Möhren mehren

Was tut man nicht alles für einen guten Titel: „Möhren vermehren“ hätte nicht so gut geklungen, finde ich; aber darum geht es heute.

Die Blütendolden der Möhren mit den ausgereiften Samen sind unter Dach und Fach. Drei Dolden habe ich probehalber schon mal „gedroschen“ und festgestellt, dass ich nun bestimmt 100.000 Möhrensamen – mindestens – mein Eigen nennen kann.

Wenn also jemand Bedarf hat: Einfach einen frankierten Briefumschlag an meine Impressumsadresse schicken mit dem Vermerk „Insekten-Mischung“, „Menschen-Mischung“ oder „Beides“, dann gehen Samenpäckchen raus (Wer wissen will, was „Insekten-“ bzw. „Menschen-Mischungen“ sind, der muss bis zum Ende lesen).

Was bisher passiert ist:

Überwinterung der Möhren

Mein Möhrenanbau war noch nie überzeugend, obwohl ich es in jedem Jahr versucht habe; aber das liegt wohl daran, dass ich mit Möhren (Karotten, Mohrrüben) nicht viel anfangen kann: Ich weiß nicht, wie ich sie verwerten soll. Die zwei, drei Möhren, die ich oder die Kinder roh essen und die paar, die in Suppen und Eintöpfe wandern, sind nicht der Rede wert.
Meistens sind meine wenigen Wurzeln vertrocknet oder verfault, wenn ich sie in einem Plaste-Beutel im Kühlschrank gelagert habe (in dieser Form halten sie sich allerdings ziemlich lange).

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In der Mitte mein diesjähriger Möhrenanbauversuch am 31. Mai

Dazu kommt, dass ich die normalen, orange-farbigen Karotten ziemlich langweilig finde; früher wurden diese „Rote Möhren“ genannt und ihre Rübe (Möhre) als dunkel-gelb beschrieben (siehe unten).

Im letzten Jahr hatte ich allerdings etwas Besonderes im Saatgut-Schränkchen: Eine Mischung aus vier verschieden-farbigen Möhrensorten der Firma SATIVA (Riesen von Colmar 2 – orange, Gniff – hell-violett, Küttiger – weiß und Jaune du Doubs – gelb) sowie eine echte „Mohrrübe“ (dunkel-violett), aus der Türkei importiert (Bilder der Samentütchen sind in meinem Beitrag „Die Saatgutfrage“ zu betrachten).

Aus diesen beiden Tütchen streute ich Samen zwischen meine Zwiebelreihen (Ihr wisst schon, aus Glaubensgründen: Möhrenfliegen mögen keine Zwiebeln und Zwiebelfliegen keine Möhren; die verschmähen dann, wie meine beiden Jungs, die angebotene Kost und essen lieber etwas anderes).
Am Ende des Jahres waren tatsächlich ein paar ordentliche Möhren-Exemplare entstanden – trotz meines totalen Desinteresses.

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Meine 25 „ausgewählten“ Samenmöhren (Küttiger, Jaune du Doubs, Violette Türkische, Gniff, Colmar 2 –
im Uhrzeigersinn)

Ich muss sagen, dass mich die bunten Farben der Möhren angetörnt haben. Da auch Pastinaken, Petersilienwurzeln und Sellerieknollen – die ersten beiden das erste Mal angebaut – schon eine kleine Ernte erbrachten, war ich eine Zeitlang von dem Gedanken angetan, diesen Beitrag auszuweiten und mit „Ich werde zum Wurzelgemüse-Fan“ zu überschreiben; aber ich will nicht gleich übertreiben.

Was macht man mit Möhren, die man nicht essen will: Klar, man versucht sie zu überwintern, vor allem, wenn sie so schön bunt sind, um im nächsten Jahr noch bunteren Samen von ihnen produzieren zu lassen (und dann wieder jede Menge Möhren, die die Nachbarn essen müssen).

Sämtliche 24 Möhren kamen also im Oktober in einen Mörtelkübel mit Sand, der (un)glücklicherweise immer noch auf der Terassen-Baustelle lag.
Ich schichtete sie zusammen mit dem Sand, etwas schräg liegend, in den Kübel und feuchtete den Sand zum Schluss noch leicht an.

