Liebling, ich habe die Melonen gekreuzt!

Zucker- und Wassermelonen-Anbau ist in Deutschland aus klimatischen Gründen nicht besonders verbreitet; deshalb findet man auch kaum deutsch-sprachige Literatur bzw. Internetseiten zu dem Thema [1].
Melonenzucht, im Sinne von „Züchtung neuer Sorten“ gibt es hierzulande gar nicht, wage ich zu behaupten; diese ist mehr bei den großen Saatgutfirmen und Universitäten im Mittelmeerraum und in den USA konzentriert, na ja, Mittelamerika, der Vordere Orient, Indien und vor allem China wären ebenfalls noch zu nennen, wenn es um die Neuzüchtung von Melonensorten geht, dort also, wo auch der Melonenanbau seine Schwerpunkte hat.

Nachfolgend ein Video über Melonenanbau in Frankreich. Es wird zwar Französisch gesprochen, aber die Bilder zeigen sehr schön, wie der Massenanbau funktioniert. Solche Bilder führen mir die immer deutlicher werdende Zweiteilung der Welt wieder krass vor Augen: mein Garten ist die schöne, heile Welt, draußen rotiert die große Maschine.

Mit Hilfe von Gewächshäusern und Folientunneln könnten auch in Deutschland Melonen angebaut werden; aber wahrscheinlich würde sich das nur für direkt-vermarktende Bio-Bauern (m/w) lohnen. Der Transport aus aller Welt ist zu einfach, zu schnell und zu billig. Wenn man bedenkt, dass sich Melonen nur wenige Tage lagern lassen, muss eine Melone aus Costa Rica z. B. schon ganz schön fix unterwegs sein, damit sie uns im Winter befriedigenden Melonengeschmack auf die Zunge zaubern kann; ein solcher Transport geht eigentlich nur per Flugzeug, obwohl in dem Video des Großimporteurs HillFresh unten behauptet wird, dass die Melonen aus Süd- und Mittelamerika per Schiff kommen.

[1] –  Jacquin, Pierre Joseph: Vollständiges Handbuch der Melonenzucht, enhaltend die Cultur, Beschreibung und Classificirung aller bekannten Varietäten der Melone, nebst einem Anhange von der Cultur der Wasser-Melonen oder Angurien; Verlag Gottfried Basse, Quedlinburg und Leipzig, 1853
– Kratz, Hans: Anbau und Treiberei von Feinkostgemüse (Grundlagen  und Fortschritte im Garten- und Weinbau, Heft 19); Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1936
– Huyskens-Keil, Susanne: Zuckermelonen – Anbau, Qualität, Aufbereitung und Lagerung; Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2007

Zahlen und Fakten

Bevor ich in das Thema des heutigen Beitrags einsteige, reiche ich als Appetitanreger statt einem Stück süße Zuckermelone ein paar Info-Häppchen zu Melonenkonsum und -produktion:

Der Import von Honig- und Zuckermelonen nahm in Deutschland von 1980 bis 2013 laut FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations) von 19.600 auf 120.253 Tonnen zu (das Statistische Bundesamt vermeldet für 2015 ein Importgewicht von 127.047,8 Tonnen), das sind ca. 1,5 Kilogramm, also ungefähr eine mittlegroße Melone pro Person und Jahr.

In Spanien, unserem Hauptlieferland, wurde der Ertrag von Melonen im selben Zeitraum (1980 – 2014) von 13,6 auf 34,5 Tonnen pro Hektar gesteigert; die Anbaufläche konnte deshalb von 66600 auf 23790 Hektar sinken.

Wie der Anbau für den globalen Markt oder besser: für den Markt der kaufkräftigen Länder aussieht, kann man auf den folgenden Videos ganz gut beobachten. Interessant finde ich die Unterschiede im Grad der Mechanisierung. (Im Video von HillFresh wird häufig vom „Züchter“ gesprochen, gemeint ist aber der „Anbauer“)

Inzwischen ist auch das Erbgut (Genom) der Melone vollständig entschlüsselt, so dass der gezielte Ein- und Ausbau von Genen, das Screening der genetischen Grundlagen von Eigenschaften, die gezielte Fusion von Geschlechtszellen für die Hybridzucht sowie die Vermehrung durch Zellkulturen mit Hilfe bio- und gen-technischer Methoden beschleunigt werden kann. Man hofft auch hier immer noch, vor allem Resistenzen gegen Krankheiten in die Melonen einbauen zu können, um damit den Einsatz chemischer Bekämpfungsmittel einschränken zu können.

