Milpa Remixed

Irgendwie bin ich im letzten Jahr auf meinen Reisen durch die binäre Welt dem mir unbekannten Begriff „Milpa“ begegnet; aber die Große Such- und Filtermaschine hat ihn mir bald verständlich gemacht: „Milpa“ entstammt der Sprache Nahuatl, die von indigenen Völkern in Mexiko gesprochen wird, und bedeutet soviel wie „bebautes Feld, auf dem Acker sein“ (milli pan). Da der traditionelle Anbau dieser Völker häufig aus einer Mischung von Mais (vor allem), (Stangen)Bohnen und Kürbis gemeinsam auf einem Stück Land bestand, bürgerte sich für diese Mischkultur der Name „Milpa“ ein. Neben den genannten Pflanzen können jedoch auch andere Pflanzenarten, wie Chili, Tomaten oder Kartoffeln Teil der Milpa sein.

Der Hauptnutzen dieser Anbaumethode beruht drauf, dass die beteiligten Pflanzen sich gegenseitig Vorteile verschaffen: die Bohnen können den Mais als Kletterhilfe nutzen, der Mais profitiert vom wichtigen Nährstoff Stickstoff, den die Bohnen mit Hilfe von Bakterien aus der Luft aufnehmen und im Boden anreichern. Letzteres nutzt auch dem Kürbis, welcher seinerseits den Boden mit seinem üppigen Blattwerk beschattet und dadurch Unkraut unterdrückt, Feuchtigkeit im Boden hält und der Bodenerosion durch Wasser und Wind entgegenwirkt.

Diese Mischkultur klang sehr interessant, und da ich auch einen Teil der die Milpa bestimmenden, süd- und mittelamerikanischen Pflanzen anbaue, dachte ich daran, sie einmal auszuprobieren.

Aus irgendeinem, mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Grund, wollte ich den Kürbis durch Kartoffeln ersetzen, wollte also eine „Milpa Remixed“ kreieren.
Mein Plan sah vor, die Kartoffeln im Abstand von 70 x 70 cm auf dem ehemaligen Standplatz des Folientunnels zu verteilen und ins Zentrum dieser Quadrate jeweils eine Zuckermais- bzw. Tabakpflanze zu setzen; um letztere herum sollten  sich dann ein paar Stangenbohnen in die Höhe winden.

Das war mein wintertags ausgeheckter Plan.

Als aber nun das Frühjahr herangerauscht kam und ich Mitte April vor dem Versuchsfeld stand, überschlug ich im Geiste die Anzahl der Kartoffeln, die ich dort planmäßig hätte verlegen können. 4,5 x 8 m maß die vorgesehene Fläche; das bedeutete, dass ich ungefähr 6 x 11, also 66 Kartoffeln hätte setzen können.

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Fläche, die für „Milpa Remixed“ vorgesehen war am 4. Mai (von Kartoffeln nix zu sehen)

Ein Blick auf all die fein vorgekeimten Kartoffeln, die ich in diesem Jahr der Mutter Erde anvertrauen wollte, genau 173 an der Zahl, stürzte mich jedoch in tiefe Trauer: über 100 Exemplare hätte ich dem Komposthaufen übergeben müssen.

Kurz entschlossen halbierte ich das Milpa-Gelände; meine mir wichtigsten Kartoffelsorten sollten die eine Hälfte bekommen, die restliche Fläche sollte dem Milpa-Versuch dienen. Die ruandischen, die peruanischen sowie die cordulanischen Kartoffeln wurden vollzählig vergraben; außerdem bekamen Birte und Rosara je eine komplette 12er-Reihe zugeteilt.
Die restlichen Quadratmeter wurden nach Plan im 70 x 70 cm-Raster mit Blauer Schwede, Annabelle, Unbekannte Weiße (möglicherweise Marabell), Shetland Black, Highland Burgundy Red und Vitelotte belegt. Valfi wurde geopfert.

Milpa Remixed am 16. Mai
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Milpa Remixed am 16. Mai (die fünf großen Büsche vorn sind peruanischer Herkunft)

Ja, mit dieser Lösung war ich einigermaßen zufrieden.

Es wurde Mai, es wurde kaum wärmer und auf dem Kartoffelacker rührte sich nichts. Anfang Mai war die Mais- und Bohnensaat vorgesehen. Wo aber, verdammt, waren die Stellen, an denen ich die Kartoffeln versteckt hatte? Mein Plan hatte vorgesehen, dass die Kartoffeln längst das Licht der Welt erblickt haben sollten; aber so ist das mit Plänen.

