Die Gemeine Wegschnecke

Als Gärtner hat man nicht nur Freu(n)de, sondern auch ein paar Feinde, na sagen wir besser: Gegenspieler (die Bezeichnung „Feind“ ist mir zu extrem; sie entspricht nicht meinem friedliebenden Wesen).

Ein tierischer Gegenspieler, der mir bisher am meisten zu schaffen macht, ist die Schnecke, genauer gesagt: die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris), eine Nacktschnecke, die eigentlich, wie der korrigierte wissenschaftliche Name (früher hieß sie Arion lusitanicus) schon sagt, „Gemeine Wegschnecke“ genannt werden müsste; man kann natürlich auch einfach von der „Kapuzinerschnecke“ sprechen.

Die "lieben" Tierchen
image-201

Die „lieben“ Tierchen, noch junge Gemeine Wegschnecken mit hellen Seitenstreifen, auf dem Weg zum Nachtmahl

Auch wenn mancher Gärtner mit der Bezeichnung „Gemeine“ Wegschnecke das Wesensmerkmal „gemein, hinterhältig“ verbinden mag, so ist diese Bezeichnung hier doch im Sinne von „allgemein, gewöhnlich“ zu verstehen.

Dies ist mittlerweile für Deutschland auch tatsächlich zutreffend. Arion vulgaris hat sich seit den 70er Jahren von Westeuropa (vermutlich Südwest-Frankreich, Nordspanien) aus über weite Teile Mitteleuropas ausgebreitet (oder ist verbreitet worden), ist erst seitdem in Gärten allgemein verbreitet. Und richtet dort seitdem auch gemeine Schäden an.

Insofern ist die Einschätzung der Schnecke als „gemein, hinterhältig“ ganz sicher verständlich; denn es ist fürwahr kein schöner Anblick, die eben gesetzten Jungpflanzen oder frisch aufgegangenen Keimlinge nach kurzer Zeit nur noch als schäbige Reste wiederzusehen (falls überhaupt). Da kann schon Unmut oder sogar Wut im Gärtner aufkommen.

Schnecken sind radikal: sie verstehen keinen Spaß und fressen, was zart und grün ist.
image-202

Eines meiner Tabakpflänzchen, ein paar Tage nach dem Versetzen ins Freiland

Ich, als Balkongärtner, hatte mit der Schneckenproblematik bisher keine Erfahrung. Und Erdbeerpflanzen, meine hauptsächliche, bisherige Freilandkultur, werden von Schnecken überhaupt nicht gemocht (deren Früchte allerdings schon). So hatte ich bisher keinen Grund, die langsamen Kriecher nicht auch als ganz normalen Bestandteil des Gartenlebens und der Natur zu sehen.

Außerdem waren mir bisher auch eher Gehäuseschnecken ins Auge gefallen. Mit großen Wegschnecken (Arion rufus bzw. Arion ater, auch Nacktschnecken), die es früher im elterlichen Garten (das war nicht der Gemüsegarten, den gab es da schon nicht mehr) meiner ostwestfälischen Heimat gab, verbinde ich sogar ausgesprochen schöne Erinnerungen: Eine Zeitlang habe ich diese orangeroten und pechschwarzen Exemplare gesammelt, mit Brotkrumen gefüttert und intensiv beobachtet. Ich fand sie damals beeindruckend und wunderschön!

Aber nun habe ich meinen großen Garten, in dem ich Gemüse, Früchte und Tabak anbauen will, und dort kreuzten Anfang Juni letzten Jahres (2013) nach sintflutartigen Regenfällen ganz urplötzlich Unmengen von großen, braunen, mir unbekannten Nacktschnecken auf. Und sie tauchten nicht einfach nur auf und krochen umher, um sich von mir beobachten zu lassen, nein, sie überfielen meine Kartoffelpflanzen (und natürlich auch zahlreiche andere Pflanzen wie Möhren, Tabak, Zucchini und Kürbis)!

Ich hatte bis zu jenem Tag, als ich sie eine Kartoffelpflanze bis auf die Stengel und Blattrippen verspeisen sah, noch geglaubt, dass Kartoffelkraut giftig sei – auch für Schnecken, aber ihr Fraßeifer bei bester Gesundheit ließ keinen Zweifel aufkommen: ich war einem Irrtum aufgesessen.

