Vom Häufeln der Kartoffeln

Manche Dinge sind so selbstverständlich, dass man sich nur selten (wenn überhaupt) fragt, warum sie eigentlich gemacht werden. Eine solche Sache ist das (An)Häufeln der Kartoffeln. Seit alters her werden Kartoffeln gehäufelt; es gibt Maschinen dafür und festgelegte Zeiträume. Als Kartoffelanbauer*in macht man das eben.

Mein Kartoffelacker im Jahre 2016, noch ungehäufelt
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Mein Kartoffelacker im Jahre 2016 (8. Mai), noch ungehäufelt, aber schon ordentlich mit 53 x 3 Kartoffeln bestellt

Soviel wusste ich schon, als ich die Frage nach dem „Warum?“ einer Wissensammelmaschine vorlegte (ok, ok, ich wusste durch das Studium alter Bücher schon etwas mehr).

Diese an sich allwissende Maschine konnte in diesem Fall allerdings nur eine einzige Seite angeben, die über das Häufeln der Kartoffeln umfassender und soweit korrekt informierte; der Rest der Seiten hatte nur halbes Wissen zu bieten oder bemerkte beiläufig, dass gehäufelt wurde/wird/werden muss, bestätigte also bestenfalls den einleitenden Satz dieses Beitrags.

Ich möchte deshalb hier mein Wissen und meine bisherigen Erfahrungen mit dem Anhäufeln der Kartoffeln zusammenfassen – das hilft möglicherweise dem einen oder der anderen ein wenig, wenn er bzw. sie sich mit der Frage nach dem „Warum“ den Kopf zermartert (und die Suchmaschinen dann so freundlich sind, diese Seite zum Wissenstransfer vorzuschlagen).

Am 14. Mai zeigen sich schon die ersten Pflanzen – und werden bald gehäufelt
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Am 14. Mai zeigen sich schon die ersten Pflanzen – und werden bald gehäufelt…

Was versteht man unter (An)Häufeln?
Ich will es vereinfacht so ausdrücken: Beim (An)Häufeln wird ein Erdwall bzw. ein Erdhaufen um die Kartoffelpflanze(n) gebildet, indem Erdboden an sie herangezogen oder -geschoben wird. Der untere Teil der Stengel (mit den dort evtl. sitzenden Blättern) wird bis zu 20cm hoch mit Erde bedeckt. Das kann nach und nach in mehreren Schritten geschehen oder auch in einem Arbeitsgang, wenn die Pflanze die entsprechende Höhe ereicht hat oder auch in dem Moment, in dem die Kartoffel gelegt wird. Bei der heute üblichen Reihenpflanzung sieht eine solche Reihe von Erdhaufen wie ein durchgehender Wall oder Damm aus.

Am 18. Mai habe ich schon ein wenig gehäufelt…
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Am 18. Mai habe ich schon ein wenig gehäufelt (mein Kartoffelacker von der anderen Seite aus gesehen).

Müssen Kartoffeln wirklich gehäufelt werden?
Nein. Kartoffeln wachsen und gedeihen auch bestens, wenn sie nicht gehäufelt werden, wenn sie einfach in 5 bis 15cm tiefe Löcher (je nach Bodenart) versenkt und mit Erde bedeckt werden. Auch Anzahl und Dicke der nachwachsenden Knollen, die zukünftige Ernte also, wird durch ein Anhäufeln der Pflanzen nicht erhöht: der Ertrag ist vor allem abhängig von der Blattmasse und der Lichtmenge, die die Blätter zur Stärkeproduktion nützen können. Insofern bringen auch Kartoffeln in Kübeln oder Säcken, die beständig mit Erde angefüllt werden, keinen Mehrertrag: die Kartoffelpflanzen verbrauchen dann Energie für das beständige Stängelwachstum; diese Energie kann nicht in das Knollenwachstum investiert werden. Außerdem entwickeln sich die Kartoffelknollen immer nur in den oberen Bodenschichten.

Warum sollten Kartoffeln (trotzdem) gehäufelt werden?

