Was sind „Alte Sorten“?
oder: Warum es notwendig ist, die alten Sorten differenziert zu betrachten, vor allem, wenn es um Nutzpflanzen-Vielfalt geht.
Heute möchte ich einmal den Scheinwerfer auf die „Alten Sorten“ richten, damit erkennbar wird, dass es sich um zwei grundverschiedene Dinge handelt, die sich hinter der Bezeichnung „Alte Sorten“ verbergen.
Vielfach wird ja behauptet, man könne „Alte Sorten“ nicht definieren, da „alt“ ein relativer Begriff sei.
Oft wird auch behauptet, dass die samenfesten Sorten die alten Sorten und die F1-Hybrid-Sorten die neuen Sorten seien oder die Konzentration der Saatzucht-Konzerne und der Handelsketten viele der guten, alten Sorten in den letzten Jahrzehnten verdrängt hätten; aber das ist genauso falsch, wie die vorige Behauptung.
Es gibt eine klare Trennlinie innerhalb der alten Sorten: Die „Alten Sorten“ sind eindeutig in (frühere) Landsorten und (alte) Zuchtsorten zu unterteilen; erstere sind über 10.000 Jahre alt (gewesen), letztere bestenfalls 200 Jahre alt.

„Winterkürbisse“ aus dem Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“ (S. 174/175)
Wenn man diesen Unterschied nicht beachtet, kann es sein, dass die „Killer“ der Nutzpflanzen-Vielfalt, die Zuchtsorten, für ihre Retter gehalten werden; denn wer mit Zuchtsorten die Nutzpflanzen-Vielfalt „erhalten“ will, versucht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Es wird sozusagen der Bock zum Gärtner gemacht, oder um es noch mal anders zu sagen: Die „falschen“ Stiefschwestern versuchen, sich für das Aschenputtel auszugeben.
„Rucke di guh, Rucke di guh, Blut ist im Schuh!“ rufe ich mit Aschenputtels Tauben vom Dach.
Wenn Zuchtsorten Eigenschaften von Landsorten zugeschrieben werden, wird die wahre Natur der Zuchtsorten verschleiert, und die echte Retterin vor drohender Gefahr, das Aschenputtel „Landsorte“, wird erneut von den „bösen“ Stiefschwestern, den Zuchtsorten, ins Abseits gedrängt.
Derartige „Vernebelungen“ findest Du heutzutage in fast allen Publikationen, in denen undifferenziert von „Alten Sorten“ gesprochen oder geschrieben wird, oft sogar in Veröffentlichungen, deren Autoren zwar Landsorten und Zuchtsorten unterscheiden, aber trotzdem anscheinend ihren wesentlichen Unterschied nicht kennen.
Das neue Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“ ist ein anschauliches Beispiel für das bedenkliche Unwissen (oder ist es einfach nur Gedankenlosigkeit?), das in diesem Punkt herrscht und dass ich unten offen lege (eine kurze Besprechung des Buches findest Du am Schluss und eine Leseprobe bei Amazon).
Das Wissen über die Unterschiede zwischen Landsorten und Zuchtsorten muss zügig zu Allgemeinwissen werden…
- Seite 176 und 177 aus dem Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“
- Kürbis-Vielfalt? 30 Sorten von drei Arten (S. 178/179)
- Eine Übersicht fantasievoller Kürbissortennamen
Die eindeutige, klare Trennlinie innerhalb der „Alten Sorten“
Das Zeitalter der reinen, samenfesten Sorten beginnt mit der zielgerichteten, bewussten, wissenschaftlichen Pflanzenzüchtung, mit der bewussten Selektion der „besten/erwünschten“ Individuen aus den einstmals vorhandenen Pflanzenbeständen und vor allem mit der gezielten und bewussten Inzucht dieser „besten/erwünschten“ Exemplare (siehe dazu „Die Kehrseite der Pflanzenzüchtung“ und „Was heißt ’samenfest‘?“).
Selektion und Inzucht machen Pflanzenzüchtung aus.
Zuchtsorten
Selektion und Inzucht führen zu (In)Zucht-Sorten, zu dem, was heute allgemein einfach nur „Sorten“ genannt wird. Das Merkmal von Zuchtsorten ist, dass sie ausschließlich aus genetisch (genotypisch) und äußerlich (phänotypisch) einheitlichen Individuen bestehen, dass sie „samenfest“ sind.
