Kartoffelbeeren(aus)lese

Ich geb’s ja zu: Ich baue Kartoffeln nur wegen ihrer Beeren an; ihre Knollen sind für mich nur ein netter Nebeneffekt. In der Hauptsache geht’s mir um eine möglichst große Kartoffelbeerenernte.

Natürlich wirst Du, liebe*r Leser*in, Dich jetzt fragen, warum, wozu, weshalb? Kann man aus Kartoffelbeeren etwa auch was Köstliches herstellen wie aus unreifen Tomaten? Vielleicht einen berauschenden Kartoffelbeerwein?

Nein, dieses Mal liegst Du falsch, dieses Mal geht es mir nicht um die sinnvolle Verwertung von Erntegut, von schon Gewachsenem also, sondern um die Schöpfung von neuen Gewächsen, noch nie dagewesenen.

Ich brauche die Kartoffelbeeren – mit den darin enthaltenen Samen – nur, um neue Kartoffelsorten zu produzieren. Ich will mir nämlich so viele Kartoffelsorten zulegen, bis ich endlich die Schnauze voll habe oder von irgendjemandem für wahnsinnig erklärt und psychatrisiert werde.

Nein, im Ernst: Ich will natürlich die ultimative Kartoffel finden!
Ich will eine Kartoffel haben, die auch die kommenden Klimaveränderungen überlebt, die in meinem Garten Höchsterträge bringt, die meine Nachbarn vor Neid erblassen lässt, mit der ich noch mehr angeben kann.

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Kartoffelsorte „Rouge de Flandres“; sowas beeindruckt mich

Ach, immer noch nicht mein Ernst; aber jetzt: Mir macht es einfach Spaß, überrascht zu werden (na klar, positiv natürlich!); deshalb ziehe ich aus Kartoffelsamen neue Kartoffelpflanzen, von denen ich nicht weiß, wie ihre Knollen außen und innen aussehen und wie sie innen schmecken werden.

Nur deshalb versammele ich diese Unmenge von Kartoffelsorten in meinen Gärten, nur, damit sie sich noch bunter mischen, damit ein paar extrem geile, bunte Kartoffeln mit farbigem Fleisch dabei entstehen.

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Ein paar aus Samen gewonnene Kartoffelsorten nach ihrer Vermehrung im 2. Jahr

Klar, sehe ich mich auch als Retter der Menschheit; denn selbstverständlich wird eine meiner neuen Kartoffelsorten dereinst das Überleben der Menschheit garantieren, keine Frage!

Quatsch, alles Spaß, nur Spaß; Spaß ist das einzige, was ich haben will, weil ich das Leben einfach nicht ernst nehmen kann, weil sich mir der Ernst des Lebens noch immer nicht erschlossen hat, weil ich den Bier-Ernst vieler Leute nicht verstehe, weil mir das Leben viel zu kostbar ist, um es nicht mit Freuden zu genießen.

Und – gibt es eine größere Freude, als etwas wachsen zu sehen?

Ja – und zwar, etwas Neues wachsen zu sehen.

Leute, zieht neue, eigene Kartoffeln aus Samen – es gibt nichts Schöneres!

Wie bekomme ich eine neue Kartoffelsorte?

Nach so viel Gesülze nun endlich zu Konkretem: Man kann nicht nur Kartoffeln ernten, wenn man im Frühjahr eine Kartoffelknolle in die Erde bringt, sondern auch indem man ihre Samen aussät.

Ich füge das hier ein, weil ich weiß, dass dies nicht jeder weiß.

Viele denken ja, dass die „Früchte“ der Kartoffeln ihre Knollen sind; viele wissen nicht, dass Kartoffeln auch echte Früchte produzieren, also Früchte, die aus ihren Blüten entstehen.

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Einer meiner drei blühenden Kartoffelgärten Mitte Juni 2018

Woher soll mensch das auch wissen? Ist unnützes Wissen, braucht niemand. Hauptsache es gibt Kartoffeln.

Also für alle, die es noch nicht wissen, aber wissen wollen: Kartoffelpflanzen haben auch Blüten, und diese Blüten werden von Insekten besucht wie andere Blüten auch und werden von diesen mit dem Pollen anderer Kartoffelblüten bestäubt. Die meisten Kartoffelblüten befruchten sich jedoch selbst, d. h., der Pollen einer Blüte kann sich ohne fremde Hilfe mit der weiblichen Eizelle derselben Blüte vereinigen.

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Ziemlich riesig: eine blühende Staude der „Institut de Beauvais“

Die Kartoffeln sind zwar in dieser Hinsicht etwas „zickig“ (Entschuldigung, holde Weiblichkeit): Manche Kartoffelsorten blühen nämlich überhaupt nicht, manche nur unter bestimmten Umständen, manche verlieren ihre Blüten, ohne jemals Früchte anzusetzen, bei anderen fallen die Früchte ab, bevor sie ausgereift sind. Einige wechseln ihr Verhalten auch von Jahr zu Jahr. Nur wenige Kartoffelsorten tragen reichlich und regelmäßig Früchte.

