Gartenfahrten

Mein Garten liegt 100 Kilometer von meinem Wohnsitz Berlin entfernt. Das bedeutet jedes Wochenende, das ich im Garten verbringen möchte, eine „Gurkerei“ von 200 Kilometern mit dem Auto; aber von diesen Fahrten soll der folgende Beitrag nicht handeln, sondern von den Fahrten in den Garten, die ich seit 2015 einmal jährlich mit meinen beiden „kleinen“ Jungs auf dem Fahrrad unternehme und von deren vierter wir gestern glücklich zurückgekehrt sind.

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Start zur Rückfahrt 2015

Vor der ersten Fahrt

Die Idee zu diesen Radfahrten entstand so: Mein Garten soll ja meine Sommer-Senioren-Residenz sein; da mein Altersruhegeld mit ziemlicher Sicherheit die Grundsicherung nicht übersteigen wird, tauchte irgendwann der Gedanke auf, ob es später nicht möglich sein könnte, die Ausgaben für Hin- und Rückfahrten nach Berlin zu den geplanten regelmäßigen Treffen mit Frau und Kindern zu sparen, indem ich die Strecke (zumindest ab und zu) mit dem Rad zurücklege.

Dazu musste ein praktischer Versuch her.

„Wie wär‘ es also, wenn die ganze Familie eine solche Testfahrt einmal zusammen als gemeinsames Erlebnis unternimmt?“, schlug ich vor. Für mich stand außer Frage, dass mensch 100 Kilometer mit dem Fahhrad an einem Tag ohne (allzu) große Schwierigkeiten bewältigen kann, dass mensch es zumindest mal versuchen kann.

Letztlich blieben aber nur meine damals 9- und 11-jährigen Jungs als Probanden übrig; sie waren willig – hatten sie doch keine Vorstellung davon, was auf sie zukommen könnte.
Die Radtour wurde also keine Familen- sondern eine „Vater-Söhne“-Geschichte.

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Fast wieder daheim: Rast in Schönfeld 2015

Nun ist es nicht so, dass es keine Stimmen gegeben hätte, die vor einer 100-Kilometer-Tagestour mit Kindern im besagten Alter gewarnt hätten. Schwester Gudrun und Freundin Martina berichteten von ihren (Grenz-)Erfahrungen. Statt aber nun die Strecke von vornherein in mehrere Etappen zu unterteilen oder eine Strecke zu wählen, auf der zur Sicherheit Bahnhöfe lagen, entschied ich mich, Zelt und Schlafsäcke für eventuelle Erschöpfungszustände vorzuhalten.

Mit Hilfe von GOOGLE-Maps suchte ich einen möglichst direkten Weg auf möglichst kleinen Straßen und noch kleineren Wegen heraus; darüber hinaus besorgte ich mir die KOMPASS-Karte „Schorfheide, Uckermark, Barnim“ im Maßstab 1:50.000.

Die folgende Strecke hatte ich mir herausgesucht, die ich in zwei Etappen zu fahren gedachte : Die erste Hälfte der Strecke, von unserer Wohnung in Berlin bis zum Garten, sollte bis zum Gamensee gehen; dieser See (in 16259 Falkenberg) schien mir ideal für eine längere Rast mit erfrischendem Bad zu sein. Die Strecke, exakt 50,4 km, sollen laut GOOGLE in 2 Std. 46 Min. zu bewältigen sein, ein Kinderspiel also…
Die andere Hälfte vom Gamensee bis in den Garten im Zützener Winkel (Eingang am Landgraben, Koordinaten: 53.037728, 14.253566), genau 47,2 km, soll in 2 Std. 25 Min. zu schaffen sein (so genau weiß ich das allerdings erst jetzt).

Die erste Fahrt in den Garten und zurück

Um es vorwegzunehmen: Wir schafften es an einem Tag.

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Geschafft! 2015

Ich muss aber auch zugeben: es war eine Quälerei. Ich verfuhr mich mehrmals (die Karte begann erst hinter Börnicke, mein Gedächtnis reichte noch weniger weit), die Sättel aller Fahrräder waren zu niedrig eingestellt, aufgrund des Ratschlags eines Badegasts am Gamensee änderte ich den geplanten Waldweg in die befahrene Autostraße über Liepe, die außerdem eine Steigung enthielt, die meinem Sohn Juri noch heute die Tränen in die Augen treibt, wenn er daran denkt; außerdem gab es in Hohensaaten, wo ich eine Kuchenpause eingeplant hatte, keinen solchen käuflich zu erwerben.

Doch trotz manchen Gezeters über nicht asphaltierte Streckenabschnitte erreichten die Jungs das Ziel in guter Verfassung; der Einzige der ziemlich heftig unter Knie- und Gesäßschmerzen sowie Erschöpfung litt, war ich.

Das Gefühl aber, es geschafft zu haben, machte alles mehr als wett.

Die Rückfahrt ein paar Tage später geriet dann allerdings wirklich zu einem Höllentrip – für mich: Ich hatte noch bis weit nach Mitternacht Marmelade eingekocht und dabei die für 7.30 Uhr geplante Abfahrtzeit auf „später“ verschoben. Um 7 Uhr scharrten allerdings meine Sprösslinge vor meinem Bett so laut mit den Hufen, dass ich wach werden musste: sie wollten dringend zurück nach Hause – an ihre Spielgeräte.

