Gigantismus bei Bohnen

Als die „Riesen-Bohnen“ im letzten Jahr appetitlich zubereitet vor mir auf dem Tisch des griechischen Resturants „Ambrosius“ standen, fragte ich mich, was sie mit den Bohnen angestellt hätten, um sie zu dieser gewaltigen Größe aufquellen zu lassen.
Niemals zuvor hatte ich solch gigantische Bohnen gesehen.

Als ich erfuhr, dass die Bohnen von Natur aus Größe besitzen und selbst zubereitet wurden, musste ich natürlich sofort in Erfahrung bringen, wo die dazu notwendigen Trockenbohnen (Saatgut!!!) in Berlin zu bekommen sind; denn diese Bohnen wollte ich zu gern in meinem Garten aussäen.

„Wir kaufen die Giganten-Bohnen bei Grigorius Commatas in der Meraner Straße“, sagte mir die Chefin und überreichte mir eine Visitenkarte dieses griechischen Supermarkts.
Mehr wollte ich nicht wissen.

Bei nächster Gelegenheit machte ich einen Ausflug dorthin.
Neben den gesuchten weißen Riesenbohnen und einer Flasche Retsina befand sich beim Verlassen des Markts auch noch eine andersfarbige Riesenbohne in meinem Einkaufsbeutel, die der „Steirischen Käferbohne“ verdammt ähnlich sieht; doch das habe ich erst später erfahren (auch, dass es diese Riesenbohnen ebenso in türkischen Supermärkten zu kaufen gibt).

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Griechische Gigantenbohnen auf ihrer Umverpackung (zusammen mit einigen „Blauhilde“-Samen)

Giganten-Bohnen gehören zur Art „Feuerbohne (Phaseolus coccineus)“

Mittlerweile hatte ich mitbekommen, dass es sich bei diesen beiden Bohnensorten nicht um gewöhnliche Gartenbohnen (Phaseolus vulgaris), sondern um Feuerbohnen (Phaseolus coccineus, Prunkbohnen, Käferbohnen, Pronkbonen, Runner Beans, Haricots d’Espagne, Fagiolo di Spagna, Bomba Fasulye oder eben auf griechisch Γίγαντες Πλακί, sprich Gigantes Plaki) handelte.

Feuerbohnen waren mir immer suspekt, werden sie doch zumeist als hübsch blühender Sichtschutz beschrieben und weniger als Leib- und Magenspeise.
Nun hatte ich aber ihre kulinarische Seite kennengelernt – und Nahrungspflanzen gegenüber bin ich ja weitaus aufgeschlossener.

So kam es, dass in diesem Jahr endlich auch Feuerbohnen eine Chance bekamen, in meinem Garten heimisch zu werden.

Samen von zwei Sorten hatte ich nun auch schon.

Als ich im Frühjahr im Katalog von DRESCHFLEGEL-Saatgut noch eine schwarz-kernige Feuerbohne mit dem Namen „Königsberg“ entdeckte – nein, Königsberg wurde von den deutschen Nationalsozialisten bis auf die Grundmauern zerstört, Königsberg wurde von den Nazis einfürallemal ausgelöscht; die von der Sowjetunion an der Stelle von Königsberg wieder aufgebaute Stadt heißt „Kaliningrad“ (und die Bohne auch).

Feuerbohnen sollen sich ja meinen Informationen nach in der Regel nicht selbst befruchten, sondern sich von Insekten fremd befruchten lassen.
Oho, dachte ich, schwarz-weiß gestreifte oder gepunktete Riesenbohnen, das wär‘ was!

Auf jeden Fall konnte ich es nicht lassen, meiner Sammel- und Vermischungsleidenschaft zu frönen und mir diese Sorte auch noch zuzulegen.

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Bohnensaatgut: Mittig weiße Riesenbohnen, flankiert von Käferbohnen (links) und schwarzen „Kaliningrad“ (rechts)

Griechische Giganten-Bohnen in griechischen Steinboden säen

Irgendwann im Laufe dieses wunderbar heißen, trockenen Frühjahrs kam dann die Zeit, in der ich mit Nachtfrösten nicht mehr rechnen musste – das ist ja auf meinem Breiten-Längengrad-Schnittpunkt so um den 15. Mai herum – und ich die Bohnenkerne der Erde anvertrauen konnte.

