Unverzeihlicher Kahlschlag
oder: Warum in Müncheberg (Brandenburg) Aprikosen-Vielfalt abgeholzt wurde und was ich mir als Wiedergutmachung vorstelle.
Es ist unmöglich, angepasste Individuen („Sorten“) zu schaffen, nachdem sich die Umwelt- und Klimabedingungen geändert haben, da nach der Änderung alle Individuen, die nicht angepasst waren, gestorben sind.
Es ist auch unmöglich, angepasste Sorten zu züchten, bevor sich das Klima ändert – so, wie das die wissenschaftliche Pflanzenzüchtung zur Zeit tun will – da die zukünftigen Umwelt- und Klimabedingungen in der Gegenwart nicht bekannt sind.
Die einzige Möglichkeit, auf Umwelt- und Klima-Änderungen vorbereitet zu sein, ist Individuen-Vielfalt, sprich: Varianten-Vielfalt, so, wie das „die Natur“ seit Anbeginn des Lebens vormacht. Nur wenn genügend unterschiedliche Varianten (Individuen, Genotypen) vorhanden sind, können im Falle von Umwelt- und Klima-Änderungen ein paar Varianten darunter sein, die diesen veränderten Bedingungen gewachsen sind.
Meines Erachtens sollte deshalb die Individuen-Vielfalt unserer Nutzpflanzen möglichst weitgehend wiederhergestellt werden, so wie sie vor Beginn der gezielten Pflanzenzüchtung in Form von „Landsorten“ bestand.
Dazu müssten aber z. B. bei unseren Obst-Arten von vielen Menschen wieder vermehrt Sämlinge aufgezogen werden.
Die meisten Menschen ziehen aber keine Obstbäume und Beerensträucher aus Samen, weil sie befürchten, aus Samen gezogene Bäume würden „verwildern“, d. h., ungenießbare Früchte tragen.
Um das Gegenteil zu beweisen, ziehe ich so viele Obstgewächse aus Samen, wie mir mit meinen beschränkten Mitteln (und Flächen) möglich ist, und mache die Ergebnisse hier publik.
Neulich wollte ich mir zum Zweck der Aprikosen-Vermehrung mal wieder einen Beutel Steine von den ca. 20 Aprikosen-Sorten besorgen, die ich 2021 in Müncheberg vorgefunden hatte.
Da ich in diesem Jahr an einigen Aprikosenbäumen in meiner Umgebung reichlich Früchte gesehen hatte, ging ich davon aus, auch in Müncheberg einen reichen Behang an Aprikosen vorzufinden, und fuhr deshalb am 21. Juli hoffnungsfroh dorthin.
Vor Ort musste ich jedoch eine schockierende Entdeckung machen: Die Aprikosenbäume existierten nicht mehr!
Heute erfahrt Ihr,
- wie ich die öde Fläche entdeckte,
- warum die Aprikosenbäume gerodet wurden und
- was ich mir als sinnvolle Wiedergutmachung vorstelle.
Horror vacui – von Leere geschockt
Auf der Webseite der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik e.V. (LVGA), der Trägerin der Obstbau-Versuchsstation (OBVS) in Müncheberg, wurde zwar nicht mehr ausdrücklich auf die Selbstpflücke der Aprikosen hingewiesen, wie in den Vorjahren, aber den Hinweis dort „Aus den Versuchen, die nicht öffentlichen begangen werden können, wird das geerntete Obst ab Lager an Kleinkunden abgegeben“ interpretierte ich dahingehend, dass dort wenigstens Aprikosen zu kaufen seien. Außerdem wollte ich mir die Anlage einfach mal wieder ansehen, auch in der Hoffnung, heruntergefallenen Früchten vielleicht noch ihre Steine entnehmen zu können.
Der Pförtner am Eingang zum ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Züchtungsforschung, das heute vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. und von der OBVS genutzt wird, wusste weder etwas über eine Selbstpflücke von Aprikosen noch von einem entsprechenden Früchteverkauf; er ließ mich aber dennoch einen Spaziergang zu den Aprikosen machen.
Ich wanderte also durch das weitläufige Gelände Richtung Aprikosen-Anlage, puhlte unterwegs ein paar Kerne aus Sauerkirschen für meine Sämlingsanzucht und schlenderte dann langsam die Anhöhe zur Plantage hinauf.

Das Gelände der Obstbau-Versuchsstation am 03. August 2025 bei Google-Maps

Google-Maps zeigt am 03. August 2025 noch die Aprikosen-Anlage
Als ich glaubte, die Aprikosenbäume langsam sehen zu müssen, sah ich aber erst einmal – nichts.
