Echte Samen von unechter Höri-Bülle

oder: Wie geschützte und dadurch gefährdete, regionale Varietäten durch überregionalen Anbau gesichert werden können.

Vor Jahren, als ich noch Zwiebel-Sorten-Sammler war, bin ich auf eine spezielle Zwiebelsorte gestoßen, die nur auf der Halbinsel Höri am Bodensee wächst, die „Höri-Zwiebel“, im dortigen Dialekt „Höri-Bülle“ genannt.

Ich habe mir erlaubt, diesen schönen Film des SWR über das „Bülle-Fest“ in Moos/Höri von 2016 für die Nachwelt zu erhalten…

Da diese pink-farbige, einzigartige Zwiebel mittlerweile nur noch dort angebaut werden darf – ihren Anbauer:innen sind die geistigen Eigentumsrechte „Geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.) an der Zwiebelspezialität zugesprochen worden (mehr dazu in „Zwiebelsamen sammeln“) – mache ich mir ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft:

„Was ist, wenn die wenigen Anbauer:innen auf der Höri in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, weil nicht mehr genügend Menschen bereit oder fähig sind, den notwendigen Preis für diese Zwiebeln zu zahlen, die viel Handarbeit machen, weil sie nicht mit Maschinen zu ernten sind?“

„Oder was ist, wenn eine Zwiebel-Virus-Pandemie den gesamten Bestand dort in tödliche Gefahr bringt?“

„Wird sich dann nicht auch diese bildhübsche, milde Zwiebelsorte sang- und klanglos von der Welt verabschieden müssen, wie so viele alte Land- und Zuchtsorten vor ihr?“

Ein trauriger Gedanke, wieder einen Schatz zu verlieren – und das vielleicht sogar endgültig.
Ein reines Überdauern im Ewigen Genbankfrost ist ja bei Gott kein Leben zu nennen, oder?

Pinkfarbene Zwiebeln von oben fotografiert (mit grünem Laub)

Lebendige Zwiebeln am 15. Juli 2025

Um den Schatz „Höri-Bülle“ vor diesem Schicksal zu bewahren, stelle ich Euch heute eine rettende Idee vor – und biete Euch sogar die passende Rettungsausrüstung dazu.

Es soll mir niemand nachsagen können, dass ich nicht auch etwas für die Rettung von „Sorten-Schätzen“ übrig hätte (wie ja hoffentlich unlängst mein Rettungseinsatz für die „Madeira-Zwiebel“ hinlänglich bewiesen hat), auch wenn mir weitaus mehr daran liegt, unsere Nutzpflanzen insgesamt zu retten, indem ich mich für die Rekultivierung der ursprünglichen Landsorten mit ihrer unendlichen Individuen-Vielfalt einsetze…

…aber die „Höri-Bülle“ ist ja auch noch ein bisschen Landsorte, so ein bisschen uneinheitlich, ein bisschen anpassungsfähig; deshalb bin ich ja schon seit einigen Jahren dabei, für das Überleben dieser Zwiebelvarietät zu sorgen, indem ich sie selbst vermehre.

Zwiebelsamenstände in stark verunkrautetem Beet

Meine letzten Vermehrungszwiebeln vom „Typ Höri Bülle“ in desolatem Zustand im Garten eines guten Bekannten

Ohne diese Vorgeschichte hätte ich überhaupt nicht auf die Idee kommen können, die ich Euch hier und heute präsentiere…

Wie meine Beziehung zur „Höri-Bülle“ begann…

Ihr wisst wahrscheinlich, dass es nicht leicht ist, Saatgut der „Höri-Bülle“ zu bekommen, da es nicht offiziell gehandelt wird; die Anbauer:innen auf der Höri produzieren Samen nur für den Eigenbedarf.

Es gibt eigentlich nur drei Möglichkeiten, an „Höri-Bülle“-Saatgut zu kommen:

  1. Man hat das unverschämte Glück, von einer Anbauerin ein Gramm Samen kaufen zu können (oder es von mir geschenkt zu bekommen).
  2. Man weiß, wie man Saatgut der Höri-Büllen selbst gewinnt (und man weiß, wo man Höri-Büllen bekommt).
  3. Man kennt Menschen, die Saatgut der „Höri-Bülle“ unter anderen Namen verkaufen (und man kennt diese Namen).