Die Patentierung von Melonen-Resistenzgenen bzw. mit ihnen verbundenen Markern ist wohl aus diesem Grunde ein heiß umkämpftes Gebiet.

Ich frage mich nur, wie die großen Konzerne, die sowohl resistente Pflanzen „züchten“ (mittlerweile sollte man eher von Pflanzen „herstellen“ sprechen) als auch Pflanzenschutzmittel produzieren, mit diesen, sich widersprechenden Zielen umgehen: „Womit lässt sich ein höherer Gewinn erzielen?“ wird die entscheidende Frage ganz nüchtern lauten; aber vielleicht liegt die Zukunft solcher Konzerne auch in der Zucht und den zugehörigen Mitteln: Glyphosat lässt grüßen.

Nein, ich will das alles nicht wissen! Ich will in meinem Garten vor mich hinwurschteln.

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Geschützer Raum für den Melonenanbau am 01. Juli 2016

Melonenanbau

Ich bin Besitzer eines Folientunnels und eines kleinen Gewächshauses, die im Sommer südliche Temperaturen bieten; beide Räumlichkeiten habe ich seit Anbeginn meines Schrebergartenlebens erfolgreich zum Anbau von Melonen genutzt.

Anfangs machte ich mir vor allem Sorgen um die Bestäubung der weiblichen Blüten, aber kaum um die Pflege der Pflanzen. Ich ließ sie wuchern, wie sie wuchern wollten – und das haben sie ausufernd getan, teilweise versperrten sie sogar meine Wege.

Erst später machte ich mich über das Beschneiden schlau (das Befruchten haben fast immer Hummeln und Bienen für mich übernommen); in der Literatur wurde zumeist angeregt, die Ranken in bestimmter Weise zu beschneiden, damit sowohl das frühe Erscheinen der weiblichen Blüten an den Seitentrieben 2. Ordnung als auch der Fruchtansatz bestmöglich gefördert würde:

„Bereits bei der Anzucht im Topf beläßt man der Pflanze nur einen Haupttrieb, der über dem vierten Blatt entspitzt wird. Man läßt nur zwei der sich entwickelnden Seitentriebe stehen. Nach dem Aussetzen der Pflanzen werden diese Seitentriebe, sobald sie sieben Augen gebildet haben, über dem sechsten Blatt zurückgenommen. Hierdurch bewirkt man einen gleichmäßigen Austrieb der Augen an den Seitentrieben. Die sich hieraus entwickelnden Seitentriebe sollen die Früchte liefern und werden ein Blatt über der letzten Frucht zurückgenommen. Triebe ohne Ansatz sind bei dichter Bekleidung zu entfernen, andernfalls bis zur Hälfte zu kappen. Mit zunehmendem Wachstum kann die Pflanze auch etwas verjüngt werden. Während der ersten Blüte soll man nicht schneiden, da dies den Saftstrom stört, wodurch der Ansatz leicht verloren geht.“ [2]

Ich habe bisher nichts derartiges versucht; ich ließ sie, wie gesagt, munter wachsen. Mir schien, die äußeren Bedingungen zwingen die Melonen geradezu, sich „richtig“ zu verhalten: sind genügend Wasser und Nährstoffe vorhanden und ist es warm genug, lassen sie mehr Früchte reifen; bei ungünstigen Verhältnissen bringen sie weniger oder gar keine Früchte (letzteres ist mir noch nicht passiert).

Im Durchschnitt hat mir jede Pflanze drei, vier Früchte gebracht, würde ich grob schätzen; zu genaueren Analysen werde ich in Zukunft kommen und zwar dann, wenn ich es mit der Zucht einer neuen Melonensorte ernst meine.

[2] Kötter, E.: Die Treiberei der Melone, in: Der Obst- und Gemüsebau, Berlin, 84. Jg. Heft 6 / 1938

Melonenzucht

Seit einiger Zeit ich habe ein gewisses Interesse an Pflanzenzucht in mir entdeckt. War ich also bis vor kurzem noch ein „Melonenzüchter wider Willen“, so befasse ich mich jetzt bewusst und intensiver mit der Pflanzenzucht, indem ich eifrig Bücher zu diesem Thema erwerbe und studiere.