Zuerst glaubte ich an einen Irrtum meinerseits – hatte ich mich doch schon zwei Mal im Gelände verlaufen – und dachte, die Plantage würde vielleicht noch weiter hinten liegen. Erst als ich vor dem Tor zur Aprikosen-Anlage stand, war jeder Zweifel ausgeschlossen: Ich war an der richtigen Stelle – nur die Aprikosenbäume nicht mehr…

Der Platz, an dem das Aprikosen-Seminar lange Jahre stattgefunden hatte (siehe nächstes Bild) am 21. Juli 2025. Hinter dem Zaun die Fläche, auf der die Aprikosenbäume standen – öd und leer; nur der Busch links am Zaun ist geblieben…

Wie anders hatte es am am 20. Juli 2021 ausgesehen!
Ich war geschockt!
Wie konnte das sein? Wo waren die wunderbaren Aprikosenbäume?
In den Jahren 2021 und 2023, in denen ich dort war, waren die meisten Bäume mit goldenen Früchten übersät gewesen.
Im Beitrag „Der Aprikose Kern“ hatte ich mir ausgemalt, wie diese Anlage ein Ausgangspunkt für wahre Aprikosen-Vielfalt in Brandenburg werden würde – und nun war sie nicht mehr, verschwunden, für immer…
Ich glaube, ich taumelte bei den ersten Schritten des Rückwegs.
Warum war die Anlage beseitigt worden? Welche Gründe konnte es dafür gegeben haben?
Die wirtschaftlichen Gründe für die Rodung der Müncheberger Aprikosenbäume
Gottseidank hatte ich Zeit und die OBVS lag an meinem Weg; dort wollte ich nach den Gründen fragen…
Auf der Einfahrt zur OBVS kam mir eine Frau auf dem Fahrrad entgegen, die ich um Hilfe bat. Bereitwillig führte sie mich zum Technischen Leiter der OBVS, Herrn Tobias Hahn. Dieser bemerkte meine innere Erregung über die Beseitigung der Aprikosenbäume und nahm sich die Zeit, meine Frage nach den Gründen ausführlich zu beantworten. Er fuhr mich sogar durch das Versuchsgelände, um mir die Arbeit der OBVS plastisch vor Augen zu führen.
Wie immer ging es natürlich um’s liebe Geld. Irgendjemand muss für Arbeitsraum und -zeit bezahlen. Je besser eine Institution ihre Existenz- und Arbeitsberechtigung begründen kann, desto leichter und ergiebiger sprudeln die Geldquellen. Bei Einrichtungen der Privatwirtschaft steht in erster Linie die Wirtschaftlichkeit im Fokus, mehr als bei staatlichen Einrichtungen, die Aufgaben erfüllen sollen, die für die Allgemeinheit nützlich sind.
Die OBVS war 2019 aus der staatlichen Obhut des armen Brandenburg entlassen und in die privaten Hände eines reichen Vereins, der LVGA, übergeben worden.
Die wissenschaftliche und technische Leitung der OBVS muss dem Vorstand und dem Kuratorium der LVGA regelmäßig Arbeitsschwerpunkte und Projekte vorschlagen, für die Finanzmittel locker gemacht werden sollen, wurde mir von Herrn Hahn erklärt.
Lag bis 2021 unter dem früheren wissenschaftlichen Leiter, Dr. Hilmar Schwärzel, ein Schwerpunkt noch auf der Prüfung standort- und klimawandel-angepasster Obstsorten und der Entwicklung von Anbauverfahren, wie dem „Müncheberger Damm“, wurde dieser von der neuen Leitung aus dem Arbeitsprogramm gestrichen.
Der „Müncheberger Damm“
Quelle: Niederlausitz aktuell
Die OBVS ruhe heute auf zwei Standbeinen – und Herr Hahn verlagerte bei diesen Worten seinen Schwerpunkt von einem Bein auf das andere: „Am Standort Müncheberg mit seiner fast 100-jährigen Geschichte der Obstbau-Versuchsstation werden praxisrelevante Forschungsfragen des Erwerbsobstbaus bearbeitet und im Landessortengarten der genetische Ressourcenschatz der Apfel- und Birnensorten bewahrt.“
Die OBVS sei deshalb u. a. Projektpartner im „Brandenburger Netzwerk für Klimaanpassung im Obstbau“ (branko) und Netzwerkpartner der Deutschen Genbank Obst (DGO).
Die nicht nach neuesten wissenschaftlichen Kriterien aufgebaute Aprikosen-Anlage sei für keine Untersuchungen mehr nützlich und deshalb nur noch ein Klotz am Bein gewesen, von dem man sich habe trennen müssen, um Platz und Ressourcen für neue, relevantere Projekte freizumachen.
