Paprika vorziehen für Anfänger

Nachdem ich neulich gegen den Modebegriff „Selbstversorgung“ gewettert und für ein entspanntes Verhältnis zum Gärtnern plädiert habe, möchte ich heute doch mal für all diejenigen, die meinem Rat folgen und nebenbei ein paar Nutzpflanzen in ihrem Garten, auf ihrem Balkon oder ihrer Terrasse aufziehen wollen, ganz präzise beschreiben, wie ich heute meine Paprikapflanzen vorgezogen habe. Diese Beschreibung gilt natürlich auch für Auberginen, Tomaten, Gurken und alle anderen Pflanzen, deren Wachstumszeit in unseren Breiten verlängert werden soll.

image-5715

Paprikasorten und -samen

Paprikas und Auberginen keimen langsam und wachsen auch so; deshalb fange ich in diesem Jahr mal etwas früher mit dem Vorziehen an und zwar am 21. Februar; ich hätte allerdings auch schon Anfang Februar loslegen können, weil ich mit künstlicher (Zusatz-)Beleuchtung arbeite.

Notwendige Materialien

Nichts geht ohne eine gute Vorbereitung: man braucht Erde, Sand, Gefäße wie kleine Plaste-Blumentöpfchen, Markierungsstäbchen, Markierungsstift, ein Sieb, noch ein paar wasserdichte Behältnisse und eine Arbeitsfläche, einen Tisch z.B., die möglichst abwischbar oder mit einer Plastikfolie belegt sein sollte.

image-5716

Der Küchentisch als Arbeitsplatte

Wenn man nur ein, zwei Pflänzchen großziehen möchte, kann man den Aufwand ganz klar drastisch verringern, aber ich habe es dieses Jahr auf zwölf Sorten Paprika und sieben Sorten Auberginen abgesehen.

Als Erde verwende ich handelsüblichen Grünkompost (ich persönlich versuche torffreies Ausgangsmaterial zu nehmen); davon hatte ich neulich schon einen 45-Liter-Sack aus dem Baumarkt nach Hause geschleppt. Manche nehmen auch die Erde, die Maulwürfe oder Wühlmäuse im Garten aus tieferen Schichten an die Erdoberfläche befördern oder dämpfen sonstigen Erdboden eine Stunde lang im Backofen. Es geht vor allem darum, keine Unkrautsamen in seinen Anzuchttöpfchen zu haben oder auch „Krankheitskeime“ möglichst auszuschließen.

image-5717

Inhaltsangabe Grünkompost

Damit nun die zukünftigen Baby-Pflänzchen bei Kompost nicht gleich das Gefühl haben, sie seien im Schlaraffenland zur Welt gekommen – und sich dementsprechend lässig entwickeln, mische ich diesen Kompost ungefähr zur Hälfte mit Sand (den ich nachts von einem nahegelegenen Kinderspielplatz entwende. Für so ein Beutelchen Sand extra zum Baustoffhändler zu fahren, erscheint mir zu aufwendig, und solange das Gärtnern ein so begrenztes Hobby bleibt, ist auch nicht zu befürchten, dass die Kinder eines Morgens keinen Sand mehr im Sandkasten vorfinden. Falls sich das aber ändern sollte und das Gärtnern zum Volkshobby wird, werde ich einen gemeinschaftlichen Sandeinkauf für die Nachbarschaft organisieren, ich schwöre…).

Die Plaste-Blumentöpfchen habe ich mir fast alle von Friedhöfen besorgt; dort findet man sie in reicher Auswahl fast zu jeder Jahreszeit in den überall eingerichteten Restmüll-Behältern. Wenn man nicht so viele braucht wie ich, kann man auch die Töpfchen der übers Jahr gekauften Kräuter sammeln.

Wie ich mir meine Markierungsstäbchen herstelle, habe ich hier schon beschrieben; es gibt sie aber auch in 20er-Packs im Baumarkt. Wer das Internet durchstöbert, findet ganz sicher noch zahlreiche andere Ideen, was man als Markierungsstäbchen verwenden kann. (Wenn da jemand fündig geworden ist oder über eigene Ideen verfügt, würde ich mich über Ergänzungen in den Kommentaren unten freuen!)

Als Markierungsstift nehme ich einen „Permanent Marker“, sprich: einen wasserfesten Edding (ist das nicht eine Marke?), also einen wasserfesten Markierungsstift.

Nun geht’s los!

Haaaalt! Das Wichtigste fehlt doch noch:

Die Samen

Klar! Wozu das Ganze, wenn man keine Samen hat.