  1. Möglicherweise drücken sich bei einigen Sorten einige Knollen während des Wachstums aus dem Boden oder werden von Regen freigespült – und werden unter Lichteinfluss dann natürlich grün – und somit teilweise ungenießbar. Womit ich einen ersten Grund für das Häufeln benannt habe: weitaus mehr Knollen bleiben unter der Erde, wenn ich die Erdschicht rund um die Kartoffelpflanze erhöhe.
  2. Ein weiterer Grund ist, dass zahlreiche Pflanzen, neben Tomaten, Mais, Gurken u. a. auch Kartoffeln, an den Stengeln (Sprossachsen) weitere Wurzeln und unterirdische Sprossausläufer (Rhizome, Stolone) bilden (können), wenn sie mit Erdboden in Berührung kommen. Bei der Kartoffel kann das dazu führen, dass sie mit mehr Stolonen mehr Knollen ansetzt. Wie gesagt: es kann dazu führen, muss aber nicht. Wesentlich wichtiger als das Häufeln sind für die Knollenbildung Dünger, Wasser, Luft und – Licht.
  3. Jede Gärtnerin, jede Bäuerin und jede Landwirtin (w/m) weiß ein Lied vom Kampf gegen die Konkurrenten der Kulturpflanzen, die sogenannten „Unkräuter“, zu singen; immer wieder muss mit der Hand, der Hacke oder der Giftspritze gegen die lästigen Gewächse vorgegangen werden. Und – haahoohee – das Häufeln hilft nicht nur die Knollen zu vermehren und ihr Ergrünen zu vermeiden, sondern auch das „Unkraut“ zu vermindern! Mit jedem Häufeln werden die Kräuter, die sich bis dahin um die Kartoffelpflanzen herum breit gemacht haben, ausgerissen und/oder mit Erde bedeckt, was ihnen das (Über)Leben schwer macht.
    Wenn dann erst mal gut gehäufelt ist, kann man die Dämme auch mit dicken Mulchschichten unkrautfrei halten – bis das üppige Blattwerk der Kartoffeln das selbst erledigt.
  4. Dann gibt es noch einen vierten Grund für das Häufeln: dieser betrifft die Wasserverdunstung, die Belüftung des Bodens und seine Erwärmung.
    Wenn die obere Bodenschicht locker und krümelig ist, kann weniger Wasser aus den tieferen Bodenschichten verdunsten und mehr Luft zu diesen Schichten vordringen; deshalb sollte diese obere Schicht immer in entsprechendem Zustand erhalten werden.
    Dazu dient in erster Linie das Hacken; statt nun aber nur zu hacken (womit natürlich nebenbei die krautige Konkurrenz bekämpft wird), kann dabei auch jeweils etwas Erde an die Kartoffelpflanzen herangezogen werden. Durch dieses Anhäufeln und die damit verbundene Dammbildung wird die Bodenoberfläche vergrößert, was wiederum eine größere Wasserverdunstung und damit Austrocknung des Bodens zur Folge hat.
    Bei schweren, nassen Böden und in feuchten Jahren ist das von Vorteil, bei sandigen, leichten Böden und in trockenen Jahren eher ein Nachteil.
    Von den Dämmen (Haufen) läuft das Regenwasser besser ab; außerdem erwärmen sie sich schneller – beides Argumente für das Häufeln bei schweren, bindigen Böden, Argumente dagegen, wenn der Boden leicht und sandig ist.
    In schweren Böden werden die Kartoffeln deshalb in der Regel flach, um die 5cm tief gelegt und gehäufelt, in leichten Böden 10 bis 15cm tief gelegt und nicht oder nur schwach gehäufelt.
  5. Und noch etwas: da sich die Kartoffelknollen hauptsächlich in den oberen Bodenschichten entwickeln, liegen sie beim Häufeln hauptsächlich in den „Dämmen“ – und können mithin leichter geerntet werden.

Fünf Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gelingt also nicht nur dem Tapferen Schneiderlein sondern auch dem Dümmsten Bauern: der Eine erntet dafür zwar Ruhm und Königstochter, der Andere aber wenigstens die dicksten Kartoffeln!

29. Mai.
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29. Mai morgens. Kartoffelacker, kurz vor dem händischen Häufeln aller Pflanzen.

Ich werde meine 53 Kartoffelsorten, die ich in diesem Jahr fein säuberlich nach Strich und Faden – oder heißt das: mit Zollstock und Maßband? – in „Dreier-Reihen“ verlegt habe (drei Knollen pro Sorte, 60cm Reihenabstand, 40cm Abstand zwischen den Pflanzen/Knollen), auf jeden Fall häufeln, fein säuberlich und zartfühlend mit den Händen – damit der Boden gut durchlüftet wird und besser abtrocknet, die Beikräuter beseitigt, die Kartoffeln nicht grün werden – und mir die Ernte später leichter fällt.

53 Kartoffelsorten fein säuberlich gehäufelt: 29. Mai
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29. Mai abends: 53 Kartoffelsorten fein säuberlich gehäufelt.

Halt, fast hätte ich noch etwas vergessen: wenn sich die ersten Blüten bei den Kartoffelpflanzen zeigen (wenn sie das denn überhaupt tun) – zumeist Mitte Juni, muss das Häufeln beendet sein; denn nun beginnt die Knollenbildung und ein tieferes Aufkratzen des Bodens – was beim Häufeln unvermeidbar ist – würde mehr zerstören als nützen; nun sollte sich aber auch das Blattwerk soweit entwickelt haben, dass es den Boden um die Kartoffelpflanzen herum vollständig beschattet und ihn somit feucht und unkrautfrei hält.

Frisch gehäufelt. Kann man die Dämme erkennen?
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Frisch gehäufelt. Kann man die Dämme erkennen?

Ich werde meine 53 Sorten nicht nur ordentlich häufeln, sondern auch ordentlich im Kartoffel-Atlas beschreiben. Dort werdet Ihr mächtig gewaltig viele Bilder von ihnen zu sehen bekommen, hier nur noch ein paar vom Verlauf ihres Wachstums und natürlich vom Häufeln.

Die Ernte und deren Ergebnis wird dann wieder in einem eigenen Beitrag (hoffentlich) besungen werden können – ansonsten eben nur schlicht und emotionslos dokumentiert.

Vielleicht kann ich bei soviel Kartoffelvielfalt meine Liebste(n) in diesem Jahr mal als Kartoffelsammler*in gewinnen? Ich fürchte aber, dass ich zu egoistisch bin, um die Werbetrommel ernsthaft zu rühren: dieses Vergnügen will ich mit niemandem teilen, solange ich (nur) einen überschaubaren Kartoffelacker besitze – und außerdem kann man 159 Kartoffelpflanzen schlecht gerecht durch 6 teilen, nicht einmal durch 2.
Vielleicht sollte ich deshalb eher versuchen, sie zum Häufeln zu bewegen?