Wenn Einfalt weh täte

oder: Warum sich samenfeste Pflanzen nicht an Deinen Garten anpassen, auch wenn Du sie jahrelang dort vermehrst.

Der heutige Beitrag handelt von „Anpassung“ und zwar von der „evolutionären Anpassung“, die auch „passive Anpassung“ genannt werden kann, im Gegensatz zur „aktiven Anpassung“ (mehr dazu im folgenden Kasten).

Wenn jemand davon spricht, dass sich Pflanzen an Deinen Garten anpassen, dann meint er damit die evolutionäre Anpassung.

Bei der passiven/evolutionären Anpassung wird ein Lebewesen genetisch an bestimmte Bedingungen angepasst, d. h., seine Gen-Kombination, sein Genotypus muss zu den äußeren Bedingungen passen.

langjährig verkreuzte bunte Zwiebeln, frisch geerntet (mit Laub)

Vielfältige Speisezwiebeln (Allium cepa subsp. cepa)

Am Schluss des Beitrags solltest Du wissen, warum die evolutionäre Anpassung bei uneinheitlichen Pflanzenbeständen, wie den ehemaligen Landsorten oder heutigen Grexen, funktioniert und warum sie bei samenfesten Pflanzen nicht funktioniert.

Die verschiedenen Arten der Anpassung

Aktive Anpassung
Pflanzen können sich aktiv an wechselnde Bedingungen anpassen, die im Rahmen ihrer genetischen Möglichkeiten liegen:

  • durch Änderung ihres Verhaltens (sie richten z. B. ihre Blätter nach der Sonne aus); dieses Anpassungsverhalten wird auch „Modulative Anpassung“ genannt;
  • durch Wachstumsänderungen (der Stängel eines Keimlings wächst bei Lichtmangel länger, um das Licht zu erreichen; der Keimling „vergeilt“); diese Anpassung wird „Modifikative Anpassung“ genannt und findet im Rahmen der „Phänotypischen Plastizität“ einer Pflanze statt.

Passive Anpassung
Pflanzen werden ohne eigenes Zutun an die äußeren Bedingungen angepasst. Die äußeren Bedingungen üben eine selektive Wirkung aus: Lebewesen mit passenden Genotypen (Gen-Kombinationen) können sich fortpflanzen, solche mit unpassenden Genotypen nicht. Diese Art der Anpassung wird als „Evolutionäre Anpassung“ bezeichnet.

Falsches Versprechen: Samenfeste Pflanzen sollen anpassungsfähig sein

So viel Vorrede musste sein, damit Du das Wichtigste schon mal weißt; aber jetzt komme ich direkt zu der Frage, deren Antwort Dich (hoffentlich brennend) interessiert: Warum können sich samenfeste Pflanzen nicht an Deinen Garten anpassen, so wie das vielfach von den samenfesten Saatgut-Verkäufer:innen und ihren Nachsprechern versprochen wird?

Bunte Mischung von Riwesenkürbissen (Cucurbita maxima)

Vielfältige Riesenkürbisse (Cucurbita maxima)

Die Antwort ist ganz einfach: Weil samenfeste Pflanzen einfältig sind!

Nein, nein, samenfeste Pflanzen sind nicht dumm (zumindest nicht dümmer als andere Pflanzen). Pflanzen können in bestimmter Weise aus den äußeren Bedingungen, denen sie ausgesetzt sind, etwas „lernen“ und dieses Wissen sogar an ihre Nachkommen weitergeben.

Produzent und Verkäufer von samenfestem Saatgut Winni Brand („Keimzelle“, Vichel) erklärt, wie „Anpassung“ seiner Ansicht nach funktioniert… (aus: RBB „Gartenzeit“ vom 16.08.2026)

Die äußeren Bedingungen nehmen Einfluss auf die Wirkung/Ausprägung von Genen, sie verändern aber nichts an den Genen selbst, wie das für eine evolutionäre Anpassung notwendig wäre (wenn Du Dich für das „Lernen“ bei Pflanzen interessierst, solltest Du Dich mit „Epigenetik“ und „DNA-Methylierung“ befassen).

Nein, wenn ich schreibe, dass samenfeste Pflanzen einfältig sind, verwende ich nur den Spruch, der häufig skandiert wird, wenn es gegen die Einheitlichkeit des industriellen Saatgutangebots geht: „Vielfalt statt Einfalt!“

In diesem Sinne sind samenfeste Pflanzen einfältig: sie sind das Gegenteil von vielfältig.

