Auf dem 3. Saatgut-Spektakulum
oder: Wie mein 1. Vortrag „Warum mit samenfestem Saatgut keine Vielfalt zu machen ist, aber mit Landsorten-Saatgut“ sowie meine Ansichten zu Nutzpflanzen-Vielfalt bisher aufgenommen wurden.
Am Samstag, 28. Februar 2026, habe ich meine Sichtweise auf „Nutzpflanzen-Vielfalt“, die ich in diesem Blog über die Jahre entwickelt habe, zum ersten Mal öffentlich vorgetragen und zwar auf dem Saatgut-Spektakulum im Landkreis Amberg-Sulzbach (Oberpfalz), das dort zum dritten Mal von Daniela und Christian Dotzler („Dootzler“ gesprochen) organisiert wurde.
Mit „hortus-bios“, dem „Garten des Lebens“, wie sie ihre kleine GbR nennen, setzen die beiden die biotische Vielfalt schon seit längerem in der Region still und leise in die Praxis um, die ich nun dort lautstark als bedeutsam für die ganze Welt theoretisch begründet habe.
Der Unterschied zwischen biotischer und biologischer Vielfalt
Unter „Biotische Vielfalt“ ist die „Vielfalt des Lebens“, die „Vielfalt der real existierenden, einzelnen Lebewesen“ zu verstehen, mit einem Wort: Individuen-Vielfalt.
Im Gegensatz dazu wird die „Biologische Vielfalt“ offiziell als „Vielfalt der Arten, Vielfalt der Gene innerhalb der Arten (genetische Vielfalt) und Vielfalt der Lebensgemeinschaften von Arten“ definiert. „Arten, „Gene“ und „Lebensgemeinschaften“ sind jedoch theoretische, künstliche Begriffe, die nur in den Köpfen von uns Menschen existieren. „Bio-logie“ bedeutet deshalb auch „Lehre vom Leben“ (Lebens-lehre); sie ist nicht das Leben selbst – und Biologische Vielfalt deshalb auch nur die Lehre von der lebendigen Vielfalt.
Bei „Anpassung“ und beim Überleben zählen jedoch nur die einzelnen, genetisch unterschiedlichen Lebe-Wesen…
Wenn meine Gedanken Nachdenken auslösen
Die meisten Menschen, denen ich meine Gedanken zur Individuen-Vielfalt und deren Bedeutung für die Anpassungsfähigkeit von Populationen an sich ändernde Bedingungen bisher persönlich vorstellen konnte, brauchten oft eine Weile, bis sie diese „Zukunftsvorsorge für unsere Nutzpflanzen-Arten“ verstanden, da solche Gedanken für alle völlig neu waren; aber dass Individuen-Vielfalt die einzig mögliche – und vom „Leben“ seit drei Milliarden Jahren allgemein genutzte – Vorsorge für eine unbekannte Zukunft ist, zog niemand bisher grundsätzlich in Zweifel.