Keine einheimische Obst-Art, die in Brandenburg angebaut wird, ist bisher national oder international vom Ertrag her und damit preislich konkurrenzfähig, wie die nachfolgende Übersicht am Beispiel der Tafeläpfel zeigt.
Durchschnittsertrag für Tafeläpfel 2018-2023
in Dezitonnen(100 Kilogramm)/Hektar
Südtirol: 525 dt/ha;
Deutschland (ohne Brandenburg): 310 dt/ha;
Hamburg („Altes Land“): 394 dt/ha
Brandenburg: 261 dt/ha.
Quelle: eigene Berechnungen aus Daten des Statistischen Bundesamtes, Hamburg1.de, Tätigkeitsberichte des Südtiroler Apfelkonsortiums
Aprikosen aber sind in Brandenburg vollkommen unwirtschaftlich und werden deshalb dort von niemandem gewerblich angebaut.
Also, weg mit den unnützen Aprikosenbäumen!
Im Winter 2024/25 fiel die Anlage deshalb der Säge zum Opfer…
Informationen über die ehemalige Aprikosen-Anlage der OBVS
„Bedeutsam an dieser Sammlung von Aprikosen-Bäumen war der Erhalt von Scharka-Resistenzträgern unterschiedlicher genetischer Herkünfte (cluster) und ein Auszug aus dem Sortiment gegenwärtiger Spitzensorten des europäischen Anbaus.“
Zitate von Herrn Dr. Schwärzel, der die Anlage anlegen ließ und sie viele Jahre mit Herzblut betreute
Sinnvolle Sühne: Die Vermehrung der Aprikosen-Vielfalt wissenschaftlich begleiten
Ich hätte ja gerne gesehen, dass aus den Kernen der Müncheberger Aprikosen-Anlage Millionen (meinetwegen auch nur Tausende) Sämlingsbäume in Brandenburg erwachsen wären, wie ich oben und im Beitrag „Der Aprikose Kern“ schon dargelegt habe.
Diese große Zahl genetisch unterschiedlicher, einzigartiger Aprikosenbäume hätte die Individuen-Vielfalt der Aprikosen gewaltig vermehrt, hätte zu einer Vielfalt geführt, die bei Umwelt- und Klimaänderungen wirklich nützlich wäre, da unter diesen Vielen vielleicht ein paar sein könnten, die die neuen Bedingungen begrüßen würden.
Unter dieser Menge könnten außerdem ein paar besonders hervorragende Aprikosenbäume für die Jetztzeit sein.
Herr Dr. Schwärzel, der seit über 40 Jahren konventionelle Aprikosenzüchtung auf seinem Privatgelände in Müncheberg betreibt, fand z. B. solche hervorragenden Aprikosen-Individuen unter Sämlingen, die er aus den Steinen von gewöhnlicher Handelsware gezogen hat.
- Klon-Auslese aus „Herta“ © H. Schwärzel
- Die Aprikosen-Variante „C01“ bei Sonnenschein © H. Schwärzel
- Die Aprikosen-Variante „C01“ nach 77mm Regen © H. Schwärzel
Sein Ausgangsmaterial stammte aus dem nördlichsten, geschlossenen Aprikosenanbaugebiet in Deutschland, das in Sachsen-Anhalt bei Seeburg am Süßen See im Mansfelder Land liegt, in dem er seine Jugend verbrachte und eine Zeitlang arbeitete.
Von dort habe ich mir übrigens jetzt Ersatz für die verloren gegangenen, brandenburgischen Aprikosensteine besorgt; die Obstproduktion Höhnstedt GmbH war so freundlich, mir ein Kilogramm Steine zu schicken.
Zu guter Letzt können bei Sämlingen durch Mutationen und Zufallskreuzungen auch ganz neue Formen (Phänotypen) entstehen, die wir uns so lange nicht vorstellen können, bis wir sie sehen.
Bislang behindert aber die Umsetzung einer solchen Idee das ernsthafte Problem, dass sehr viele Menschen glauben, aus Samen gezogene Bäume würden keine brauchbaren Früchte liefern.
Um diesem (Aber)Glauben abzuhelfen, wäre eine wissenschaftliche Studie enorm hilfreich, die feststellt, was tatsächlich aus Sämlingen wird, wie sie sich entwickeln und welche Früchte sie tragen.
Eine derartige Untersuchung möchte ich hiermit anregen und zur Diskussion stellen!