Samenfeste Pflanzen einer Sorte sind genetisch (genotypisch) einheitlich – und sollen das auch sein, weil sie äußerlich (phänotypisch) ebenfalls einheitlich sein sollen; Du sollst ja – und willst das vielleicht auch – wissen, was Du erntest.

Also: Samenfeste Pflanzen einer Sorte haben alle (mehr oder weniger) den gleichen Genotyp. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass mit „Sorte“ eine gezielt gezüchtete Sorte, eine Zuchtsorte, gemeint ist und keine Landsorte. Viele Menschen machen keinen Unterschied zwischen diesen beiden „Sorten“, obwohl zwischen ihnen ein fundamentaler Unterschied besteht (der zur Beantwortung der Frage „Sind samenfeste Pflanzen anpassungsfähig?“ die entscheidende Rolle spielen wird).

Was „samenfest“ bedeutet

Bei samenfesten Pflanzen haben die Kinder die gleichen Eigenschaften in gleicher Kombination wie die beiden Elternteile, immer vorausgesetzt, dass beide Eltern deselben Zuchtsorte angehören.
Wie kann das sein? Bei Menschen z. B. haben die Kinder immer andere Eigenschaftskombinationen als die Eltern.

Bei Menschen liegt das daran, dass die beiden Elternteile jeweils unterschiedliche Eigenschaften besitzen und beide Eltern für die überwiegende Zahl der Eigenschaften gemischterbig (heterozygot) sind, d. h., dass nahezu an allen Gen-Orten die beiden Gene (Allele genannt) – jedes Gen liegt in der Regel in zweifacher Ausfertigung (diploid) vor – unterschiedlich sind.
Menschenkinder sind deshalb immer heterozygot.

Bei samenfesten Pflanzen ist das Gegenteil der Fall: Beide Eltern besitzen die gleichen Eigenschaften und beide Eltern sind für die überwiegende Zahl ihrer Eigenschaften reinerbig (homozygot), d. h., dass an nahezu allen Gen-Orten beide Allele identisch sind.
Die Kinder samenfester Eltern sind deshalb immer homozygot.

Reinerbigkeit (Homozygotie) lässt sich nur durch konsequente Inzucht erreichen. „Selbstbefruchter“ betreiben freiwillig und regelmäßig Inzucht, „Fremdbefruchter“ tun das nur unter menschlichem Zwang, der „Selbstung“ genannt wird.

Bei „Selbstbefruchtern“ lassen sich durch Inzucht 100% reinerbige, frohwüchsige, samenfeste Zuchtsorten erzeugen (so genannte Linien-Sorten). Bei „Fremdbefruchtern“ führt Inzucht jedoch zu Inzucht-Depressionen, die durch die Kreuzung zweier Inzucht-Linien (F1-Hybrid-Sorten) aufgrund des „Heterozygosis-Effektes“ vollkommen überwunden werden (dieser Effekt wird von Pflanzenzüchtern gern zu „Heterosis-Effekt“ verkürzt, um seine Ursache zu verschleiern). Samenfeste Zuchtsorten von „Fremdbefruchtern“ sind deshalb niemals 100% einheitlich, sondern nur relativ einheitlich (90-95%)

Samenfeste Pflanzen sind immer Pflanzen, die einer Zuchtsorte angehören. Samenfeste Pflanzen sind immer (mehr oder weniger) reinerbig (homozygot) sowie genetisch und äußerlich weitgehend einheitlich!

So viel Vorwissen muss sein, damit Du die Antwort auf die obige Frage verstehen kannst (keine Bange, ich komme zu ihr!)

Bunte Stangenbohnen (Phaseolus vulgaris vulgaris) und ihre Hülsen

Vielfältige Stangenbohnen (Phaseolus vulgaris var. vulgaris)

Täuschung durch Verschweigen: Samenfeste Pflanzen sollen nachbaubar sein

Nun sollen sich die samenfesten Pflanzen ja nur an Deinen Garten und Deine Anbaubedingungen anpassen, wenn Du sie eifrig nachbaust, d. h., sie selbst vermehrst.

Damit Du Deine Pflanzen vermehren kannst, müssen sie nachbaubar sein (Klaro!).

Nun wird landauf, landab von den entsprechenden Saatgut-Verkäufer:innen verbreitet, dass samenfeste Pflanzen nachbaubar seien – im Gegensatz zu F1-Hybrid-Pflanzen, die nicht nachbaubar seien (weshalb Du natürlich unbedingt samenfestes Saatgut kaufen sollst).