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Die Möhren werden in einen Mörtelkübel mit feuchtem Sand eingeschichtet

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Fast fertig; es fehlen nur noch ein paar Rote Beten

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Möhren- und Rote-Bete-„Mutterwurzeln“ im Oktober 2018, sand-badend.

Zwei Mal wiederholte ich das Anfeuchten im Winter noch, dann kam auch schon der Frühling.

Auspflanzen der überwinterten Möhren

Bei meinen winterlichen Besuchen des Gartenhauses gefiel mir überhaupt nicht, dass die Möhren dünne, hell-grüne Blätter trieben und zwar nicht zu knapp.
Mich trieb dabei die bange Frage um: „Würden sie nicht jetzt schon ihre Kraft verbrauchen und im Frühjahr im prallen Sonnenlicht dann schlapp machen?“

Nun war es zu spät. Ich hatte die Überwinterung der Möhren wissensmäßig nicht gründlich vorbereitet, da es eine echte Spontan-Aktion war (Sie werden richtigerweise vollständig mit Sand oder Erde bedeckt).

Jetzt blieb mir nur, die Saatgut-Gewinnung bei Möhren durch eigene Erfahrungen von Grund auf neu in Erfahrung zu bringen; Ihr seid ab jetzt live dabei.

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So sieht der Bottich am 30. März 2019 aus

Ich stand mehrmals vor der Entscheidung, die Möhren noch länger im Haus treiben zu lassen oder sie zu früh der rauhen Wirklichkeit auszusetzen.
Zwei Mal hatte ich den schweren Kübel schon vor die Tür ins pralle Sonnenlicht gezerrt, um sie für kurze Zeit auf den Lichtschock vorzubereiten.

Am 7. April fielen dann die Würfel: Hinaus ins Leben – entweder ihr schafft es oder ich kaufe weiterhin Möhrensamen der Profis; in meinem „Dritt-Garten“ kamen sie vom Sand in die Erde.

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Die Möhren hatten sich an den Sand gewöhnt und feine Würzelchen getrieben

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Die gut vorgetriebenen Möhren, frisch eingepflanzt und gut gewässert am 7. April

Ich rechnete mit dem Schlimmsten: Verbrennen im Licht und rasches Siechtum.

Die schon getriebenen Blütenstängel verdorrten zwar, aber ansonsten bekrabbelten sich die Möhrenpflanzen, trieben neue, kräftigere dunkel-grüne Blätter und bald auch neue Blüten. Nur zwei Pflanzen segneten vorzeitig das Zeitliche.
Selbst die frostige Nacht vom 4. auf den 5. Mai überstanden sie schadlos.

Die nachfolgende Bildergalerie gibt davon einen guten Eindruck:

Die Samenproduktion und -ernte

Den ganzen Juni über trieben die Möhrenpflanzen Blüte um Blüte, bildeten eine üppige, weiße Insel im Garten, bevölkert von allerhand Insekten.

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Die Samenmöhren am 29. Juni in voller Blütenpracht

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Wespe auf Möhrendolde

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Die nahezu unsichtbare, Veränderliche Krabbenspinne hat Beute gemacht

Gegen Mitte Juli endete die Pracht ganz langsam und die Samenreife begann; die Dolden trockneten und wurden bräunlich.

Wenn die Blüten befruchtet sind – Möhren sind „Fremdbefruchter“, d. h., sie müssen immer von der Blüte einer anderen Pflanze befruchtet werden – krümmt sich die gesamte Blüte eiförmig zusammen, so dass die sich entwickelnden Samen geschützt in der Mitte liegen. Erst, wenn die Samen reif sind und verbreitet werden müssen, öffnet sich die Samendolde bei feuchtem Wetter wieder.

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Die Blütchen sind befruchtet, die Samen beginnen zu reifen (29. Juni)

Hier hat also die oben erwähnte „Insekten-Mischung“ stattgefunden: Jedes Blütchen einer Dolde ist mit dem Pollen einer anderen Pflanze bestäubt worden, nur dann bildet sie (fruchtbaren) Samen; da ich aber Möhren verschiedener Sorten habe zusammen blühen lassen, kann dabei ein bunter genetischer Mix zustande gekommen sein.

