Update „Madeira-Zwiebel“
oder: Wie es dem wiedergefundenen Zwiebel-Schatz in deutschen Landen erging.
Wie in „Jäger des verlorenen Schatzes“ berichtet, hatte ich im Frühjahr 2025 eine Expedition auf die portugiesische Atlantik-Insel Madeira unternommen, um dort nach der „Madeira-Zwiebel“ zu suchen, die in Deutschland seit über 80 Jahren verschollen ist. Mein Plan war, diese Riesen-Gemüsezwiebel nach Deutschland zu holen und sie hier wieder heimisch zu machen.
Da die Expedition von Erfolg gekrönt war – 40 ausgewachsene, süße Zwiebeln sowie rund 100 Zwiebelsetzlinge („Cebolinhos“) konnte ich heil nach Deutschland bringen und heimischer Erde anvertrauen – folgt jetzt der Bericht darüber, wie es ihnen hier erging und ob mein Vorhaben, sie zu vermehren, erfolgreich war.
Die Samengewinnung hat einigermaßen geklappt – so viel sei vorab verraten; aber obendrein erlebte ich zwei (böse?) Überraschungen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte…
Die „Madeira-Zwiebel“ – Landsorte, Zuchtsorte oder Zwitter?
Ich versuche, heute einmal nicht so viele Worte zu machen, sondern mehr Bilder sprechen zu lassen; aber ich weiß nicht, ob es mir gelingt, nicht immer mal wieder zu meinem Lieblingsthema abzuschweifen, zur Individuen-Vielfalt, der einzig echten Nutzpflanzen-Vielfalt, die es wiederzugewinnen und dann „für immer“ zu erhalten gilt.
Eine geschützte lokale Spezialität (oder eine alte Zuchtsorte) zu erhalten, dient diesem Ziel nur bedingt; aber in diesem Punkt bin ich eben zwiegespalten, manchmal möchte ich auch Kulturgut erhalten…
Obwohl die Madeira-Zwiebel keine echte, ursprüngliche Landsorte mehr ist, in der sich alle Individuen genotypisch und phänotypisch (genetisch und äußerlich) mehr oder weniger stark unterscheiden, ist sie auch (noch) keine echte Zuchtsorte geworden, also weder eine samenfeste Zwiebel-Population, die besonders intensiv auf Einheitlichkeit selektiert und durch möglichst intensive Inzucht vermehrt wird, noch eine F1-Hybride (beides könnte sie aber jederzeit werden).
Die Madeira-Zwiebel ist, so wie die Höri-Bülle („Echte Samen von unechter Höri-Bülle“) und andere lokale Zwiebel-Spezialitäten, irgendetwas dazwischen, ein Zwitter aus Landsorte und Zuchtsorte, halbwegs unterschiedlich geblieben, halbwegs einheitlich gemacht.
Diese Zwiespältigkeit zeigten die verschleppten Madeira-Zwiebeln auch bei mir in Deutschland, wie Ihr sehen werdet…
Wie die importierten, vorgezogenen Madeira-Zwiebeln in Deutschland gediehen
Die madeiranischen „Cebolinhos“, die ich im April 2025 in den Hohenwepeler Lösboden meines Bruders gepflanzt hatte, gediehen soweit prächtig.

Mein Zwiebelfeld am 19. Juni 2025 (die „Madeira-Zwiebeln“ sind neben den Kartoffeln die dritte Reihe von rechts)
Das sage ich jetzt einfach mal so dahin, obwohl mir ein Vergleich fehlt, da es das erste Mal war, das ich vorgezogene Madeira-Zwiebeln allgemein und importierte Madeira-Zwiebel-Zöglinge speziell in Deutschland wachsen sah, aber ich kann defintiv sagen, dass Bruder und Neffe Ende Juli ein paar Gitterplasteboxen mit schönen, großen Zwiebeln füllen und in der Scheune trocknen lassen konnten.
Inwieweit sich die Pflanzen und Bulben in Details unterschieden, habe ich nicht genauer untersucht; mir ist auf jeden Fall nichts Auffälliges ins Auge gefallen.
Ende September, nach einem Zwischenstopp bei Haiko (das ist der mit dem schwarzen Daumen), transportierte ich sie zum Überwintern in mein Schwedter Gartenhaus.
Wie es den importierten Bulben der Madeira-Zwiebel in Deutschland erging
Die Zwiebelbulben, die ich auf Madeira ergattern konnte (siehe „Jäger des verlorenen Schatzes“), hatte ich ja bald nach der Rückkehr Ende April 2025 in meinen Garten gepflanzt, etwas ungünstig, muss ich gestehen, in den Mittagsschatten meines dortigen Stangenbohnengerüstes.