Mir haben die Punkte 1 und 2 zu „Höri-Bülle“-Saatgut verholfen: Die Anbauerin Frau Duventäster-Maier aus Moos hat mir 2017 ein Gramm Samen und der Online-Delikatessenhändler „Tartuffli“ 2018 zwei Kilogramm Höri-Büllen verkauft.

Werbepostkarte mit Frau Duventäster-Maier und ihrer Tochter vor einem Korb Höri-Bülle liegend

Die Hüterinnen des Sorten-Schatzes: Die Frauen der Familie Duventäster-Maier

Rückseite der Werbepostkarte mit Informationen über die Höri-Bülle

Ein paar nützliche Informationen über die Höri-Bülle für alle, die sie anbauen dürfen…

Das war mein Start-Kapital – und Ausgangspunkt meiner Idee zur Erhaltung der „Höri-Bülle“.

…und wie es den Höri-Büllen bei mir erging

Mittlerweile weiß ich ja, wie leicht Zwiebeln zu vermehren sind; aber damals wusste ich das noch nicht.

Obwohl ich also Lehrgeld zahlen musste (ich hatte meine Samenzwiebeln teilweise an schlecht belüftete, luftfeuchte Stellen gepflanzt), habe ich es 2018, 2020 und 2025 geschafft, Saatgut der Höri-Zwiebeln zu gewinnen.

Ich habe auch einmal versucht, zu klein gebliebene Höri-Büllen als Steckzwiebeln zu verwenden, um sie zu Samenzwiebeln auswachsen zu lassen. Aber das hat mir nur die Erkenntnis eingebracht, dass die „Höri-Bülle“ schon im zweiten Jahr fast immer blüht, egal wie klein sie im ersten Jahr geblieben ist; denn sie gehört zu den schnell wachsenden, zwei-jährigen „Sä-Zwiebeln“ – und nicht zu den langsam wachsenden, drei-jährigen „Steck-Zwiebeln“.

Zwie schwarze Plasteboxen mit pinkfarbenen Zwiebeln

Das Ausgangsmaterial für meine letzte Vermehrung vom „Typ Höri-Zwiebel“ (am 1. März 2025)

Außerdem habe ich den Versuch unternommen, meinen Höri-Büllen eine größere Ausdauer im Langzeitlagern anzutrainieren, da sie in dieser Disziplin doch deutliche Schwächen zeigen: Sie machen einfach zu früh schlapp und verpulvern ihre kostbare Energie mitten im Winter in grüne Triebe.

Trotz begrenzter Zwiebel-Mengen beim Start des Trainings blieben am Ende zweimal genug Zwiebeln übrig, die über mehr Ausdauer in der Kunst des Lagerns verfügten und die ich dann mit der „Samenträger“-Medaille in Gold auszeichnen konnte.

So habe ich die Höri-Büllen zumindest zweimal genetisch verbessern können (bilde ich mir zumindest ein), einmal verhinderten Schnecken und andere Unbilden den Erfolg.

Plastebox mit pinkfarbenen Zwiebeln, teilweise mit grünen Trieben

Die Prüfung auf Lagerfähigkeit läuft…

Im letzten Jahr nun stellte mir mein Bruder in Hohenwepel derart viel Bördeboden zur Verfügung, dass ich nicht umhin konnte, mein gesamtes Zwiebel-Saatgut auszusäen, Saatgut, das teilweise schon Jahre im Eisfach meines Kühlschranks verbracht hatte.

Ich dachte: „Wenn ich es jetzt nicht aussäe, wann dann?“ und „Wenn es noch keimt, wunderbar, wenn nicht, auch gut…“

…aber es keimte so gut, als sei es gerade erst im Jahr zuvor geerntet worden (im Gegensatz zu so manchem Saatgut in Bunten Tütchen, das ich über die Jahre teuer über das Internet erworben habe).

So befinden sich nun nicht nur überraschend viele „Rosé de Roscoff“-Zwiebeln, sondern noch weitaus mehr Höri-Büllen in meinem Lagerraum, die meisten allerdings relativ klein, da ich sie, wie immer, sehr dicht gesät hatte und das Frühjahr obendrein noch elend trocken war.