Meine sogenannte Melonenzucht fing 2014 mit der zufälligen, ja unerwünschten Kreuzung einer „Gelben Kanarischen Melone“ (glatte, gelbe Schale, grün-weißes Fruchtfleisch, oval und mittelgroß) mit der Netzmelone „Sucrin de Tours“ (stark genetzte Schale, hell-oranges Fruchtfleisch, rund und klein) an. Davon ahnte ich aber nichts, als ich die Samen der „Gelben Kanarischen“, die damals gewachsen war und geschmeckt hatte, 2015 im Folientunnel aufzog.

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Die Gelbe Kanarische, Ausgangspunkt meiner züchterischen Ambitionen am 30. August 2014

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Sucrin de Tours am 7. August 2014 im Gewächshaus

Das Ergebnis liegt als sogenannte F1-Generation vor, und zwar in Form zweier unterschiedlicher Melonen-„Sorten“: eine mit schwach genetzter, rissiger, weißlich-gelber Schale und orangem Fruchtfleisch, und einer „Sorte“ mit gelber Schale, oval und mittelgroß wie die Muttersorte, mit weiß-grünem Fruchtfleisch.

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Ein Ergebnis der F1 von 2015…

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…und das zweite: die gelbe Variante

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Die Kreuzungen im Querformat

Im Jahr 2016 zog ich nun jeweils vier Nachkommen dieser beiden „Sorten“, die F2-Generation, auf; sie verbreiteten sich den Sommer über zwischen Tomaten und allerhand anderen Gewächsen im Folientunnel (Einblick bietet das Bild oben).

Im heutigen Beitrag möchte ich beschreiben, wie sich diese zweite Filial(Tochter)-Generation der Zuckermelonen entwickelte und welcher Art ihre Früchte waren; dabei versuche ich, auch ein wenig die Grundregeln der Vererbung, von Gregor Mendel (1822 – 1884) zuerst erkannt, sowie einfache Züchtungstechniken zu behandeln, auch wenn das zugegebenermaßen trockener Stoff ist (aber es soll ja Leute geben, die das interessiert).

Regelwidrige Mischung

Bevor ich meine letztjährigen Zuckermelonen vorstelle, will ich auf die Vererbungsregeln eingehen, um (mir) das Ergebnis der Kreuzungen vielleicht erklären zu können. Ich muss zugeben, dass sich mein Ehrgeiz in Grenzen hält, die Mendel’schen Vererbungsregeln wirklich bis ins Detail zu verstehen.

Das Folgende ist noch einfach: Wenn sich zwei reinerbige (homozygote [3]) Melonensorten mit jeweils unterschiedlichen Eigenschaften mischen: sagen wir, eine weiß- und eine gelb-schalige, dann sollten die Nachkommen auf jeden Fall einheitlich sein, da es nur zwei Möglichkeiten gibt, wie die in den Genen [4] kodierte Erbinformation wirkt.

Ich muss vorwegschicken (für alle, die es noch nicht wissen), dass auch die Melonenzellen, wie die meisten Pflanzen, einen doppelten Chromosomensatz [5] besitzen. Wenn sich die männliche Melonen-Keimzelle mit der weiblichen vereinigt, erhält die erste entstehende Zelle 12 Chromosomen [5] von der Mutter und 12 vom Vater, sie hat also 24 Chromosomen insgesamt (alle weiteren Zellen, die danach gebildet werden, haben auch je 24 Chromosomen – nur damit keine Missverständnisse aufkommen).

Hier die zwei Möglichkeiten, wie die Erbinformation wirkt:

  1. Eines (oder mehrere) der Gene von Mutter oder Vater kann nun für das Merkmal „Schalenfarbe“ dominant (bestimmend) wirken: sagen wir, gelb, dann sollten alle Nachkommen eine gelbe Schale haben.
  2. Die Erbinformation der beiden Gene (auf „Vater“- und „Mutter“-Chromosom) kann aber auch gleichstark auf die Ausprägung eines Merkmals einwirken, so dass eine „Mischform“ (intermediäre Form) entsteht; aus Weiß und Gelb könnte dann beispielsweise eine hellgelbe Schale werden.

Auf jeden Fall sollten alle Nachkommen eine vollkommen identische Gen-Mischung und damit vollkommen identische Eigenschaften besitzen (was man sich bei der Hybrid-Zucht zunutze macht).

Damit wäre die 1. Regel von Gregor Mendel vorgestellt, die Uniformitätsregel.

