Wenn Einfalt weh täte
oder: Warum sich samenfeste Pflanzen nicht an Deinen Garten anpassen, auch wenn Du sie jahrelang dort vermehrst.
Der heutige Beitrag handelt von „Anpassung“ und zwar von der „evolutionären Anpassung“, die auch „passive Anpassung“ genannt werden kann, im Gegensatz zur „aktiven Anpassung“ (mehr dazu im folgenden Kasten).
Wenn jemand davon spricht, dass sich Pflanzen an Deinen Garten anpassen, dann meint er damit die evolutionäre Anpassung.
Bei der passiven/evolutionären Anpassung wird ein Lebewesen genetisch an bestimmte Bedingungen angepasst, d. h., seine Gen-Kombination, sein Genotypus muss zu den äußeren Bedingungen passen.
Am Schluss des Beitrags solltest Du wissen, warum die evolutionäre Anpassung bei uneinheitlichen Pflanzenbeständen, wie den ehemaligen Landsorten oder heutigen Grexen, funktioniert und warum sie bei samenfesten Pflanzen nicht funktioniert.
Die verschiedenen Arten der Anpassung
Aktive Anpassung
Pflanzen können sich aktiv an wechselnde Bedingungen anpassen, die im Rahmen ihrer genetischen Möglichkeiten liegen:
- durch Änderung ihres Verhaltens (sie richten z. B. ihre Blätter nach der Sonne aus); dieses Anpassungsverhalten wird auch „Modulative Anpassung“ genannt;
- durch Wachstumsänderungen (der Stängel eines Keimlings wächst bei Lichtmangel länger, um das Licht zu erreichen; der Keimling „vergeilt“); diese Anpassung wird „Modifikative Anpassung“ genannt und findet im Rahmen der „Phänotypischen Plastizität“ einer Pflanze statt.
Passive Anpassung
Pflanzen werden ohne eigenes Zutun an die äußeren Bedingungen angepasst. Die äußeren Bedingungen üben eine selektive Wirkung aus: Lebewesen mit passenden Genotypen (Gen-Kombinationen) können sich fortpflanzen, solche mit unpassenden Genotypen nicht. Diese Art der Anpassung wird als „Evolutionäre Anpassung“ bezeichnet.
Falsches Versprechen: Samenfeste Pflanzen sollen anpassungsfähig sein
So viel Vorrede musste sein, damit Du das Wichtigste schon mal weißt; aber jetzt komme ich direkt zu der Frage, deren Antwort Dich (hoffentlich brennend) interessiert: Warum können sich samenfeste Pflanzen nicht an Deinen Garten anpassen, so wie das vielfach von den samenfesten Saatgut-Verkäufer:innen und ihren Nachsprechern versprochen wird?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil samenfeste Pflanzen einfältig sind!
Nein, nein, samenfeste Pflanzen sind nicht dumm (zumindest nicht dümmer als andere Pflanzen). Pflanzen können in bestimmter Weise aus den äußeren Bedingungen, denen sie ausgesetzt sind, etwas „lernen“ und dieses Wissen sogar an ihre Nachkommen weitergeben.
Produzent und Verkäufer von samenfestem Saatgut Winni Brand („Keimzelle“, Vichel) erklärt, wie „Anpassung“ seiner Ansicht nach funktioniert… (aus: RBB „Gartenzeit“ vom 16.08.2026)
Die äußeren Bedingungen nehmen Einfluss auf die Wirkung/Ausprägung von Genen, sie verändern aber nichts an den Genen selbst, wie das für eine evolutionäre Anpassung notwendig wäre (wenn Du Dich für das „Lernen“ bei Pflanzen interessierst, solltest Du Dich mit „Epigenetik“ und „DNA-Methylierung“ befassen).
Nein, wenn ich schreibe, dass samenfeste Pflanzen einfältig sind, verwende ich nur den Spruch, der häufig skandiert wird, wenn es gegen die Einheitlichkeit des industriellen Saatgutangebots geht: „Vielfalt statt Einfalt!“
In diesem Sinne sind samenfeste Pflanzen einfältig: sie sind das Gegenteil von vielfältig.
Samenfeste Pflanzen einer Sorte sind genetisch (genotypisch) einheitlich – und sollen das auch sein, weil sie äußerlich (phänotypisch) ebenfalls einheitlich sein sollen; Du sollst ja – und willst das vielleicht auch – wissen, was Du erntest.
Also: Samenfeste Pflanzen einer Sorte haben alle (mehr oder weniger) den gleichen Genotyp. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass mit „Sorte“ eine gezielt gezüchtete Sorte, eine Zuchtsorte, gemeint ist und keine Landsorte. Viele Menschen machen keinen Unterschied zwischen diesen beiden „Sorten“, obwohl zwischen ihnen ein fundamentaler Unterschied besteht (der zur Beantwortung der Frage „Sind samenfeste Pflanzen anpassungsfähig?“ die entscheidende Rolle spielen wird).
Was „samenfest“ bedeutet
Bei samenfesten Pflanzen haben die Kinder die gleichen Eigenschaften in gleicher Kombination wie die beiden Elternteile, immer vorausgesetzt, dass beide Eltern deselben Zuchtsorte angehören.
Wie kann das sein? Bei Menschen z. B. haben die Kinder immer andere Eigenschaftskombinationen als die Eltern.