Für Landsorten-Samen braucht man nur ein Gefäß pro Nutzpflanzen-Art, wie mein Präsentiertisch zeigt…
Selbstverständlich wurden hier und da Bedenken geäußert, ob der Anbau von Nutzpflanzen-Individuen-Vielfalt (in Form von „Landsorten“) heute ein wirtschaftliches Überleben zuließe oder ob eine solche Vielfalt überhaupt nutzbar wäre; solche vermeintlichen Hindernisse sind meines Erachtens jedoch durch öffentliche Aufklärung (leicht) zu überwinden…
Auf dem Spektakulum traf ich zahlreiche herzliche, weltoffene und neugierige Menschen, für die meine Ansichten auch neu, aber nichtsdestotrotz erst einmal interessant und inspirierend waren.
- Blick durch den Ausstellungsraum von der einen Seite…
- …und von der anderen Seite.
- Moni’s Naturkost wird appetitlich angerichtet…
- Kartoffeln und Tomatensamen von Josef Huber aus Strahlfeld bei Roding (Joe’s Tomatenträume)
- Meine Standnachbarn links (Hos’n Hof und Moni’s Naturkost…
- …und rechts (Christl Obermeier)
Mit Daniela und Christian („hortus-bios“), Gerd („Ik bün Gerd – Ostfriese mit Herz“, der extra aus Wittmund angereist war), und Christian („Christians Garten in Franken“) sowie einigen Besucher- und Austeller:innen des Saatgutmarktes habe ich mich anregend über „Vielfalt“ ausgetauscht.
Solche Kontakte lassen mein Herz höher schlagen und bestärken mich, in Zukunft noch intensiver für Individuen-Vielfalt (auch in der Menschen-Welt) zu werben.
Nachfolgend könnt Ihr meinen Vortrag in voller Länge hören und sehen; „Ik bün Gerd“ hat ihn aufgezeichnet und für alle zugänglich gemacht, obwohl ihn ein Marktteilnehmer davon abzuhalten suchte (mehr dazu unten).
Landsorten vs. Samenfest: Warum klassisches Saatgut oft NICHT ausreicht!
Auch Christian aus Franken hat meinen Standpunkt in seinen Bericht über das 3. Saatgut-Spektakulum so lang und breit aufgenommen, wie ich ihn ihm dargelegt habe.
Saatgutvielfalt erleben– Saatgutreinigung, Kartoffeln bis Kakteen – Eindrücke vom Saatgutspektakulum
Wenn gesunde Skepsis überwiegt
Natürlich treffe ich immer wieder auch auf Skepsis, wie z. B. auf die von Tanja, die mich liebenswürdigerweise in die Geheimnisse des Kräutergartens in Schnaittenbach einweihte.
Das ist nicht anders zu erwarten, wenn die bisherige Sicht auf samenfeste Sorten plötzlich auf den Kopf gestellt wird, wenn samenfestes Saatgut mit F1-Hybrid-Saatgut in eine Ecke gestellt (beide liefern einheitliche Pflanzen) und damit als wenig wert für die Nutzpflanzen-Vielfalt hingestellt wird.
Wenn selbst eine wissenschaftliche Grundannahme, wie die Analogie von Künstlicher und Natürlicher Selektion, in Frage gestellt wird, wie ich das in „Das Wesen der Biodiversität“ tue (und in einem zukünftigen Beitrag noch vertiefen werde), dann ist eine gesunde Portion Skepsis durchaus berechtigt.
Für Menschen, die sich nicht intensiver mit „lebender Vielfalt“ befasst haben und auch nicht befassen wollen oder können, ist der Unterschied zwischen meinem Standpunkt und dem bisher gängigen nicht immer leicht nachzuvollziehen, weshalb ich beide Sichtweisen hier einmal tabellarisch gegenübergestellt habe.
Bei manchen Menschen können meine Vorstellungen aufgrund begrenzten Wissens sogar unheimliche Ängste auslösen: So glaubte jemand kürzlich, die Rekultivierung von alten Landsorten sei mit der Wiederbelebung von Dinosauriern und Säbelzahntigern vergleichbar – mit unabsehbaren Folgen.
Möglicherweise beruhen solche Fantasien auf der Tatsache, dass Landsorten auch schon vor langer Zeit entstanden und mittlerweile ausgestorben sind.
Wenn ein Weltbild ins Wanken gerät
Für Menschen jedoch, die seit langem vom Nutzen der alten, samenfesten (Zucht)Sorten für die Nutzpflanzen-Vielfalt überzeugt sind und die jahrelang intensiv für die Wiedernutzung dieser alten Sorten gearbeitet haben, scheint eine Welt zusammenzubrechen, wenn ich nun diese Fixierung auf „Sorten-Vielfalt“ kritisiere („Sorten erhalten war gestern“) und die Individuen-Vielfalt der früheren Landsorten als weitaus nützlicher für die Nutzpflanzen-Vielfalt darstelle („Neue Landsorten braucht das Land“).
Bei führenden Personen in den Vereinen VEN und VERN, die bislang ausdrücklich und ausschließlich den Erhalt und die Rekultivierung von alten, samenfesten Zuchtsorten propagieren, stoße ich mit meiner Werbung für die Rekultivierung von Landsorten nicht nur auf deutliche Ablehnung, sondern sogar auf trotzige Gesprächsverweigerung.
Die zeitgleich stattfindende Mitgliederversammlung des VERN lehnte meinen Antrag, die Rekultivierung von Landsorten ebenfalls zur Aufgabe des Vereins zu machen einstimmig ab, dem auch meine schriftlich eingereichten Gegenargumente zu einem Gegenantrag des Vorstandes nicht abhelfen konnten.
Nach meinem Vortrag auf dem Saatgut-Spektakulum (siehe das obige Video von „Ik bün Gerd“) konnten ich – und andere – besonders drastisch erleben, wie Menschen reagieren, wenn der Fokus bei der Nutzpflanzen-Vielfalt von den einheitlichen, samenfesten Sorten auf die uneinheitlichen, einzigartigen Individuen der Landsorten verschoben wird.
Ein dort anwesender Verkäufer von samenfestem Saatgut war dermaßen erbost über meine Rede, dass er bei meinem Vortrag mehrfach durchs Bild lief, um anschließend mit dem Verweis auf sein „Recht am eigenen Bild“ eine Veröffentlichung der obigen Videos zu verhindern (beide Youtuber betonen aus diesem Grund ausdrücklich ihre Neutralität als Berichterstatter); meine Frage nach dem Grund seiner Erregung beantwortete er nicht mit Argumenten…
Wenn sachlicher Austausch nottut
Für alle, denen Nutzpflanzen-Vielfalt am Herzen liegt, sollte die Nutzpflanzen-Vielfalt oberste Priorität haben. Jede Möglichkeit, diese zu befördern, sollte genutzt werden. Intensiver Austausch und bestmögliche Zusammenarbeit sollten das Ziel sein.
Ich wünsche mir auf jeden Fall, mich sachlich darüber austauschen zu können, was unter Nutzpflanzen-Vielfalt zu verstehen ist und wie diese am besten zu vermehren und zu erhalten ist.
Dazu würde ich gerne Argumente hören/lesen, die meine Ansichten über den Nutzen von Individuen-Vielfalt in Frage stellen; denn nur auf der Basis von Argumenten ist eine rationale Auseinandersetzung (und persönliche Weiterentwicklung) möglich.