„Bei samenfest.de erhalten Sie ausschließlich samenfeste Pflanzensamen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass aus den geernteten Früchten Samen gewonnen werden kann, mit dem nach der Samenernte eine erneute Aussaat möglich ist. Dies steht im Gegensatz zu den Hybridsamen, die nur eine Ernte ermöglichen. (samenfest.de)

Ich sage und schreibe: Heiliger Bimbam! „Selig sind die Einfältigen, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Nein, nein, Du bist nicht einfältig, wenn Du diese Halbwahrheit bis jetzt geglaubt hast.

Nein, diejenigen, die das behaupten, sind entweder unwissend – oder aber „Rosstäuscher“, wie man früher sagte; heute würde man sie einfach „Betrüger“ schimpfen, wenn sie diese Fehlinformation wissentlich verbreiten.

Bei der Aussage „Samenfeste Pflanzen sind nachbaubar“ wird nämlich das Wort „sortenrein“ unterschlagen, um den oben genannten, falschen Eindruck zu erzeugen, dass nur samenfeste Sorten nachbaubar seien.

Richtig müsste es immer heißen: Samenfeste Pflanzen sind sortenrein nachbaubar.

Dann stimmt auch das Urteil über die F1-Hybrid-Pflanzen; denn F1-Hybride sind zwar in der Regel auch nachbaubar, aber nie sortenrein nachbaubar, weil sie in der F2-Generation aufspalten, weil die F2-Generation viele genotypisch und phänotypisch unterschiedliche Pflanzen ergibt (siehe 2. Vererbungsregel, die Spaltungsregel sowie meinen Beitrag „Gut, besser, am besten samenfest?“).

Mix aus Knoblauchknollen und -zehen

Vielfältiger Knoblauch aus Vietnam

Samenfeste Pflanzen sind also sortenrein nachbaubar.

Was das aber bedeutet, wirst Du wissen, wenn Du meinen Beitrag „Was heißt samenfest?“ studiert oder den obigen Erklär-Kasten dazu gelesen hast. Ich schreib’s aber zur Sicherheit noch einmal in der gebotenen Kürze: Wenn Du samenfeste Pflanzen (einer Zuchtsorte) nachbaust und darauf achtest, dass sie sich nur untereinander befruchten können, also Inzucht betreiben, bleiben sie genetisch und äußerlich einheitlich, bleiben sie sortenrein/reinerbig.

Du hast ja sicherlich den erhobenen Zeigefinger vor Augen, wenn Du diese Worte liest: „Das Bestäubungsmanagement ist von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass die gewünschte Qualität und Sortenreinheit der Samen erhalten bleibt.“

Wenn sich Deine samenfesten Pflanzen nämlich mit denen einer anderen Sorte verkreuzen, sind ihre Samen nicht mehr samenfest, sondern verkreuzt, es sind gemischterbige (heterozygote) F1-Hybrid-Samen, aus denen in der nächsten, der F2-Generation, vielfältige „Mischlinge“ hervorgehen. Die Kind-Pflanzen, die aus ihnen entstehen, gleichen nicht mehr den Mutter- und Vater-Pflanzen.

Daraus folgt, dass sich am Genotyp, an der Gen-Kombination, Deiner samenfesten Pflanzen auch dann nichts ändert, wenn Du sie jahrelang in Deinem Garten nachbaust; sie sind und bleiben sortenrein und damit (mehr oder weniger) einheitlich – einfältig eben.

Maiskolben mit verschieden-farbigen Körnern, vor allem aber roten

Vielfältiger Mais (Zea mays subsp. mays)

Nach dieser erneuten Abschweifung wieder zurück zur Ausgangsfrage: Können sich samenfeste Pflanzen durch mehrfachen Nachbau an veränderte/neue Bedingungen anpassen?

Mehr wissen Teil 1: So funktioniert evolutionäre Anpassung

Ich habe ja oben schon geschrieben, dass bei der evolutionären oder passiven Anpassung die Gen-Kombination der Pflanzen verändert wird. Der Genotyp einer Pflanze muss zu den äußeren Bedingungen passen, unter denen sie lebt und sich fortpflanzen kann.