An dieser Stelle sollten bei der Melone noch keine Komplikationen auftreten, wie sie z. B. bei der Kreuzung von Kartoffel- oder Erdbeersorten nicht zu vermeiden sind; denn diese besitzen vier bzw. acht Chromosomensätze, sie sind also tetraploid bzw. oktoploid [5], und in den seltensten Fällen liegen auf allen Sätzen die gleichen Erbinformationen, sie sind also so gut wie nie homozygot und ergeben deshalb bei der Nachzucht aus Samen immer eine bunte Mischung.

Die F1-Generation meiner ungewollten Melonen-Kreuzung aber hätte einheitlich sein müssen. Das war sie aber nicht; es gab (zumindest) zwei verschiedene Varianten.
Hätte ich eine größere Nachkommenschaft zur Fruchtreife bringen können, wären womöglich noch mehr Varianten sichtbar geworden; denn die ungefähr 300 Samen einer Melone entstehen aus 300 einzelnen Samenanlagen (Eizellen), die von 300 Pollenkörnern (diese enthalten die männlichen Keimzellen) befruchtet werden müssen.

Die Vererbungsregeln lassen sich natürlich insgesamt nur statistisch absichern/nachvollziehen/beweisen, d. h, indem man eine möglichst große Anzahl von Nachkommen aufzieht. Trotzdem hätten meine drei Pflanzen einheitliche Früchte liefern müssen, wenn, ja, wenn nicht…

Ja, erklär‘ mir das bitte, auch wenn Du mich dafür mit noch mehr komplizierter Materie konfrontieren musst!

Die einzig mögliche Erklärung für diesen, von der 1. Vererbungsregel (scheinbar) abweichenden Fall ist, dass die beiden Ausgangssorten meiner „Zucht“ (oder wenigstens eine von ihnen) schon eine Kreuzung und damit mischerbig (heterozygot) war: die Gelbe Kanarische z. B. könnte eine Hybride (ein „Mischling“) gewesen sein (die Früchte aus dem Massenanbau, die es bevorzugt im überregionalen Lebensmittelhandel gibt, sind heute in den allermeisten Fällen Hybride – und meine ursprüngliche Gelbe stammte aus einem „Supermarkt“); aber auch „Sucrin de Tours“ (Bild siehe oben) stimmte nicht mit den Bildern überein, mit denen eine französische Melonen-Genbank diese Sorte vorstellt – auch sie könnte also schon ein „Mischling“ gewesen sein .

Dann wäre meine 1. Generation schon die 2. gewesen. Und dann würde anstatt der 1. die 2. Regel des Gregor Mendel zutreffen, nämlich die Spaltungsregel.

Die Spaltungsregel hat ungefähr folgendes zum Inhalt: Wenn sich bei einer heterozygoten (mischerbigen) Melonenpflanze die Geschlechtszellen bilden, werden die Chromosomensätze von Vater und Mutter nicht wieder fein säuberlich nach Geschlecht getrennt auf die entstehenden Geschlechtszellen verteilt – Geschlechtszellen haben nur einen einfachen Chromosomensatz (haploid genannt), sondern jedes der 12 Chromosomen „entscheidet“ selbstständig, mit welcher Zelle es in Zukunft einen neuen Partner beglücken will.

Doch es kommt noch schlimmer: vor der Aufteilung auf die beiden Geschlechtszellen werden die Gene der beiden (in ihrer Funktion und zumeist auch im Aussehen identischen = homologen) Chromosomen auch noch bunt gemischt, indem sie Abschnitte ihres Erbinformationsstrangs (der bekannten DNS-Kette [6]) teilweise miteinander austauschen.

Diese Vorgänge finden selbstverständlich so nicht nur bei den diploiden Melonen sondern auch bei (allen) anderen Pflanzenarten statt. Auch bei homozygoten Pflanzen werden die Erbinformatinen gemischt, wenn sich die Geschlechtszellen bilden; bei letzteren hat es nur keine (sichtbaren) Auswirkungen auf die Nachkommenschaft, da die beiden Chromosomensätze vollständig identische Erbinformationen enthalten.

Bei den heterozygoten („gemischterbigen“) Pflanzen macht sich diese Mischung der Eigenschaften von Mutter und Vater aber maximal bemerkbar. Bei der erneuten Vereinigung solcher Geschlechtszellen können dann mehrere Ausprägungen in einem bestimmten Zahlenverhältnis auftreten.
Wer nun genau wissen will, wie die gut verteilten Erbinformationen ihre Wirkung entfalten und welche Zahlenverhältnisse bei den verschiedenen Erbgängen (dominant/rezessiv [7], intermediär) gebildet werden, den verweise ich auf entsprechende Fachliteratur oder zum Einstieg auf die Wikipedia.