Oberpfälzer Wurstsalat und ein Glas Bier dazu geben mir Kraft für jede argumentative Auseinandersetzung…
Für diesen Zweck steht allen die Kommentarfunktion unten sowie eine persönliche Kontaktaufnahme zur Verfügung…
Ich danke zumindest hiermit ausdrücklich allen, die sich mit mir bisher argumentativ auseinandergesetzt haben trotz meiner Devise „Hart in der Sache“; aber ich hoffe, dass ich dabei immer fair zur Person war. Ich kann Betroffenheit und entsprechende Reaktionen verstehen, aber ich möchte sie nicht einfach hinnehmen. Dafür ist Nutzpflanzen-Vielfalt zu wichtig, weshalb ich derartiges Verhalten hier auch öffentlich mache – in der Hoffnung auf Änderungen…
Wenn inhaltliche Debatten nicht alles sind
Zum Abschluss dieses Beitrags präsentiere ich ein paar friedliche Impressionen aus Sulzbach und Amberg, von einem Spaziergang nach Gebenbach, wo die ersten beiden Spektakula (oder Spektakulums?) stattfanden, sowie vom Gasthof Kopf in Altmannshof, in dem ich fünf Nächte vorzüglich untergebracht war.

Der Ort des Geschehens: der Gasthof Kopf in Altmannshof

Geschichte von Altmannshof und des Gasthofs Kopf
Ich habe nämlich im Landkreis Amberg-Sulzbach nicht nur viel Propaganda für Landsorten und Individuen-Vielfalt sondern auch ein wenig Urlaub (davon) gemacht…

Mein Gang von Altmannshof nach Sulzbach führte mich am ehemaligen Stahlwerk „Maxhütte“ vorbei…
- Sulzbach, Rathaus und katholische Kirche
- Sulzbach, Rathaus und evangelische Kirche
- Sulzbach, auf dem Schlossberg