Seit diesem Tag betrachte ich die Gemeine Wegschnecke als meine Gegenspielerin und mache mir seitdem Gedanken, wie ich ihrer Herr werden kann, wie ich sie davon abhalten kann, meine Pflanzen zu verzehren (was mir als Herrn des Gartens vorbehalten sein sollte – und meiner Herrin natürlich).

Eine Weile liebäugelte ich sogar mit dem Gedanken an eine Doktorarbeit, in der ich die Gewohnheiten und Lebensweise dieser Nacktschnecke erforschen wollte, nur um Mittel zu finden, sie auf natürlichem Wege von ihrem schä(n)dlichen Tun abzuhalten. So gedachte ich mein Biologie-Diplom mit meiner gärtnerischen Leidenschaft sinnvoll zu verbinden – mit praktischem Nutzen für mich und die Welt.

Eine junge, noch pigmentarme Arion vulgaris (Gemeine Wegschnecke)
image-203

Eine junge, noch pigmentarme Arion vulgaris oder ist dies A. rufus „einfarbig cremeweiß mit schwarzen Fühlern“?

Als ich aber die Veränderung meiner Kartoffelpflanzen in den Tagen darauf verfolgte, erschien mir dieser Weg für kurzfristige Erfolge wenig zu taugen, so dass ich auf andere Mittel sann.

„Gift kommt mir nicht aus der Tüte“, ist mein unumstößlicher Grundsatz; denn ich will Leben in meinem Garten, keinen Tod! Auch wenn die Nachbarn damit Erfolge erzielen, ich will Gehäuseschnecken, Eidechsen, Igel, Vögel und sonstige Lebewesen in meinem Lebensraum Garten.

So blieb mir auf die Schnelle nur der direkte Weg: ich griff mir alle erreichbaren Übeltäter und brachte sie über den „Jordan“, unseren kleinen Bach, der am unteren Ende des Gartens vorbeifließt.

Mittlerweile bin ich im 2. Jahr der Auseinandersetzung angelangt – und der Begriff „über den Jordan bringen“ hat seine ursprüngliche Bedeutung wieder erhalten: ich bringe die gesammelten Schnecken nicht mehr über den Bach, ich bringe sie mit kochendem Wasser um.

Ergebnis einer halben Stunde Sammeltätigkeit
image-204

Ergebnis einer halben Stunde Sammeltätigkeit

Ja, das fällt mir verdammt schwer – ich bitte Mutter Natur dafür jedes Mal um Vergebung, aber ich weiß mir noch keinen anderen Rat. Wenn ich sie aussetze, sterben sie wahrscheinlich nur einen langsamen Tod oder wandern zu anderen Futterstellen, an denen sie nicht willkommen geheißen werden; deshalb habe ich mich erst einmal für den konsequenten Weg entschieden.

Aber auch das Absammeln und Töten ist auf Dauer keine Lösung: es ist zu roh und zu grausam und kostet zuviel Zeit.

Es muss doch andere Wege geben. Wie gehen andere Gärtner und Ackerbauern mit diesem Problem um?
Wie wäre es mit einer Internetrecherche, mein Lieber!

Ja, sehr viele Gärtner haben dasselbe Problem, aber nur wenige eine Lösung.

Kleine Liste hilfreicher bis weniger hilfreicher Aktivitäten (Naturschutzbund Deutschland, LTZ Augustenberg, Stadt Münster, Pflanzenschutzamt Berlin, Sophie Meys)