Wer richtig und ernsthaft Kreuzungszucht betreiben will, der muss solche Dinge genau wissen. Für eine simplere Variante der „Zucht“ reichen aber auch Grundkenntnisse oder sogar völliges Unwissen. Ich mache es einfach so, wie es alle Anbauer*innen gemacht haben, bevor die Mendel’schen Regeln bekannt wurden: ich führe eine Auslesezucht durch; doch auf die Melonenzucht (im engeren Sinne) gehe ich in den folgenden Absätzen näher ein.

[3] homozygot: auf Deutsch kann man dies mit „reinerbig“ bezeichnen. Lebewesen besitzen in diesem Fall auf ihren Chromosomensätzen jeweils die gleichen Erbinformationen. Der Gegensatz zu homozygot ist heterozygot, wenn die Erbinformationen auf den beiden Chromosomensätzen unterschiedlich sind.

[4] Ein Gen ist ein Abschnitt des DNS-Strangs [6], der eine bestimmte Eigenschaft in kodierter Form enthält; für die spätere, sichtbare Ausprägung der Eigenschaft ist nicht nur diese Kodierung bedeutsam sondern auch das Zusammenspiel mit den äußeren Bedingungen.

[5] Chromosom wird der DNS-Faden [6] genannt, wenn er sich zusammengeknäuelt hat und damit auch mikroskopisch sichtbar wird; dies geschieht immer, bevor sich Zellen teilen.

Jedes Lebewesen hat (zumeist) einen Chromosomensatz, d. h., eine bestimmte Anzahl an einzelnen Chromosomen (Melonen z. B. 12); diese liegen in den allermeisten Fällen doppelt vor; dann spricht man von einem doppelten Chromosomensatz. Lebewesen mit einem solchen doppelten Chromosomensatz werden diploid genannt und mit 2n bezeichnet. Liegen mehrere Chromosomensätze vor, spricht man auch von tetraploid (4n), oktoploid (8n) oder polyploid (unbestimmt viele); die Chromosomen sind also im Normalfall immer durch zwei teilbar.

Wenn sich die Geschlechtszellen bilden, werden die Chromosomensätze nach dem Zufallsprinzip (wieder) aufgeteilt; die Geschlechtszellen besitzen also nur einen einfachen, aber kompletten Satz, sie sind haploid. Bei polyploiden Pflanzen, erhält jede Geschlechtszelle eine Hälfte der Sätze

[6] DNS oder DNA: Desoxyribo-Nuclein-Säure oder auf Englisch Desoxyribo-Nucleic- Acid. So wird das fadenförmige Molekül genannt, das die Erbinformationen enthält. Diese Informationen bestehen aus chemischen „Bausteinen“, die bei allen Lebewesen identisch, nur jeweils anders angeordnet sind.
[7] Die Erbinformationen der Gene können auf drei verschiedene Arten zur Ausprägung kommen: sie können bestimmend oder dominant sein; sie können „unterdrückt“, „zurückhaltend“ oder fachsprachlich: rezessiv sein (wenn das Gen auf einem Chromosom dominant ist, muss das auf dem anderen rezessiv sein, wenn es unterschiedlich ist und nicht sichtbar zur Geltung kommt); sie können aber auch gleichstark wirken, dann nennt man diese Vererbung „intermediär“, „in der Mitte liegend, dazwischen befindlich“

Sichtbarer Reichtum an Melonenvarianten

Egal, ob die Generation meiner Melonen von 2015 nun die erste oder schon die zweite genannt werden muss (ich nenne sie weiterhin „meine“ erste, also F1), so hatte ich die Sache weiter verkompliziert: ich hatte den drei F1-Pflanzen, die ich aus den Samen der angeblichen „Gelben Kanarischen“ gezogen hatte, nicht nur die Möglichkeit gegeben, untereinander ihr Erbgut zu mischen, sondern auch noch mit dem zweier anderer Sorten, einer gelben Galia- sowie einer Cantaloupe-Melone, die wahrscheinlich auch beide nicht „reinrassig“ sondern Hybrid-Melonen, also „Mischlinge“ waren.

Mehr Mischung geht nun wirklich nicht! Und so soll es auch sein! Damit ich auswählen kann, muss Vielfalt vorhanden sein.