Ich hatte gehofft, dass sie gleich in Blüte gehen und Samen produzieren würden, wie das ausgewachsene Zwiebeln normalerweise tun („Die Leichtigkeit der Zwiebelvermehrung“); aber…
…nur eine einzige der rund 40 Zwiebeln reagierte „normal“ und wollte sich geschlechtlich fortpflanzen, indem sie eine Blüte bildete. Alle anderen taten das, was Zwiebeln auch tun können: sie vermehrten sich vegetativ, indem sie sich teilten.
Als das Zwiebellaub Anfang August zu welken begann und umfiel – ein Zeichen dafür, dass Zwiebeln geerntet werden sollten (siehe Bild), buddelte ich sie aus und siehe da, dort, wo ich eine Zwiebel vergraben hatte, fand ich zwei bis fünf wieder.
Das war Überraschung Nummero Eins.
Ich war darüber nicht wirklich unglücklich, hatte ich doch jetzt mehr Zwiebeln für das Experiment „Überwinterung“ zur Verfügung; denn in den Informationen über die Riesenzwiebeln, die ich für den Beitrag „Jäger des verlorenen Schatzes“ gesammelt hatte, hieß es: „Die Haltbarkeit ist sehr gering, daher auch keine Eignung für Winterlager.“ („Die Reichsgemüsesorten (Erster Teil)“, 1939, S. 73)
Nun, was war von dieser Einschätzung zu halten?
Die Überwinterung der „Madeira-Zwiebeln“
Lange Rede, kurzer Sinn: Ungefähr zwei Drittel der Zwiebeln trieb früh bis sehr früh aus, ein Drittel verhielt sich im Winterlager vorschriftsmäßig.
Die 21 Allerfrühesten der Frühen setzte ich noch im Herbst 2025 in den Folientunnel aus, um das Risiko zu streuen und mehr Optionen auszuprobieren.
Leider dienten ihre frisch getriebenen, knackig grünen Laubblätter im eisekalten Winter irgendjemandem (wahrscheinlich Mäusen) als Notnahrung (oder als willkommener Vitaminspender).
Nur drei von ihnen erholten sich von ihrem Blattverlust soweit, dass sie trotzdem Samen spendeten.
- Die 21 Testkandidaten, voll sprießender Hoffnungen, am 8. November 2025…
- …die aber am 12. Februar 2026 arg gestutzt wurden;…
- …nur drei erholten sich von diesem Verbiss, so dass sie Blüten und Samen bilden konnten.
Der Rest der Zwiebelbulben musste bis zum Frühjahr 2026 im Gartenhaus ausharren.
Bis auf wenige, die verfault waren, kamen alle am 11. März in den Boden meiner Kleingartenparzelle. Um erst einmal genügend Samen zu gewinnen und ihre Individuen-Vielfalt zu erhalten, verzichtete ich auf eine strenge Selektion.
Wachstum, Blüte und Ernte der Samenzwiebeln
Um Euch nicht ewig auf die Folter zu spannen – der Beitrag wird trotz meines guten Vorsatzes wieder lang – verrate ich Euch, dass ich so viele Samen gewinnen konnte, dass zumindest der eine ein paar Samen bekommen kann (ob ich für die andere auch noch welche habe, kann ich endgültig erst nach dem Dreschen und Reinigen der Samen entscheiden, wozu ich wahrscheinlich aber nicht vor Weihnachten kommen werde).
Die Entwicklung der Samenzwiebeln zeigt die nachfolgende Bildergalerie besser als 1000 Worte; deshalb beschränke ich mich darauf, Euch von der Überraschung Nummero Zwei ausführlich (Spaß!) zu erzählen.
- Am 21. April sah das Zwiebelbeet (und der Rest) noch sehr ungepflegt aus…
- …ein paar Tage später sah das schon ganz anders aus (so gepflegt, wie ich mir das immer vorstelle)…
- …immer noch sieht alles prachtvoll aus (auch die Möhren- und Pastinaken-Samenpflanzen im Hintergrund)…
- …Mein Herz lacht noch über diese prächtigen Samenpflanzen!…
- …aber hier vergeht mir das Lachen langsam, weil ich es mit der Angst zu tun bekomme am 16. Juni…
- …Jetzt ist alles im grünen Bereich! Ein Meer aus Blüten von Zwiebeln, Möhren und Pastinaken am 26. Juni.
Wie Ihr vielleicht bei genauerer Betrachtung der Bildergalerie schon erkennen konntet, verhielten sich ein paar Zwiebeln zur Blütezeit „unnormal“; sie taten etwas, was ich bei Zwiebeln bisher noch nie gesehen hatte: sie bildeten äußerst merkwürdige „Blüten“.
Hat jemand von Euch schon mal solche „Blüten“ gesehen?