  • Vorbeugen, indem zur Vernichtung der Schneckeneier die Beete entweder im Spätherbst nach den ersten Frösten tief gelockert oder auch im zeitigen Frühjahr gründlich durchgehackt werden. Gefährdete Beete sollten nicht abends, sondern frühmorgens gegossen werden, so dass die bevorzugt nachtaktiven Schnecken die Feuchtigkeit nicht mehr zur Nahrungssuche ausnutzen können; statt flächendeckend zu wässern empfiehlt es sich außerdem, jede Pflanze alle paar Tage einzeln kräftig zu gießen, damit die Schnecken keine größeren feuchten Flächen finden, in denen sie sich fortbewegen können.
    Auch sollte der Boden möglichst feinkrümelig sein, damit den Schnecken keine Verstecke geboten werden.
    Dichte Pflanzungen sollten ausgelichtet werden, damit zwischen den Pflanzen Sonne und Licht auf den Boden fällt.
  • Förderung natürlicher Feinde, wie Igel und Spitzmäuse, Vogelarten wie Amseln, Stare und Elstern, außerdem Kröten und Blindschleichen. Über Eigelege und Jungschnecken machen sich gerne Lauf- und Kurzflügelkäfer und deren Larven her, ebenso Glühwürmchen und ihre Larven sowie Hundertfüßler.
  • Abschrecken durch Pflanzen und Extrakte. Bohnenkraut und Kamille (sowie andere von Schnecken gemiedene Pflanzen), ringförmig um die Beete gepflanzt, haben den Ruf, Schnecken abzuschrecken. Chancen zur Schneckenvertreibung bieten auch diverse Pflanzenextrakte, etwa aus Farnkraut, Lebermoos oder Kompost. Auch starker Bohnenkaffee soll helfen, er wird analog zu den anderen Tinkturen über die Blätter gesprüht.
  • Abhalten durch Schneckenzaun, Schneckenkragen oder Gemüsefliegennetze bzw. Vliese. Die Zäune mit abgewinkeltem Profil sollten wenigstens zehn Zentimeter tief im Boden verankert werden und ungefähr genauso hoch aus dem Boden heraus ragen. Sie müssen frei stehen und dürfen keinen Kontakt mit Pflanzen haben. Auch Umzäunungen, Ketten und Drähte aus Kupfer sollen Schnecken abhalten. Die Netze/Vliese, die über gefährdete Pflanzen gelegt werden, sollten ringsum tief in den Boden eingegraben werden. Zäune und Vliese verhindern eine Zuwanderung der Schnecken in die Beete.
  • Abhalten durch Streu und Kalk. Schutzringe um Gemüsebeete aus Sägemehl, Steinmehl oder Branntkalk halten Schnecken durch ihre entfeuchtende Wirkung fern. Nach Regenfällen oder starker Taubildung müssen diese Sperrstreifen aber erneuert werden. Branntkalkstreifen sollten 30 Zentimeter breit sein, Sägemehl sollte mindestens fünf Zentimeter mächtig und in einer Breite von einem halben bis einem Meter gestreut werden.
  • Töten in Fallen mit Lockmitteln. Die Lockwirkung des Bieres (oder anderer Stoffe wie Katzenfutter u.ä) kann allerdings zum Bumerang werden; denn es werden damit auch Schnecken aus einiger Entfernung angelockt (Schnecken können ausgezeichnet riechen). Nur ein geringer Teil der angelockten Tiere fällt außerdem auch in die Fallen hinein. Noch ein Nachteil: auch unschädliche Schnecken werden von solchen Lockfallen erfasst.
    Diese Art von Fallen sollte deshalb nur in abgezäunten Bereichen eingesetzt werden, in die keine Schnecken mehr zuwandern können (dort sollte sie sogar angewendet werden, um die in diesen Bereichen noch vorhandenen Schnecken zu erledigen).
  • Händisches Absammeln von Schnecken. Abends, früh morgens oder nach einem Regen alle auffindbaren, schädlichen Schnecken einzulesen, ist eine sehr wirksame Methode. Man kann den Schnecken auch Verstecke und Schlafplätze anbieten, aus denen sie dann leichter abgesammelt werden können. Geeignet sind z. B. Holzlatten, Dachziegel, umgedrehte Blumentontöpfe, Orangenschalen oder Rhabarberblätter.
  • Biologische Bekämpfung durch das Ausbringen der spezifisch schneckenpathogenen Nematoden(Fadenwurm)art Phasmarhabditis hermaphrodita. Dieser dringt über die Atemöffnung vor allem im Boden lebender Schnecken ein, wie der Ackerschnecke (diese kann allerdings genauso verheerend wie die Gemeine Wegschnecke sein),  und infiziert diese mit einem tödlichen Bakterium.
  • Chemische Bekämpfung mit Eisen-III-Phosphat (Eisenorthophosphat), Metaldehyd oder Methiocarb. Eisen-III-Phosphat, ein in den letzten Jahren zunehmend verwendeter (weil schneckenspezifischer) Wirkstoff, führt zu Zellveränderungen im Kropf und in den Resorptionszellen der Mitteldarmdrüse der Tiere. Die Schnecken hören nach kurzer Zeit auf zu fressen und ziehen sich in ihre Verstecke zurück, wo sie nach einigen Tagen verenden.
    Metaldehyd wirkt als Kontakt- und Magengift. Die Tiere verlieren körpereigene  Flüssigkeit  (Dehydration)  und  der Energiestoffwechsel wird beeinträchtigt. Erkennbar ist die Wirkung an der „Ausschleimung“ der Tiere nach der Giftaufnahme.
    Methiocarb ist ein Nervengift. Die Wirkung setzt schnell ein und wird durch Feuchtigkeit begünstigt. Nichtzielorganismen, auch Gegenspieler von Schnecken wie Laufkäfer oder auch Igel können durch das Produkt geschädigt werden.
    Alle diese Gifte wirken allerdings unspezifisch gegen alle Schnecken: auch harmlose Gehäuseschnecken oder geschützte wie die Weinbergschnecke verlieren ihr Leben, wenn sie es aufnehmen.

