Herr der Fruchtfliegen

oder die Schönheit der Vergänglichkeit.

Als ich heute morgen in die Küche kam, erhob sich von einem Teller gelb werdender, wurmstichiger Birnen, die ich noch irgendwie verwerten wollte, ein Schwarm Fruchtfliegen. „Woher können in so kurzer Zeit nur so viele Fliegen kommen?“ dachte ich und überlegte, wie ich die Birnen vor ihnen sichern könnte, wenigstens so lange, bis mir einfiele, was ich aus ihnen herstellen könnte.

Der Biomüllbehälter war schon bis zum Bersten gefüllt, der Sammeleimer auf dem Balkon, der regelmäßig in den Garten abgefahren wird, teilte sein Schicksal.

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Auf dem Balkon gammeln nicht nur diese Früchte…

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…sondern auch der überfüllte Biomüll-Sammeleimer setzt eine Duftmarke

„Nach dem Frühstück werde ich mich damit beschäftigen“, versprach ich mir und bereitete erst einmal dasselbige vor: Wunderbare Käsebrötchen mit fetten Tomatenscheiben (aus denen ich die Samen herausgepuhlt hatte).

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Tassen mit gärenden Tomatensamen und Fruchtfliegen

Während ich also am Tisch sitze und das Leben genieße, fallen meine Blicke auf andere Früchte, die langsam in Fäulnis übergehen: Mirabellen, Melonen, Äpfel. Auch eine Anzahl Tomaten, die verstreut in der Küche liegen und darauf warten, zu Tomatensugo eingekocht zu werden, nähern sich unaufhaltsam ihrem Verfallsdatum.

Überall in meiner Wohnung hat sich Erntegut angesammelt und zeigt Zeichen von Vergänglichkeit.

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Lager(ohne)raum

Und dann fällt es mir auf: wie schön dieser Zerfallsprozess ist.

Ich hole die Kamera und halte sie ganz nah heran an die entsprechenden Stellen und versuche etwas von ihrer Schönheit einzufangen. „Wenigstens als Fotomotive sollt ihr bewahrt bleiben, ihr langsam verwesenden Geschenke der Natur! Es tut mir leid, dass ihr nur so genutzt werdet, aber ich schaffe es nicht, euch alle zu essen, zu konservieren oder zu verschenken. Verzeiht mir!“

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Melone

Eine Weile sah ich dem Treiben der Fruchtfliegen zu, bis meine Gedanken begannen, sich mit allgemeinen Fragen des Lebens, aber vor allem des Todes und der Vergänglichkeit zu beschäftigen.

Nur ungern denken und reden viele Menschen über den Tod. Mir scheint der Glaube verbreitet, man rufe den Tod herbei, wenn man über ihn spricht; auch ich muss gestehen, dass ich das selbst in diesem Augenblick denke: was wäre, wenn ich demnächst sterben würde, hätte das dann etwas mit diesem Blog-Beitrag zu tun?

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Pfirsich von einem der beiden Sämlinge, die sich selbstständig ausgesät haben

Mein faulendes Gemüse bietet nun einen Anlass, mich wieder einmal ein wenig mit dem Tod zu beschäftigen, nicht nur als Gärtner, der den ständigen Kreislauf von Werden und Vergehen, Krankheit und Verfall jedes Jahr vor Augen hat, der ohne diesen Kreislauf weder Kompost noch eine Ernte hätte.
Nein, auch in meinem „anderen“ Leben scheinen mir die Krebs– und Todesfälle zuzunehmen.

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Restliche Mirabellen

Das hat sicher mit meinem Alter zu tun; aber es sind vor allem jüngere, die sterben oder durch eine Krebsdiagnose mit dem Tod konfrontiert werden. Drei Männer in den Fünfzigern sind schon gestorben, zwei Frauen sind gerade in Behandlung.

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Apropos Krebsbehandlung: Ich halte die heutige Krebsbehandlung für das gleiche wie den mittlelalterlichen Aderlass: Eine reine Glaubens(be)handlung, Scharlatanerie (hätte ich Einfluss, müsste ich jetzt den Scheiterhaufen fürchten).
Bringen Chemo- und Strahlen-„Therapie“ die Menschen mit der Diagnose „Krebs“ nicht mit Sicherheit um? Werden die Abwehrkräfte, die jeder lebende Körper besitzt und gegen eine Krankheit entwickeln kann – die allerdings beim Ausbruch einer Krankheit möglicherweise geschwächt sind, durch solche brutalen Eingriffe nicht noch mehr geschwächt und insgesamt schwerer betroffen als die (vitalen) „Krebszellen“? (Hackethal, ick hör‘ Dir trapsen!)

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Auf derartige Behandlungen zu verzichten, ist selbstverständlich genauso wenig eine Garantie, das Leben zu verlängern; aber manchmal scheint mir die Chance dazu größer zu sein.

Mein lieber S., ich habe keine wissenschaftlichen Studien, die meine Ansicht beweisen oder untermauern; aber ich weiß so viel vom „Lebendigen“, dass ich mit Gewissheit sagen kann, dass es niemals (niemals!) gelingen wird, einen lebenden Organismus einem technischen Gegenstand gleich zu behandeln. Das „Lebendige“ zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass es selbstständig agiert und reagiert, dass es auf jeden Einfluß – mag er auch noch so zielgerichtet nur eine einzige Zelle betreffen – eine unvorhersehbare Reaktion zeigt.