Nun, „Erde“ ist etwas übertrieben; für die Stangenbohnen – und zu diesen gehören die Feuerbohnen – hatte ich die Zufahrt zum Carport als Standort auserkoren.
Diese hatte ich vor drei Jahren auf ihrem letzten Stück von verwildertem Grasbewuchs befreit und zur „Anbaufläche“ umgewidmet. Aufgrund ihrer ursprünglichen Bestimmung als Fahrweg für ein Auto war sie von den Vorbesitzern mit einer ca. 20 cm hohen Schotterschicht belegt worden.

„Ha, das ähnelt doch perfekt dem steinigen, griechischen Boden, das ist für die griechischen Bohnen doch wie Mutterboden!“ flüsterte eine Stimme in mir.
„Bist Du jeck, das ist doch das reinste Vorurteil, Du hast doch gar keine Ahnung vom griechischen Boden, Du warst doch noch nie in Griechenland!“ raunzte eine andere Stimme zurück.

„Hört auf zu streiten!“ entschied ich, „mir kommt das mit dem steinigen Boden ziemlich plausibel vor, ich verbinde mit Griechenland auch heiß, trocken – und steinig. Guckt Euch nur mal ein paar Fotos an: Man sieht darauf hauptsächlich Steine!“

So kam es, dass ich die drei Gerüste, die als Rankhilfen vorgesehen waren, auf dem Schotterweg platzierte und die Bohnen an passenden Stellen verscharrte, d. h., an Stellen, an denen etwas Senkrechtes aufragte und ihnen als Halt dienen konnte.

Die nachfolgende Bildergalerie zeigt wie die Bohnenpflanzen eine ehemalige Schaukel, ein Dreibein aus Eschenstangen sowie das innovative Teleskopstangenbohnengestell der Firma SCHAU-Metallverarbeitung das Jahr über nutzen.

Die „Kaliningrad“ genannte Bohne keimte dann recht zügig, aber die andern beiden Sorten ließen sich Zeit.

Ich hatte ja schon schlechte Erfahrungen mit der Keimfähigkeit von Speisebohnen gemacht – zwei Packungen Kidneybohnen hatten sich in Vorjahren als qualitativ minderwertiges Saatgut entpuppt – so dass ich schon am Erscheinen meiner neuen Gartenkinder zweifeln wollte.

Doch irgendwann zeigten wenigstens einige dieser Bohnen ihre Keimblätter und dann sich windende Triebe; ich hatte an allen Stellen fünf bis zehn Bohnen vergraben.

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Windeversuch um morsche Eschenstange

Den Aufstieg zur Schaukel hatte ich ihnen mit zwei in den Boden gehämmerten Eisenstangen erleichtert, die sie auch dankbar annahmen. Dem auf dem Boden aufliegenden Rohrgerüst wichen sie jedoch teilweise hartnäckig aus.
Mit Hilfe eines enstsprechend ausgerichteten Stocks konnte ich sie schlussendlich aber in die richtige Richtung lenken.

Sie schienen aber „gewusst“ zu haben, dass ihnen zum Aufstieg an diesen glatten Rohren die entsprechende „Schlingkraft“ fehlte; ab einer gewissen Wuchshöhe – und dem daraus folgenden Gewicht – rutschten sie wieder herunter.
Im nächsten Jahr werde ich ihnen einen Strick um die Rohre drehen müssen.

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Die Befruchtung der Riesenbohnen

Das griechische Frühjahr ging nahtlos in den griechischen Sommer über. Ich frohlockte: Mehr Glück kann man mit dem Wetter doch gar nicht haben!

Üppige Blüten tauchten auf, in roter Farbe bei „Kaliningrad“, in Weiß bei der weißen Giganten-Bohne.

