Mein bisschen Selbstversorgung

Eigentlich wollte ich den Beitrag überschreiben mit „(Selbst)Betrug Selbstversorgung“, „Werde bloß kein Selbstversorger!“ oder „Das Unwort des Jahres: Selbstversorgung“. Das hätte sicher wütende Attacken ausgelöst. Ich möchte aber bestenfalls Widerspruch ernten; deshalb habe ich lieber einen Titel gewählt, der das gleiche aussagt, nur nicht so konfrontativ.

Ich will mich kritisch mit dem Begriff „Selbstversorgung“ auseinandersetzen, ja, und ich gestehe sogar, dass mein Ziel ist, die „Selbstversorgung“ aus dem deutschen Wortschatz streichen zu lassen.

Aber vorläufig wäre ich auch damit zufrieden, wenn sich niemand mehr „Selbstversorger*in“ nennen würde. Ich könnte sogar damit leben, wenn ich den gegenwärtigen Hype um die Selbstversorgung nur ein wenig dämpfen könnte („DER Selbstversorgerkanal“ von Ralf Roesberger auf Youtube hat über 100.000 Abonnent*innen! Wahnsinn!).

Bessere Unterhaltung als „Kokolores und Klamauk“: Ernsthafte Selbstversorgung (Untertitel: Je mehr Mist, desto mehr Erfolg)

Hohe Ziele auf jeden Fall, die ich mit diesem Text verfolge. Mal sehen, wie weit ich komme…

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Werbeplakat für die „Grüne Woche“ vom 19. – 28. Janaur 2018 in Berlin: Welche Selbstversorger sind gemeint?

Halt, und noch was: Ich will außerdem zeigen, dass Selbstversorgung ohne die Agrar-Industrie schlicht nicht möglich ist.

Oh, oh, wenn das mal kein böses Blut gibt!

Etwas will ich vorausschicken: Ich habe auch Träume, Sehnsüchte und Ängste, mit einem Wort: Gefühle; ich träume von ländlicher Idylle, ich sehne mich nach Ruhe und Frieden, ich habe Angst vor Monster-Maschinen, Zusatzstoffen und unbekannten Auswirkungen des so genannten „Fortschritts“; aber ich habe auch (begrenztes) Denkvermögen, ich kann nüchtern betrachten, abwägen und analysieren: und nur das will ich hiermit tun.

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Auberginen-Ernte, September 2017

Was ist Selbstversorgung überhaupt?

Ich fange bei der Selbstdefinition von Selbstversorger*innen an: Wir versuchen, uns von einem Stück Land selbst mit Kartoffeln, Karotten und Kohl zu versorgen – und natürlich auch mit anderem Gemüse; obendrein, wenn möglich, auch noch mit Eiern, Fleisch, Honig und allem sonstigen, was wir so zum Leben brauchen.

Das klingt doch nach echter Selbstversorgung, oder? Ach, Held meiner Jugendzeit, Robinson Crusoe, wie glücklich war ich damals mit dir auf deiner Insel!

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Schlangen-Gurken („Chinese Slangen“), Juli 2017

Nein, nein, ich will eine solche Vorstellung nicht verächtlich machen; ich bin mir sicher, Gemeinschaften von 50 bis 100 Menschen könnten völlig autark leben – ich glaube, die Amish in den USA könnten dafür als Beispiel dienen.

Doch darum geht es den meisten Menschen, die sich Selbstversorger*innen nennen, gar nicht, sie streben nicht nach Autarkie; sie wollen sich nur teilweise selbst versorgen, also nur ein bisschen oder auch so viel Gemüse wie möglich aus dem eigenen Anbau verzehren.

Wenn das so ist, wozu dient dann aber die Bezeichnung „Selbstversorger*in“? Reicht dann nicht „Gärtner*in“ oder sogar „Hobby-Gärtner*in“, meinetwegen auch „Nutzpflanzen-Gärtner*in“?