Der Maximalertrag, das Ziel der modernen Landwirtschaft, lässt sich nur realisieren, wenn auf den Feldern ausschließlich einheitliche Pflanzen, und zwar die „besten/erwünschten“, unter optimalen Bedingungen wachsen. Die Vereinheitlichung der Pflanzenbestände auf den Feldern ist das Geheimnis der neuzeitlichen Ertragssteigerungen (neben Düngung und Bodenbearbeitung natürlich); diesem Zweck allein dient Pflanzenzüchtung.

„Vielfalt“ für’s Auge; ein paar bunte Rüben, die nicht nur dem Vieh sondern auch den Menschen schmecken (S. 252/253)
Von „Pflanzenzüchtung“ kann deshalb frühestens ab dem Jahr 1800 die Rede sein. Vollständig entwickelt war die Pflanzenzüchtung jedoch erst ab 1900, nachdem entdeckt wurde, dass es der Inzucht bedarf, um reinerbige (homozygote), samenfeste Sorten erzeugen zu können.
Kombinationszüchtung, Hybridzüchtung und Gen-Technik
Die gezielte Kombination von Eigenschaften nach den Mendel’schen Regeln dient dazu, neues „Selektionsmaterial“ zu schaffen.
Die F1-Hybridzüchtung dient der Vereinheitlichung – und zwar der inzucht-intoleranten „Fremdbefruchter“.
Die „Gen-Technik“ dient dazu, den Kreuzungs- und Selektionsprozess überflüssig zu machen, indem gezielt eine gewünschte Eigenschaft (ein gewünschtes Gen) in eine vorhandene Pflanze eingesetzt oder ein vorhandenes Gen in gewünschter Weise geändert wird – falls Du glaubst, Kombinationszüchtung, Hybrid-Züchtung und Gen-Technik seien die entscheidenden Fortschritte der Pflanzenzüchtung gewesen.
Nein, der entscheidende Fortschritt war die Erkenntnis über die Bedeutung und die Notwendigkeit von Inzucht!
Saatgut, das nach 1900 mit wohlklingenden, verkaufsfördernden Namen von gewerblichen Pflanzenzüchtern auf den Markt gebracht wurde, müsste aus diesem Grund eigentlich immer als Saatgut von „neuen Sorten“ bezeichnet werden, auch wenn einige dieser Zuchtsorten heute ein stolzes Alter von über 100 Jahren vorweisen können; denn…
…alles, was Menschen vor 1800 mit ihren Nutzpflanzen angestellt haben, fällt nicht unter den Begriff „Pflanzenzüchtung“, wie wir ihn heute verstehen, auch wenn Du das häufig lesen kannst.

Bunte Maxima-Kürbis-Vielfalt, so weit das Auge reicht…
Landsorten
Bis zum Beginn der Pflanzenzüchtung gab es nur Nutzpflanzen-Bestände aus genetisch einzigartigen, vielfältigen (gemichterbigen, heterozygoten) Pflanzen bei „Fremdbefruchtern“ (wie Roggen, Möhren, Zwiebeln u. a.) bzw. Pflanzenbestände aus heterozygoten Pflanzen gemischt mit Pflanzen vieler verschiedener homozygoter Linien bei „Selbstbefruchtern“ (wie Weizen, Gerste, Tomaten, Paprika u. a.).
Diese uneinheitlichen, heterogenen Nutzpflanzen-Populationen, die seit Beginn des menschlichen Pflanzenbaus vor über 10.000 Jahren angebaut wurden, waren durch „Natürliche Selektion“ entstanden (auch Menschen können „Natürliche Selektion“ betreiben, wenn sie alle brauchbaren Pflanzen vermehren).

Individuen-Vielfalt, die sich frei entfalten kann…
Von nachdenklichen Pflanzenzüchtern erhielten die (lokal und regional unterschiedlichen) uneinheitlichen Pflanzenbestände 1890 die Bezeichnung „Landsorten/Landrassen“ (kurz bevor die Zuchtsorten sie endgültig von den Feldern verdrängten; mehr dazu auf landsorten.info).