So, jetzt wollen wir mal sehen, was dabei herausgekommen ist. Hier, geneigte*r Leser*in, gewähre ich erst einmal einen schnellen Überblick über die Melonenmodelle meiner Ernte von 2016:

Mein erstes Ziel habe ich damit auf jeden Fall schon einmal erreicht: ich habe die genetischen Eigenschaften der Zuckermelonen ordentlich gemischt. Acht Pflanzen haben acht unterschiedliche Melonenvarietäten hervorgebracht.

Interessant war, dass alle vier Nachkommen der gelben Melone eine gelbe, ziemlich glatte Schale hatten, alle Nachkommen der anderen Variante eine grüne bis weiß-grüne, mehr oder weniger genetzte Schale. Außerdem zeigte eine Variante ein Aussehen, das dem der „Sucrin de Tours“ sehr ähnlich war (das ist für mich Beweis genug, dass im Sommer 2014 tatsächlich etwas zwischen den beiden, oben genannten Melonensorten „gelaufen“ ist).

Das Fruchtfleisch war allerdings uneinheitlicher: das Fleich der gelben Varianten war zwar zumeist weiß-grün, nur bei einer gab es hell-oranges Fleich. Bei den grün-genetzten war es genau umgekehrt.

Auch die Formen waren verteilt; es gab auf beiden Seiten eher kleine, runde und größere, ovale Formen.

Geschmacklich war ich mit allen zufrieden; ein bis zwei Varianten würde ich sogar als sehr gut und nur eine als grenzwertig bezeichnen (diese hatte einen ganz leichten Beigeschmack, der mich an die ungenießbare „Sucrin de Tours“ von 2014 erinnerte).

Wer die Wahl hat, hat die Qual – oder auch nicht

Nach dem ersten Schritt meiner Melonenzucht, mir geeignetes „Ausgangsmaterial“ zu verschaffen, folgte sogleich der zweite: aus den vorhandenen Varianten galt es nun die „beste“ auszuwählen, die, die meinem „Zuchtziel“ am ehesten entsprach. Da ich bis zu diesem Sommer noch kein Zuchtziel hatte, habe ich mir einfach eine „Sorte“ ausgeguckt, die mir am besten gefiel.

Form, Farbe und Geschmack waren mir angenehm – fertig! Weitere Eigenschaften habe ich nicht berücksichtigt und auf Qualität getestet, weder Gesundheit und Reifezeit noch den Ertrag (professionelle Melonenzüchter prüfen zahlreiche weitere Merkmale und zwar äußerst akkurat, heute vor allem mit bio-technischem Screening/Durchsuchen der Gene).

Also, ich habe mir nun die gelbe, relativ große, eher rundlich ovale Form mit orangem Fruchtfleisch ausgesucht; die hat mir hervorragend gemundet – und eine Frucht mit gelber Schale und orangem Fruchtfleich habe ich in den Geschäften noch nicht gesehen. Diese Frucht will ich zu einer neuen Sorte machen. (Nachtrag: Tja, MONSANTO war schneller: OrangeCandyTM, darf ich meine Melone zumindest nicht mehr nennen)

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Erste Wahl – außen

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Erste Wahl von innen

Dazu fehlt nun noch der dritte (und schwierigste) Schritt: ich muss die ausgewählten Eigenschaften in der Nachkommenschaft stabilisieren, d. h., ich muss diese reinerbig (homzygot) machen.

Nur, wenn eine Melonensorte homozygot ist, kann sich jeder, der die Samen dieser „Sorte“ aussät, (weitestgehend) darauf verlassen, Früchte mit bestimmten Merkmalen/Eigenschaften zu bekommen. Homozygot bedeutet ja, wie schon erwähnt, dass auf den beiden Chromosomen, also auf dem Chromosom, das vom Vater stammt und auf dem „Mutter“-Chromosom an der gleichen Stelle die gleichen Erbinformationen liegen. Die Früchte aller Pflanzen einer homozygoten Sorte können deshalb nur einheitlich sein.

Wenn sich homozygote Pflanzen untereinander kreuzen, was bei einer geschlechtlichen (Weiter)Vermehrung, der Samenbildung, notwendig ist, entstehen immer wieder die gleichen Kombinationen, wie oben schon ausführlicher beschrieben (solange während der beschriebenen Prozesse keine Fehler, sogenannte Mutationen, an den Genen auftreten).