Auch Hobby-Gärtner*innen versorgen sich schließlich teilweise selbst mit Gemüse und Obst (so wie ich; eine einzige Tomatenpflanze genügt dazu!). Dann wäre die Einteilung von Selbstversorger*innen in verschiedene Klassen überflüssig und damit auch der darüber geführte Streit: Ab welchem Prozentsatz an Selbstversorgung bin ich ein wahrer Selbstversorger?

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800 Gramm Himbeeren, August 2015

Ihr seht, es braucht den Begriff „Selbstversorgung“ nicht, „(Hobby-)Gärtnern“ reicht!

Selbstversorgung als Programm

Ich gehe noch weiter: Der Begriff „Selbstversorgung“ ist nicht nur völlig überflüssig sondern sogar extrem gefährlich, nämlich dann, wenn er politisch benutzt wird, d.h., wenn Selbstversorgung als gesellschaftliches Ziel, als gesellschaftlicher Idealzustand propagiert wird.

Dazu muss ich mir den Begriff nur mal auf der Zunge zergehen lassen: ich versorge mich selbst. Sprich deutlich: Ich versorge nur mich selbst. Ja, ja, auch die Familie vielleicht noch, aber dann ist Sense!

Das bedeutet im Umkehrschluss: Jeder muss sich selbst versorgen. Wir alle wären in diesem Fall also vollauf damit beschäftigt, uns selbst direkt mit Lebensmitteln zu versorgen, indem wir Subsistenzwirtschaft betreiben.

Kann das wirklich ein Ziel sein, selbst wenn es möglich wäre?

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Eigene Jalapeños im Oktober 2016

Jemand, der eine solche Selbstversorgung fordert/wünscht, würde damit gleichzeitig fordern/wünschen, dass das momentane, komplexe, arbeitsteilige, gesellschaftliche Leben aufhörte zu existieren!

Selbst früher, zur Zeit der Subsistenzwirtschaft, als die meisten Menschen noch hauptsächlich damit beschaftigt waren, sich selbst zu versorgen, mussten diese immer schon erheblich mehr erzeugen, als sie selbst verbrauchten, mussten diese „Selbstversorger“ andere mitversorgen, andere, die sie seelisch und körperlich schützten (lieber den Zehnten an Regierung, Soldaten und Priester abgeben, als Alles an Unsicherheit, Räuber und übernatürliche Kräfte verlieren!) oder andere, die sie mit Dingen versorgten, mit denen sie sich nicht selbst versorgen konnten oder wollten.

Selbst wenn ich die Macht von Stimmungsmache nicht unterschätze: die absolute Mehrheit der Menschen hat keinen Bock auf Acker- und Gartenbau sowie handwerkliche Tätigkeiten. Und wird deshalb niemals dafür zu begeistern sein, freiwillig (wieder) Selbstversorger*in zu werden. Wage ich zu behaupten. Es gibt kein Zurück.

Also kann man sich derartige Vorstellungen und dazugehörige Kampagnen unter dem Motto „Selbstversorgung macht die Zukunft besser!“ auch schenken. Zumindest sollten alle, die keine derart rückwärtsgewandten Ziele mit ihrer Selbstversorgung verfolgen, den Begriff schleunigst auf dem Komposthaufen (der Geschichte) entsorgen.

„Selbstversorgung“ oder „Für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen“?

Wenn ich früher zeitweise nicht in der Lage war (oder mich auch nicht in der Lage fühlte), mir ein geregeltes Einkommen zu  verschaffen und ich mich deshalb von „der Gesellschaft“, also von denen, die ein geregeltes Einkommen erwirtschaften, unterstützen lassen musste/wollte, wiesen mich die Mitarbeiter*innen von Arbeits- und Sozialamt bzw. des Job-Centers von Gesetzes wegen immer wieder streng darauf hin, dass ich verpflichtet sei, alles in meiner Macht stehende zu tun, mich selbst zu versorgen.

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Erdbeer- und Kamillenblütenernte, Juni 2015

Ich sollte ihnen dann möglichst viele Bewerbungsschreiben bei potentiellen „Arbeitgebern“ vorlegen. In keinem Fall wurde mir jedoch ein Stück (Garten-)Land zugewiesen oder mein zukünftiger Arbeitgeber auf einen landwirtschaftlichen Betrieb beschränkt.