Die Landsorten sind wirklich alt, auch wenn sie keine Sorten im heutigen Sinne sind. Ihre Samen waren nicht samenfest; sie bestanden nicht aus einheitlichen (reinerbigen bzw. F1-Hybrid-) Pflanzen.
- Der Weg zurück zur Landsorte…
- Die Vielfalt der Farben und Formen tendiert gegen unendlich…
- Der Rest vom 2025er Kürbisgrex
Dieser fundamentale Unterschied zwischen alten Landsorten und alten Zuchtsorten scheint vielen, die über „Alte Sorten“ schreiben, nicht bewusst zu sein; er wird von interessierten Kreisen, wie Sortenerhalter:innen und Ökozüchtern, aber auch gern verschleiert…
Die Blindheit auf diesem Auge führt hinsichtlich der Nutzpflanzen-Vielfalt gefährlich in die Irre – und zu offensichtlichen Widersprüchen in anderen Fällen…
Gefahr und Widersprüche durch die undifferenzierte Bezeichnung „Alte Sorten“
So viel sollte bis hierhin klar sein: Samen, die einheitliche (identische) Individuen liefern, sind Saatgut von Zuchtsorten, mögen diese Sorten auch ein gewisses Alter haben oder erst gestern gezüchtet worden sein, mögen sie zugelassen oder selten sein oder noch in Genbanken schlummern: Eine Zuchtsorte ist immer daran zu erkennen, dass ihr Saatgut als „samenfest/samenecht“ oder mit „F1-Hybrid“ bezeichnet wird, vor allem aber daran, dass ihre Pflanzen äußerlich (und damit auch genetisch) maximal einheitlich sind!
Die drohende Gefahr
Die genetische Verarmung unserer Nutzpflanzen ist heute kaum noch ein Thema; dabei war sie einst der einzige Grund, warum die „Alten Sorten“ zum Thema gemacht wurden.
Für mich ist dieses Thema jedoch immer noch das wichtigste der Welt, weil es überlebenswichtig ist – für unsere Nutzpflanzen und für uns!
Weil wir in Symbiose mit unseren Nutzpflanzen leben, weil wir vollständig von ihnen abhängig sind!
Weil unsere Nutzpflanzen mit einem Schlage ausgelöscht werden können, wenn bei einer krassen Klimaänderung keine überlebensfähigen, angepassten Individuen (genetischen Varianten) vorhanden sind!
Weil wir (oder zumindest große Teile der heutigen Menschheit) dann verhungern müssten!
Diese Möglichkeit ist in Zeiten eines drohenden Klimawandels eine reale Gefahr!
Um dieser Gefahr in bestmöglicher Weise zu begegnen, ist eine maximale Individuen-Vielfalt (möglichst viele unterschiedliche genetische Varianten) unserer Nutzpflanzen-Arten notwendig, damit darunter vielleicht einige sind, die eine mögliche Klimaänderung überleben, d. h., die an die neuen Bedingungen angepasst sind. Diese Varianten müssen bei einer Änderung der Umweltbedingungen vorhanden sein, sie können nicht nachträglich entstehen/erzeugt werden!
Maximale Individuen(Varianten)-Vielfalt ist die Überlebensversicherung des Lebens seit Beginn des Lebens – und auch eine Überlebensversicherung für unsere Nutzpflanzen!
Eine maximale Individuen(Varianten)-Vielfalt unserer Nutzpflanzen-Arten bieten aber nur Landsorten!
Jede samenechte Zuchtsorte stellt dagegen nur eine genetische Variante dar!
Deshalb werde ich genau hier kritisch und laut („Rucke di guh!“), wenn die „Alten Sorten“ nicht differenziert betrachtet werden. Hier fordere ich entschieden eine Unterscheidung zwischen Landsorten und Zuchtsorten ein. Hier werden Unwissenheit, Gedankenlosigkeit und interessegeleitete Vernebelung zu einem ernsthaften Problem – für unser Überleben!