Für mich kommen davon nur das Vorbeugen (in Teilen), die Förderung natürlicher Feinde (zur Gänze) sowie das Abhalten durch Schneckenzaun oder Vliese in Betracht.

Bisher habe ich meinen Garten unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Vielfältigkeit, der naturnahen Entwicklung, der Förderung des Bodenlebens und der Arbeitsersparnis geführt. Aus diesem Grunde habe ich viele Pflanzen dort wachsen lassen, wo sie sich selbst ausgesät haben, ich habe gemulcht, alte Pflanzenreste auf den Beeten belassen, den Boden kaum bearbeitet und geglättet sowie die Blumen längs der Beete den Boden möglichst vollständig bewachsen lassen.

Wuchernder Garten, in dem irgendwo ein paar Kulturpflanzen versteckt sind
image-205

Wuchernder Garten, in dem irgendwo ein paar Kulturpflanzen versteckt sind

Leider wirkt sich diese Art des Gärtnerns nicht nur positiv auf das erwünschte Bodenleben und die sonstige Tierwelt aus, sondern auch auf die Schnecken (die unzweifelhaft auch ein Teil des Bodenlebens und der Tierwelt sind). Hier stimme ich mit dem NABU nicht überein, der behauptet: „Das massenhafte Auftreten gerade von Nacktschnecken zeigt, dass das natürliche Gleichgewicht gestört ist.“ Ich behaupte: Da wo Schnecken in rauen Mengen vorkommen, ist der Lebensraum für sie besonders günstig.
Sie fressen ja nicht nur unser Gemüse, sondern auch alle möglichen Bei-/Unkräuter, die ihnen vor die Radulas kommen (wie ich immer wieder beobachten kann). Und das „natürliche“ Gleichgewicht stellt sich dann wieder ein, wenn sie unseren Garten kahl gefressen haben.

Mir war im Laufe des letzten Jahres aufgegangen, warum Nachbar Gerd (und die allermeisten anderen Gärtner der Kleingartenkolonie, von der mein Garten umgeben ist) ihren Boden tunlichst unkrautfrei halten und weitgehend unbewachsen lassen: um den Schnecken möglichst jeden Lebensraum zu nehmen. Er beugt den Schnecken konsequent vor.

Aber abgesehen von dem Aufwand, den ein aufgeräumter Garten erfordert und den ich als Wochenendgärtner kaum leisten kann, entspricht es mir nicht: leben und leben lassen ist meine Devise; d. h. ich will nur sanft eingreifen und in friedlicher Koexistenz leben.

Solange aber kein preiswertes, technisches Hilfsmittel für die Ausgrenzung der Schnecken aus meinen Beeten verfügbar ist, werden noch einige der Nackerten dran glauben müssen. So leid es mir tut.