Ich muss dabei allerdings hoffen, dass die Wildmöhren in meinem Hauptgarten, die ich dort eingeschleppt habe, weit genug entfernt waren und die Insekten keinen Pollen dieser Wildform in meine Samenanlage verschleppt haben; denn dann hätte die Mischmöhre höchstwahrscheilich keine anständige Rübe am unteren Ende.
Aber bei 100.000 Samen wären 100 vermischte, unbrauchbare „Bastard-Samen“ zu verkraften.

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Blüte einer Wilden Möhre (leicht zu erkennen an der schwarzen Blüte in der Mitte)

Die „Insekten-Mischung“ besteht also aus dem Samen einer Dolde.
Wenn z.B. die Dolde von einer orange-farbigen Möhre stammt, sollte die Mehrzahl der Möhren, die aus diesen Samen im kommenden Jahr erwachsen, ebenfalls orange sein – alle, die von einer anderen orangen Möhre befruchtet wurden.

Vielleicht sind sogar alle Möhren dieser Dolde orange, falls diese Farbe dominant (bestimmend) vererbt wird; ansonsten zeigt der Rest der Möhren durch seine Farbmischung oder durch eine abweichende Farbe, ob das Blütchen mit Pollen (männlichen Keimzellen) einer andersfarbigen Möhre befruchtet wurde.

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Das Ende der Blütenherrlichkeit nähert sich unausweichlich am 30. Juli

Ab 31. Juli erntete ich die ersten trockenen, eingekrümmten Samenstände und stellte sie ins dortige Gartenhaus. Die letzten (vielleicht auch vorletzten) Dolden schnitt ich an diesem Wochenende ab.

Dies ist das bisherige Ergebnis:

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Jede Menge Möhrendolden mit Samen

Meine Neugier sowie meine verwundete, rechte Hand, die mich (eigentlich) zum Nichtstun zwingen sollte, zwangen mich dazu, gleich gestern einen „Dreschversuch“ zu unternehmen. Ich wollte doch zu gern wissen, wie aus den mit Hakenborsten übersäten Samen nackte Möhrensamen zu gewinnen sind.

Zuerst rieb ich die borstigen Samen von der Samendolde; das ging ganz leicht: Sie fielen federleicht von den Blütenstängelchen ab.

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Blütenstand ohne Samen

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Widerborstige Möhrensamen

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Borstiger Möhrensame (Oberseite)

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Unterseite eines Möhrensamens

Dann zerrieb ich die borstigen Samen kräftig zwischen den Fingern, was auch nicht allzu schwer war.
Das ist zwar keine Methode für den Massendrusch – die Finger verkrampfen ziemlich rasch; aber drei Samendolden konnte ich so problemlos verarbeiten.

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Wie ich allerdings die gesamte Menge an Dolden verdresche, weiß ich noch nicht; vielleicht befrage ich doch einmal das Internet oder eines meiner Bücher dazu.

Vielleicht belasse ich die Borsten aber auch an den Samen. In der Natur werden diese auch nicht vor der Aussaat entfernt; möglicherweise haben sie einen Nutzen beim Keimen: So könnten die Borsten vielleicht die Wasseraufnahme der Samen verbessern, indem sie Feuchtigkeit aufnehmen und halten.

Es könnte auch sein, dass die Borsten einen Vorteil beim Säen bieten: Normalerweise wird empfohlen, die Möhrensamen mit Sand zu mischen, damit sie nicht zu dicht gestreut werden.
Durch Borsten verhaken sich die Samen zwar und bilden Knäuel, aber die einzelnen Samen bleiben doch eine doppelte Borstenlänge voneinander entfernt.

Ich werde das im kommenden Jahr testen, indem ich zum Vergleich eine Reihe mit borstigen Samen aussäe.

Samenreinigung

Wenn man die Borsten von den Samen abgerieben hat, muss man Samen und Borstenreste voneinander trennen.
Ich versuchte es zuerst durch Sieben mit Hilfe eines kleinen Kaffeesiebs.
Das funktionierte bestens; in Nullkommanix hatte ich die reinen Samen im Sieb.

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Zerriebene Möhrensamen werden gesiebt, um die Spreu vom Samen zu trennen

Aber auch dies ist keine geeignete Methode für die großen Samenmengen, die ich habe.
Wenn ich also alle Samen unbeborstet haben möchte, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen: Ich werde die Samen per Hand von den Dolden lösen, in einen größeren Beutel aus festem Stoff stecken und auf diesem ordentlich herumhüpfen und anschließend die gesamte Masse durch ein großes, aber engmaschiges Sieb schütteln. So ist mein Plan.

