Wahre Liebe

Ich kann nicht sagen, warum sich heute dieses Thema vorgedrängelt hat, obwohl ich gerade über „Meine letzte Spargelmahlzeit“ sowie über einen „Folientunnel als Wertanlage“ berichten wollte.

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Vorbereitungen zur letzten Spargelmahlzeit aus dem eigenen Garten

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Im Hintergrund: Der neue Folientunnel, der mir den Rest meines Lebens gute Dienste leisten soll

Aber wahrscheinlich ist es so: „Ex abundantia cordis os loquitur“, wie die alten Lateiner zu sagen pflegten. „Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund“ oder wie Martin Luther volksnah übersetzt hat: „Wes Herz voll ist, des geht der Mund über“ oder „Wessen Herz voll ist, dessen Mund fließt über“, wie man heute sagen würde (aus: Christliches Evangelium nach Lukas 6,45 – Vom Baum und seinen Früchten).

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Blüten einer Kohlrabi, die den Winter überlebt hat

Die Bibel ist schon ein großartiges Buch, wenn man sie nicht als Anweisung eines „Höheren“, eines Gottes, Kaisers, Papstes oder Diktators liest, sondern als Sammlung menschlicher Weisheit/en.

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Das aus dem Zufall geborene Experiment im Maisacker: „Kohlrabi-Samengewinnung und -Kreuzung“

Doch zurück zu meinem heutigen Thema: Zur wahren Liebe und warum ich in einem Gartenblog darüber schreibe.

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Parzelle 63, ziemlich perfekt: Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln u. a. sind im Boden

Zuerst: Warum schreibe ich gerade heute darüber?

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Ehemals verwilderte Parzelle, in diesem Jahr noch einmal mit Erhaltungskartoffeln bestückt

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Der „Rote Erstling“ reckt die ersten Blätter zur Sonne, zur Freiheit (11. Mai)

Vielleicht, weil mein neuer, riesengroßer Folientunnel nach äußerst anstrengenden Arbeiten nun endgültig steht.

Vielleicht, weil nun (fast) alle meine diesjährig geplanten Nutzpflanzen im Boden sind und einen viel versprechenden Start hingelegt haben.

Vielleicht auch, weil mein Herz vollständig mit innigem Gefühl für eine tolle Frau angefüllt ist.

Vielleicht auch nur deshalb, weil die Mauersegler seit letzter Woche wieder aus dem fernsten Süden zurück sind und den Himmel über Berlin zerschneiden.

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Hoffnungen auf überreiche Mirabellenernte

Und warum schreibe ich ausgerechnet in einem Gartenblog über „Wahre Liebe“?

Weil ich mir sicher bin, dass alle Menschen, die sich hingebungsvoll mit Pflanzen befassen, die Fähigkeit zu dem Gefühl wahrer Liebe besitzen müssen (bei allen anderen Menschen bin ich mir nicht so sicher; sie können diese Fähigkeit haben oder auch nicht).

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Aprikose mit Aussicht am 11. Mai 2019

Nun muss ich natürlich erläutern, was ich unter dem Gefühl wahrer Liebe verstehe.

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Auberginen-Anzöglinge, leidlich von Blattläusen befreit, auf neuem Berliner Fensterbrett

Dem Wachstum vertrauen

Wer ein (gutes) Samenkorn in die Erde legt, der glaubt daran, dass daraus etwas Bestimmtes wächst.
Er und auch sie vertrauen darauf (sie sind sich – natürlich auch aufgrund vieljähriger Erfahrung – sicher), dass sich aus dem Samenkorn auf jeden Fall etwas entwickelt.

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Diese Zwiebeln habe ich erfolgreich überwintert; nun sollen sie Samen produzieren

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Eines meiner beiden diesjährigen Zwiebelbeete, ausschließlich mit selbst gewonnenen Samen bestellt

Sich über die Entwicklung freuen

Sie verspüren während des Wachstums ein erhebendes Gefühl, sie freuen sich auf das Kommende, auf die erscheinenden Keimlinge, auf die sich entwickelnden Pflanzen, auf und über die Blüten und/oder über die zukünftigen Früchte.