Die Widersprüche, die durch Gedankenlosigkeit entstehen
Als ich mir neulich bei Amazon „mein“ Buch „Gärtnern mit Landsorten“ ansehen wollte, wurde mir von diesem Unternehmen das Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“ zugespielt. Dieser Titel elektrisierte mich augenblicklich, passte er doch perfekt zu den Gedanken, die ich schon seit einiger Zeit über „Alte Sorten“ loswerden will (Du liest sie gerade).
Das Buch zeigt, dass „Alte Sorten“ endgültig im „Mainstream“ angekommen und damit endlich auch ein heißes Thema für Leckerschmecker und Sammler geworden sind, wie z. B. den Koch Mitch McCulloch, Autor des genannten Buches. Statt wie früher Fußballbildchen, Pokemon-Karten oder ungewöhnlichen Rezepten hinterherzujagen, ist er heute auf der Jagd nach Samen alter Sorten und ihren Geschichten.
Selbstverständlich ist für solche Menschen eine Unterscheidung zwischen alten Zuchtsorten und Landsorten nicht relevant, genauso wenig wie für Menschen, die mit „Alten Sorten“ Gene für die Pflanzenzüchtung vorrätig halten oder Kulturgut pflegen wollen: sie meinen nur alte Zuchtsorten…
…aber es führt zu „lustigen“ Widersprüchen – und zur Irreführung, wenn sie den alten Zuchtsorten Eigenschaften der früheren Landsorten beilegen, weil ihnen der Unterschied zwischen beiden nicht bekannt oder bewusst ist.
Um zu verhindern, dass Suchmaschinen die Aussagen meines Beitrags in ihr Gegenteil verkehren, indem sie bei den Suchergebnissen auch Zitat- oder Kommentar-Schnipsel anzeigen, verzichte ich darauf, die Passage des Buches, die von Widersprüchen strotzt, hier vollständig zu zitieren (Du musst stattdessen auf dem folgenden Bild den Absatz „Was sind alte Sorten?“ entziffern, den das Kapitel „Saatgut gewinnen“ auf S. 54/55 enthält).

Das Kapitel „Saatgut gewinnen“ (Seite 54 und 55) aus dem Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“ (vergrößern)
Ich führe die Widersprüche einzeln auf:
Der Widerspruch zwischen „samenecht“ und „großer genetischer Vielfalt“?
Wie Du weißt, beziehen sich „samenecht“ und „offen bestäubt/abblühend“ auf Zuchtsorten.
Wenn Du darüber hinaus weißt, dass Zuchtsorten aus genetisch und äußerlich einheitlichen Individuen bestehen, dann ist die Aussage, samenechte oder offen abblühende alte Sorten, also Zuchtsorten, seien „von großer genetischer Vielfalt“ ein Widerspruch – und wenn sie bewusst in Umlauf gebracht wird: Betrug oder Täuschung!
Betrug und Täuschung
Im Englischen wird die Bezeichnung „open pollinated“ („offen bestäubt“, im Buch mit „offen abblühend“ übersetzt) immer in Zusammenhang mit samenfesten, reinerbigen (homozygoten) Inzucht-Sorten verwendet, was rechtlich eindeutig als Betrug zu werten wäre; durch Vorspiegelung falscher Tatsachen wird hier in die Irre geführt: „Offen bestäubt“ erweckt den Eindruck, eine Pflanze sei „frei bestäubt/abblühend“, obwohl damit das Gegenteil gemeint ist, nämlich „gelenkt oder zielgerichtet bestäubt“.
In gleicher Weise wird im Deutschen mit dem Begriff „nachbaubar“ Täuschung betrieben. Häufig wird er so eingesetzt, dass Leser glauben müssen, nur samenfestes Saatgut sei nachbaubar, was eindeutig irreführend ist. In Zusammenhang mit samenfestem Saatgut müsste es korrekt immer heißen: „sortenecht nachbaubar“.
„…,daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält,…“ Strafgesetzbuch (StGB) § 263 Betrug
„Die Täuschung kann durch Vorspiegelung falscher Tatsachen, aber auch durch einfaches Verschweigen einer Tatsache hervorgerufen werden.“ Kommentar im Rechtswörterbuch zu Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) § 123 Anfechtbarkeit [einer Willenserklärung] wegen Täuschung…
Von großer genetischer Vielfalt waren Landsorten!
Landsorten sind jedoch nicht samenecht/samenfest!