Meine Wanderung von Altmannshof nach Gebenbach und zurück; der Kreuzweg hinauf zur Kirche wartet…
- Von Mimbach aus aus dem Wald des Mausbergs kommend, steht man vor einer Wallfahrtskirche von 1700…
- Ein wunderschöner Blick auf Gebenbach an einem wunderschönen Tag…
- Die 1. Station (von 14) des Kreuzweges am Fuße des Mausbergs



















„Elk sien mög“ sagt der Ostfriese – jeder so, wie er es mag.
Gedanken und Meinungen sind frei hier in unserer schönen Republik, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Das ist gut so. Unterschiedliche Meinungen treffen überall auf der Welt aufeinander. Das ist auch gut so – aber nur, wenn es dabei sachlich bleibt und in der Diskussion für ALLE verständliche Argumente genutzt werden. Wenn das gegeben ist, kann sich anschließend jeder seine eigene Meinung bilden und darauf basierende Entscheidungen treffen. Ein Mehrheitsbeschluss ist dann z. B. in einem Verein für alle bindend – und sollte auch von denen akzeptiert und umgesetzt werden, die anderer Meinung sind.
Ich habe den Autor dieses Berichtes als höflichen, diskussionsfreudigen Menschen neben anderen tollen Gartenliebhabern kennengelernt. Ich habe mir seine Argumente angehört und jetzt selbst ein Vielfaltprojekt mit Kohlrabisaat im Garten angefangen. Es ist spannend, und ich bin heute schon sehr neugierig, was daraus wird. Wer daran Interesse hat, kann sich das auf meinem Kanal (Ik bün Gerd) gerne ansehen.
Dennoch möchte ich kein großes Durcheinander in den jeweiligen Sorten! Wer samenfeste, reine Sorten liebt, kann diese ja auch weiter verwenden. Ich nehme hier als Beispiel die Tomate Black Cherry, die ich seit Jahren im Gewächshaus anbaue. Ihre Eigenschaften in Geschmack und Aussehen sind für mich unbeschreiblich schön und genussvoll. Ich möchte sie immer und immer wieder genau so haben.
Wenn sich alles natürlich kreuzt, wie es bei Landsorten passiert, bleibt zwar Tomate eine Tomate, aber die Angst ist da, dass sich Geschmack und Aussehen so verändern, dass es nicht mehr dem entspricht, was ich kenne. Und doch können die, die es möchten, diesen Weg beschreiten. Wer weiß, was die Entwicklung uns vielleicht auch Positives aus diesen Ansichten bringt? Ich kann sie zulassen, damit leben und vielleicht das eine oder andere – wie meine Kohlrabi – selbst ausprobieren. Sie haben sich wild im Gewächshaus ausgesät und sind sicherlich nicht mehr die ursprünglichen.
Das hier weiter auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Wer das nachvollziehen möchte, sollte mich auf meinem Kanal besuchen. Damit beende ich meine Meinung zu dem Beitrag des Autors, dem ich weiterhin viel Erfolg mit seinen Ansichten gönne, getreu dem Motto: „Elk sien mög“!
Hallo Gerd,
danke für Deinen Kommentar!
Ja, das, was man kennt, gibt Sicherheit; man weiß, was man hat und bekommt.
Das, was uns heute bekannt und vertraut vorkommt, musste auch erst bekannt und vertraut werden.
Jahrtausendelang waren „reine“ Sorten unbekannt. Als sie gezüchtet und verbreitet wurden, haben viele Menschen diese Neuerung abgelehnt (wie viele andere Neuerungen der modernen, wissenschaflichen, industriellen Welt auch).
Veränderungen machen vielen Menschen Angst.
Die Rückkehr zu „Landsorten“ ist deshalb heute ebenfalls gewöhnungsbedürftig.
Aber wenn mehr Menschen verstehen, dass die „Individuen-Vielfalt“ der Landsorten für die Anpassung unserer Nutzpflanzen-Arten an sich ändernde, äußere Bedingungen (für ihr Überleben also) von existenzieller Bedeutung ist, dann lassen sich solche Ängste vielleicht leichter überwinden…
Viele Grüße an die Nordseeküste
Jürgen