Wahrscheinlich liegt dieses eigenwillige Blüh- und Befruchtungsverhalten an den vier Chromosomensätzen, die Kartoffeln haben. Man sieht ja schon, wie schwer es ist, dass zwei gleich berechtigte Menschen ihre Interessen zur Deckung bringen – bei vieren sind Unverträglichkeiten fast vorprogrammiert; denn die vier Chromosomensätze der Kartoffel sind (so gut wie) nie einheitlich: Kartoffelnachwuchs sieht deshalb immer anders aus als die Eltern (genau so wie bei den Menschen).

Wie dem auch sei, wenn dann also schlussendlich eine Selbst- oder Fremdbefruchtung stattgefunden hat, kann sich auch eine Frucht, eine Beere, bilden, mit Samen, mit fruchtbaren Samen, aus denen wiederum Kartoffelpflanzen entstehen, die auch Kartoffelknollen an ihren unterirdischen Ausläufern (Stolonen genannt) tragen.

Jetzt bin ich schon wieder in die Theorie abgeschweift.

Wie sehen die Früchte der Kartoffeln aus?

Zurück zur Praxis: Wenn sich an einer Kartoffelpflanze Früchte bilden – meist sind es mehrere, die wie die Blüten doldenförmig zusammenstehen – fallen sie zwischen den Blättern kaum auf; denn es sind kleine, grüne Bällchen mit einem maximalen Durchmesser eines 1-Euro-Stücks. Diese Bällchen verändern ihre Farbe auch bei der Reife kaum; bestenfalls werden sie leicht hellgrünlich oder schmutzig bräunlich. Oft fallen sie außerdem ziemlich früh ab und werden dann vom Bodenleben verdaut.

Man muss also schon sehr genau hinschauen, um sie zu entdecken.

Nachfolgend ein paar Bilder von Kartoffelfrüchten an der Staude:

Dann noch ein paar Nahaufnahmen von geernteten Beeren:

So, jetzt haben wir die Früchte; aber um die geht es ja nicht. Wir brauchen ihren Inhalt, die 100 bis 300 winzigen Samen, die jedes Bällchen ungefähr enthält; denn nur aus den Samen können wir neue Kartoffelpflanzen wachsen lassen – und darum geht es ja schließlich.

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Uralte Abbildung einer Kartoffel von Caspar Bauhin: Prodromos Theatri Botanici, S. 89 (1620)

Wie komme ich an die Samen der Kartoffelfrüchte?

Die Samen sitzen in der Beere der Kartoffel in einer schleimigen Gallerte, in etwa so wie bei ihrer Verwandten, der Tomate, und haben ebenso wie diese eine keimhemmende Hülle um sich herum; diese muss erst aufgelöst sein, bevor die Samen keimen können.

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Beere, aufgeschnitten (ausgeborgt von Planet Wissen – bis ich selbst ein Foto schießen kann; habe ich total vergessen)

Diesen Zersetzungsprozess kann man auf zweierlei Weise erreichen: Man lässt die Beeren entweder ein paar Wochen liegen, bis sie weich und hellgrün geworden sind…

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Etwas zu lange liegen geblieben, aber vom Prinzip her richtig behandelt

…oder man lässt die Samen in einem Glas mit etwas Wasser ein paar Tage gären.

Ich habe mich in diesem Jahr für das Nachreifen der Beeren entschieden, habe dabei aber etwas übertrieben. Mehrere Monate haben die Kisten mit den Lagerbehältern den Fruchtfliegen als Anziehungspunkt in meiner Wohnung gedient. Viele Früchte waren vertrocknet oder von Maden und Kleinstlebewesen in Brei verwandelt worden, bis ich es heute endlich geschafft habe, den Rest der Samen aus ihren Hüllen zu befreien. Nun hoffe ich auf eine geruchfreiere Wohnung.

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Überlagerte Kartoffelfrüchte (28. Dezember 2018)

Doch nun zum praktischen Teil: Wie hole ich die Samen am besten aus den Beeren heraus?

Ich habe schon aufwändige Verfahren beobachten dürfen, wie z. B. im folgenden Video der „Hanseatin im Garten“; sie präpariert die Samen einzeln mit der Messerspitze aus den aufgeschnittenen Beeren heraus, als Vorsichtsmaßnahme mit Handschuhen versteht sich – wie ihr wahrscheinlich von den Angstmachern vor Solanin eingeflößt wurde, weil die Kartoffelfrüchte ja giftig sind, und drapiert sie zum Trocknen auf ein Stück Küchenpapier.

Joana zeigt, wie sie eine Kartoffelfrucht operiert

Süß, aber wenig effektiv.

Ich bediene mich eines Verfahrens, das der Verarbeitung einer Massenernte angemessen, aber auch für kleinere Mengen an Beeren geeignet ist: Mit relativ wenig Aufwand komme ich zu einem ansehnlichen Haufen an Samen.