Der Widerspruch zwischen „samenecht“ und „von Generation zu Generation weitergegeben“
Selbstverständlich kann auch eine Zuchtsorte, z. B. aus den 1920er Jahren, heute schon zwei oder drei Generationen weitergegeben worden sein; doch die Aussage suggeriert eine Weitergabe über viele Generationen.
Eine solche generationenlange Weitergabe traf jedoch nur auf die früheren, namenlosen Landsorten zu; auf die neuzeitlichen, samenechten Zuchtsorten trifft sie dagegen nicht zu.
Zuchtsorten wurden in der Regel ab 1900 von gewerblichen Züchtern gezüchtet. Außerdem haben Gärtner:innen ihr Saatgut ab ca. 1920 kaum mehr selbst gewonnen, sondern regelmäßig neu gekauft (siehe dazu „Versunkene Kultur“). Auch heute kaufen die meisten Menschen Saatgut von „Alten Sorten“ regelmäßig neu.
Der Widerspruch zwischen „über einen langen Zeitraum entstanden“ und „das Werk von Züchtern“
Der Autor ist sich nicht zu schade, diesen Widerspruch in einen Satz zu zwängen.
Über einen langen Zeitraum entstanden sind nur Landsorten. Sie wurden über Jahrtausende von Bauern und Gärtnerinnen angebaut und dabei von den herrschenden Umwelt- und Anbaubedingungen geformt. Selbstverständlich haben Menschen dabei auch besonders ansprechende Exemplare besonders gern vermehrt (aber um noch einmal darauf hinzuweisen: Sie haben niemals gezielt Inzucht betrieben und auf „Sorten-Reinheit“ geachtet).
Das Werk von Züchtern sind immer Zuchtsorten (Züchter tun genau das, was frühere Pflanzenbauer niemals getan haben: Sie betreiben gezielt Inzucht und achten auf „Sorten-Reinheit“).
Der Widerspruch zwischen „Bewahrung alter Sorten“ und dem „Erhalt der genetischen Vielfalt“
Dieser Widerspruch ist für mich aus den oben genannten Gründen besonders schwer zu ertragen.
Es gilt auch hier: Samenfeste Zuchtsorten bestehen in der Regel nur aus einer genetischen Variante und sind somit für die genetische Vielfalt unserer Nahrungspflanzen nahezu bedeutungslos (siehe dazu „Nutzpflanzen-Vielfalt neu berechnet“). Ganz im Gegenteil: Die frühere Nutzpflanzen-Vielfalt in Form der Landsorten wurde durch die samenfesten Zuchtsorten verdrängt.
Allein Landsorten wären aufgrund ihrer nahezu unbegrenzten Variationsmöglichkeiten (Gen-Kombinationen) wichtig für den Erhalt von (genetischer) Nutzpflanzen-Vielfalt.
Fazit
Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass der Autor zahlreiche Widersprüche produziert, weil er nicht zwischen Landsorten und Zuchtsorten unterscheidet, sondern beide gedankenlos/unwissend unter der Bezeichnung „alte Sorten“ zusammenfasst.
Ich hoffe, mir ist es auch gelungen, die „Alten Sorten“ nachvollziehbar in „Landsorten“ und (alte) „Zuchtsorten“ zu zerlegen…
Was gibt es über das Buch „Auf der Jagd nach alten Sorten“ noch zu sagen?
Das Buch ist im Juli dieses Jahres (2025) von einem der größten deutschen Sachbuch-Verlage, dem mittlerweile zum Bertelsmann-Konzern gehörigen Verlag Dorling Kindersley (DK) zum Preis von 34,95 € auf Deutsch herausgebracht worden.
Ich habe mir ein kostenloses Rezensionsexemplar erbeten (und es auch umstandslos erhalten). Das Original „The Seed Hunter“ habe ich mir für 32 Euro auf dem freien Markt besorgt.
Das Buch ist oppulent gestaltet, besitzt schöne Bilder, ist solide verarbeitet; es wird mein Bücherregal zieren (falls es darin noch Platz findet).
Der Inhalt ist übersichtlich und strukturiert dargestellt (Teil 1. Gartenwissen; Teil 2. Pflanzenführer).