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Zeichen der Zersetzung an einer Galia-Melone

Ich bin nicht gegen den wissenschaftlichen Fortschritt – der lässt sich genau so wenig stoppen wie der Wissensdurst oder der Wunsch von Menschen, etwas zu verbessern; meine Sätze richten sich allein gegen die Hybris, gegen den Wahn, wir könnten etwas bestimmen, wir könnten Krankheiten und den Tod besiegen.

Wir können versuchen, (vorsichtig) Einfluss zu nehmen, wir können fürsorglich sein, aber mehr nicht – und das sage ich jetzt als Gärtner, der einige Erfahrungen mit dem Wachsen, Werden, Gedeihen und Vergehen von Lebendigem gemacht hat; im Garten lässt sich kein Gedeihen erzwingen.

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Pilze, Bakterien und andere Kleinstlebewesen sind schon weit ins Innere vorgedrungen

Einer der beiden Männer, die um das Leben ihrer Frauen fürchten, sagte mir, die Ärzte hätten seiner Frau noch maximal ein Jahr Lebenszeit gegeben („dafür werden sie sorgen“, musste ich in Gedanken hinzusetzen).

Der andere sagte, seine Frau werde nicht sterben.

Obwohl ich dem zweiten zugute halte, dass seinen Worten eine gewisse Beschwörungskraft innewohnen möge, sind beide Aussagen meines Erachtens Ausdruck der gleichen Vermessenheit wie der oben genannten: wir könnten heilen bzw. den Tod abwenden.

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Wie ich versuche, eine vergehende Galia-Melone noch zu genießen

Niemand kann jemals wissen, wann jemanden der Tod ereilt (es sei denn, jemand wird vorsätzlich zu Tode gebracht). Diese Ungewissheit trifft auch bei der Diagnose „Krebs“ zu (ist die Diagnose überhaupt korrekt, was ist „Krebs“ genau? Wie reagiert der Körper?); diese Diagnose ist kein Todesurteil (auch wenn die Wahrscheinlichkeit zu sterben erhöht sein mag).

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Farblich kaum von der Hassan-Bey-Melone zu unterscheiden: aber an den schillernden Flügeln sollt Ihr sie erkennen

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Hassan-Bey-Melone aufgeschnitten

Ich denke schon seit meiner Jugend an den Tod. Ich habe sogar schon an einem Spruch für meinen Grabstein gefeilt; aber das ist lange her (heute will ich lieber ohne Grabstein irgendwo im Wald verbuddelt werden).
Mein Ziel ist es zu leben, so zu leben, dass ich sagen kann: „Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so zufrieden, dass ich es jederzeit abschließen kann. Das Leben ist ein Geschenk und jeder Tag ist ein Bonus-Tag.“

Das kann ich bisher sagen.

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Nur halb verzehrte Ananas-Melone

Genug. „So lange ich lebe, ist der Tod nicht da, und wenn ich tot bin, interessiert er mich nicht mehr. Was geht er mich also an?“ soll der römische Stoiker Seneca einmal gesagt (oder geschrieben) haben. (Ja, das Büchlein von Seneca „De brevitate vitae“ hat mir sehr gefallen).

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Noch schrumpeln sie bloß

Es gäbe noch viel zu sagen über den Krebs, Krankheit und Tod, gerade im Herbst (des Lebens). Ich möchte niemanden quälen, ich möchte aber jeden ermutigen, ab und zu an den Tod zu denken, ab und zu daran zu denken, dass wir sterblich sind – und dass wir nicht früher sterben, wenn wir an den Tod denken oder über ihn reden.

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Nicht mehr ganz perfekte Paprika, aber mein Lieblingsbild

Jeder stirbt zu seiner Zeit – und lebt zu seiner Zeit – und darum geht es: (bewusst) zu leben, so zu leben, dass man jederzeit sterben kann.

Memento mori, „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“.

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Tod und Neuanfang in einem: getrocknete Zwiebelsamenstände

Ich hoffe, die 21 ausgewählten Vanitas-Stillleben, mit denen ich den Beitrag geschmückt habe, entschädigen ein wenig für die schwer verdauliche Kost. Ich habe mir heute morgen, umschwirrt von Fruchtfliegen, Mühe gegeben, die Schönheit der Vergänglichkeit in 581 extrem vergänglichen Digitalbildern festzuhalten.

Vielleicht hätte ich lieber einkochen sollen; aber ich finde, auch die Schattenseite reicher Ernten kann mal ins Licht gerückt werden.
Insofern ist dieser Beitrag auch ein „Ernte-Dank“, ein Dankeschön für die große Menge an Früchten, die mein Garten in diesem Jahr hervorgebracht und mir geschenkt hat (ja, einen Garten in einem Sumpfgebiet liegen zu haben, hat manchmal auch Vorteile): Wenn so viel wieder vergeht, ohne genutzt zu werden, muss die Gesamtmenge schon außerordentlich gewesen sein.

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Fruchtfliegen am Fenster, das ihrer weiteren Ausbreitung Grenzen setzt