Also, Samen habe ich mehr als genug!

image-5718

Endlich mal ein wenig sortiert und geordnet, meine Paprikasamensammlung

Ich behalte von vielen Paprikas, die ich im Laufe des Jahres verspeise, die Samen. Immer wieder überwältigt mich meine Sammelleidenschaft. Wohin nur mit all den Samentütchen?
Und dann steht irgendwo wieder ein Tellerchen mit Samen rum, die nicht beschriftet sind. Waren die nicht von dieser orange-farbenen Sorte, die ich im nächsten Jahr unbedingt mal testen wollte?

Verdammt!

Und dann locken in jedem Baumarkt jede Menge bunte Samentütchen… Und die unzähligen Angebote im Internet erst! An einen intensiven Austausch mit Gärtnerkolleg*innen will ich gar nicht erst denken! Gott-sei-Dank gehören Paprika, Pepperoni und Chili (noch) nicht zu meinen Lieblingspflanzen; aber bei Zwiebeln z.B. sehe ich bald kein Land mehr…

Mancheine*r wird sich vielleicht jetzt fragen, ob denn die gekauften Paprikas nicht komplett von F1-Pflanzen stammen, ich also Samen von Hybriden, Mischlingen, Bastarden verwende und somit keine „reine“ Nachkommenschaft erwarten kann? Die meisten Groß-Anbauer der Agrar-Industrie verwenden F1-Saatgut.

Ja, das wird wahrscheinlich so sein! Komischerweise sahen aber die Paprikas, die ich bisher geerntet habe, genau so wie die gekauften Früchte aus.

Nun, das kann bei meinen wenigen Pflanzen, die ich bisher erfolgreich aufgezogen habe, Zufall gewesen sein, denn die Hälfte des Saatguts bringt ja wieder die Ausgangsmischlinge hervor.

Aber es kann auch sein, dass es gar keine Paprikafrüchte von F1-Pflanzen waren, von denen ich die Samen behalten habe; manchmal verwenden auch Groß-Anbauer samenfeste Sorten.

Oder die Unterschiede der Elternlinien, aus deren Kreuzung das F1-Saatgut gewonnen wird, sind für Unsereinen per Augenschein nicht erkennbar (weil sie sich nur physiologisch unterscheiden); minimale äußere Unterschiede wären nur in aufwendigen Großversuchsreihen durch Messen und Wiegen festzustellen.

image-5719

Mein Anzuchtanlage im Überblick. Ja, ohne „Kunstlicht“ geht nichts…

Mini-Abweichungen sind für Hobby-Gärtner*innen aber auch völlig nebensächlich; denn letztlich geht es nicht um einen Maximal-Ertrag, sondern immer nur darum, dass die Pflanzen im eigenen Garten (Balkon, Terrasse) gut wachsen, überhaupt Erträge bringen und diese zu guter Letzt auch noch schmecken.

Außerdem soll doch der Nutzpflanzenanbau vor allen Dingen Spaß machen, oder?

Deshalb ist es sowieso das Beste, immer nur selbst gewonnenes Saatgut zu verwenden und zwar von den Pflanzen, die am besten gediehen sind und deren Früchte am besten geschmeckt haben. Da die Paprikapflanze zu den „Selbstbefruchtern“ gehört, d.h., der weibliche Blütenteil wird – in der Regel – von dem männlichen Teil derselben Blüte (Pollen) befruchtet, bleiben sie reinerbig oder sie werden es nach ein paar Jahren.

Mit welchem Saatgut man letztlich startet, ist völlig belanglos; aber es ist nicht verkehrt, im Laufe der Zeit eine große Menge verschiedener Samen(herkünfte) auszuprobieren, um die besten für sich und seine Anbauflächen zu finden.

Ich will in diesem Jahr zwölf verschiedene Paprika-Sorten möglichst akkurat im neuen „Melonen-Tunnel“ testen, angefangen mit roter und gelber Kastenpaprika, über rote, gelbe und orange Spitzpaprika, rote und gelbe Pepperoni bis hin zu roten Jalapeños. Die Samen von 11 „Sorten“ habe ich aus gekauften oder schon selbst nachgezogenen Paprikas gekratzt, nur ein Samentütchen letztes Frühjahr in Istanbul gekauft.

Dazu kommen dieses Jahr noch sieben Auberginen-Sorten; ihre Samen habe ich fast alle gekauft. Mit der Samengewinnung hat das bei Auberginen noch nicht so geklappt, entweder enthalten gekaufte Früchte keine Samen oder die Samen meiner selbst gebauten Früchte waren taub.