Bei Menschen liegt das daran, dass die beiden Elternteile jeweils unterschiedliche Eigenschaften besitzen und beide Eltern für die überwiegende Zahl der Eigenschaften gemischterbig (heterozygot) sind, d. h., dass nahezu an allen Gen-Orten die beiden Gene (Allele genannt) – jedes Gen liegt in der Regel in zweifacher Ausfertigung (diploid) vor – unterschiedlich sind.
Menschenkinder sind deshalb immer heterozygot.
Bei samenfesten Pflanzen ist das Gegenteil der Fall: Beide Eltern besitzen die gleichen Eigenschaften und beide Eltern sind für die überwiegende Zahl ihrer Eigenschaften reinerbig (homozygot), d. h., dass an nahezu allen Gen-Orten beide Allele identisch sind.
Die Kinder samenfester Eltern sind deshalb immer homozygot.
Reinerbigkeit (Homozygotie) lässt sich nur durch konsequente Inzucht erreichen. „Selbstbefruchter“ betreiben freiwillig und regelmäßig Inzucht, „Fremdbefruchter“ tun das nur unter menschlichem Zwang, der „Selbstung“ genannt wird.
Bei „Selbstbefruchtern“ lassen sich durch Inzucht 100% reinerbige, frohwüchsige, samenfeste Zuchtsorten erzeugen (so genannte Linien-Sorten). Bei „Fremdbefruchtern“ führt Inzucht jedoch zu Inzucht-Depressionen, die durch die Kreuzung zweier Inzucht-Linien (F1-Hybrid-Sorten) aufgrund des „Heterozygosis-Effektes“ vollkommen überwunden werden (dieser Effekt wird von Pflanzenzüchtern gern zu „Heterosis-Effekt“ verkürzt, um seine Ursache zu verschleiern). Samenfeste Zuchtsorten von „Fremdbefruchtern“ sind deshalb niemals 100% einheitlich, sondern nur relativ einheitlich (90-95%)
Samenfeste Pflanzen sind immer Pflanzen, die einer Zuchtsorte angehören. Samenfeste Pflanzen sind immer (mehr oder weniger) reinerbig (homozygot) sowie genetisch und äußerlich weitgehend einheitlich!
So viel Vorwissen muss sein, damit Du die Antwort auf die obige Frage verstehen kannst (keine Bange, ich komme zu ihr!)
Täuschung durch Verschweigen: Samenfeste Pflanzen sollen nachbaubar sein
Nun sollen sich die samenfesten Pflanzen ja nur an Deinen Garten und Deine Anbaubedingungen anpassen, wenn Du sie eifrig nachbaust, d. h., sie selbst vermehrst.
Damit Du Deine Pflanzen vermehren kannst, müssen sie nachbaubar sein (Klaro!).
Nun wird landauf, landab von den entsprechenden Saatgut-Verkäufer:innen verbreitet, dass samenfeste Pflanzen nachbaubar seien – im Gegensatz zu F1-Hybrid-Pflanzen, die nicht nachbaubar seien (weshalb Du natürlich unbedingt samenfestes Saatgut kaufen sollst).
„Bei samenfest.de erhalten Sie ausschließlich samenfeste Pflanzensamen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass aus den geernteten Früchten Samen gewonnen werden kann, mit dem nach der Samenernte eine erneute Aussaat möglich ist. Dies steht im Gegensatz zu den Hybridsamen, die nur eine Ernte ermöglichen. (samenfest.de)
- Vielfältige Kartoffeln (Solanum tuberosum)
- Kartoffelsamen
- Kartoffelsämlinge werden pikiert (einzeln in Töpfchen gepflanzt)
Ich sage und schreibe: Heiliger Bimbam! „Selig sind die Einfältigen, denn ihrer ist das Himmelreich.“
Nein, nein, Du bist nicht einfältig, wenn Du diese Halbwahrheit bis jetzt geglaubt hast.
Nein, diejenigen, die das behaupten, sind entweder unwissend – oder aber „Rosstäuscher“, wie man früher sagte; heute würde man sie einfach „Betrüger“ schimpfen, wenn sie diese Fehlinformation wissentlich verbreiten.
Bei der Aussage „Samenfeste Pflanzen sind nachbaubar“ wird nämlich das Wort „sortenrein“ unterschlagen, um den oben genannten, falschen Eindruck zu erzeugen, dass nur samenfeste Sorten nachbaubar seien.
Richtig müsste es immer heißen: Samenfeste Pflanzen sind sortenrein nachbaubar.
Dann stimmt auch das Urteil über die F1-Hybrid-Pflanzen; denn F1-Hybride sind zwar in der Regel auch nachbaubar, aber nie sortenrein nachbaubar, weil sie in der F2-Generation aufspalten, weil die F2-Generation viele genotypisch und phänotypisch unterschiedliche Pflanzen ergibt (siehe 2. Vererbungsregel, die Spaltungsregel sowie meinen Beitrag „Gut, besser, am besten samenfest?“).

Vielfältiger Knoblauch aus Vietnam
Samenfeste Pflanzen sind also sortenrein nachbaubar.
Was das aber bedeutet, wirst Du wissen, wenn Du meinen Beitrag „Was heißt samenfest?“ studiert oder den obigen Erklär-Kasten dazu gelesen hast. Ich schreib’s aber zur Sicherheit noch einmal in der gebotenen Kürze: Wenn Du samenfeste Pflanzen (einer Zuchtsorte) nachbaust und darauf achtest, dass sie sich nur untereinander befruchten können, also Inzucht betreiben, bleiben sie genetisch und äußerlich einheitlich, bleiben sie sortenrein/reinerbig.