Der (lange) Weg zum Ziel: auswählen, auswählen, auswählen

Der schnellste Weg, eine Melonensorte reinerbig zu machen, ist eine Selbstbefruchtung (Selbstung) mehrere Generationen hintereinander. Durch eine Selbstung wird die Wahrscheinlichkeit stark erhöht, dass im Laufe der Generationen auf jedem der beiden Chromosomensätze gleiche Gene zusammenkommen, die Nachkommenschaft also homozygot wird.

Eine Selbstbefruchtung kann bei manchen Nutzpflanzenarten durch händische Bestäubung erzwungen werden oder auch natürlicherweise üblich sein, wie bei Bohnen und Tomaten. Die Anordung und der Bau der Blüten verhindert aber bei Melonen eine „automatische“ Selbstbefruchtung. Fast alle Kürbisgewächse, zu denen die Melonen ja gezählt werden, sind monözisch [7], d. h., bei ihnen sind die männlichen und weiblichen Geschlechtszellen räumlich getrennt, sie sitzen zwar auf der gleichen Pflanze aber in verschiedenen Blüten.

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Weibliche Melonenblüte

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Männliche Melonenblüte

Melonen setzen zwar bei einer Bestäubung mit eigenem Pollen (teilweise) Früchte mit fruchtbaren Samen an, aber dazu müsste ich eine Bestäubung durch Insekten verhindern und den Pollen der männlichen Blüte mit meinen eigenen (groben) Händen zu den weiblichen Blüten derselben Pflanze tragen. Die Befruchtung wäre dabei jedoch ungewiss, wie ich zahlreichen Literturangaben entnehmen konnte: Bienen und Hummeln sollen bei der Bestäubung weitaus erfolgreicher sein als ein Mensch (nun ja, das ist kein Wunder bei ihrer jahrelangen Erfahrung und dem dichten Pelz, in dem die Pollenkörner hängen bleiben!)

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Wildbiene in einer Melonenblüte

Selbst wenn ich wollte, könnte ich dieses Verfahren nicht ausführen, weil ich nicht ständig vor Ort bin. Die weiblichen Melonenblüten erscheinen fast den ganzen Sommer über und öffnen sich nur wenige Tage für ein paar Stunden am Morgen; da müsste ich dann bereit stehen.

Ich muss also das weitaus langwierigere Zuchtverfahren anwenden, das bei Fremdbefruchtern notwendig ist, die ständige (positive) Massenauslese; dabei suche ich mir in jedem Jahr die Früchte zum weiteren Anbau aus, die meiner „neuen Sorte“ am meisten entsprechen – und überlasse die Befruchtung dem Zufall.

Die Auswahl meiner „Zuchtpflanzen“ treffe ich immer nur nach den Eigenschaften der Mutterpflanze (die ja die Melone erzeugt); ihre Eigenschaften kann ich sehen und prüfen. Die Eigenschaften der Vaterpflanze kenne ich aber nicht – ich weiß ja bei einer zufallsgesteuerten Fremdbefruchtung nicht, von welcher „Vaterblüte“ der Pollen auf die „Mutterblüte“ gekommen ist. Die Sache wird darüber hinaus erschwert, dass die Eigenschaften der Melonen erst nach der Blüte zu erkennen sind. Sonst könnte ich die „falschen Fuffziger“ von der Fortpflanzung ausschließen, indem ich die Melonenpflanzen vor der Blüte entferne, die nicht genug der gewünschten Eigenschaften besitzen.

Wenn ich jetzt ein großes Feld im Süden (von Frankreich z. B.) hätte, könnte ich die Vaterschaft meiner zukünftigen Melonensorte auf folgende Weise aufwerten: ich könnte die Hälfte der Samen von meiner ausgewählten Melone aussäen und bei der Ernte schauen, ob Melonen dabei sind, die meiner gewünschten Sorte, der Mutter also, weitgehend ähneln. Bei diesen kann ich davon auszugehen, dass ihre Gene mit den Genen meiner Auserwählten am meisten übereinstimmen.

Im nächsten Jahr säe ich dann die andere Hälfte der Samen der „Mutter-Melone“ zusammen mit einem gleich großen Teil der Samen der passenden „Kind-Melonen“ aus; dadurch wird der Anteil der „richtigen Vater-Melonen“ und damit der richtigen Gene erhöht. So steigt die Gleichförmigkeit der Gene des Vater- und Mutter-Chromosoms etwas schneller an, als wenn ich jedes Jahr nur die Samen der „richtigen“ „Mutter“-Melone aussäen würde.

