Die 13. Tomatenverkostung

oder: Wie ich mich in diesem Jahr selbst überrascht habe.

Seitdem ich das Gärtnern mit Landsorten propagiere, plädiere ich dafür, Sortennamen nicht mehr (so) wichtig zu nehmen, was mir selbst bei den meisten Gemüse-Arten problemlos gelingt. Bei Tomaten tue ich mich damit allerdings bis heute schwer, muss ich gestehen. Anscheinend haben sich die Namen der Tomatensorten zu lange und zu intensiv in mein Gedächtnis eingeprägt, so wie bei Kartoffeln.

So musste mir wohl mein Unterbewusstsein in diesem Fall auf die Sprünge helfen: Ich kann mich heute nur noch daran erinnern, dass ich in diesem Frühjahr verschiedene Samen aus verschiedenen Tütchen zusammengeworfen und in ein Töpfchen gesät habe. Möglicherweise habe ich alle Samen aus Tütchen des Jahres 2014 entnommen; möglicherweise…

Paprika und Tomaten im April auf der Fensterbank während meiner Madeira-Reise

…denn ich wollte die Sorten „Tamina“ und „Quedlinburger Frühe Liebe“, die ich 2014 das erste und einzige Mal angebaut hatte, gerne behalten und habe deshalb die Samen aus jenem Jahr intensiv durchwühlt und vielleicht – nun ja, vielleicht…

Heilsames Vergessen von Sortennamen

So kam es, dass bei der diesjährigen Verkostung tatsächlich nur „Nummern-Tomaten“ getestet werden konnten und ich sie auch unten bei der Auflistung aller teilnehmenden Tomaten nicht durch Sortennamen ersetzen kann.

Einige Teilnehmerinnen bemängelten das, hätten sie doch gerne den einen oder anderen Punkt mehr für fantasievolle Namen vergeben, und auch ich gebe zu, dass es im Laufe des Jahres Momente gab, in denen ich gerne gewusst hätte, welche Tomatensorte ich vor mir hatte; aber das weiß ich auch bei den fünf oder sechs Tomatenpflanzen nicht, die zufällig in manchen Pflanzlöchern gekeimt sind…

…genausowenig wie bei den Hybriden, die ich in den letzten Jahren gezogen hatte; auch sie waren namenlos…

So wurde der erste Schritt zur Sortennamen-Amnesie bei Tomaten zwangsweise an mir vollzogen. Weitere Schritte werden jedoch folgen müssen, damit die Namen von Tomatensorten endgültig von der Festplatte in meinem Kopf gelöscht werden; denn ich glaube, nur so kann ich nachhaltig von der Sucht nach Sorten geheilt werden: schrittweise.

Jedes Jahr ein paar Pflanzen ohne Namen mehr in den Anbau aufnehmen – bis nur noch Tomatenpflanzen wachsen, deren Früchte ich allein nach ihrem Geschmack beurteile und nicht mehr nach ihrem Sortennamen…

Ich weiß nämlich, wie Sortennamen verballhornt, verwechselt oder frei erfunden werden, dass Namen also nur Schall & Rauch sind. Auch bin ich mir darüber hinaus vollkommen bewusst, dass bestenfalls die Namen und das Aussehen, das Bild, der „Alten Sorten“ alt sind, alles andere aber neu kreiert wurde, dass ihre Namen also völlig bedeutungslos sind.

Deshalb nehme ich diesen zufälligen Sortennamengedächtnisverlust jetzt nicht nur bedauernd hin, sondern halte ihn sogar für einen zwingend notwendigen Schritt in die richtige Richtung und begrüße ihn aus ganzem Herzen – schon aus gesundheitlichen Gründen.

Wie viel Arbeit spare ich, wie viele Nerven werden geschont, wenn ich mich nicht mehr einzeln um jede der unzähligen Sorten kümmern muss!
Keine Sorte mehr rechtzeitig anbauen, um sie zu erhalten, keine Verkreuzungen und Verwechselungen mehr befürchten, das Saatgut nicht mehr getrennt in unzähligen Tütchen lagern!
Welch eine Erleichterung!

Außerdem: Wie ich im Beitrag „Die ultimative Geschmackstomate“ aufgezeigt habe, garantieren Sortennamen nicht unbedingt geschmackvolle Tomaten; zu groß ist der Einfluss der äußeren Begingungen (Anbaugegend, jährliche Witterung und Pflegemaßnahmen) auf den Geschmack der Tomaten, gerade bei den „Alten Sorten“, die aus aller Herren Länder stammen.

Aus diesem Grund werde ich ohnehin jedes Jahr (negativ) überrascht; warum nicht gleich konsequent auf (positive) Überraschungen setzen?!

So werde ich (höchstwahrscheinlich) im kommenden Jahr eine Mischung meiner „Lieblingstomatensorten“ zusammenstellen und die nächsten Jahre jeweils eine Prise davon aussäen. Die Samen aus der Tomatenernte werfe ich dann alle in einen Topf.

Dann kann ich mich jedes Jahr auf Überraschungen freuen, ohne auf Verkreuzungen durch Hummeln und zufällig erscheinende Sämlinge angewiesen zu sein…

…damit Tomaten-Individuen-Vielfalt unter meinem Tomatenschutzdach Schutz findet statt begrenztes Sorten-Wirrwarr.

Die teilehmenden Tomaten-Varianten

Im folgenden bekommt Ihr, so wie die Verkoster:innen, aus oben genannten Gründen nur eine Bildergalerie von allen Tomatenfrüchten mit ihren Geschmacksnoten zu Gesicht.

Wo „Quedlinburger Frühe Liebe“ dransteht (Nr. 16 – 21), kann auch „Tamina“ drin sein; ich habe diese Sorten zwar zusammengeworfen, aber zwischen den sechs Pflanzen, die ich von dieser Mischung gezogen habe, keinen Unterschied feststellen können (so wie schon 2014 nicht).

Einige Pflanzen hatten zum Zeitpunkt der Verkostung (30. August) noch keine reifen Früchte, was auffällig war; aber auch andere Gärtner:innen haben in diesem Jahr eine teilweise späte Reife beklagt.

Die Auswahl ist dieses Mal nicht sehr bunt, was daran liegen könnte, dass ich, wie erwähnt, möglicherweise nur Saatgut von 2014 verwendet habe (eine Pflanze mit gelben Tomaten fand ich letzte Woche in dem Rest der vorgezogenen Pflanzen, die ich dort selbstbestimmt hatte wachsen lassen).

Ein bisschen erstaunt mich, dass die braun-roten Fleischtomaten auf den hinteren Plätzen gelandet sind, während die braun-rosa Varianten vorne zu finden sind; eine hat sogar den 1. Platz belegt (zumindest scheint mir die Farbe den Unterschied auszumachen).

Mein Fazit: Tomaten schmecken auch ohne Namen; aber ein paar mehr Farben hätten sie schon auf den Tisch bringen können.
Mal sehen, was das kommende Jahr bringen wird…

Legende: Platzierung, (Nummer in der Bewertungsliste), [Note, (Anzahl Bewertungen)]

Nach dem Fest ist vor dem Fest…

Tisch mit Tellern, auf denen teilweise noch Tomaten liegen

…oder vor den Aufräumarbeiten…