Du hast ja sicherlich den erhobenen Zeigefinger vor Augen, wenn Du diese Worte liest: „Das Bestäubungsmanagement ist von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass die gewünschte Qualität und Sortenreinheit der Samen erhalten bleibt.“
Wenn sich Deine samenfesten Pflanzen nämlich mit denen einer anderen Sorte verkreuzen, sind ihre Samen nicht mehr samenfest, sondern verkreuzt, es sind gemischterbige (heterozygote) F1-Hybrid-Samen, aus denen in der nächsten, der F2-Generation, vielfältige „Mischlinge“ hervorgehen. Die Kind-Pflanzen, die aus ihnen entstehen, gleichen nicht mehr den Mutter- und Vater-Pflanzen.
Daraus folgt, dass sich am Genotyp, an der Gen-Kombination, Deiner samenfesten Pflanzen auch dann nichts ändert, wenn Du sie jahrelang in Deinem Garten nachbaust; sie sind und bleiben sortenrein und damit (mehr oder weniger) einheitlich – einfältig eben.
Nach dieser erneuten Abschweifung wieder zurück zur Ausgangsfrage: Können sich samenfeste Pflanzen durch mehrfachen Nachbau an veränderte/neue Bedingungen anpassen?
Mehr wissen Teil 1: So funktioniert evolutionäre Anpassung
Ich habe ja oben schon geschrieben, dass bei der evolutionären oder passiven Anpassung die Gen-Kombination der Pflanzen verändert wird. Der Genotyp einer Pflanze muss zu den äußeren Bedingungen passen, unter denen sie lebt und sich fortpflanzen kann.
Das hört sich kompliziert an, ist aber ein sehr einfacher Vorgang: Pflanzen mit einer Gen-Kombination, die zu den äußeren Bedingungen einer Örtlichkeit passt, können sich (mehr oder weniger gut) fortpflanzen; alle Pflanzen, deren Genotyp unpassend ist, sterben bzw. pflanzen sich nicht fort.
Evolutionäre Anpassung exakt beschrieben, aber als „Lernen“ falsch gedeutet
noch einmal Winni Brand („Keimzelle“) im Interview beim supercraft Magazin
Dieser Vorgang wird allgemein „Natürliche Selektion“ oder eben „Evolutionäre Anpassung“ genannt.

Vielfältige Menschen (Homo sapiens) auf dem 3. Saatgut-Spektakulum
Aus dieser Aussage kannst Du messerscharf schließen, dass evolutionäre Anpassung nur möglich ist, wenn es Pflanzen mit unterschiedlichen Genotypen (Gen-Kombinationen) in einer Population gibt (eine „Population“ sind z. B. die samenfesten, einheitlichen Pflanzen einer Zuchtsorte, die Du in Deinem Garten vermehrst).
Da samenfeste Pflanzen (einer Zuchtsorte) alle den gleichen Genotyp besitzen, folgt daraus logischerweise: Entweder pflanzen sich alle Deine samenfesten Pflanzen fort, weil ihr Genotyp zu Deinem Garten passt, oder sie tun das nicht, weil ihr Genotyp nicht passt, d. h., weil sie die Bedingungen (zumindest eine von ihnen) nicht ertragen können, weil es in Deinem Garten für sie zu kalt, zu heiß, zu trocken oder sonstwie nicht passend ist.
Die genetisch einheitlichen, samenfesten Pflanzen ertragen nur die äußeren Bedingungen, die zu ihrem Genotyp passen. Wenn ihnen die Bedingungen nicht zusagen, können sie sich nicht mehr fortpflanzen und sterben damit aus.
- Violette Blüte des Speisemohns (Papaver somniferum)
- Speisemohnblüte
- Speisemohnblüte
- Gefiederte Speisemohnblüte
- Speisemohnblüte
- Speisemohnblüte
Von „Anpassung samenfester Pflanzen“ kann also bis jetzt noch keine Rede sein; so viel sollte bis hierhin klar sein.
Verdummung 3. Teil: Samen von den besten Pflanzen gewinnen
Nun kannst Du trotzdem regelmäßig den Ratschlag von Sorten-Expert:innen lesen, dass Du die Anpassung Deiner samenfesten Pflanzen an Deinen Garten beförderst, wenn Du nur Samen von den besten Pflanzen, den „Prachtpflanzen“, erntest.
„Baust Du mehrere Exemplare einer Sorte an, ist durch die vorhandene genetische Breite die Wahrscheinlichkeit groß, dass darunter Pflanzen sind, die mit den widrigen Bedingungen gut klarkommen. Zur Weitervermehrung solltest Du daher immer Saatgut verschiedener Prachtpflanzen einer Sorte ernten“, brüllt der Ökolöwe in Leipzig.
Mittlerweile weißt Du aber, dass alle Exemplare einer (Zucht)Sorte genetisch mehr oder weniger einheitlich sind, dass also die „vorhandene genetische Breite“ bei samenfesten Pflanzen (derselben Zuchtsorte) gegen Null tendiert. Wenn also einige Pflanzen besser gedeihen als andere, kann es kaum am passenderen Genotyp, d. h., an der besseren genetischen Ausstattung, dieser „Prachtpflanzen“ liegen.
- Vielfältige Speisemöhren (Daucus carota)
- Speisemöhren zum Überwintern im November einlagern
- Für die Samengewinnung ausgewählte Speisemöhren im Frühjahr (links; rechts Pastinaken)
„Aber warum wachsen dann manche Pflanzen einer Zuchtsorte besser als andere?“ wirst Du Dich möglicherweise jetzt fragen.