Ich wollte nicht länger warten: Mais und Bohnen brauchen auch ihre Zeit zu wachsen und zu reifen; also drückte ich wahllos Mais- und Bohnensamen in die Erde in der Hoffnung, die rechten Stellen mit Hilfe meiner Hypersensibilität schon zu erspüren. Dies wiederholte ich am folgenden Wochenende auf die gleiche gefühlvolle Weise.

Diese Lehre schreibe ich mir hiermit hinter die Ohren: markiere bitte die Reihen und Spalten, in denen Du die Kartoffeln verlegt hast, damit Du beim nächsten Mal weißt, wo Mais und Bohnen hingehören – oder warte solange, bis die Kartoffeln ihre Blätter zeigen.

Das Ergebnis dieser instinkt-geleiteten Handlungen war ein schlechtes Stellungsspiel von Mais und Bohnen: die Bohnensorten Blauhilde, Mombacher Speck und „Türkische Weiße“ (eine weiße Bohne aus einem türkischen Supermarkt; witzigerweise könnte es eine „Maisbohne“ sein) bildeten ein wirres Durcheinander, fanden aber zumeist noch irgendwo Halt, wenn es sein musste, an Petersilie und Knoblauch.
Den Mais, die 2. Nachzucht der Sorte „Golden Bantam“, musste ich allerdings teilweise umpflanzen, was seinem Wachstum nicht sonderlich förderlich war; aber irgendwie erreichten ein paar Maispflanzen Höhe.

21. Juni
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21. Juni

Einzig den Tabak konnte ich Mitte Mai an die vorgesehenen Stellen zwischen die Kartoffeln pflanzen; die waren nämlich inzwischen zur Sonne, zur Freiheit, zum Licht emporgestrebt.

Nach diesen anfänglichen Irritationen konnte ich die Milpa aber den ganzen Sommer über vergessen. Neben kurzen Besuchen, die allein Dokumentationszwecken oder der händischen Unterdrückung des Kartoffelkäfers dienten, wucherten Mais, Bohnen, Tabak und Kartoffeln nach eigenen Vorstellungen, die aber den meinen nur wenig zuwiderliefen.

Bis Ende Juli. Ich hatte gerade mit meinen beiden jüngsten Sprösslingen den Garten per Fahrrad erreicht, als ein heißer Westwind mit großer Kraft zu blasen begann und mehrere Tage nicht nachließ, das zu tun. Er machte nicht nur uns auf der Rückfahrt nach Berlin das Leben schwer, sondern zwang auch einige Mais- und Tabakpflanzen in die Waagrechte: sie brauchten den Rest des Sommers, um sich oder wenigstens einige Triebe wieder in die Höhe zu recken.

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Kartoffeln und Milpa Remixed von oben am 25. August

Möglicherweise war der Abstand der einzelnen „Stangenpflanzen“ zu groß, möglicherweise war auch die gesamte Milpa-Fläche zu klein.
Ich glaube, ich hätte nicht in einem weitläufigen Raster sondern mehr in Reihen pflanzen/säen sollen; aber letztlich wird diese Erkenntnis in ihrem Wert dadurch geschmälert, dass mein Bedarf an Mais und Tabak sehr begrenzt ist.

Milpa Remixed am 24. September
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Milpa Remixed am 24. September

Trotz meiner Fehlgriffe und der Fehlwirkung des Windes bin ich mit dem Gesamtergebnis des Versuchs zufrieden: die Kartoffeln waren nahezu ausgereift, als Mais, Tabak und Bohnen die Hauptwachstumsphase erreichten, und brachten deshalb auch zwischen diesen Riesen einen zufrieden stellenden Ertrag. Ich denke aber, dass es von Vorteil ist, vor allem früh reifende Kartoffeln für eine Milpa Remixed zu verwenden.

Die Bohnen hätten zwar mehr Halt und Ordnung benötigt, aber als Trockenbohnen ließen sie sich allemal gebrauchen – auch wenn ihnen der Frost Anfang Oktober viel zu früh den Garaus machte; für zwei „Weiße-Bohnen-Süppchen“ und ein wenig Saatgut wird es reichen.

Türkische weiße (Stangen)Bohne
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Türkische weiße (Stangen)Bohne

Der Zuckermais wurde in diesem Jahr ausschließlich zu Trockenmais, da ich zum Zeitpunkt der Ernte drei Wochenenden hintereinander nicht im Garten sein konnte.