Sie müssen also unter Selbstversorgung etwas anderes verstanden haben als z.B. „Selbstversorger Rigotti“ oder die „Selbstversorger Familie“, die sich von ihren Gartenprodukten direkt ernähren wollen.

Der Begriff „Selbstversorgung“ kann leicht zu Missverständnissen führen: alle Menschen, die Selbstversorgung im oben definierten Sinn verwenden, nämlich „sich von einem Stück Land selbst mit (den) zum Leben erforderlichen Mitteln zu versorgen“, behaupten damit indirekt, dass alle anderen Menschen sich nicht selbst versorgen.

Von 100%igen Selbstversorgern zu Heimstättenbewohnern? Ist das der Anfang vom Ende der „Selbstversorgung“?

Ich fürchte, eine solche Behauptung, offen ausgesprochen, würde harsche Proteste unter diesen „Mitessern“ hervorrufen.

Tja, und damit bin ich bei der „gesellschaftlichen Arbeitsteilung“.

Von da aus ist es nur noch ein winziger Schritt, um die heutige „Selbstversorgung“ mit der Agrar-Industrie zu verknüpfen.

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Tomaten, September 2016

Selbstversorgung heute ist eine Freizeitbeschäftigung

Diese programmatische Überschrift unterfüttere ich mit: Je weniger Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft) und je mehr Agrar-Industrie, desto weniger Menschen müssen sich mit der Nahrungsmittelerzeugung beschäftigen.
Oder mit anderen Worten: Je mehr Nahrungsmittel erzeugt werden, desto mehr Menschen können (gut) ernährt werden und eine „hoch entwickelte Gesellschaft“ mit Güterproduktion, Dienstleistung, Kultur, Verwaltung, Freizeitgestaltung und und und, mit Arbeitsteilung eben, bilden.

Wir versorgen uns alle zusammen selbst. Bitte, damit meine ich nicht: Wir Deutschen; die Selbstversorgung Deutschlands haben sogar die Deutsch-National(ist)en längst aus ihren Parteiprogrammen gestrichen.

Konkret bedeutet das: Ohne Agrar-Industrie (und Welt-Handel) geht gar nix. Sie sichert unsere (Grund)Versorgung. Sie ermöglicht uns, anderen Beschäftigungen als der reinen Selbstversorgung nachzugehen.
Jede Beschäftigung aber, die nicht unbedingt für den eigenen Lebenserhalt notwendig ist oder dem gesellschaftlichen Austausch dient, ist eine Freizeitbeschäftigung.

Hobby-Gärtnerei und „Selbstversorgung“ sind nicht notwendig und erzeugen keine tauschbaren Leistungen/Produkte, sind somit reine Freizeitbeschäftigungen, auch wenn „Selbstversorger*innen“ etwas weniger am gesellschaftlichen Austausch teilnehmen müssen; doch jede*r „Selbstversorger*in“ greift laufend oder immer mal wieder oder doch wenigstens im Notfall auf die von anderen zur Verfügung gestellten Produkte und Leistungen zurück – oder lese ich in den Kommentaren unten etwas von Ausnahmen?

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Trockenbohnen, von ihren Hülsen befreit im November 2016

Nicht Selbstversorgung sondern eine bessere Agrar-Industrie muss das Ziel sein

Wenn gerufen wird: „Wir haben die Agrar-Industrie satt!“, kann damit nur gemeint sein, die „Nebenwirkungen“ der Agrar-Industrie (wie Bodenerosion, -verdichtung, -versalzung und -verarmung sowie tierische Leiden) zu minimieren, die Agrar-Industrie also durch gesellschaftlichen Druck besser zu machen – damit sie auf Dauer erhalten bleibt, und ich Zeit meines (restlichen) Lebens Hobby-Gärtner bleiben kann und kein Selbstversorger werden muss.
Auch meine Kinder sollten von einer „Zwangsselbstversorgung“ verschont bleiben.