Angefeuchtete Reihen in einem Feld

Am 7. April waren die Zwiebelsamen im Boden – und zur Sicherheit angegossen…

Feuchtes Feld mit einer Reihe frisch gekeimter Zwiebeln

26. April 2025; kurz vor der Rückkehr von Madeira hatte es reichlich geregnet…

Wie ich mir vorstellte, die „Höri-Bülle“ über ganz Deutschland zu verbreiten…

Nachdem diese außerordentliche Menge Höri-Büllen nun geerntet, in der Scheune ausgebreitet und dort genügend getrocknet war,…

Blick in Scheune mit getrockneten Zwiebeln, die getrennt nach Sorten auf dem Betonboden ausgebreitet liegen

Am 19. September sind die Zwiebeln so weit getrocknet, dass sie geputzt werden können…

…musste ich sie noch mühselig von trockenen Blättern und Wurzeln befreien, Stück für Stück, stundenlang…

Ihr dürft mir gern ein paar Minuten beim Zwiebelputzen zuschauen…

…dabei passierte es: Mir kam die Idee, wie ich der „Höri-Bülle“ zu einer gesicherten Zukunft verhelfen könnte.

„Wäre es nicht eine gute Sache, diese vielen Zwiebeln an möglichst viele Liebhaber:innen der „Höri-Bülle“ im ganzen Land zu verteilen, damit die dann regelmäßig eigenes Saatgut gewinnen und den Sorten-Schatz auf diese Weise erhalten könnten?“ sinnierte ich bei der stupiden Tätigkeit des Zwiebelputzens.

„Klasse Idee!“, meinte mein innerer Schweinehund ironisch, der nur noch wenig Lust zur Zwiebelpolitur verspürte, „…aber halt, da war doch was!“ warf er gleich darauf triumphierend ein, „das darfst Du doch garnicht, Deine, in Ostwestfalen erwachsenen Höri-Büllen irgendjemandem als „Höri-Bülle“ andrehen?“

Mir war noch ganz dumpf in Erinnerung, was mir Familie Duventäster-Maier bei der Übergabe der Samen 2017 eingeschärft hatte: „Der Begriff Höri-Bülle darf nur verwendet werden, wenn der Höri-Bülle-Samen auch im Anbaugebiet der Gemeinden Moos, Gaienhofen, Öhningen und Bohlingen angebaut wurde und der Anbauer eine Zertifizierung hat. Außerhalb dieses Anbaugebietes darf der Begriff Höri-Bülle nicht verwendet werden, sondern dann sind es Zwiebeln.“

„Schweinehund!“, sagte ich streng, „Halt die Klappe, mach fertig, das gilt für Zwiebeln, aber nicht für Samen! Die kann man jederzeit als „Höri-Bülle“-Samen vertreiben!“

„Bist Du sicher?“ spielte der Schweinehund seinen letzten Trumpf aus in der Hoffnung, dass ich umgehend mit Recherchen beginnen und das leidige Zwiebelputzen einstellen würde.

Nein, sicher war ich mir natürlich nicht; aber der Schweinehund hörte auf, mir das Leben noch schwerer zu machen, so dass ich letztlich alle Höri-Büllen putzen und sie – nach einem kurzen Zwischenstopp bei „Dem mit dem Schwarzen Daumen“ – ins Berliner Lager transportieren konnte.

Drei Plasteboxen mit pinkfarbenen Zwiebeln

Das Top-Ergebnis der Mühe: Drei Boxen allerbeste Samenbülle vom „Typ Höri-Zwiebel“

…und wie ich die „Höri-Bülle“ wirklich über die ganze Welt verbreiten darf

Um eben nicht nur zu glauben, sondern auch zu wissen, schrieb ich den Verein „Höri-Bülle“ an, die Vertretung der Anbauer:innen:

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich beabsichtige, die Höri-Bülle in Hobbygärtnerkreisen zu verbreiten, um ihren Erhalt zu sichern. Dazu möchte ich Höri-Bülle, die ich selbst aus Saatgut gezogen habe, zur Saatgutgewinnung an andere Gärtner und Gärtnerinnen weitergeben. Ich würde nun gerne wissen, wie der Höri-Bülle e.V. zu dieser Absicht steht und welche Vorgehensweise er dabei für rechtskonform hält? Ich bin darüber informiert, dass nur Höri-Bülle, die auf der Höri erzeugt wurden, unter dem Namen „Höri-Bülle“ in den Handel gebracht werden dürfen. Gilt dies auch für Saatgut der Höri-Bülle? Dürfte dieses unter dem Namen „Höri-Bülle-Saatgut“ verkauft werden? ist eine weitere Frage, auf die ich gerne eine Antwort finden würde. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir dazu eine offizielle Antwort, auf die ich verweisen kann, zukommen lassen könnten.“