Sie verspüren ein tiefes Vertrauen in diesen Prozess und eine tiefe Freude über die langsame aber stetige Entwicklung ihrer Pflanzen.

Diese beiden Gefühle machen einen großen Teil des Gefühls „Wahre Liebe“ aus; aber es fehlt noch etwas Entscheidendes.

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Die Sämlinge der Reinetten und von roten und rosa Johannisbeeren, die ich 2018 erzogen habe

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Männliche Zauneidechse neben einem Thujazweig, den der Biber vor kurzem abgefressen hat

Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken

Was passiert mit diesem Gefühl, wenn wider Erwarten „etwas schief läuft“, wenn das Wetter, Krankheiten und/oder Schädlinge den Traum von der wunderbaren Ernte platzen lassen bzw. die Ernte/das Ergebnis schmälern?

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Leben und Tod, dicht beieinander; ein Aprikosenbaum ist 2018 „dahingegangen“

Ich habe den letzten Satz absichtlich „falsch“ formuliert. Wenn es Dir aufgefallen ist (oder Dir auch beim erneuten Lesen auffällt), weißt Du wahrscheinlich, was ich unter „Wahre Liebe“ verstehe.

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Der Himmel über meinem Garten am Abend des 4. Mai 2019

„Wider Erwarten“ gehört nicht in den Satz.

Wer in bezug auf Pflanzen, auf deren Wachstum, bei „Wachstum/Entwicklung“ ganz allgemein (hinsichtlich der Zukunft oder gegenüber „der Natur“) – es können auch die eigenen Kinder oder die Beziehung zu einem anderen Menschen sein – bestimmte Erwartungen hegt, der kann meiner Meinung nach nicht wahrhaft lieben.

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Ich trete am 5. Mai aus der Terassentür, morgens um 8:09 Uhr.

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Mein Erdbeerbeet, ein paar Minuten später von der Kameralinse fokussiert

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Petersilie, mit Eiskristallen verziert

Wer Erwartungen hegt, hat ein ganz bestimmtes, konkretes Ergebnis vor Augen, das er durch eigene Einflussnahme erreichen zu können glaubt; er*sie glaubt, es letztlich erzwingen zu können, es läge ausschließlich in den eigenen Händen.

Bestenfalls denkt er wie ein Händler: Ich gebe etwas, Du gibst mir etwas Gleichwertiges.

Wahre Liebe gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Das Buch Hiob, Altes Testament

An dieser Stelle möchte ich auf eine Geschichte aus der Bibel verweisen, die schon damals ganz wunderbar diesen Sachverhalt dargestellt hat.
Wer es liest, sollte jedoch für „DEN ALLMÄCHTIGEN“ immer „DAS ALLMÄCHTIGE“ einsetzen und ansonsten von menschlichen Erkenntnissen ausgehen, die dort niedergelegt sind.

Wenn ich die Geschichte von Hiob in die Welt der Gärtner*innen übertrage, dann liest sie sich so:

Der Gärtner Hiob hatte alles richtig gemacht, er hatte sich an alle Regeln und Vorgaben des Gärtnerns gehalten und hatte so lange Jahre reiche Ernten eingefahren.

Alle hielten ihn für einen kundigen Gärtner, achteten ihn hoch und hörten auf seine Ratschläge.

Doch plötzlich läuft irgendetwas schief: Seine Pflanzen kümmern, kränkeln, gehen ein, er erntet kaum noch etwas – und das ein paar Jahre lang hintereinander.

Nachbarn und Freunde vermuten, dass er irgendetwas falsch machen müsse, ja, sie sind sich sogar sicher, dass es so sein muss, und Hiob solle doch mal in sich gehen, um seine Fehler zu entdecken.

Hiob beteuert, dass er alles wie immer, genau so wie vorgeschrieben, also richtig gemacht habe. Er ist sich keines Fehlers bewusst.
Diese Selbstgewissheit lässt er sich nicht nehmen.

Nach der dritten „Missernte“ hadert er aber mit seinem Schicksal und beklagt die Ungerechtigkeit der Welt.
Er versteht nicht, warum ihm nun trotz alle Mühen und Fürsorge nichts mehr gelingt.

Er erwartet für seinen Einsatz eine entsprechende Ernte.