Das hört sich kompliziert an, ist aber ein sehr einfacher Vorgang: Pflanzen mit einer Gen-Kombination, die zu den äußeren Bedingungen einer Örtlichkeit passt, können sich (mehr oder weniger gut) fortpflanzen; alle Pflanzen, deren Genotyp unpassend ist, sterben bzw. pflanzen sich nicht fort.

Evolutionäre Anpassung exakt beschrieben, aber als „Lernen“ falsch gedeutet

„Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung unserer Strohblumen-Samen. Wir haben Samen von einem befreundeten Betrieb bekommen, der aber einen völlig anderen Boden hat als wir. Im ersten Jahr sind nur ganz wenige mickrige Blumen gekommen, auch nur in wenigen Farben. Die Samen dieser Blumen haben wir im nächsten Jahr wieder gesät und schon hatten wir ein völlig anderes Ergebnis: kräftige Pflanzen in vielen Unterschiedlichen Farbnuancen. Die Samen können also in nur einer Generation lernen, mit unseren Bedingungen klarzukommen.“

noch einmal Winni Brand („Keimzelle“) im Interview beim supercraft Magazin

Dieser Vorgang wird allgemein „Natürliche Selektion“ oder eben „Evolutionäre Anpassung“ genannt.

Menschen, die um einen Verkaufstisch herumstehen

Vielfältige Menschen (Homo sapiens) auf dem 3. Saatgut-Spektakulum

Aus dieser Aussage kannst Du messerscharf schließen, dass evolutionäre Anpassung nur möglich ist, wenn es Pflanzen mit unterschiedlichen Genotypen (Gen-Kombinationen) in einer Population gibt (eine „Population“ sind z. B. die samenfesten, einheitlichen Pflanzen einer Zuchtsorte, die Du in Deinem Garten vermehrst).

Da samenfeste Pflanzen (einer Zuchtsorte) alle den gleichen Genotyp besitzen, folgt daraus logischerweise: Entweder pflanzen sich alle Deine samenfesten Pflanzen fort, weil ihr Genotyp zu Deinem Garten passt, oder sie tun das nicht, weil ihr Genotyp nicht passt, d. h., weil sie die Bedingungen (zumindest eine von ihnen) nicht ertragen können, weil es in Deinem Garten für sie zu kalt, zu heiß, zu trocken oder sonstwie nicht passend ist.

Die genetisch einheitlichen, samenfesten Pflanzen ertragen nur die äußeren Bedingungen, die zu ihrem Genotyp passen. Wenn ihnen die Bedingungen nicht zusagen, können sie sich nicht mehr fortpflanzen und sterben damit aus.

Kleine Häufchen von Mohnsamen in unterschiedlichen Farben

Vielfältige Speisemohnsamen (Papaver somniferum)

Von „Anpassung samenfester Pflanzen“ kann also bis jetzt noch keine Rede sein; so viel sollte bis hierhin klar sein.

Verdummung 3. Teil: Samen von den besten Pflanzen gewinnen

Nun kannst Du trotzdem regelmäßig den Ratschlag von Sorten-Expert:innen lesen, dass Du die Anpassung Deiner samenfesten Pflanzen an Deinen Garten beförderst, wenn Du nur Samen von den besten Pflanzen, den „Prachtpflanzen“, erntest.

„Baust Du mehrere Exemplare einer Sorte an, ist durch die vorhandene genetische Breite die Wahrscheinlichkeit groß, dass darunter Pflanzen sind, die mit den widrigen Bedingungen gut klarkommen. Zur Weitervermehrung solltest Du daher immer Saatgut verschiedener Prachtpflanzen einer Sorte ernten“, brüllt der Ökolöwe in Leipzig.

Mittlerweile weißt Du aber, dass alle Exemplare einer (Zucht)Sorte genetisch mehr oder weniger einheitlich sind, dass also die „vorhandene genetische Breite“ bei samenfesten Pflanzen (derselben Zuchtsorte) gegen Null tendiert. Wenn also einige Pflanzen besser gedeihen als andere, kann es kaum am passenderen Genotyp, d. h., an der besseren genetischen Ausstattung, dieser „Prachtpflanzen“ liegen.

„Aber warum wachsen dann manche Pflanzen einer Zuchtsorte besser als andere?“ wirst Du Dich möglicherweise jetzt fragen.

Nun, dafür gibt es wiederum eine ganz einfache Erklärung: Weil die äußeren Bedingungen in Deinem Garten mikro-lokal unterschiedlich sind; besser wachsende Pflanzen haben bessere Bedingungen, mehr Dünger, mehr Wasser, weniger Schädlinge oder alles zusammen.