Zuerst dachte ich, wenn alle Zwiebeln jetzt diese Art „Blüten“ bilden, ist die Samengewinnung auf alle Fälle gescheitert; denn von Blütenorganen, die Insekten zur Befruchtung hätten nutzen können, war bei den „unnormalen Blüten“ nichts zu sehen. Blüte und Blütenstiel verlängerten sich extrem und hingen dann schlaff herunter.
Doch es blieb bei den wenigen, die solch ungewöhnliche „Blüten“ bildeten; alle anderen Pflanzen blühten so, wie ich das gewohnt bin – und produzierten am Ende des Sommers Samen.
Die merkwürdigen „Blüten“ entpuppten sich später als eine Art „vegetative Vermehrung“. Die Blüten, die sich verlängert hatten, ließen teilweise einen, winzigen grünen Trieb erkennen; bei manchen entwickelten sich am Blütenboden kleine Zwiebelchen.
- Eine, dieser merkwürdigen Gebilde zerlegt: Man kann Zwiebelchen und grüne Triebe (im Hintergrund) gut erkennen…
- Die Mini-Zwiebelchen und…
Paulo, von dem ich die „Cebolinhos“ bekommen habe, erklärte mir auf Nachfrage, dass er auch solche „schlechten“ Blüten bei seinen Zwiebel habe. Er vermutet Kälte oder zu viel Regen als Ursache…
Ich glaube dagegen, dass manche Zwiebeln genetisch anders programmiert sind, mehr auf vegetative Vermehrung eben – so wie die „Kartoffel-Zwiebeln“, die sich bevorzugt teilen.
Ihr seht, was Individuen-Vielfalt ist…
Fortgesetzte Vermehrung der Madeira-Zwiebeln
Beide Zwiebelchen-Varianten habe ich neulich testhalber im Folientunnel „ausgesät“. Zehn Tage später zeigten sich schon erste grüne Triebe (der Hoffnung).
Neben diese Zwiebelchen habe ich die „Mutterzwiebeln“ (bzw. deren Nebenzwiebeln) gepflanzt, die ich bei der Beseitigung der abgeernteten Blütenstängel fand; denn auch die alten, verblühten Zwiebeln können nochmal (oder sogar mehrmals) blühen.
Sowohl die „Blüten-Zwiebelchen“ als auch die „verbrauchten Zwiebeln“ will ich zur weiteren und schnelleren Vermehrung der Madeira-Zwiebeln nutzen.
Mal sehen, wie dieses Experiment ausgeht…
…aber auch die reguläre Vermehrung der Zwiebeln vom „Typ Madeira-Zwiebel“ wird weitergehen…
Wie geht’s jetzt mit mir weiter?
Ich muss nun ganz schnell nach Hohenwepel, um Kartoffeln und Kürbisse zu ernten und nach meinen Melonen und Stangenbohnen zu sehen.
Eine große Menge Melonen wurde in diesem Jahr (fast) perfekt von meiner Schwägerin, die ich zur „Melonenbeauftragten“ ernannt hatte, geerntet, verfault aber gerade rasend schnell im Lagerraum, wie mir mitgeteilt wurde.
Außerdem platze ich fast vor Neugier, weil ich dringend wissen will, was aus der großen, weltweiten Auswahl an Feuerbohnen, die mir die Genbank überlassen hat, und aus meinen Stangenbohnen, dem „Blauen Wunder“ vom letzten Jahr, geworden ist…
Ihr bekommt auch über diese anschwellende Nutzpflanzen-Vielfalt Berichte. Versprochen! Im Winter, wenn Ruhe eingekehrt ist und ich nicht mehr zwischen meinen drei Vielfaltsvermehrungsflächen pendeln muss.
Meine Schublade ist voll von Ideen und Plänen für weitere Beiträge…























Hallo Jürgen, habe das mit den kleinen Zwiebelchen auf der Blüte heuer auch, die Sorte wäre Sturon, aber die Rote dazwischen hat es auch und sogar eine Stuttgarter Riese wo ich die Steckzwiebeln geschenkt bekommen habe und erst sehr spät gepflanzt habe, hat das gleiche Phänomen.
Heuer habe ich ansonsten einiges probiert und ausgesät, auch dank deiner Aufklärung!
Broccoli hatte ich gesät, rausgekommen ist zwei Drittel Broccoli und ein Drittel Grünkohl weil im Vorjahr da halt auch noch einer stand, Karotten aus eigenem Samen von drei Karotten die letztes Jahr geblüht haben waren ein Traum, dann hat eine Tomate, das hat mich völlig verblüfft, sage und schreibe drei verschiedene Tomaten Sorten drauf!!!!