Ein bisschen wahnsinnig ist diese Menge schon, das gebe ich zu; aber was wäre das Leben ohne große Pläne und Hoffnungen…

Das Vorgehen bei der Anzucht

Nachdem ich meine Sorten gewählt hatte, habe ich ihre, von mir gewählten Bezeichnungen oder ihre Sortennamen in eine Kladde (ein Heft) geschrieben und jede mit einem Buchstaben versehen (kann auch eine Zahl oder Kombination aus beidem sein, wichtig ist nur eine eindeutige Kennung).

image-5720

Eine dauerhafte Kennzeichnung der Anzuchttöpfchen ist nicht verkehrt

Ich benutze einen Buchstaben, damit ich nicht jedes Mal die vollständige Bezeichnung irgendwo hinschreiben muss, z.B. auf die Markierungsstäbchen. Der Nachteil dieser Kurzbezeichnung ist, dass ich ohne meine Kladde fast nie weiß, welche Sorte ich gerade vor mir habe.

Leider verschwinden die Markierungsstäbchen im Laufe der Saison auch immer irgendwie… vielleicht sollte ich sie verdoppeln…

In diesem Jahr habe ich meine Paprika- und Auberginensamen vor der Aussaat zum ersten Mal eingeweicht.

Dazu habe ich die Samen am späten Abend des 19. Februar in Tassen und Gläser mit ein wenig lauwarmem Wasser (manche empfehlen auch Kamillentee oder anderes zur Desinfektion) gegeben und jedes Gefäß mit einem Zettelchen unterlegt, auf dem Sortenbezeichnung und Buchstabe standen.

image-5721

36 Stunden einweichen im Wasserglas

Nach 36 Stunden, also am Morgen des 21. wurden sie dann weiterbehandelt:

Zuerst schütte ich Kompost und Sand auf den Tisch und mische beides kräftig durch. Dann fülle ich damit so viele Töpfchen fast randvoll, wie ich Sorten habe, und drücke die Erdmischung gut fest.

Jetzt nehme ich ein Töpfchen sowie ein Behältnis mit den Samen, übertrage den Buchstaben auf ein Markierungsstäbchen, kippe dann nach vorsichtigen Schwingen des Glases den gesamten Inhalt in ein Sieb (unter dem natürlich ein Auffanggefäß steht).

image-5722

Samen im Sieb

Mit einem Löffel gebe ich dann die Samen auf die Erdoberfläche des Töpfchens, verstreiche sie mit den Fingern auf der gesamten Fläche und bedecke die Samen schlussendlich mit einer dünnen Schicht der Kompost-Sandmischung.

image-5723

(Auberginen)Samen verstreichen

Achtung! Jetzt nicht vergessen das Markierungsstäbchen mit dem Buchstaben dazuzustecken! Ist zumindest wichtig, wenn man mehrere Sorten ziehen will (oder nur wissen will, wie die Sorte heißt oder aussehen sollte).

Das wär’s dann schon.

Ok, gut wässern noch, aber dann kann das Töpfchen auf die Fensterbank oder sonst einen warmen!, lichten! Platz (je wärmer, desto heller sollte der Standort sein!). Ich unterstütze die Februarsonne mit ein paar Pflanzenlampen vom Aquarienhändler, die ich mir vor Jahren mal zugelegt habe. Wenn man im März erst startet, reicht eine südseitige Fensterbank zumeist aus.

Wenn durch das Wasser ein paar Samen an die Oberfläche geschwemmt werden, kann man entweder noch mal ein wenig Erde darüber streuen oder sie mit den Fingern andrücken; dann sieht man wenigstens wie und wann die Samen keimen! (Wenn die Samen an der Oberfläche liegen, muss man noch mehr darauf achten, dass die Erdoberfläche nicht trocken fällt)

image-5724

Gut wässern mit lauwarmem Wasser

Mal sehen, wie lange sie brauchen, und ob die Samen aller Sorten noch lebendig sind? Paprikasamen halten sich zwar bis zu 10 Jahre, aber nur ganz wenige sind dann noch keimfähig.

image-5725

Fertiggestellt

Wenn ich also demnächst Veränderungen in den Anzuchttöpfchen feststelle, kommt noch das ein oder andere Foto dazu; ansonsten sollte das fürs Erste reichen.

Wie ich dann die kleinen Pflänzchen weiter behandele – sofern sie erscheinen, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag. Bis dahin verweise ich auf die ausführliche Anleitung zum Pikieren bei Anna von & Sarah zu Grün aus dem Ruhrpott, sorry, dem Ruhrgebiet natürlich, die dort dem Balkongärtnern huldigen.