Die Antwort enthielt eine geradezu salomonische Lösung, wie ich finde:

„Die Zwiebelsorte darf laut der Spezifikation nur Höri Bülle genannt werden, wenn sie auf der Höri gewachsen ist und g.g.A. geprüft wurde. Das gilt auch für das Saatgut. Somit dürfen Sie das Saatgut sowie die Zwiebel leider nicht „Höri Bülle“ nennen und auch nicht so verkaufen.

Was aber möglich wäre und was ja auch bei anderen Gemüsesorten gemacht wird ist, dass Sie es z.B. „Typ Höri Zwiebel“ nennen. Wichtig ist hierbei, dass Sie das mit den Käufern dann auch so kommunizieren. Dann gäbe es aus unserer Sicht keine rechtlichen Probleme.“

Jetzt weiß ich bescheid – und Ihr hoffentlich auch.

Begrenztes Angebot vom „Typ Höri-Zwiebel“ zur Sicherung der „Höri-Bülle“

Ich habe da also jetzt ein paar Kilogramm „Typ Höri-Zwiebel“ auf Lager und würde Euch das Kilo gegen eine Spende von 10 Euro überlassen.

Stapel mit Plastegitterboxen, gefüllt mit ausgetriebenen, pinkfarbenen Zwiebeln

Der Lagerraum in meiner Wohnung mit den in Rede stehenden „Objekten der Begierde“ am 3. Februar 2026

Wer also Lust hat, der „Höri-Zwiebel“ ein gesichertes Leben in seinem Garten zu ermöglichen und dazu in diesem Jahr (und dann alle drei bis fünf Jahre wieder) Saatgut vom „Typ Höri-Zwiebel“ zu gewinnen, schicke mir bitte eine Email an kontakt@ichbindannmalimgarten.de mit einem Namen und einer Versand-Adresse, dann antworte ich mit einer Kontonummer.

Wenn nach 10 Tagen 10 Euro auf meinem Konto eingegangen sind (EUländer:innen müssen leider das doppelte aufgrund höherer Portokosten überweisen), versende ich umgehend ein Päckchen mit einem Kilo „Typ Höri-Zwiebel“ an den Spender oder die Spenderin.

Die ersten Interessenten bekommen die besten Zwiebeln, d. h., die größten und die, die am wenigsten ausgetrieben sind; denn sehr viele Zwiebeln sind nämlich schon ziemlich weit ausgetrieben, wie Ihr auf dem folgenden Bild sehen könnt, da auch „Typ Höri-Zwiebel“ (noch) keine ordentliche Lagerzwiebel ist…

Gitterplastebox mit ausgetriebenen, pinkfarbenen Speisezwiebeln

…Zwiebeln, die dringend ihre Wurzeln in Mutter Erde versenken wollen.

…aber das sollte nicht allzu tragisch sein, wenn Ihr die Zwiebeln einzeln in ein kleines Töpfchen mit Erde setzt und dieses dann in einem kühlen Raum vor ein sonniges Fenster stellt. Ende März, Anfang April könnte Ihr sie so direkt ins Freiland übersiedeln.

Das Angebot gilt allerdings nur bis zum 10. März 2026; dann fernreise ich für vier Wochen…

…doch da ich in diesem Jahr in Hohenwepel wieder ziemlich viel Fläche mit Zwiebelsamen bestreuen darf – wer weiß, mit ein wenig Glück gibt es dieses Angebot im kommenden Winter noch einmal…

Ach, vielleicht habe ich dann sogar Saatgut vom „Typ Höri-Zwiebel“, das ich weitergeben darf; denn die allerbesten Büllen vom „Typ Höri-Zwiebel“ (siehe oben) darf ich in diesem Jahr auf „Dem Neunten Hof“ vermehren…

Über 200 blühende Zwiebeln

Erfolgreiche Zwiebelvermehrung 2025 (hier seht Ihr allerdings meinen „Zwiebel-Grex“ vom letzten Jahr).