Nun, dafür gibt es wiederum eine ganz einfache Erklärung: Weil die äußeren Bedingungen in Deinem Garten mikro-lokal unterschiedlich sind; besser wachsende Pflanzen haben bessere Bedingungen, mehr Dünger, mehr Wasser, weniger Schädlinge oder alles zusammen.
Wenn alle Pflanzen den gleichen Genotyp besitzen (sprich: genetisch identisch sind), wie das bei samenfesten Pflanzen der Fall ist (oder laut Gesetz zumindest sein sollte), macht es keinen Unterschied, ob Du von den besten oder den schlechtesten Pflanzen Samen nimmst; Du bekommst in jedem Fall Samen, die den gleichen Genotyp besitzen (so lange sich die Pflanzen nicht mit einer anderen Sorte verkreuzt haben).
Bei den genetisch einheitlichen, samenfesten Pflanzen ist der Rat, Samen von den besten Pflanzen zu gewinnen, also völliger Humbug, totaler Quatsch, einfach nur Unsinn.
Mehr wissen Teil 2: Nur genetisch vielfältige Pflanzen sind anpassungsfähig
Nun gut, ich will nicht ganz so streng sein. Da auch viele samenfeste Sorten, vor allem von „Fremdbefruchtern“, ein kleines bisschen „genetische Breite“ besitzen – und durch Mutationen in jeder Generation auch ein kleines bisschen genetisch uneinheitlicher werden, können sich mit der Zeit auch samenfeste Pflanzen ein kleines bisschen an Bedingungen anpassen, die ein kleines bisschen anders sind als die, an die sie ursprünglich angepasst waren (sie sind dann am Ende aber nicht mehr „samenfest“ zu nennen).
Schönfärberei: „Vielfaltssorten“ und „Vielfaltssaatgut“
Neuerdings bewerben Sortenerhalter und kleine Züchter ihre samenfesten Sorten gern als „Vielfaltssorten“ und das entsprechende Sorten-Saatgut als „Vielfaltssaatgut“. Das halte ich für dreiste Augenwischerei; denn entweder sind Pflanzen samenfest (die Kinder gleichen den Eltern) oder sie sind das nicht (die Kinder können anders aussehen als ihre Eltern). Zwar streiten die besagten Kreise seit Jahren für eine Aufweichung der strengen DUS-Kriterien (Unterscheidbarkeit – Distinctness, Einförmigkeit – Uniformity, Gleichbleiben – Stability) bei der Sorten-Zulassung – es soll eine größere Variabilität („genetische Breite“) möglich sein – trotzdem sollen aber noch erkennbare Sorten-Eigenschaften beibehalten werden, um Eigentumsrechte und Vermarktungsmöglichkeiten sowie den Verbraucherschutz daran knüpfen zu können. Ohne eine eindeutig definierte „Sorte“ wäre dies nicht möglich.
Mein Einwand: Ist die Verringerung der Einheitlichkeit (Homogeneität) der Pflanzen einer Zuchtsorte von 95% auf 90% als „Vielfalt“ (an Genotypen) zu bezeichnen, vor allem, wenn man dies mit der Uneinheitlichkeit der Pflanzen früherer Landsorten vergleicht, deren Homogeneität zwischen 0 und 20% lag?
Der entscheidende Punkt ist nämlich…
…dass nur Populationen anpassungsfähig sind, die aus Pflanzen mit unterschiedlichen Genotypen bestehen; denn nur in diesem Fall können in der Population einzelne Pflanzen sein, deren Genotyp für bestimmte äußere Bedingungen – wie sie z. B. in Deinem Garten herrschen – passend sind. Wenn diese passenden Genotypen sich anschließend fortpflanzen – oder von Dir vermehrt werden, kannst Du nach ein paar Generationen die Feststellung treffen: „Meine Pflanzenpopulation hat sich an meinen Garten angepasst“ oder „Meine Pflanzen sind nun an meinen Garten angepasst“.

Vielfältige Honig- bzw. Zuckermelonen (Cucumis melo) aus Hohenwepeler Feldanbau
Damit sich also Pflanzen einer Nutzpflanzen-Art an Deinen Garten anpassen können, müssen sie genetisch vielfältig sein, d. h., die Pflanzen müssen möglichst unterschiedliche Genotypen besitzen. Nur dann macht es Sinn, die am besten gedeihenden Pflanzen für die Saatgutgewinnung auszuwählen.
Mehr wissen Teil 3: Genetisch vielfältige, anpassungsfähige Samen gewinnen
Ich hoffe, dass Du Dir jetzt, zum Schluss, nachdem ich Dir lang und breit verklickert habe, dass samenfeste Pflanzen einer Sorte alle den gleichen Genotyp besitzen und somit überhaupt nicht anpassungsfähig sind, die Frage stellst: Wie bekomme ich denn nun Samen unserer Nutzpflanzen-Arten, die möglichst unterschiedliche Genotypen haben?“
Wenn Du an genetisch vielfältigen, anpassungsfähigen Pflanzen interessiert bist, musst Du wissen, dass vielfältige (heterogene, heterozygote) Samen die Samen von früheren Landsorten oder heutigen Grexen oder so genannten „Populationen“ sind; letztere werden auch „Ökologisch heterogenes Material“ (ÖHM) oder „Composite Cross Populations“ (CCP) genannt.
