Spargel, die Sonderkultur

Komischerweise stand Spargel von Anfang an ganz oben auf der Liste der Pflanzen, die in meinem Garten gedeihen sollten.

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Quelle: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé, „Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885“, Gera, Deutschland (Wikipedia)

Leider kann ich keinen eindeutigen Grund dafür angeben, warum mich Spargel so fasziniert.
Es gibt eigentlich nur eine mögliche Erklärung: durch glückliche Fügung und die Mithilfe dreier junger Burschen, die bereitwillig eine WG in der Wohnung unter uns bildeten, konnten meine bessere Hälfte und ich im Jahre 2002 unsere Nachbarwohnung übernehmen; diese ermöglichte uns, bequem zusammen zu wohnen und sogar uns unbekümmert zu vermehren.

Zum Dank dafür veranstalten wir seit damals jährlich ein Spargelessen für die drei hilfreichen Jungs.

Da wir immer noch glücklich zusammenleben und alle Drei (mittlerweile gestandene Männer) glücklicherweise immer noch bereit sind, der Einladung Folge zu leisten, verbinde ich möglicherweise diese Glücksgefühle mit dem Spargel: das Glück wäre perfekt, wenn ich in ein paar Jahren zu diesem Ereignis eigenen Spargel servieren könnte!

Soviel Vorgeschichte muss sein, sowie der Anbau von Spargel – selbst unter suboptimalen Bedingungen: ich fürchte, der Grundwasserstand in unserem Garten ist zu hoch.

Gleich im ersten Winter (2012/2013) durchforstete ich das Internet nach möglichen Bezugsquellen für Spargel.
Ich fand heraus, dass es möglich war, Spargel über das Internet zu bestellen. Und, dass es auch vom Spargel verschiedene Sorten gibt – alte und moderne.

In dieser Hinsicht bin ich altmodisch.

Die modernen, für den gewerblichen Anbau, auf maximalen Ertrag gezüchteten Obst- und Gemüsesorten sind mir aufgrund der Erfahrungen mit deren immer geringer werdenden Geschmack eher suspekt; deshalb neige ich den „alten“ Sorten zu, da ich mich daran zu erinnern glaube, dass früher (???) Obst und Gemüse mehr Geschmack (???) besessen hätten.

Obwohl ich „früher“ niemals Spargel gegessen habe, würde ich doch auch hier allzu gern wissen, wie er „früher“ geschmeckt hat, ob auch beim Spargel der „Geschmack“ beim züchterischen Wettlauf auf der Strecke geblieben ist.

Meine Anfrage an einen Spargelbaubetrieb im Raum Braunschweig, warum sie eine der letzten, alten Sorten mit dem Namen „Ruhm von Braunschweig“ dort nicht als regionales Produkt anbauen, wurde folgendermaßen beantwortet:

„Ruhm von Braunschweig, Eros, Frühbote, Mary Washington oder Start spielen im Spargelanbau keine wesentliche Rolle mehr. Ihre z.T. recht hohe Anfälligkeit für Krankheiten, geringe Erträge und gestiegene Ansprüche an gleichmäßige Qualitäten machen den Anbau dieser Sorten unwirtschaftlich. Moderne Spargelsorten sind überwiegend männliche Hybride, die keine oder nur noch sehr wenige beerentragende Pflanzen beinhalten. Auch weisen die modernen Sorten eine verbesserte Widerstandsfähigkeit gegen Botrytis (wichtige Pilzkrankheit) auf.

Wie Sie vielleicht auf unserer Homepage gelesen haben, steht der „integrierte Pflanzenbau“, bei dem wir so weit wie möglich auf chemischen Pflanzenschutz verzichten, bei uns im Mittelpunkt. Dies beginnt mit der Sortenwahl. Eine besonders anfällige Sorte passt daher nicht in unser System. Auch wir bauen darum robustere Hybridsorten an.

Ergänzen möchte ich noch, dass weniger die Sorte, als vielmehr die Frische des Spargels, die Behandlung nach der Ernte (schnelles Kühlen) und etwas der Boden, auf dem er wächst, geschmacksbildend sind.“

Nun bin ich wie der Ungläubige Thomas aus dem Neuen Testament der Bibel: ich vertraue nur meinen Sinnen; deshalb, lieber Herr Heins, seien Sie mir nicht böse, wenn ich die Probe aufs Exempel machen muss.

Ich musste also herausfinden

  1. welche „alten“ Spargelsorten es denn überhaupt noch gibt und
  2. wo ich diese als Samen oder Pflanzen erwerben kann, damit ich sie
  3. einmal selbst schmecken kann. Kaufen kann man sie nirgendwo mehr.