Wenn ich dabei zu einem Ergebnis komme, das sich ausäen lässt, ist das die genannte „Menschen-Mischung“ meiner Möhrensamen: Alle möglichen Varianten sind in dieser Mischung enthalten; jede entstehende Möhre ist vom Zufall bestimmt.

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Nahezu reine Möhrensamen

Vielleicht werde ich an einem ruhigen Winterabend aber auch alle Dolden einzeln behandeln – und die Samen erst mischen, wenn ich keine Tütchen mehr habe, in die ich sie getrennt abfüllen kann.

Samenzahl einer Dolde

Ich habe die Blütendolden nicht gezählt, die ich bis jetzt geerntet habe, aber doch die Samen einer Dolde. Ich wollte es wissen, zumindest ganz grob. Für eine Durchschnittszahl hätte ich natürlich mindestens 100 Dolden auszählen müssen; aber so genau wollte ich es dann auch wieder nicht wissen.

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Eins, zwei, drei, mit der Messerspitze werden immer zehn Samen abgesondert

Nun, was glaubt Ihr, wie viele Samen von einer durchschnittlich großen Möhrendolde zu gewinnen sind?
Ihr könnt raten und mir in den Kommentaren Eure vermutete Anzahl mitteilen; Ihr könnt aber auch die Häufchen auf dem folgenden Bild zählen: Jedes enthält zehn Samen; dann wisst Ihr genauso viel wie ich.

Ich war auf jeden Fall beeindruckt – und weiß jetzt, dass ich Möhrensamen für 100 Jahre hätte – wenn die Samen so lange ihre Keimfähigkeit behalten würden.
Möhrensamen halten sich aber nur bis zu fünf Jahre, wenn sie kühl, trocken und dunkel gelagert werden.

Das Tausendkorngewicht liegt bei Möhren zwischen 0,8 und 1,5 Gramm. Ein Gramm Möhrensaatgut enthält also etwa 700 bis 1.300 Korn (aus: Freilandgemüsebau – Ausgewählte Kulturen: Möhren ).

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Na, wie viele Samen sind das?

Möhren-Samengewinnung ausführlich beschrieben

Zum Abspann noch ein Text aus der Zeitschrift „Archiv der Teutschen Landwirtschaft“, Band 19 von 1820. Der Herausgeber Friedrich Pohl beschreibt ab Seite 341, wie man Möhrensamenzucht früher richtig betrieben hat. Ich füge es hier an für alle, die diese Samengewinnung mit einem gewissen Mehr an Wissen selbst mal versuchen möchten.

Ich habe oben nur meine letztjährige Vorgehensweise beschrieben, die spontan und dilettantisch war, an der aber trotzdem zu sehen ist, dass die Samengewinnung auch bei Möhren nicht sooo schwer ist und dass man aus eigenen Erfahrungen am meisten lernt.

Zur Samenzucht wählt man im Herbste die in jeder Hinsicht vorzüglichsten Möhren aus. Man sieht zunächst auf die Sorte, dann auf die schöne und regelmäßige Gestalt, merkt genau darauf, daß sie keine Flecke haben, die entweder von der Erde, Würmern oder einer Beschädigung herrühren. Allerdings nimmt man gern die größten, allein andere ziehen die von mittlerer Größe deshalb vor, weil die ersteren in der Mitte oftmals aufgesprungen sind.

Auch muss man darauf sehen, daß die Samenmöhren völlig ausgewachsen sind, was man an den Blättern wahrnimmt. Wurzeln, die nicht vollkommen ausgewachsen sind, faulen leicht, und müssen als unvollkommen betrachtet werden. Man hat hierbei zu bedenken, daß manche nicht zur Vollkommenheit gediehene Rübe größer ist, als eine wirklich ausgewachsene. Aus diesem Grunde darf man in der Wahl nicht zunächst oder allein auf die Größe sehen.

Das Kraut wird bei den Samenmöhren nicht bis auf den Rübenkopf abgeschnitten, damit weder die Rübe, noch das Herz verletzt werde. Man geht am sichersten, wenn man einen Stürzel ohngefähr ein halb Zoll lang und drüber vom Kraute stehen läßt.