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Um an solche Samen zu kommen, kann ich Dir vier Möglichkeiten nennen:
- Du befragst die beliebteste Suchmaschine im deutsch-sprachigen Raum nach „Landsorte Saatgut“, nach „Grex Saatgut“ und/oder nach „Population Saatgut“; dann stößt Du auf Menschen, die solche Samen schon gewerblich in Verkehr bringen.
- Du erzeugst selber eine Mischung unterschiedlicher Genotypen, indem Du ein paar Exemplare von verschiedenen Zuchtsorten zusammen blühen und durch Wind oder Insekten verkreuzen lässt. Eine umfassende, praktische Hilfe dazu bietet das Buch „Gärtnern mit Landsorten“ von Joseph Lofthouse, das ich übersetzt habe.
- Du vermehrst F1-Hybrid-Pflanzen, die keine aktive Cytoplasmatische Männliche Sterilität (CMS) besitzen (das sind alle Nutzpflanzen-Arten, deren Früchte und Samen wir essen)! Dann bekommst Du die überwältigende Vielfalt an unterschiedlichen Genotypen, die F2-Hybrid-Pflanzen und ihrer Nachkommen zeigen.
- Du fragst mich, ob ich Dir ein paar meiner vielfältigen „Mischlingssamen“ zukommen lassen kann. Ich habe durch natürliche Kreuzungen von vielen Varianten und mehrjährigem Nachbau jede Menge genetisch vielfältige Samen einiger Nutzpflanzen-Arten (siehe Abbildungen im Text) produziert und gebe eine Auswahl von fünf Arten gegen eine Spende von 10 Euro ab (so lange der Überschuss reicht; Email an mich).
Laute Hoffnung zum Schluss: Aufruf zur Anpassung!
Liebe Sorten-Experten und Verkäuferinnen von samenfesten Samen!
Ich möchte ab jetzt nirgendwo mehr lesen, dass aus samenfestem Saatgut anpassungsfähige Pflanzen entstehen (und wehe Google, Du zeigst nur diesen letzten Halbsatz an, wenn Dich jemand fragt, ob samenfeste Pflanzen anpassungsfähig seien!)
Bitte passt Eure Aussagen an die Realität an!
Samenfeste Pflanzen sind nicht anpassungsfähig, weil sie nur aus Pflanzen mit einem sehr einheitlichen Genotyp bestehen!
Genetisch einheitliche Pflanzen passen sich auch dann nicht an, wenn man jahrelang die besten Pflanzen für die Saatgutgewinnung auswählt, da eine solche Auswahl nur Sinn macht, wenn sich die Pflanzen genetisch (deutlich) unterscheiden.
Bitte, nennt Euer samenfestes Saatgut nie mehr „Vielfaltssorten“ oder „Vielfaltssaatgut“; das ist eindeutig irreführende Werbung oder Etikettenschwindel!
Wer Nutzpflanzen-Vielfalt und anpassungsfähige Nutzpflanzen will, der mischt und verkreuzt die samenfesten Zuchtsorten auf „Deubel-komm-raus“, baut die entstehenden Mischlingspflanzen regelmäßig nach und schafft somit neue heterogene, heterozygote Populationen (neue Landsorten, die das Land dringend braucht), damit sich unsere Nutzpflanzen auch zukünftig wieder anpassen können, wie sie das 10.000 Jahre lang bis zum Beginn der Pflanzenzüchtung getan haben!






















Spannender Beitrag. Meine größte Hemmung beim Nachbau aus eigenen Gemüsesamen war bisher immer, dass sich dabei auch unerwünschte Eigenschaften wieder zeigen könnten.
Gerade bei Kürbisgewächsen denke ich an Bitterstoffe wie Cucurbitacine. Ist diese Sorge beim eigenen Nachbau tatsächlich berechtigt – oder spielt das vor allem dann eine Rolle, wenn sich unterschiedliche Sorten bzw. Arten miteinander verkreuzen?
Viele Grüße
Sarah
Liebe Sarah, danke für Deinen Kommentar!
Zu Deiner Frage: Wenn Du selbst nachbaust, bekommst Du in der nächsten Generation sowohl neue genetische Mischungen (wenn sich unterschiedliche Sorten bei Dir mischen können; verschiedene Arten kreuzen sich in der Regel nicht) als auch neue Mutationen. Dabei kann es immer passieren, dass unerwünschte Eigenschaften auftreten, entweder weil sie eingekreuzt wurden oder durch Mutation entstanden sind.
Solche unerwünschten, unbrauchbaren Exemplare werden dann selbstverständlich nicht genutzt und noch weniger weitervermehrt…
So haben das die Pflanzenbauer:innen über Jahrtausende gemacht – und so sollten wir das heute natürlich auch machen.
Liebe Grüße
J:)rgen
Dein Zitat: „Samenfeste Pflanzen sind nicht anpassungsfähig, weil sie nur aus Pflanzen mit einem sehr einheitlichen Genotyp bestehen!“
Du behauptest, dass all die Menschen, einschließlich mir, nur einer Einbildung aufgesessen sind?
Z.B. diese: „Keimzelle Vichel – Retter seltener Samensorten in Brandenburg“ (RBB Gartenzeit)
Auch die Faktoren einer angepassten Mikroorganismenbesiedelung der Samen spielen eine Rolle für die Fähigkeiten der Tochterpflanzen. Und – durch die Auslese werden kleinste, unsichtbare genetische Veränderungen gefördert, auch bei Samenfesten.