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Vorweggenommenes Endergebnis des nachfolgend beschriebenen Prozesses

Das Ausleseverfahren besteht aus den folgenden fünf Schritten:

  1. Die Kartoffelbeeren werden in einer Schüssel mit Wasser bedeckt und anschließend unter Wasser kräftig zerdrückt, ausgequetscht und zerrieben. Wer frische Früchte verarbeitet, legt an dieser Stelle eine zwei- bis dreitägige Pause ein.
  2. Die gesamte Masse wird in ein Haushaltssieb gegossen, das über einem größeren Gefäß platziert wird; anschließend wird das aufgefangene Fruchtfleisch weitere Male in der Schüssel mit Wasser bedeckt, kräftig gerührt und in das Sieb zurückgegossen. Man kann die Samen auch unter fließendem Wasser in das Auffanggefäß spülen.
  3. Sobald das Auffanggefäß mit Wasser gefüllt ist, wird dieses nach einem Moment des Beruhigens zügig abgeschüttet, bis die Samen am Grunde des Gefäßes sichtbar werden. Nun kann man weitere Male Wasser auffüllen und abgießen, bis die feinen Fruchtfleisch- und Kleintierteilchen abgeschwemmt sind.
  4. Nun wird das Restwasser mit dem allergrößten Teil der Kartoffelsamen – einige können noch im Fruchtfleisch enthalten oder beim Auswaschen verloren gegangen sein – in ein feines Teesieb gegossen (Vorsichtig! damit keine Samen über den Rand gespült werden).
  5. Zum Schluss werden die Samen aus dem Sieb auf einen Teller oder ein Handtuch geklopft (besser nicht auf Papier, da sie sich nach dem Trocknen oft schlecht von diesem lösen lassen) und ein wenig ausgestrichen, damit sie trocknen können. Das sollte bei Zimmertemperatur geschehen und kann ein bis zwei Wochen dauern.

    Danach kann man sie in beschriftete (Datum, Sorte u. a.) Papiertütchen füllen (nicht in Plastebeutel, bevor sie nicht ganz sicher trocken sind, d. h., nicht mehr als 10 bis 15 Prozent Feuchtigkeit enthalten und somit „qualitativ hochwertiges Saatgut“ sind). Dann kann man das/die Tütchen noch in ein Schraubglas stecken und dieses fest zudrehen. So können sich die Kartoffelsamen bis zu zehn Jahre halten.

Dieses Procedere funktioniert allerdings nur mit Beeren, die nicht vertrocknet sind.

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Trockene Kartoffelsamen mit tierischen Beimengungen (zig-fach vergrößert)

Was mache ich, wenn die Kartoffelbeeren eingetrocknet sind?

Kartoffelfrüchte trocknen teilweise ziemlich rasch ein und werden dann hart wie Stein.
Bei mir ist während der mehrmonatigen Lagerungszeit bestimmt die Hälfte der Kartoffelbeeren in diesem Jahr zu Stein geworden.

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Versteinerte Kartoffelbeeren

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Wenn Kartoffelbeeren vertrocknet sind, ist das auch nicht schlimm: Man kann sie vor der Aussaat einweichen

Macht aber nichts; denn das einzige Problem mit solchen „Trockenfrüchten“ ist ihr erhöhter Bedarf an Lagerplatz.

Vor der Aussaat werden die knochentrockenen Beeren ein paar Tage eingeweicht und können dann so behandelt werden wie zuvor beschrieben. Der Vorteil dabei ist sogar, dass auch die Samen dann schon eingeweicht sind und schneller keimen; nur sollte man sie danach nicht noch einmal trocknen – das würde die Keimlinge darin umbringen.

Ich warte auf das Neue Jahr und auf neue Kartoffelsorten

Wer sich nun auf diese beiden Arten mit Samen eingedeckt hat, der kann das Frühjahr beruhigt kommen lassen… und den Rest des Winters von einer außergewöhnlichen Kartoffelernte träumen.

Schön wär’s!

Denn kaum ist die Kartoffelbeerenauslese beendet, beginnt die Frage im Kopf zu rumoren: Wohin mit all‘ den zukünftigen, neuen Kartoffelpflanzen? Schon bei der gepflegten Anzucht in meinem Wohnzimmer wird der Platz eng. Wie kann ich da ruhig schlafen?

Ich glaube, im kommenden Jahr werde ich es mal mit der Direktsaat von Kartoffelsamen ins Freiland probieren. Samen habe ich ja genug…

Bis dahin: Prosit Neujahr! Rutscht gut rein ins hoffentlich wunderbare, neue Gartenjahr!
Ich spüre schon so ein leichtes Kribbeln…

P. S.: Wer gerne an meinen Kartoffelsamen partizipieren möchte, schickt mir einfach einen frankierten Briefumschlag mit dem Stichwort „Kartoffelsamen“; meine Adresse findet sich Im Pressum

P. P. S.: Wer dann noch nicht genug hat und noch mehr über die Vermehrung von Kartoffeln durch Samen wissen möchte, der befrage die Suchmaschinen mal nach „Potato“ und „TPS“; letzteres bedeutet „True Potato Seeds“.