen kostbaren Pflanzen nährt?

Die Gemeine Wegschnecke ernährt sich von meinen Kartoffelpflanzen
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Die Gemeine Wegschnecke (Arion vulgaris) tut sich an meinen Kartoffelpflanzen gütlich

Hiermit endet die Vorstellung meiner Schnecken, aber nicht die Beschäftigung mit diesen Tieren. Ich werde in Zukunft noch genauer hinschauen und studieren müssen.

P. S. Fortsetzung der Liste

Einen weiteren Winzling habe ich noch entdeckt und anhand meines Bilderbuchs als „Gemeine Glatt- oder Achatschnecke“ (Cochlicopa lubrica) identifiziert.

Die "Gemeine Glatt- oder Achatschnecke"
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Die „Gemeine Glatt- oder Achatschnecke“

Und dann noch was ganz Feines: der Tigerschnegel (Limax maximus), auch Großer Schnegel oder Große Egelschnecke genannt. Ich fand dieses schöne Exemplar neulich direkt neben meinem Komposthaufen unter einer Plastetüte.
Diese Schnecke soll mir sogar nützlich sein: „Sie ernähren sich von Pilzen, welken und abgestorbenen, selten auch frischen Pflanzenteilen sowie von Aas und räuberisch von anderen Nacktschnecken. Der Tigerschnegel kann dabei Exemplare überwältigen, die ebenso groß sind wie er selbst.“ (weiß Wikipedia)
Na, hoffen wir mal, dass mein Tigerschnegel das auch weiß (und auch den letzten Teil des Satzes wahr macht – und sich weniger an meinen frischen Pflanzenteilen labt).

Mein Tigerschnegel siegt hier zwar nicht besonders groß aus, er war aber sicher mittelfingerdick (also: mittelfinger dick)
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Mein Tigerschnegel sieht nicht groß aus, er war aber sicher mittelfingerdick (also: mittelfinger dick) und -lang