So bringt man sie in ein passendes Winterquartier, wo sie weder zu kalt, noch zu warm liegen, weder treiben, noch durch den Frost leiden. Am besten man schlägt sie im Garten ein, und bedeckt sie mit Erde und Laube, was im November geschehen kann. Man ist selbst der Meinung, daß die im Garten verwahrt bessern Samen geben, als wenn sie im Keller durchgewintert worden sind.

Ohngefähr in der Mitte des Aprils werden sie auf das Samenbeet versetzt und zwar so, daß sie mit dem Herzen ohngefähr mit der Erde gleich stehen. Die rechte Weite ist ohngefähr 1 Fuß von einander.

Je freier der Platz ist, wohin sie zu stehen kommen, desto vorzüglicher wird der Same, weil Luft und Sonne jederzeit den wohlthätigsten Einfluß haben. Viele verlangen daher, daß man den Samen im freien Felde ziehe. Geschieht dieß, so muß man darauf sehen, daß sie weder von Hasen, die ihnen nachgehen, noch von andern Feinden beschädigt werden.

Wenn die Stängel Blüthen getrieben haben, so findet man die Dolden zuweilen mit einem feinen Gespinste überzogen, was von einer Made oder Larve herrührt. Diese muß man aufsuchen und herausnehmen, um den Samen zu retten.

Außerdem hat man noch darauf zu sehen, daß die immer schwerer werdenden Stängel weder von ihrer eigenen Schwere, noch von Regen und Wind niedergedrückt werden. Man giebt ihnen entweder ein Geländer oder bindet sie an Stäbe.

Da der Same nicht zur gleichen Zeit reift, sondern eine Dolde eher, als die andere zur Vollkommenheit gelangt, so ist es rathsam, sie, wie sie reif werden, was man an der bräunlichen Farbe erkennt, nach einander wegzunehmen. Die geernteten Dolden werden an einem luftigen Orte aufbewahrt, am besten aufgehangen. Die ersten Dolden pflegen nicht nur die stärksten zu seyn, sondern mögen auch den besten Samen enthalten, daher wähle man sich diesen aus, um sein Gesäme von Jahr zu Jahr zu verbessern. Eine Klugheitsregel, die man für nicht so gering halten muß. Denn eben durch die immerwährende strenge Auswahl kommt man endlich zu einer vorzüglichen Sorte. Auch ist es wirthschaftlich, daß man Samen von den vorzüglichsten Jahrgängen für solche Zeiten aufspart, wo der Witterung wegen wenig oder kein vollkommener Same erzeugt wird. Der Möhrensame behält 3, 4 bis 5 Jahr, gut aufbewahrt, seine Keimfähigkeit.

Das Dreschen nimmt man bei recht trockenem Wetter vor, am besten im Winter. Bei feuchter Witterung ist der Möhrensamen schwer abzubringen. Man drischt ihn entweder auf Scheunentennen mit Dreschflegeln oder schlägt ihn, besonders wenn man nur kleine Parthien hat, mit Stöcken aus. Beim gewöhnlichen Dreschen muß man ihn aber etwas dick anlegen, damit keine Körner zerschlagen werden.

Die Samenstängel werden nach der Ernte ausgezogen, in Bündel gebunden, getrocknet und zum Verbrennen verwendet.

Es gab früher viele verschiedene Möhrensorten

Dieser Auszug ist ebenfalls in der zuvor angegebenen Zeitschrift „Archiv der Teutschen Landwirtschaft, 19“ (S. 348) von 1820 enthalten und entstammt der Feder desselben Autors.
Mir als penetrantem Sortenpanscher gefallen solche Aussagen ganz besonders. Ich will ja, dass wieder eine möglichst große (genetische), lebendige Vielfalt entsteht; das geht nur durch eigene Samengewinnung.
Ich bin überaus gespannt, welche Mischmöhren aus meinen Samen im nächsten Jahr erwachsen und wie sie sich in Zukunft entwickeln.
Neue Sorten braucht das Land, mehr genetische Vielfalt!