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Blüten der Sorte „Kaliningrad“

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Blüten der weißen Giganten-Bohne

Welche Blütenfarbe die gescheckte Bohne hatte, kann ich nicht sagen; ich war mir nicht einmal sicher, ob von dieser überhaupt eine den Schotterboden verlassen hatte – zu wild wucherten alle möglichen Bohnen am genialen Bohnengestell durcheinander: Meine „Türkische Maisbohne“, „Blauhilde“ und auch „Kaliningrad“ hatte sich ungeplant hinübergehangelt und dort breitgemacht.

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„Kaliningrad“ am Bohnengestell

Meiner Erinnerung nach hatte ich am Gestell nur gescheckte Käferbohnen ausgelegt.

Als alles in feinster Blütenpracht stand, wollte ich heimlich die Insekten bei ihren Befruchtungsakten beobachten.
Ich erwartete, dass sie in die Blüten der verschiedenen Sorten hineinkrabbelten, um an deren Grund den Nektar zu saugen, und dabei mit ihrer Rückenbehaarung den Pollen auf die Narben übertrugen.

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Hier geht’s nur um Selbstbefruchtung

Wie schon gesagt, kenne ich mich mit Feuerbohnen überhaupt nicht aus; aber die Art, wie eine Hummel den Befruchtungsvorgang vornahm, kam mir dann doch etwas Spanisch vor: Sie saß auf der Blüte und steckte ihren Rüssel in ein kleines Loch, das sich fast am Stilansatz der Blüte befand. „Wie kann sie so den Pollen übertragen?“ fragte ich mich.

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Ominöse Löcher am Blütengrund der beiden Feuerbohnenblüten

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Hummel beim Befruchtungsvorgang?

Als es ihr aber kurz darauf eine Honigbiene nachmachte, dachte ich, dass die Befruchtung bei Feuerbohnen eben einfach irgendwie anders funktionieren müsse, als ich mir das vorgestellt hatte; denn die Insekten müssen es ja schließlich wissen, die machen das seit vielen Jahren – oder sollten meine Insekten etwa auch keine Ahnung von Feuer- bzw. Prunkbohnen haben?

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Honigbiene „befruchtet“ eine Riesenbohnenblüte

Als sich dann aber irgendwann ein paar Hülsen entwickelten und zu beachtlicher Größe anschwollen, war ich beruhigt – mehr wollte ich ja nicht.

Die Ernte meiner riesigen Feuer- oder Prunkbohnen

In der größten Sommerhitze gab ich den Bohnenpflanzen ein paar mal kräftig Wasser – kann ja nicht schaden in dem Steinboden, dachte ich – und freute mich über dieses optimale Wetter für griechisch-stämmige Feuerbohnen; aber was mich erstaunte, war, dass sie keine Hülsen mehr ansetzten.

Meine Frage an „Doktor Internet“ ergab die traurige Gewissheit, dass Bohnen bei großer Hitze ihre Blüten abwerfen, ohne Früchte zu bilden; anscheinend tun das auch die griechischen, die doch eigentlich Hitze gewöhnt sein müssten.

Ich lernte: „Die Hitze verhindert, dass die Blüten befruchtet werden, da der Pollen austrocknet und seine Fähigkeit verliert, in die Narbe einzuwachsen. Sie lassen sich auch durch Gießen nicht davon abhalten, da dieser Vorgang von Temperatur und Luftfeuchte stärker beeinflusst wird als von der Bodenfeuchte.“ (Kraut & Rüben)

Erst als die Glut im September langsam nachließ, tauchten wieder vermehrt Hülsen auf.

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Die Hülsen von Feuerbohnen sind außen deutlich rauer als die der Gartenbohnen

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Hülse einer Gigantenbohne

Ich war zufrieden. Nur: Würden sie noch reif?

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Auch Bohnenhülsen verschiedener Art können zärtlich zueinander sein

Die ersten, unten sitzenden Bohnen waren bereits gegen Ende September so weit trocken, dass ich an eine Probeernte denken konnte.

Wie würde das Ergebnis der Mischungen aussehen, die selbstverständlich bei diesen obligaten Fremdbefruchtern zahlreich stattgefunden haben mussten, wenn sie so nah beieinander wuchsen?

Mit dieser spannenden Frage im Sinn brach ich die Hülsen auf.