Diese Verfahrensweise wurde früher als „Methode des überlagerten Saatguts“ oder als „Restsaatgut-Methode“ bezeichnet.

Letztlich ist sie aber auch nicht wirklich schneller, da bei dieser Methode nur alle zwei Jahre eine geschlechtliche Fortpflanzung stattfindet und damit eine „Anreicherung der richtigen Gene“.

Bei den acht Melonen, die ich jährlich anbauen kann, ist ein solches Unterfangen natürlich ein reines Glücksspiel, also nix Massenauslese, aber ich werde es trotzdem so versuchen. Außerdem muss ich mit einer Verschlechterung meiner Melonensorte durch Inzucht rechnen – ich kreuze immer nur sehr wenige Geschwister untereinander.

Ich könnte den Erfolg auch etwas beschleunigen, wenn ich die Methode anwenden würde, die Franz Frimmel in seinem Buch „Die Praxis der Pflanzenzüchtung“ [8] (mein liebsten Buch zu diesem Thema) empfiehlt: Man bestäubt möglichst viele weibliche Blüten per Hand und notiert sich jeweils, von welcher anderen Pflanze man den Pollen genommen hat. Vorher und nachher darf sich selbstverständlich kein Insekt an der Blüte zu schaffen machen; deshalb werden die weiblichen Blüten mit Gazebeutelchen umhüllt.

Die weitere Vermehrung erfolgt dann nur mit den Samen der Früchte, bei denen die notierten Eltern den gewünschten Eigenschaften am nächsten kommen.

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Melone mit Reife-Zeichen: der ringförmige Riss um den Stielansatz deutet die Genussreife an

Dieses Verfahren könnte ich praktizieren, aber ich fürchte, dazu fehlen mir an den Wochenenden Zeit, Ruhe und Geduld – und natürlich eine genügend große Chance auf einen Treffer, der bei sieben infrage kommenden Kreuzungspartnern ziemlich gering ist.

Weitere Berichte über meine züchterischen Erfolge im Hinblick auf die perfekte, neue Zuckermelonen-Sorte werde ich im Jahresrhythmus liefern; darauf könnt Ihr Euch verlassen, so lange mich das Glück nicht verlässt und mein Liebling nicht meint, es gäbe Sinnvolleres zu tun auf dieser Welt, als zuerst Melonen zu kreuzen und ihre Vielfalt zu vermehren, nur um diese schöne Vielfalt dann umgehend  wieder maximal einzuschränken.

Doch erst habe ich noch etwas viel Wichtigeres zu tun: ich muss die „Berliner Netzmelone“ wiederbeleben.

All die primitiven Mittel und Vorgehensweisen, die ich hier zur Neuzüchtung von Melonensorten im eigenen Garten ausgebreitet habe, treffen auch auf die Neuzüchtung von Sorten anderer Nutzpflanzen zu, die Fremdbefruchter sind, wie z. B. Zwiebeln oder Johannisbeeren (bei Selbstbefruchtern ist es – wie schon erwähnt – erheblich einfacher; aber darüber berichte ich, wenn ich mich mal mit der Bohnen- oder Tomatenzucht beschäftige).

[7] monözisch oder einhäusig: die männlichen und weiblichen Geschlechtsanlagen befinden sich auf derselben Pflanze aber in verschiedenen Blüten; bei diözischen (zweihäusigen) Pflanzen sind die Geschlechtsanlagen sogar auf zwei verschiedene Pflanzen aufgeteilt. im Gegensatz dazu: hermaphroditische oder zwitterige Blüten; beide Geschlechtszellen befinden sich in einer Blüte. Dies ist unter den Blütenpflanzen am weitesten verbreitet.

[8] Frimmel, Franz: Die Praxis der Pflanzenzüchtung, Verlag Paul Parey, Berlin, 1951

An dieser Stelle gab es bis vor kurzem noch zwei türkische Filme aus der Reihe „Bugünde nerdeyiz?“ (Heute. Wo sind wir?) über ein Melonenfest in einem kleinen Ort im „europäischen“ Zipfel der Türkei, in Ahievren (Bezirk Malkara). Seitdem ich aber selbst (fast) vor Ort, nämlich in Istanbul, war, sind sie in dem Bericht über diesen Trip („Zwei Wochen in fünf Tagen“) zu besichtigen.