Deine Ansätze sind wichtig und interessant, aber wenig praktikabel für Hausgärtner. Die Vielfalt der samenfesten Sorten, die in der alternativen Szene erhalten werden, wird von Dir unterschätzt.
Okay, Dein Kommentar wird sein, dass ich Dich nicht verstanden habe, aber das ist Dein Ding,
Es grüßt, Susanne
Liebe Susanne,
danke für Deinen Kommentar und den Link auf die RBB-Sendung über die „Keimzelle“.
Das, was Winnie Brand in der Sendung sagt, ist genau das Verständnis von Anpassung, gegen das sich mein Beitrag richtet: Pflanzen würden „lernen“ und „sich gewöhnen“.
Schon Lamarck und Lyssenko haben so wie Brand argumentiert, haben sich mit dieser Sichtweise aber nicht ansatzweise durchsetzen können, weil die Tatsachen sie Lügen strafen. Die äußeren Bedingungen verändern die genetischen Grundlagen eines Lebewesens nicht – und die sind letztlich entscheidend für seinen Fortpflanzungserfolg; das ist leider Fakt.
Oder hat schon jemand Tomaten und Bohnen an Frost gewöhnen können?
Auch die Mikroorganismen können nur positiven Einfluss auf das Gedeihen eines Lebewesens im Rahmen seiner genetischen Voraussetzungen ausüben; sie ändern nichts an seinen genetischen Grundlagen.
Das können nur die geschlechtliche Fortpflanzung und Mutationen; nur diese beiden Prozesse schaffen neue Gene und Gen-Kombinationen.
Der Hausgärtner konnte früher und kann auch heute noch sehr gut mit Landsorten gärtnern.
Wenn in dem Beet einer Hausgärtnerin z. B. 50 genetisch unterschiedliche Individuen einer Nutzpflanzen-Art wachsen, also einer „Landsorte“, ist die Vielfalt unterschiedlicher Genotypen allein in einem solchen Beet größer als die Anzahl der samenfesten Sorten dieser Nutzpflanzen-Art, die z. B. der VEN erhält.
Das ist meine Antwort.
Liebe Grüße
J:)
Guten Abend lieber Jürgen,
ich lese schon seit langem mit und bin deshalb auch die Pausen gewöhnt (Deine Beiträge schreiben sich ja nicht im Schlaf…). Aber diesmal ist mir das Warten ganz schön schwer geworden. Deshalb freue ich mich aber um so mehr, endlich wieder etwas von Dir zu hören bzw. zu lesen!
Ich mag bestimmte Obst- und Gemüsesorten. Aber seit im Lauf der Zeit (durch Deinen Blog) die Erkenntnis gewachsen ist, dass in unseren Pflanzen ganze Unendlichkeiten von Möglichkeiten schlummern, ist auch der Wunsch erwacht, ein paar davon aufzuwecken.
Dieses Jahr läuft mein erster ernsthafter Versuch mit Bohnen.
Im vergangenen Jahr habe ich aus eigener und fremden Ernten Saatgut gesammelt und (weil mir das noch zu wenig war und ich wegen der Schnecken auch noch auf Masse kommen musste) das vor der Aussaat noch durch das Bohnensortiment des hiesigen Supermarktes ergänzt.
Nun fiebere ich der Ernte entgegen und freue mich auf das Pulen der Schoten…
Eine weitere Freude war/ist ein Pflaumensämling, der sich unauffällig durchgemogelt hat und den ich zuerst für den Wurzelsprosser einer benachbarten Pflaume gehalten hatte. Das Bäumchen sollte eigentlich entfernt werden, aber dann hat es so schön geblüht, dass es bleiben durfte. Und jetzt habe ich eine neue Sorte im Garten, die in der Vogelwelt (vor allem bei den Eichelhähern) so gut ankommt, dass sie die Ernte für mich übernommen hat…
Abschließend nochmal zum Artikel selbst eine Verständnisfrage:
verstehe ich Dich richtig, dass Du meinst, (passive) Anpassungsfähigkeit (im Sinne einer genetischen Disposition mit einem bestimmten Umwelteinfluss zurecht zu kommen) ist individuelles Merkmal einer Pflanze, dessen Vorkommen in einer Gruppe durch genetische Vielfalt zahlenmäßig erhöht wird?
Liebe Grüße
Rico
Lieber Rico, danke für Deinen Kommentar! Entschuldige die Wartezeiten! Auch wenn sie die Lust auf neuen Lesestoff erhöhen, sind sie keine Absicht…
Ich freue mich, wenn Dich meine Beiträge dazu anregen, neuen Gen-Kombinationen eine Chance zu geben.
Ja, je mehr Gen-Kombinationen und unterschiedliche Gene es (bei einer Art, in einer Population) gibt, desto größer ist die Chance, dass einige Individuen die genetische Disposition besitzen, mit einem bestimmten Umwelteinfluss zurechtzukommen. Dabei ist nicht die Vielfalt einzelner Gene entscheidend, sondern die Vielfalt der Gen-Kombinationen, die Anzahl genetisch unterschiedlicher Individuen.
Beantwortet das Deine Frage?
Viele Grüße
J:)rgen
Moin lieber, lieber Jürgen,
vielen Dank für deine noch einmal so ausführliche und erhellende Klarstellung!