Mit diesen Fragestellungen beschäftigte ich mich eine ganze Woche; ich durchsuchte Suchergebnisse bis zur letzten Seite und fasste sogar anschließend meine gesammelten Erkenntnisse in der Wikipedia zusammen.

Viel kam dabei nicht heraus (von der heftigsten Erschütterung meiner Ehe bis zu diesem Zeitpunkt wegen der unnützen Zeitverschwendung einmal abgesehen): die alten Spargelsorten sind mehr oder weniger ausgestorben.

Da Spargel ein „Luxus“-Gemüse ist, gibt es (wahrscheinlich) auf diesem Gebiet auch von den sonst in dieser Hinsicht sehr aktiven Vereinen zur Erhaltung alter Sorten (VEN, Dreschflegel, VERN, ProSpeciaRara) nur geringe Aktivitäten; einzig die Arche Noah in Österreich hatte 2013 eine österreichische, alte Sorte in ihrem Programm: den Goldgebener.

Mögen in den verwilderten Spargelbeständen Europas die alten Gene erhalten bleiben, bis neue, althergebrachte züchterische Tätigkeit sie zu neuen „alten“ Sorten formt! (ein hoffnungsvoller Ansatz in diese Richtung ist dieses Pilotprojekt: LUGV, HNEE)

Bis dahin hoffe ich, dass möglichst viele der gesammelten Sorten in meinem Garten eine Heimat finden, dass sie dort gedeihen und reiche Ernte bringen und – dass sie besser schmecken als das, was es (bisher) zu kaufen gibt.

Von der Bleichspargelsorte „Schwetzinger Meisterschuss“ hatte ich schon im letzten Jahr 10 Exemplare als zweijährige Pflanze eingesetzt (vom Gartenversandhaus Chrestensen, Erfurt), „Huchels Leistungsauslese“ (von der Deutschen Spargelzucht aus Mölln) lagert schon 10-fach in meinem Kühlschrank, „Ruhm von Braunschweig“, „Goldgebener“, „Argenteuil“, dessen Unterart „Blanco de Navarra“ sowie die beiden Grünspargelsorten „Mary Washington“ und „Conover’s Collossal“ schlummern als Samen in meinem Gartenboden.

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Eine Reihe „Schwetzinger Meisterschuss“ in meinem Garten (8/2013)

Ich hoffe weiterhin: „Huchels Leistungsauslese“ überlebt bis zum 2. April im Kühlschrank und der Rest widersteht seinen sommerlichen Hauptwidersachern: Schnecke, Spargelfliege, Spargelkäfer und Pilz.

Ihr seht: mir bleibt nur viel Hoffnung, aber die stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Schwetzinger Meisterschuss lugt Mitte April 2014 wieder aus der Erde
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Schwetzinger Meisterschuss lugt im April 2014 wieder aus der Erde – Symbol der Hoffnung

Zum Schluss noch eine kurze Anleitung, wie man Spargel überhaupt anbaut (denn davon habe ich keine Ahnung); eine solche wurde Gott-sei-Dank vom Spargelpflanzenverkäufer mitgeliefert. Im Internet findet man aber auch entsprechende Pflanz- und Pflegeanleitungen.

Ab Ende März bis Mitte Mai wird pro Pflanzreihe ein rund 30 Zentimeter tiefer und 50 Zentimeter breiter Graben ausgehoben. Zwischen den Reihen sollten 50 Zentimeter Abstand bleiben. Anschließend wird die Grabensohle mit einer Grabegabel möglichst tief aufgelockert und eine rund zehn Zentimeter hohe Schicht aus Kompost eingearbeitet. Danach werden im Abstand von 40 Zentimetern auf der Grabensohle kleine, faustgroße Erd-Komposthügel aufgeschüttet und das Wurzelgeflecht der Spargelsetzlinge sternförmig darauf ausgebreitet. Zum Schluss wird soviel Aushub wieder in den Graben gefüllt, bis die in der Wurzelkrone erkennbaren Knospen der Spargel-Setzlinge etwa fünf Zentimeter hoch mit Erde bedeckt sind; sie sollten ca. 20 Zentimeter unter der Erdoberfläche (Bodenniveau) liegen.

Im 2. Jahr wird der Graben vollständig aufgefüllt und im 3. dann im März ein ca. 30 Zentimeter hoher Erdwall über jeder Reihe aufgeworfen; die Erde dafür wird auf beiden Seiten der Pflanzenreihe ausgehoben.
Bis Mitte Juni kann nun geerntet werden, indem die Spargelstangen bis knapp über die Wurzelkrone ausgegraben und abgeschnitten werden, wenn sie gerade die Dammoberfläche durchstoßen wollen.

Wer sich den landwirtschaftlich-großtechnischen Spargelanbau mal anschaulich vorstellen lassen möchte, der besucht den Videokanal der Walbecker Spargelbauerngenossenschaft bei Youtube.