So fuhren sie dann auch: sie ließen mir kaum Zeit, Atem zu schöpfen. Sogar den See, an dem ich hoffte, ein halbes Stündchen Schlaf nachholen zu können, wollten sie links liegen lassen.

Trotz eines heißen, scharfen Gegenwindes, der meinen kleinen Malik manchmal von der Straße zu wehen drohte, drückten sie erbarmungslos auf’s Tempo. Als ich am Nachmittag in Börnicke dringend ein wenig Nahrung zu mir nehmen musste (am liebsten hätte ich mein gewohntes Stück Kuchen gehabt), um nicht völlig enkräftet vom Rad zu stürzen, schimpften sie lauthals über den unnötigen Zeitverlust.

Um 18 Uhr hatte die Tortour dem Himmel-sei-Dank ein Ende: Wir erreichten erschöpft aber wohlbehalten unsere Heimstatt.

Die zweite Fahrt

Der stolze Bericht über diese Tat animierte im folgenden Jahr die beiden Jungs meines guten Bekannten Eduard, die fast gleich alt sind und mit denen sie seit ihrer Geburt vertrauten Umgang pflegen, sich uns anzuschließen; es wurde also ein „Männer-Roadtrip“ zu fünft.

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Start zur Rückfahrt 2016, nun zu viert

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Rückfahrt 2016: Ein hübscher Gartenzaun kurz hinter Bralitz

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Das „Mon Choix“ in Falkenberg hat auf der Rückfahrt leider geschlossen (2016)

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Rast am Gamensee auf der Rückfahrt 2016; einer kann nicht mehr.

Auch diese Fahrt endete glücklich, obwohl der größere der beiden neuen Mitfahrer mit seinem alten, mittlerweile viel zu kleinen Kinderfahrrad auf die Reise geschickt wurde. Wenn die beiden kleineren Jungs ihm nicht immer mal wieder ihre etwas größeren Räder zur „Erholung“ überlassen hätten – ich weiß nicht, wie die Geschichte ausgegangen wäre. Auch der sintflutartige Regen, der während unserer Hinfahrt über Berlin niederging, hätte, wäre er auf uns herabgestürzt, für großes Ach und Weh gesorgt; so aber fluchten wir nur über einen nassen Kopfsteinpflasterweg vor Lunow.

Glücklicherweise wurden sämtliche platten Reifen, die wir hatten – und wir hatten auf allen Fahrten insgesamt bisher vier, erst im Garten offenbar und damit nicht zu einem wirklichen Problem.

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Rast am See in Schönfeld (Rückfahrt 2016)

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Ich dränge mich auf’s ungeliebte Gruppenbild (2016)

Die dritte Fahrt

Auch 2017 kamen alle wieder wie selbstverständlich mit.

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Rast in Schönfeld am See auf der Hinfahrt 2017

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Dokumentation muss sein!

Die Rückfahrt wurde allerdings durch einen kalten Regen, der am See begann und erst kurz vor Berlin endete, zu einer echten Herausforderung.

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Halt am Gamensee: Kurz bevor der große Regen kam (Rückfahrt 2017)

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Kurze Rast in Wilmersdorf bei Regen (Rückfahrt 2017)

Nach dieser Fahrt dachte auch ich: aller guten Dinge sind drei, das soll es gewesen sein.

Die vierte und bisher letzte Fahrt

Als dann aber im Laufe dieses Jahres vereinzelt Fragen nach einer neuerlichen Radtour in den Garten aufkamen, ließ ich mich nicht lange bitten: Ich fühlte mich von den Strapazen der letzten Rückfahrt erholt und freute mich, dass diese Fahrt von den Jungs so gut aufgenommen wurde; ich glaube, sie wird ein Erlebnis bleiben, dass mich mein Leben lang mit ihnen verbindet.

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Frühstück im „Wartenberger Feld“, Hinfahrt 2018

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„Gruppenbild mit Dame“, Schönfeld 2018

Es war dann auch in diesem Jahr eine Freude zu sehen, wie sie die Strecke mittlerweile kennen, die „Dörferstrecke“, wie sie den ersten Abschnitt nennen, über Börnicke, Wilmersdorf, Schönfeld, Beyersdorf, Freudenberg, Brunow, wie sie sich unterwegs Ereignisse von den vergangenen Fahrten erzählen, wie sie sich auf den Gamensee und die Melone dort, auf das Eis in Falkenberg bzw. Oderberg, auf das süße Getränk inklusive Abendessen bzw. auf das Frühstück bei der Rückfahrt in Lunow freuen, wie sie sich ganz sicher ihr Leben lang daran erinnern werden.

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Start zur Rückfahrt 2018

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Rückfahrt 2018, Lunow

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In Oderberg noch ein Eis…

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…und für mich ein paar Schallplatten

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Oderaltarm hinter Bralitz

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Wieder vorbei am hübschen Gartenzaun hinter Bralitz

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Am Sonnabend um 13 Uhr hat das „Mon Choix“ in Falkenberg geöffnet

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Der steile Aufstieg nach Cöthen (direkt hinter dem „Mon Choix“)

Und wenn ich dann später zwei Wochen am Stück im Garten sein und nur ab und zu nach Berlin fahren werde, dann weiß ich, dass ich diese Strecke (locker, in ungefähr zehn Stunden) mit dem Rad zurücklegen kann.

Mal sehen, ob es ein 5. Mal geben wird?
Mein Juri fragte kurz vor der diesjährigen Ankunft schon, ob sie, wenn sie die Strecke ganz genau kennen, auch alleine fahren dürften?

Na, klar doch!