Wenn alle Pflanzen den gleichen Genotyp besitzen (sprich: genetisch identisch sind), wie das bei samenfesten Pflanzen der Fall ist (oder laut Gesetz zumindest sein sollte), macht es keinen Unterschied, ob Du von den besten oder den schlechtesten Pflanzen Samen nimmst; Du bekommst in jedem Fall Samen, die den gleichen Genotyp besitzen (so lange sich die Pflanzen nicht mit einer anderen Sorte verkreuzt haben).

Pastinakenwurzeln

Für die Vermehrung ausgewählte Pastinakenwurzeln (Pastinaca sativa)

Bei den genetisch einheitlichen, samenfesten Pflanzen ist der Rat, Samen von den besten Pflanzen zu gewinnen, also völliger Humbug, totaler Quatsch, einfach nur Unsinn.

Mehr wissen Teil 2: Nur genetisch vielfältige Pflanzen sind anpassungsfähig

Nun gut, ich will nicht ganz so streng sein. Da auch viele samenfeste Sorten, vor allem von „Fremdbefruchtern“, ein kleines bisschen „genetische Breite“ besitzen – und durch Mutationen in jeder Generation auch ein kleines bisschen genetisch uneinheitlicher werden, können sich mit der Zeit auch samenfeste Pflanzen ein kleines bisschen an Bedingungen anpassen, die ein kleines bisschen anders sind als die, an die sie ursprünglich angepasst waren (sie sind dann am Ende aber nicht mehr „samenfest“ zu nennen).

Schönfärberei: „Vielfaltssorten“ und „Vielfaltssaatgut“

Neuerdings bewerben Sortenerhalter und kleine Züchter ihre samenfesten Sorten gern als „Vielfaltssorten“ und das entsprechende Sorten-Saatgut als „Vielfaltssaatgut“. Das halte ich für dreiste Augenwischerei; denn entweder sind Pflanzen samenfest (die Kinder gleichen den Eltern) oder sie sind das nicht (die Kinder können anders aussehen als ihre Eltern). Zwar streiten die besagten Kreise seit Jahren für eine Aufweichung der strengen DUS-Kriterien (Unterscheidbarkeit – Distinctness, Einförmigkeit – Uniformity, Gleichbleiben – Stability) bei der Sorten-Zulassung – es soll eine größere Variabilität („genetische Breite“) möglich sein – trotzdem sollen aber noch erkennbare Sorten-Eigenschaften beibehalten werden, um Eigentumsrechte und Vermarktungsmöglichkeiten sowie den Verbraucherschutz daran knüpfen zu können. Ohne eine eindeutig definierte „Sorte“ wäre dies nicht möglich.

Mein Einwand: Ist die Verringerung der Einheitlichkeit (Homogeneität) der Pflanzen einer Zuchtsorte von 95% auf 90% als „Vielfalt“ (an Genotypen) zu bezeichnen, vor allem, wenn man dies mit der Uneinheitlichkeit der Pflanzen früherer Landsorten vergleicht, deren Homogeneität zwischen 0 und 20% lag?

Der entscheidende Punkt ist nämlich…

…dass nur Populationen anpassungsfähig sind, die aus Pflanzen mit unterschiedlichen Genotypen bestehen; denn nur in diesem Fall können in der Population einzelne Pflanzen sein, deren Genotyp für bestimmte äußere Bedingungen – wie sie z. B. in Deinem Garten herrschen – passend sind. Wenn diese passenden Genotypen sich anschließend fortpflanzen – oder von Dir vermehrt werden, kannst Du nach ein paar Generationen die Feststellung treffen: „Meine Pflanzenpopulation hat sich an meinen Garten angepasst“ oder „Meine Pflanzen sind nun an meinen Garten angepasst“.

Ein Haufen Zucker- bzw. Honigmelonen mit unterschiedlichem Äußeren

Vielfältige Honig- bzw. Zuckermelonen (Cucumis melo) aus Hohenwepeler Feldanbau

Damit sich also Pflanzen einer Nutzpflanzen-Art an Deinen Garten anpassen können, müssen sie genetisch vielfältig sein, d. h., die Pflanzen müssen möglichst unterschiedliche Genotypen besitzen. Nur dann macht es Sinn, die am besten gedeihenden Pflanzen für die Saatgutgewinnung auszuwählen.