Wie Ihr auf dem nachfolgenden Bild sehen könnt, könnt Ihr nur die Ausgangssorten sehen; aber ich bin sicher, dass sich in ihren Genen die bunteste Mischung versteckt.
Die werdet Ihr dann leider erst im kommenden Jahr sehen können. Dann aber sicher.

Oder sollten Feuerbohnen gar nicht die regelmäßigen Fremdbefruchter sein, als die sie häufig hingestellt werden?

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Der größere Teil meiner Prunkbohnenernte

Giganten-Bohnen essen nach Rezept

Bis zur nächsten Aussaat werde ich mir hoffentlich den Rest meiner gekauften weißen Riesenbohnen einverleibt haben (das Rezept gibt es unten); denn die restlichen scheckigen Käferbohnen, die noch im Küchenschrank lagerten, dienten großteils schon kleinen Räupchen zum Aufbau ihrer Körpermassen, die sich, so befürchte ich, demnächst zu ausgewachsenen Mehlmotten verpuppt hätten – wenn ich sie denn nicht rechtzeitig der städtischen Biomülltonne übergeben hätte.

Die wenigen geernteten Riesenbohnen werde ich ausschließlich als Saatgut verwenden und mit ihrer nächsten Aussaat die Hoffnung verbinden, dass sie durch verbesserte Anpassung an meine Standortverhältnisse in den Folgejahren zahlreicher werden, damit auch mal was zum Spachteln übrig bleibt.

Wenn nicht, dann werde ich eben weiterhin das griechische Restaurant „Ambrosius“ oder den griechischen Supermarkt „Commatas“ aufsuchen; denn das Feuerbohnen-Gericht „Gigantes Plaki“ steht bei mir jetzt ziemlich weit oben auf der Speisekarte, direkt hinter „Kuru Fasulye“, dem türkischen Bohnen-National-Gericht, das so ähnlich zubereitet wird, und „Weiße-Bohnen-Winterzuckini-Suppe“, die ich für den kommenden Donnerstag als Abendessen geplant habe.

Hier das von mir leicht überarbeitete Rezept der griechischen Seite www.lesvoskitchen.gr für Γίγαντες Πλακί; es sieht folgende Zutaten vor:

  • 500 Gramm weiße Riesenbohnen
  • 2 Zwiebeln
  • 3 Knoblauchzehen
  • 1 Esslöffel Olivenöl
  • 1/2 Liter Tomatensugo (aus eigenen, frischen Tomaten gekocht oder eine große Dose Tomaten, zerdrückt)
  • 3 Stangen Sellerie
  • 2-3 mittelgroße Karotten in halbierten Scheiben
  • 1/2 Bund gehackte Petersilie
  • 2 Teelöffel Zucker
  • Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer, Oregano, Thymian
  • Feta-Käse (Pepperoni, Oliven, frische Tomatenscheiben, Zwiebelringe) als Dekoration

Zubereitung:

  1. Die Bohnen über Nacht, gut mit Wasser bedeckt, einweichen/quellen lassen.
  2. In einem Topf ca. 45 Minuten im „Quellwasser“ kochen (manche wechseln auch das Wasser aus); dann abgießen und beiseite stellen.
  3. In einem anderen Topf die gehackte Zwiebel und den zerdrückten Knoblauch mit dem Olivenöl anbraten.
  4. Dann die in dünne Stücke geschnittenen Selleriestangen und halbierten Karottenscheiben zugeben und fünf Minuten mitbraten lassen.
  5. Nun die Petersilie und die „Tomatensoße“ hinzugeben.
  6. Gewürze und Zucker zufügen und alles zusammen ca. 30 Minuten einköcheln lassen.
  7. Zum Schluss die Bohnen hinzugeben und weitere 10 Minuten auf kleinster Flamme köcheln lassen.
  8. Dann alles in eine feuerfeste Form umfüllen (kann natürlich auch im Topf bleiben, wenn dieser keine Plastegriffe hat), mit Feta-Käse (und sonstiger Deko) bestreuen und 15 bis 20 Minuten im Backofen überbacken (der Käse sollte oben leicht gebräunt sein).