Ich schätze dich und deinen messerscharfen Verstand wirklich außerordentlich. Durch deine Ergänzung wird der Kern der Sache jetzt absolut glasklar: Dir geht es um den genetischen Erhalt und die fehlerhafte Vermarktung der Saatgut-Branche, während ich die Brille des Kleingärtners aufhabe, der auf seinen paar Quadratmetern schlicht verlässliche Erträge möchte.
Dass du den praktischen Ertragsgärtner aus deiner Kritik ausklammerst und mir für die Heimgarten-Praxis recht gibst, rechne ich dir hoch an. Genau in diesem Spannungsfeld – dem wissenschaftlichen Genpool-Schutz auf der einen Seite und der Ertragssicherheit im kleinen Beet auf der anderen – liegt eine enorm wichtige Diskussion, die viel zu selten so ehrlich geführt wird wie zwischen uns beiden.
Ich denke immer noch super gerne an unsere Fachsimpelei in Amberg beim Saatgutspektakulum zurück. Bleib genau so leidenschaftlich, Verteidige und vertrete deinen Standpunkt, der ganz bestimmt mehr Aufmerksamkeit und Beachtung verdient.
Herzliche Grüße aus Ostfriesland
Gerd
Lieber Gerd,
leider scheint immer noch nicht alles glasklar zu sein…
Mir geht es nicht um Erhalt und Schutz noch vorhandener genetischer Vielfaltsreste. Mir geht es um die Bewusstmachung der Prozesse, die zu Vielfalt führen, und um die Wiederbelebung dieser Prozesse im Hinblick auf unsere Nutzpflanzen.
Verkreuzung bei der geschlechtlichen Fortpflanzung (Erzeugung von maximaler Gemischterbigkeit/Heterozygotie) und Mutationen sind die beiden Basisprozesse, die zu Vielfalt führen; diese gilt es, bei unseren Nutzpflanzen wieder in Gang zu setzen (sie sind mit der Pflanzenzüchtung abgeschafft worden bzw. auf äußerst niedriges Niveau gedrückt worden; siehe „Die Kehrseite der Pflanzenzüchtung“).
Für mich sind die Kleingärtner:innen die ersten Ansprechpartner, da diese nicht auf die Erträge von ihren paar Quadratmetern angewiesen sind; sie brauchen keine Maximal-Erträge für ihr (wirtschaftliches) Überleben. Gesicherte, verlässliche Erträge bekommen sie aber gerade durch „Mischlingssaatgut“, durch „Landsorten“-Saatgut, das sich an ihre Bedingungen anpassen kann und unter dem immer ein paar Pflanzen sein werden, die Ertrag bringen.
Samenfestes Saatgut, aus dem einheitliche Pflanzen entstehen, ist hierbei geradezu kontraproduktiv, wie ich im Beitrag versucht habe aufzuzeigen.
Nur diejenigen, die ganz bestimmte Qualitäten ihres Ernteguts haben wollen oder an bestimmten Zuchtsorten hängen, die müssen/sollten samenfestes und F1-Hybrid-Saatgut verwenden; alle anderen können/könnten sich der „Nutzpflanzen-Vielfalt“, d. h., der Sicherung unserer Zukunft verschreiben (siehe „Hobby-Gärtner, rettet die Menschheit!“).
Viele Grüße aus Berlin
Jürgen
Moin lieber Jürgen,
ein starkes Schlusswort von dir – und du hast völlig recht: Züchtungsprozesse, Kreuzung und genetische Anpassung sind der eigentliche Motor der Natur.
Dass dein Anliegen tiefer geht als reines Konservieren, ist bei mir absolut angekommen. Ich habe genau diesen Prozess mit der eigenen Saatgutgewinnung und Selektion selbst auf dem Beet durchgezogen (beim Kohlrabi) und auf meinem Kanal dokumentiert. Die Resonanz der Community war riesig, aber das Ergebnis für den Kleingarten auf kleiner Fläche eben auch ein echter Augenöffner bezüglich Platz und Ertrag. Es stehen immer noch Kohlrabi aus der Kreuzung bei mir im Garten, die gut und klasse aussehen. Ich will sie über das Jahr retten, um erneut aus der Kreuzung – wie du gesagt hast – Saatgut zu gewinnen. Das Projekt bindet aber Platz und Zeit für Pflege. Du glaubst gar nicht, wie anziehend Kohlrabi auf Dauer für Schnecken ist! Machen sie der begrenzten Zahl an Kohlrabi letztendlich den Garaus, ist das Experiment um ein Jahr zurückgeworfen und muss in der kommenden Saison neu gestartet werden. Das ist extrem zeitintensiv!
Genau deshalb freue ich mich riesig darauf, wenn wir diese beiden Perspektiven – deine Vision von der Wiederbelebung der Evolutionsprozesse und meine Erfahrungen aus der Heimgarten-Praxis – Ende August bei dir im Garten zusammenbringen. Darüber hinaus werde ich dir Saatgut aus dem letzten Jahr zur Verfügung stellen, damit du es selbst ausprobieren kannst. Ich bringe einen Superschmelz, eine Blaro und die Kreuzung daraus mit zu dir zum Verkosten. Geschmacklich sind die neuen nämlich klasse, aber eben eine Wundertüte, weil du derzeit nicht genau weißt, was nach dem Säen aus der Saat wird.
Herzliche Grüße aus Ostfriesland
Gerd
Moin lieber Jürgen,
deine gentechnischen und vererbungslehrtechnischen Ausführungen sind – wie man es von dir kennt – wissenschaftlich absolut präzise und bringen Licht in so manche schwammige Aussage der Branche.