Mehr wissen Teil 3: Genetisch vielfältige, anpassungsfähige Samen gewinnen

Ich hoffe, dass Du Dir jetzt, zum Schluss, nachdem ich Dir lang und breit verklickert habe, dass samenfeste Pflanzen einer Sorte alle den gleichen Genotyp besitzen und somit überhaupt nicht anpassungsfähig sind, die Frage stellst: Wie bekomme ich denn nun Samen unserer Nutzpflanzen-Arten, die möglichst unterschiedliche Genotypen haben?“

Wenn Du an genetisch vielfältigen, anpassungsfähigen Pflanzen interessiert bist, musst Du wissen, dass vielfältige (heterogene, heterozygote) Samen die Samen von früheren Landsorten oder heutigen Grexen oder so genannten „Populationen“ sind; letztere werden auch „Ökologisch heterogenes Material“ (ÖHM) oder „Composite Cross Populations“ (CCP) genannt.

Um an solche Samen zu kommen, kann ich Dir vier Möglichkeiten nennen:

  1. Du befragst die beliebteste Suchmaschine im deutsch-sprachigen Raum nach „Landsorte Saatgut“, nach „Grex Saatgut“ und/oder nach „Population Saatgut“; dann stößt Du auf Menschen, die solche Samen schon gewerblich in Verkehr bringen.
  2. Du erzeugst selber eine Mischung unterschiedlicher Genotypen, indem Du ein paar Exemplare von verschiedenen Zuchtsorten zusammen blühen und durch Wind oder Insekten verkreuzen lässt. Eine umfassende, praktische Hilfe dazu bietet das Buch „Gärtnern mit Landsorten“ von Joseph Lofthouse, das ich übersetzt habe.
  3. Du vermehrst F1-Hybrid-Pflanzen, die keine aktive Cytoplasmatische Männliche Sterilität (CMS) besitzen (das sind alle Nutzpflanzen-Arten, deren Früchte und Samen wir essen)! Dann bekommst Du die überwältigende Vielfalt an unterschiedlichen Genotypen, die F2-Hybrid-Pflanzen und ihrer Nachkommen zeigen.
  4. Du fragst mich, ob ich Dir ein paar meiner vielfältigen „Mischlingssamen“ zukommen lassen kann. Ich habe durch natürliche Kreuzungen von vielen Varianten und mehrjährigem Nachbau jede Menge genetisch vielfältige Samen einiger Nutzpflanzen-Arten (siehe Abbildungen im Text) produziert und gebe eine Auswahl von fünf Arten gegen eine Spende von 10 Euro ab (so lange der Überschuss reicht; Email an mich).

Laute Hoffnung zum Schluss: Aufruf zur Anpassung!

Liebe Sorten-Experten und Verkäuferinnen von samenfesten Samen!

Ich möchte ab jetzt nirgendwo mehr lesen, dass aus samenfestem Saatgut anpassungsfähige Pflanzen entstehen (und wehe Google, Du zeigst nur diesen letzten Halbsatz an, wenn Dich jemand fragt, ob samenfeste Pflanzen anpassungsfähig seien!)

Bitte passt Eure Aussagen an die Realität an!

Bunte Puffbohnen, teilweise nach Farben sortiert

Vielfältige Dicke Bohnen, Puffbohnen, Ackerbohnen, Saubohnen oder einfach: Vicia faba

Samenfeste Pflanzen sind nicht anpassungsfähig, weil sie nur aus Pflanzen mit einem sehr einheitlichen Genotyp bestehen!
Genetisch einheitliche Pflanzen passen sich auch dann nicht an, wenn man jahrelang die besten Pflanzen für die Saatgutgewinnung auswählt, da eine solche Auswahl nur Sinn macht, wenn sich die Pflanzen genetisch (deutlich) unterscheiden.

Bitte, nennt Euer samenfestes Saatgut nie mehr „Vielfaltssorten“ oder „Vielfaltssaatgut“; das ist eindeutig irreführende Werbung oder Etikettenschwindel!

Wer Nutzpflanzen-Vielfalt und anpassungsfähige Nutzpflanzen will, der mischt und verkreuzt die samenfesten Zuchtsorten auf „Deubel-komm-raus“, baut die entstehenden Mischlingspflanzen regelmäßig nach und schafft somit neue heterogene, heterozygote Populationen (neue Landsorten, die das Land dringend braucht), damit sich unsere Nutzpflanzen auch zukünftig wieder anpassen können, wie sie das 10.000 Jahre lang bis zum Beginn der Pflanzenzüchtung getan haben!