Es finden sich für Anfänger im Gärtnern (aber auch für Fortgeschrittene) nützliche Tipps, sowohl zum Anbau allgemein (in Teil 1) als auch zu den einzelnen Gemüse-Arten (in Teil 2).
Die Abschnitte „Geschichte“ bei den jeweiligen Gemüse-Arten (in Teil 2) enthalten zumeist nur Allgemeinplätze oder bekannte „Dönekes“; sie sind überflüssig; aber „ihre Geschichte“ soll ja einen Teil des Reizes von Zuchtsorten ausmachen… „We like things that have good history behind them, because that’s basically what marketing is about — it’s telling good stories.“ (NPR)
Die Absätze „In der Küche“ zeigen den Koch: Schon das Lesen lässt das Wasser im Munde zusammenlaufen – und nach Rezepten suchen…
Unter „Kultur“ (Growing) steht statt „Anzucht“ oder „Fortpflanzung“ (Propagation) fälschlicherweise immer „Vermehrung“, obwohl in diesem Absatz nur die Anzucht beschrieben wird; es gibt nämlich immer einen weiteren Absatz, der die „Weitere Pflege“ (Aftercare) darstellt.
Die Seiten mit den Listen wohlklingender Sortennamen und ihren kurzen Beschreibungen sind reine Deko – oder für mancheine:n gerade Ansporn, diese Sorten in Besitz zu nehmen? Das Buch richtet sich neben Köchinnen ja bevorzugt an Jäger und Sammler…
Obwohl die aufgezählten Sorten naturgemäß stark britannien-lastig sind (es wurden alle Sorten originalgetreu belassen), macht die wirklich exorbitante Liste mit Saatgut-Anbietern aus aller Welt, die der Verlag auf seiner Webseite zur Verfügung stellt, vieles möglich.
Kritisieren muss ich aber unbedingt, dass unter „Saatgut gewinnen“ neben Gartenbohnen, Kopfsalat, Erbsen und Tomaten auch Knoblauch und Kartoffeln aufgeführt werden, obwohl nur ihre vegetative Vermehrung durch Zehen und Knollen beschrieben wird. Im Kapitel „Kartoffeln“ wird zwar nebenbei erwähnt, dass man Kartoffeln auch säen kann, aber beim Knoblauch fehlt mir ein Hinweis auf die Bulbillen in den „Blüten“, über die sich Knoblauch auch (vegetativ) vermehren lässt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Koch die Stängel lieber isst bzw. der Meinung ist, dass sie abgeschnitten werden müssen, „sobald sich die Knospe zu bilden beginnt, damit die Pflanze ihre Energie in die Zwiebel statt die Blüte steckt.“
Kopfsalat ist übrigens nicht so leicht ohne Überdachung zu vermehren, da seine Blüten häufig von Pilzen befallen werden.
Wem kann ich das Buch empfehlen?
Menschen, die zu viel Geld haben, die lieber in ihrem Garten sitzen und in einem Buch blättern, als im Beet zu liegen, zu säen, Unkraut zu zupfen, sich am Wachstum der Pflanzen und an dem zu erfreuen, was an Nutzbarem entsteht…
Alle anderen brauchen es nicht; sie haben alles „In natura“. Sie buddeln und säen und ernten und essen alles, was da blüht und wächst, und gewinnen unbekümmert Saatgut und sch…en auf die Namen von „Alten Sorten“…







Einen kleinen „Knoten“ habe ich noch, da kannst du aber bestimmt weiter helfen:
Das Filderkraut (Spitzkraut von den Fildern, bei Stuttgart) wird angeblich schon seit de 14. oder 15. Jahrhundert kultiviert. Nach kurzer Suche in der digitalen Sammlung habe ich 1811 als älteste Quelle gefunden: Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer-Bote. 8. 1811
Hier ist die Rede von dem „bekannten Filder- oder Spitzkraut“. Deutet also auch durch das „bekannte“ auf deutlich älter als 1811 hin.
Wurde also schon deutlich davor gezielt Sortenzucht betrieben oder muss man sich das damalige Filderkraut auch eher als geenpoolmäßig stark eingeschränkte Landsorte vorstellen?
In der oben genannten Quelle ist ja auch von weiteren Sorten der kegelformigen Köpfe die Rede.