Blüten von Tabak und Bohne, innig vereint

Auch der Tabak wurde nur „Trockentabak“. Der Versuch schlug fehl, seine Blätter ab Ende September im Kinderzimmer sanft und langsam zu trocknen; auch Dämmerlicht und leicht geöffnete Fenster konnten nicht verhindern, dass sie grün blieben und pulvertrocken wurden.

Also: Milpa Remixed geht auch; trotzdem werde ich mich im nächsten Jahr der gewöhnlichen Milpa zuwenden und den Kürbis mit Mais, Tabak und Bohnen vergesellschaften. Die Kartoffeln bekommen ihren eigenen Acker.

Apropos Kartoffelacker: was wurde aus der restlichen „Milpa“, die nur aus Kartoffeln bestand?

Die ruandischen Kartoffeln kamen äußerst spät aus der Erde und blieben meiner Meinung nach auch hinter ihrem Potential zurück. War ihnen der Platz vor dem Werkstattgebäude zu schattig oder bauen sie nach fünf Jahren schon ab? Viele Fachleute sagen voraus, dass Viren, Schorf und andere Krankheitserreger sich an den Knollen im Laufe der Jahre vermehren, wenn man die Pflanzkartoffeln nur aus den eigenen Kartoffeln gewinnt.
Noch glaube ich an die Ungunst des Standorts.

Die peruanischen Kartoffeln wuchsen zwar gewaltig und lange, doch der Ertrag war uneinheitlich: zwei Sorten brachten einen ordentlichen Haufen Knollen zustande, zwei Sorten hatten nur mächtiges Blattwerk zu bieten aber null Knollen.

Die vier Maori-Kartoffeln von Cordula brachten auch nur ein mickriges Ergebnis (0,6 kg) – es reicht gerade für neue Pflanzkartoffeln. Die „Titicacasee“ benamten sowie die Roten Hörner waren jedoch erstaunlich produktiv: drei Rote Hörner erzeugten 1,75 kg, die vier Titicacasee ein Kilogramm neue Knollen. Am besten schnitten Mayan Gold und Pimpernell ab: eine Knolle der ersteren schenkte mit ein Kilo, zwei kleine Pimpernellen 1,35 kg frische Ware.

Vielleicht erinnerst Du Dich noch daran, dass ich in den Wällen zwischen den Spargelreihen auch noch drei Kartoffelsorten untergebracht hatte, und fragst Dich, was aus diesen geworden ist?
Ja, Cherie, Sieglinde und Adretta haben sich gut gehalten, es gab sogar zwischen den Sieglinden noch reichlich wild gewordene Vitelotten. Die fest kochenden aber ansonsten schmiegsamen Cherie und Sieglinde waren aufgrund des klutigen Bodens zwar mit Ecken und Kanten versehen, aber ertragreich; Adretta, rundlich geblieben, war noch erfolgreicher. Die Vitelotte war ein Schatz.

"Spargelkartoffel" Adretta am 13. Juni
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„Spargelkartoffel“ Adretta am 13. Juni (im Hintergrund Sieglinde)

Adretta-Ernte am 13. Oktober
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Adretta-Ernte am 13. Oktober

So viele Kartoffelsorten, so viele Kartoffeln, und immer noch habe ich nicht genug Formen, Farben, Vielfalt davon im Garten; gern würde ich einen riesigen Acker mit tausend verschiedenen Sorten bepflanzen.
Es fällt mir immens schwer, mich von Sorten wieder zu trennen. Mal sehen, ob ich mich eines Tages beruhigen, mich tatsächlich auf 10 Sorten beschränken kann.
Ach, ich weiß nicht, noch leide ich unter dem Gedanken, mich von Sorten trennen zu müssen. Noch schlägt in mir das Herz des kleinen Hävelmannes, der „Mehr, mehr, mehr“ schreit, der nicht genug kriegen kann.

Für das neue Jahr sind schon wieder acht weitere Sorten in Groß Lüsewitz bestellt – und die „Deutsche Blaue“ aus Schweden lässt mich nicht los. Wo soll das enden?
Vielleicht kann mich der Kartoffel-Atlas von dieser Sucht befreien, in dem ich möglichst viele „alte“ Sorten dokumentieren – und damit erhalten will. Noch ist allerdings erst die Domain ins Leben gerufen.