Erst als er erkennt und vor allem anerkennt, dass bestimmte Dinge nicht in seiner Macht liegen und diese nichts mit „Gerechtigkeit“ zu tun haben, mit einem Bereich also, der nur innerhalb von menschlichen Gemeinschaften gilt, ab diesem Zeitpunkt gedeihen seine Pflanzen auch wieder.

Nun klingt der letzte Satz so, als müsse man dies nur anerkennen, um zuverlässig Erfolg zu haben; aber dann hätte man nichts verstanden: Wir sind „DEM ALLMÄCHTIGEN“ ausgeliefert, egal, was wir denken, tun oder anerkennen.

Aufwand und Ertrag stehen in Fällen, die mit „DEM ALLMÄCHTIGEN“ zu tun haben, so wie z. B. beim Gärtnern, nicht zwangsläufig und in jedem Fall in einem direkten Zusammenhang.

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Erfrorene Johannisbeeren, eine Woche nach der kalten Nacht

Wer beim Gärtnern konkrete Erwartungen hat, den machen Misserfolge ärgerlich, wütend, unglücklich oder gar verzweifelt.

Wer „nur“ Enttäuschung verspürt, ist auf dem richtigen Weg: Er (oder sie) erkennt, dass er einer Täuschung aufgesessen ist (er wird ent-täuscht). Er hat etwas angenommen, das unzutreffend war. Er sieht ein, dass er diese Annahmen ändern muss, dass er in bestimmten Fällen nichts erwarten darf, dass er nur erhoffen und erbitten kann.

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Erfrorene Stachelbeeren

Misserfolge führen bei einer*m wahrhaft Liebenden aus diesem Grund niemals dazu, ärgerlich, unglücklich oder verzweifelt zu sein, nicht einmal einen Augenblick lang, da bestimmte Tatsachen als gegeben angesehen werden.

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Stachelbeerverluste; am folgenden Wochenende ist ein Großteil der erfrorenen Stachelbeeren abgefallen

Verändern, probieren, lernen, sich selbst entwickeln

„Wahre Liebe“ schließt selbstverständlich nicht jede mögliche Einflussnahme aus (sonst müsste man sie „Fatalismus“ nennen), aber sie ist immer offen für das Endergebnis, d. h., bereit, jedes mögliche Ende/Ergebnis zu akzeptieren.

Misserfolge dienen ausschließlich dazu, sich zu überlegen, was man ändern und besser machen kann, zumindest so lange, wie einem selbst (oder anderen) noch Veränderungsmöglichkeiten einfallen und man irgendeine körperliche Energie zur Verfügung hat; wahrhaft Liebende brechen erst bei völliger, körperlicher Erschöpfung zusammen, die anderen schon bei (kleineren) Misserfolgen.

Erst, wenn man alles versucht hat, gibt man auf; dann aber auch mit dem guten Gefühl, alles versucht zu haben, das in der eigenen Macht liegt.

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Erfrorene Hoffnungen auf (mehr) erste Weintrauben vom Rebensämling

Volles Vertrauen in „Wachstum“, Freude über jedes Wachstum, Kreativität bei der Lösung von Problemen, keine Erwartungen zu hegen, Kraft, Misserfolge ohne (die geringste) Niedergeschlagenheit wegzustecken, und Dazulernen, das ist „Wahre Liebe“.

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Melonenpflänzchen in Not: Zu früh aus- und zu tief eingesetzt; der Mai ist kühl in diesem Jahr

Sich über das Geschenkte freuen und dankbar dafür sein

Sagt selbst, sind Gärtner*innen nicht Paradebeispiele für wahrhaft Liebende: Sie streuen Samen in die Erde, hegen und pflegen ihre Pflänzchen mit großem Einsatz, setzen sich tapfer mit den Widrigkeiten der Umwelt auseinander, freuen sich über das Gedeihen ihrer „Zöglinge“ und über alles, was sie ernten können, und fangen im nächsten Jahr mit demselben Gleichmut wieder von vorne an?

Herzen gewinnen

Jäger und Krieger
erobern Herzen,
manchmal sogar im Sturm(angriff).

Sammler, Bauern und Gärtner
gewinnen Herzen manchmal,
indem sie Samen der Zuneigung säen.