Jetzt nur noch kurz, eine Buschbohne (vermutlich Bamberger Blaue) wollte plötzlich eine Stangenbohne werden.
So das war’s, danke dir für deine Seite und die Pionierarbeit die du leistest
Viele Grüße aus dem Vinschgau (Südtirol)
Lieber Armin, vielen Dank für Deinen Bericht über die Zustände in Südtirol!
Ich freue mich natürlich darüber, dass meine Anregungen auch dort unten (oder ist das oben?) auf fruchtbaren Boden gefallen sind und Du Spaß an neu entstehender Vielfalt gefunden hast.
Zwiebelchen in der Blüte, am Boden der Blütendolde, kenne ich auch. Diese Art der vegetativen Vermehrung finde ich bei einzelnen Küchenzwiebeln immer mal wieder; aber was ich bei den „Madeira“-Zwiebeln zum ersten Mal gesehen habe, ist, dass sich die einzelnen Blütenstiele extrem verlängern und dann in den einzelnen Blüten ein Trieb entsteht, der sich (hoffentlich) zu einer neuen Zwiebel entwickelt…
Was mich an Deinem Bericht besonders interessiert, ist die Tomatenpflanze mit den drei unterschiedlichen Früchten („Sorten“).
Wie unterschiedlich waren sie?
Hast Du evtl. Fotos von dieser Pflanze, auf denen die unterschiedlichen Früchte zu erkennen sind?
Diese sonderbare Tomatenpflanze war auch keine (gekaufte) „veredelte“ Pflanze, auf die jemand drei Triebe von verschiedenen Sorten gepfropft hat?
Letzteres ist ja ohne weiteres möglich und dann wären drei unterschiedliche Fruchtvarianten an einer Pflanze nicht sonderlich weltbewegend (verblüffend)…
Ich würde mich über Aufklärung deinerseits sehr freuen!
Viele Grüße in den Süden von mir
Nein, wir (meine Freundin Katharina) haben heuer keine Tomaten gekauft, sondern alle selbst aus Samen von den Tomaten die wir im letzten Jahr angebaut hatten, gezogen. Ich habe auch Bilder von zweien der Tomaten, da hatte ich es gerade entdeckt. Dass es drei sind habe ich erst später gesehen, die dritte ist auch später reif, aber ich kann sie noch fotografieren.
Liebe Grüße
Armin
Bilder von den zwei Tomaten-Varianten:
Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4
Lieber Armin,
die Früchte sehen zwar unterschiedlich aus, sind aber trotzdem Früchte einer „Sorte“. Das könntest Du sehen, wenn Du im kommenden Jahr jeweils drei Samen der unterschiedlichen Früchte aussäst. Wenn die Mutterpflanze kein „Mischling“ war (sich also im letzten Jahr nicht mit einer anderen Sorte verkreuzt hat), sollten alle Pflanzen wieder ähnlich unterschiedliche Früchte tragen, so wie die jetzige Pflanze.
Bei manchen Sorten sind die Früchte recht variabel; sie können von normal-groß und rund bis zu fleischtomaten-förmig aussehen. Solche Pflanzen habe ich auch immer mal wieder…
Vielen Dank für die Bilder und viele Grüße
J:)
Lieber Jürgen,
in meiner Unerfahrenheit hätte ich wohl das Phänomen der kleinen „Zwiebelchen statt Blüten“ einfach mit den Bulbillen von Knoblauch gleichgesetzt und mich über die unerwartete Abkürzung durch die kleinen Klone gefreut :-) In der Zwischenzeit habe ich ein Tütchen mit Samen von „irgendeine rote Küchenzwiebel“ gewonnen und freu mich aufs Frühjahr… Liebe Grüße!
Liebe Anja,
danke für Deinen Kommentar!
Ja, letztlich habe ich mich auch über die vegetative Vermehrung der „Madeira-Zwiebel“ gefreut und probiere diese Art der Vermehrung jetzt ebenfalls mal bei ihr aus; aber bevor ich wusste, dass es eine solch merkwürdige (weil mir vollkommen unbekannte) Blüten- und Vermehrungsform bei der Küchenzwiebel gibt, war ich erst einmal in Sorge, die „Madeira-Zwiebel“ überhaupt vermehren zu können.
Schön, dass Du „irgendeine rote Küchenzwiebel“ aussäst und Dich vom Ergebnis überraschen lässt!
Ich finde, so soll es sein: Alles, was irgendwie brauchbar und nutzbar ist, anzubauen und zu vermehren; das fördert die Vielfalt am allermeisten. Jeder Schritt weg vom Sorten-Reinheitswahn hilft, die Nutzpflanzen-Vielfalt maximal zu vermehren, damit im Katastrophenfall vielleicht ein paar nutzbare Varianten übrigbleiben…
Liebe Grüße
J:)