Wissenschaftliche Studie über die Entwicklung von Aprikosen-Sämlingen
500 bis 1000 Sämlinge von einer Vielzahl unterschiedlicher, beliebig ausgewählter Aprikosen-Sorten oder von schon vorhandenen Sämlingsbäumen werden angezogen. Das Wachstum und die Entwicklung der Bäumchen werden wissenschaftlich beobachtet und dokumentiert. Eine derartige Anzucht von Sämlingen wird mindestens drei Mal hintereinander vorgenommen: Sobald die meisten Bäume tragen (was nach ca. fünf Jahren der Fall sein sollte), wird aus den Steinen dieser Anlage eine weitere angelegt, deren Entwicklung ebenfalls wissenschaftlich begleitet wird.
Als Kosten würden die Flächen (Pacht), das Sammeln der Steine, die Anzucht der Bäume, die Anlage der Plantage(n) sowie deren Pflege als Streuobstwiese zu Buche schlagen. Die wissenschaftliche Begleitung könnte durch universitäre Master- und/oder Doktorarbeiten kostenneutral stattfinden.
Der Aufwand für eine solche Studie wäre minimal und könnte ganz sicher durch den Verkauf von Früchten und Reisern weiter gesenkt werden.
Ich finde, die Kosten könnte der Träger der OBVS locker tragen, vor allem, wenn ich mir die Mitgliederliste des Vereins „Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik e. V. (LVGA)“ so ansehe, die alles von Rang und Namen umfasst, was im Berlin-Brandenburger Raum mit „Grün“ Geld verdient…
Ich würde sogar eine öffentliche Förderung einer solchen Studie für gerechtfertigt halten, die auch in anderen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt sowie mit anderen Obst-Arten durchgeführt werden sollte.
Eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema „Sämlingsbäume“ würde endlich Fakten liefern, Grundlagenwissen, auf dessen Basis die Vielfalt weiter wachsen könnte, indem mehr Menschen die Angst vor Sämlingsbäumen genommen wird.
Nebenbei führt sie gratis zur „Züchtung“ regional angepasster Sorten, die regional vermarktet werden können, passend zu aktuellen Kauftrends…
Außerdem vermehren solche Untersuchungen mit minimalem Aufwand die (Individuen-)Vielfalt unserer Obst-Arten in bedeutendem Umfang – im Gegensatz zur kostenintensiven „Erhaltung Alter Sorten“, die nur sehr wenig mehr Varianten am Leben erhält und nichts Neues, nichts Zukunftsträchtiges bringt, nichts, das für zukünftige Umwelt- und Klimabedingungen geeignet sein könnte.
Zum Abschluss dieses Beitrags mache ich ein wenig Werbung für die Obstbau-Versuchsstation, damit sie überlebt und mir (dereinst vielleicht) meinen Wunsch erfüllen kann: Am 13. September 2025 feiert sie in Müncheberg einen Kernobsttag mit Erntefest! Dort könnt Ihr zwar keine Aprikosen mehr verkosten, aber doch noch einige (alte) Apfel- und Birnensorten kennenlernen…
Feiern wir die Gegenwart, die Zukunft kommt auch ohne unser Zutun!







Hallo Jürgen,
deine Enttäuschung über die Abholzung der Aprikosenbäume kann ich nachvollziehen, ist echt schade!
Gestern habe ich zufällig mitbekommen, dass es auf Usedom eine Aprikosenplantage gibt, angeblich 6000 Bäume, unterschiedliche Sorten.
Inselmühle Usedom
Bäderstr. 9- 11
17406 Usedom
Tel.: 038372-769902
Vielleicht siehst du dich dort mal um.
Herzliche Grüße
Edith
Liebe Edith,
danke für Dein Mitgefühl und die interessante Information über eine neue Aprikosenplantage auf Usedom! Die Anlage werde ich mir ganz sicher bei Gelegeneheit mal ansehen…
Viele Grüße
J:)rgen
Es war ein gutes Aprikosenjahr 2025. Danke für die Anregung, doch mal wieder den süßen See zu besuchen. Ansonsten hat mich Dein Beitrag sehr traurig gemacht.
Liebe Gisa, schön mal wieder von Dir zu lesen!
Ja, es ist sehr schade, dass die Aprikosenbäume gefällt wurden; aber ich verteile laufend Aprikosen-Sämlinge im Land und hoffe, damit irgendwann Ersatz geschaffen zu haben. Außerdem hoffe ich natürlich, dass durch meinen Beitrag mehr Menschen angeregt werden, mir nachzueifern.
Dann wären die Bäume letztlich nicht umsonst gestorben…
Viele Grüße nach Quedlinburg!
J:)rgen