Du weißt, wie sehr ich deinen scharfen Verstand schätze, aber beim Lesen hatte ich an einigen Stellen doch das Bedürfnis, ein wenig das Schild für die alltägliche Gartenpraxis hochzuhalten:
Sortenvielfalt im Beet: Wenn Erhalterringe von „Vielfalt“ sprechen, meinen sie ja meist die beeindruckende Palette an unterschiedlichen, stabilen Sorten. Das ist zwar genetisch etwas anderes als eine heterogene Population, für den Gärtner im Beet aber gelebte Nutzpflanzenvielfalt.
Die Lebensleistung samenfester Sorten: Samenfeste Sorten ernähren seit Generationen Familien und ganze Landstriche. Dass sie sortenrein und damit berechenbar bleiben, ist für die meisten von uns kein Makel, sondern die Garantie, dass am Ende genau die Bohne oder Tomate auf dem Teller landet, die man wegen ihres Geschmacks schätzt.
Der Platz im Hausgarten: Für eine echte Selektion aus breiten Populationen (Grexe/CCP) braucht es hunderte Pflanzen auf dem Feld. Auf unseren normalen Beetflächen im Kleingarten ist das kaum machbar. Wir sind schlicht auf verlässliches, stabiles Saatgut angewiesen. Ich erinnere dich hier an das Kohlrabiexperiment bei mir im Garten, das auch aus Platzgründen nur bedingt funktionieren wird.
Ein Augenzwinkern für die Gärtnerschar: Bei deinem Bild von den „vielfältigen Menschen“ auf dem Spektakulum in Amberg musste ich zwar schmunzeln, dachte mir aber auch: Sei nicht ganz so streng mit den Hobbygärtnern! Die meisten wollen einfach mit Freude gärtnern, alte Sorten erhalten und leckeres Gemüse ernten – auch wenn sie nicht jedes Mal die Vererbungslehre im Hinterkopf haben.
Deine Impulse zu neuen Populationen sind wertvoll und regen zum Nachdenken an. Für mich bleiben die bewährten samenfesten Sorten aber weiterhin das Fundament im Garten. Sie liefern jedes Jahr aufs Neue garantiert die Sorte Kartoffel, Möhre, Tomate oder andere Gemüsesorten die im Garten gewünscht werden, gut schmecken und aussehen, schlicht das, was Hobby- und Kleingärtner auf dem Teller haben will.
Ich hoffe, du bist mir wegen der kritischen Worte nicht böse, es ist meine Sichtweise. Wie du aus unseren vielen Gesprächen weißt, stehe ich Neuem durchaus positiv gegenüber.
Ich hoffe, deine Ernte war trotz der Dürre dieses Jahr gut und du kannst reichlich Tomaten ernten für deine Verkostung Ende August.
Liebe und herzliche Grüße aus Ostfriesland
Gerd
Lieber, lieber Gerd,
danke für Deinen ausführlichen und kritischen Kommentar!
Es scheint mir nicht zu gelingen, das rüberzubringen, um das es mir geht: Was ist Vielfalt? Was ist Nutzpflanzen-Vielfalt? Wie kann ich sie am besten fördern?
Darum geht es mir!
Ich versuche, darüber aufzuklären, dass samenfestes Saatgut wenig nützlich für die Nutzpflanzen-Vielfalt ist, dass die früher vorhandene Nutzpflanzen-Vielfalt der Landsorten (nahezu jede Pflanze war genetisch einzigartig!) gerade durch das samenfeste Zuchtsorten-Saatgut ausgelöscht wurde. Auch wer heute samenfeste, alte Zuchtsorten anbaut, ändert an diesen dramatischen Verlusten der ehemaligen Vielfalt so gut wie nichts.
Wer sich nicht für Nutzpflanzen-Vielfalt interessiert und vorhersehbare Ernteergebnisse auf dem Teller haben will, der soll (und muss) samenfestes Zuchtsorten-Saatgut verwenden; derjenige kann auch F1-Hybrid-Saatgut einsetzen. Dagegen schreibe ich nicht an.
Mein Beitrag richtet sich einzig und allein gegen diejenigen, die samenfestes Saatgut verkaufen wollen und es als Beitrag zur Nutzpflanzen-Vielfalt bewerben; das halte ich für Falschmünzerei, die mir gewaltig gegen den Strich geht!
Zwei Dinge noch: Wenn Du Vielfalt durch Verkreuzung erzeugst, um anschließend als Züchter zu selektieren, brauchst Du selbstverständlich größere/große Bestände; aber dazu propagiere ich die Erzeugung von Vielfalt nicht.
Die Landsorten haben auch 10.000 Jahre lang die pflanzenbauende Menschheit in allen Landstrichen der Erde ernährt, nur eben nicht mit einheitlichen, exakt vorhersehbaren Früchten und vor allem nicht so zahlreich. Mit einheitlichen Pflanzen, den „besten“, erzielt man Maximalerträge, mit Landsorten immer nur Durchschnittserträge…
Lieber Gerd, ich habe reichlich Tomaten! Wenn Du es also schaffst, am letzten Samstag im August in meinen Garten zu kommen, fällt auch für Dich von meinem bunten, namenlosen Tomaten-Mix genügend ab, so dass Du prüfen kannst, ob auch Tomaten ohne Sortennamen schmecken können…
Liebe Grüße
J:)rgen
Grossartig!