P.S.: Ich freue mich ganz gewaltig darüber, dass Gärtnern den Ruch des Spießertums verloren hat und immer mehr junge Leute mit ihren Kindern wieder im Garten ackern und eigene Nahrungsmittel wachsen lassen wollen – aber bitte mit Spaß, ohne Druck, ohne den Anspruch, sich selbst zu versorgen! Ein bisschen Selbstversorgung kommt immer dabei raus!

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Möhren, Mohrrüben oder Karotten, Juli 2016

Lamento und Carpe diem!

Statt mich mit diesem Beitrag zu beschäftigen, hätte ich heute anderes tun sollen: ich hätte z.B. meine Wohnung aus dem Zustand einer „Räuberhöhle“ in den eines gemütlichen Heims überführen oder mich schon einmal gedanklich mit Rolands Projekt „Fahrschul-Preisvergleich“ befassen sollen, das mir die nächsten vier Wochen den Lebensunterhalt sichert (Selbstversorgung!).

Ich hätte auch endlich das Interview, das mir Herr Dr. Böhm am 15. Dezember letzten Jahres gewährt hat, in Reinschrift übertragen oder das Material studieren können, das ich für den agrar-geschichtlichen Hintergrundbeitrag meiner Serie „Die Kartoffelzucht Böhm“ bisher gefunden habe.

Auch hätte der Beitrag Vorrang gehabt, den ich darüber verfassen will, warum Gärtner*innen bloggen; denn einige Menschen, die ich zu diesem Thema 2017 befragt habe, und die mir sofort und ausführlich geantwortet haben, werden ganz sicher schon darauf warten.

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Zuckini, Juli 2017

Aber… Frühlingsglücksgefühle haben mich gänzlich irrational handeln lassen: Die Ankunft des Buches mit dem Titel „Die wirtschaftliche Entwicklung des vorderen Odenwaldes, insbesondere des Gersprenztales von 1800 – 1925“ im Grimm-Zentrum der HU-Bibliothek hat mich bei kaltem, aber wundervoll lichthellem Wetter einen Spaziergang dorthin machen lassen, und auf diesem Gang durch die Berliner Innenstadt hat sich das Thema „Selbstversorgung“ ungefragt in meine Gedanken gedrängt, und da der Arbeitstitel des Beitrages „Gärtnern mit Anspruch“ schon seit längerem in der Schublade lag…

…ist der dort nun wenigstens raus. Ich habe also den Tag genutzt…

…und hoffentlich die eine „Selbstversorgerin“ und den anderen „Selbstversorger“ animiert, den Anspruch bzw. das Ziel aufzugeben, sich hauptberuflich komplett selbst versorgen zu wollen.
Mehr noch hoffe ich aber, dass ich durch meinen Beitrag möglichst viele potentielle Gärtner*innen ermuntert habe, völlig zwanglos ein solches Hobby bzw. eine solche Nebentätigkeit zu starten und den Begriff „Selbstversorgung“ komplett zu vergessen.

Um mal wieder was mit den eigenen Händen zu schaffen und von der Flimmerkiste wegzukommen, wie Ralf Roesberger sich wünscht, muss man kein Selbstversorger sein. Man kann auch als Hobby-Gärtner*in mit 50 Quadratmeter Garten Spaß daran haben, eigene Nahrungsmittel zu erzeugen, andere Lebenskonzepte auszuprobieren und möglichst viele seiner Erfahrungen mit der Internetgemeinde zu teilen.

Ich lasse mich auf jeden Fall aber auch in Zukunft gerne von Blogs und Videos von „Selbstversorger*innen“, die diesen Anspruch und diese Bezeichnung partout nicht ablegen wollen, inspirieren, unterrichten und – gut unterhalten, selbst wenn immer weniger Beiträge noch etwas mit Selbstversorgung zu tun haben.

Menschengeschichten bei 37 Grad im ZDF: Gottfried stellt richtige Fragen… und beweist, dass Selbstversorgung keine Antwort ist

Ein Hauch von „echter“ Selbstversorgung: Die 75jährige Altbäuerin Germana Thöni aus den Bergen Südtirols erzählt aus ihrem Leben