„Sortenzucht“ (im heutigen, modernen Sinne) bedeutet immer Inzucht, wodurch entweder 100%ig reinerbige (homozygote), gleichförmige Pflanzen entstehen, wie bei „Selbstbefruchtern“ – Gartenbohnen, Weizen, Tomaten, Paprika u. a. – die immer nach wenigen Generationen homozygot werden und bei denen dann die Vermehrung einer homozygoten Pflanze ausreicht, um eine „Sorte“ zu kreieren, oder wenigstens maximal homozygote Pflanzen, wie bei „Fremdbefruchtern“ – Möhre, Zwiebel, Kohl u. a. – bei denen aus sehr wenigen Pflanzen eine „Sorte“ mit maximal einheitlichen Pflanzen erzeugt werden kann; bei letzteren dienen die heutigen F1-Hybriden der 100%igen Vereinheitlichung.
Eine solche „Sortenzucht“ gab es in der Pflanzenbaugeschichte der Menschheit erst ab ca. 1900.
Selbstverständlich haben Menschen auch davor die Pflanzen bevorzugt vermehrt, die ihnen besonders gefallen haben; aber sie haben niemals gezielt Inzucht betrieben, um eine maximale Gleichförmigkeit herzustellen. Es wurden zwar in diesem Falle bevorzugt „Spitzkohle“ vermehrt, aber eben in einer sehr breiten Ausprägung dieser Eigenschaft und erst recht aller sonstigen Merkmale. Das frühere „Filderkraut“ muss somit als „Landsorte“ bezeichnet werden (und wie ich von der „Vielfaltsgärtnerin“ Mechthild Hubl erfahren habe, ist es auch heute noch so, dass sich das „Filderkraut“ der verschiedenen Anbauer:innen in der Gegend deutlich unterscheidet).
Löst das den „Knoten“ ein wenig?
Wenn ich es richtig verstehe, existieren die alte Landsorten nicht mehr. Die müssen aus andere Sorten neu erstellt werden (unkontrollierte Mischung).
Dann eine Frage ist: die Vielfalt in einem Feld ist dann zwar grösser (zahlreiche verschiedene Genen Kombinationen)… Aber, so lange man mit den existierenden Sorten anfängt, die Genenen sind dann (am Anfang) die Selben, die man in den gewählten Sorten findet. (Einige Genen werden dann Generation nach Generation verloren). Ich frage mich naiv: bringt dann eine Landsorte wirklich eine grösser langfristige Vielfalt, wenn man auf Genen-Ebene denkt?
Liebe Mareike, danke für Deinen Kommentar und die aufgeworfene Frage!
Wenn Du auf Gen-Ebene denkst, ist es auf kurze Sicht richtig, dass es anfangs nicht mehr Varianten eines Gens (Allele) gibt, als in den Ausgangssorten vorhanden waren; aber!
Aber es ist für die Vielfalt nicht die Anzahl der Allele eines Gens entscheidend, sondern deren Kombinationen.
In einer Zuchtsorte ist eine bestimmte Gen-Kombination vorhanden mit bestimmten Allelen; in einer anderen Sorte eine andere Kombination mit anderen Allelen. Du hast also zwei Kombinationen.
Wenn Du diese aber mischt, erhältst Du ein Vielfaches an Kombinationen: Wenn Du z. B. nur vier Gene betrachtest, die in zwei verschiedenen Varianten vorkommen, erhältst Du schon 16 (vier hoch zwei) verschiedene Kombinationsmöglichkeiten.
Pflanzenzüchter:innen denken in Genen/Allelen, weil sie gerne bestimmte, nützliche Gene in ihre vorhandene Gen-Kombination einfügen möchten; für die natürliche Vielfalt sind jedoch allein die Gen-Kombinationen, sprich: die unterschiedlichen Individuen von Bedeutung.
…und diese Vielfalt der Gen-Kombinationen nimmt mit jeder Generation zu, auch wenn einzelne Allele (Varianten eines Gens) verloren gehen können; dafür entstehen aber durch Mutationen ständig neue…
Ich hoffe, ich konnte Deine Frage ein wenig beantworten.
Viele Grüße
Jürgen