Wenn, wie es scheint, urspünglich nur eine Möhrenart war, so sind doch davon, nach Verschiedenheit der Kultur, jetzt eine Menge Sorten oder Varietäten vorhanden, wovon ihre Zahl noch gar nicht geschlossen, sondern vielmehr anzunehmen ist, daß sie sich noch mannichfaltiger machen werde. Wenn wir auch auf die gewöhnlichen Samenverzeichnisse nicht bauen, sondern vielmehr annehmen, daß eine und dieselbe Sorte unter verschiedenen Namen vorkömmt, so finden wir doch zunächst darin den Beweis, daß sich die Möhre nach dem Boden und der Kulturart bequeme, und so der Spekulation ein weites Feld läßt.

So wie überhaupt die Sorten der landwirtschaftlichen Pflanzen noch viel zu wenig berücksichtigt worden sind, so gilt das auch vorzüglich von der Möhre. Die Abweichungen der einen Sorte von der anderen scheinen noch nirgends angemerkt worden zu seyn. Vielmehr hat man sie alle zusammen als eine Art behandelt. Allein da die Sorten nicht nur in der Farbe, sondern sogar an der Gestalt und Größe von einander abweichen, so kann es beim Anbaue unmöglich gleichgültig seyn, welche man dazu wählt, oder der Zufall in die Hand spielt. Man würde z. B. einen wahren Mißgriff thun, wenn man diejenige Sorte, welche man bei uns in den Gärten unter dem Namen Holländische Carotte sorgsam zieht, auf einem freien Felde anbaute, das Rüben zum Viehfutter tragen soll, und so umgekehrt, wenn man die größern Sorten, die sich erst gegen den Herbst recht auszubilden oder zu wachsen scheinen, in Mistbeeten, statt der genannten Carotte anbaute. – Jede entstand in Verhältnissen, welche just dieser Sorte am zuträglichsten waren, sonst würde diese selbst nicht entstanden seyn oder sich ausgebildet haben. Wir dürfen darum annehmen, daß, wenn man für diese Verhältnisse auch diese Sorte zum Anbau wählte, nicht nur die vollkommensten, sondern auch die mehrsten Rüben sicher erbauen würde.

Man scheint es gleichsam zu fühlen, daß eine Sorte vor der anderen Vorzüge, wenn auch nur in gewisser Beziehung, behaupte, denn man sagt: ich lobe mir diese oder jene Sorte, ich bin bei dieser oder jener glücklich gefahren, sie gedeiht bei uns gut u.s.w. So bauet man bei Leipzig nur dunkelfarbige Sorten, wenn sie zur Speise der Menschen, besonders zum Verkaufe auf öffentlichem Markte bestimmt sind, allein ins Feld bringt man die blässern, weil man meint, daß diese größer würden. So glaube ich auch überhaupt wahrgenommen zu haben, daß man die goldgelben und rothen Möhren am allgemeinsten für die wohlschmeckensten hält, wie auch Whistling in seiner ökon. Pflanzenkunde 2 Bd. S. 373 schon angemerkt hat. Dagegen lehrt Reichart (vergl. 6te Aufl. 2 Bd. S. 187), daß die goldgelben die besten wären, und die rothen leicht holzig und nicht vom lieblichen Geschmacke würden. Der Unterschied ist vielleicht auf Rechnung des Bodens zu schreiben.

Nach der Farbe pflegt man auch die Sorten einzutheilen, nemlich in

  • Die weiße Möhre, mit weißer Rübe;
  • Die gemeine blaßgelbe Möhre, mit gelber Rübe;
  • die goldgelbe Möhre, mit goldgelber Rübe; und
  • die rothe Möhre, mit dunkel gelber Rübe;

Zu der letztern gehört auch die mehrmals erwähnte holländische Carotte, welche man jetzt für die wohlschmeckenste hält. Sie erreicht selten eine besondere Größe, wird etwa einen halben Fuß lang. Sie ist auch unter dem Namen frühe Möhre bekannt, vermuthlich weil man sie in Mistbeeten zu ziehen pflegt, oder weil sie sehr bald, ehe sie nemlich noch einige Stärke erlangt, schon genießbar ist. – In der Form hat sie das Eigene, daß sie weniger als andere Sorten zapfenförmig, sondern mehr kegelförmig wächst und am unteren Ende abrundet, und dann mit einem kurzen dünnen Schwänzchen oder Wurzel endigt.
Crome trennt die rothe Möhre noch in eine Unterabtheilung, indem er die jetzt erwähnte Carotte, unter dem Namen: die frühe Möhre oder Holländische Frühcarotte mit kleiner Wurzel aufführt.