Berliner Netzmelone

„Berlin“ in einem Atemzug mit „Melone“ zu nennen, das ist doch ausgeschlossen, oder? Wie geht das zusammen: die unwirtliche, im mittleren Nordosten gelegene Großstadt und die duftende, an südliche Sonne gewöhnte Frucht?

Als ich die Sortenbezeichnung „Berliner Netzmelone“ zum ersten Mal las, dachte ich, dass es sich bei der Namengeberin nicht um „mein“ Berlin handeln könne, dass irgendetwas anderes, „Berlin“ genanntes, zu diesem Zweck habe herhalten müssen; aber letztlich wurde ich überzeugt, dass es tatsächlich eine Melonensorte gegeben hat, die nach der deutschen Hauptstadt benannt wurde. Dazu später mehr.

Meine Erstinformation entstammte dem Werk „Kleines Gartenbuch“ von Friedrich Wilhelm Maier-Bode, das 1949 im Westdeutschen Verlag, Köln und Opladen, erschienen ist. Auf Seite 92 wird dort als Sorte für das Mistbeet eine „Berliner Netz“ empfohlen.

F. W. Maier-Bode: Das kleine Gartenbuch

Der Buchdeckel, weil er so hübsch ist

Eine weitere Erwähnung fand ich vor kurzem in der „Sortenliste der in der Deutschen Demokratischen Republik zugelassenen Sorten von Kulturpflanzen“ aus dem Jahre 1951. Dort wird auf Seite 19 unter Nr. 5 „Fruchtgemüse“ a) „Fleischfrüchte“ neben „Heinemanns Freiland“, „Köstliche aus Pillnitz“, „Pillnitzer Zucker“, „Westländische Doppelte Netz“ die „Berliner Netz“ als zugelassene Melonensorte aufgeführt.

Zwischendurch hatte ich auch schon das „Inter-Netz“ nach der „Berliner Netz“ befragt.

Und Antworten erhalten, wie z. B. diese:
Die frühere „Allwissenheit“, das Universal-Lexikon „Brockhaus“ (F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896), verzeichnete unter dem Stichwort „Melone“ folgendes:

„Melone (Cucumis Melo L.), nach der griech. Insel Melos benannt und im südl. Asien heimisch, gehört zur Gattung Cucumis (s. d.). Von der Gurke unterscheidet sie sich durch die erst bei der Reife genießbaren, saftigen, süßen, eigentümlich gewürzten Früchte. Die Pflanze ist einjährig und wird bei uns meist in Mistbeeten gezogen. Im Freien erlangen die Früchte ihre Reife nur in sehr geschützten warmen Lagen und in heißen trocknen Sommern. Die Pflanzen sind sehr empfindlich gegen kühle Temperatur, Regen oder sonstige Feuchtigkeit in der Luft. Zur Aussaat wählt man lieber einige Jahre alten als frischen Samen, weil der Fruchtansatz bei den daraus gezogenen Samen besser ist. Die große Menge der kultivierten Sorten zerfällt in drei Hauptformen:

1) Kantalupen, mit gerippten oder gerieften Früchten, deren Schale glatt oder warzig sein kann.
2) Netzmelonen, deren Früchte nicht gerippt, sondern eben sind, aber eine warzige, netzartig zerrissene Schale haben.
3) Glatte M., deren Schale weder Rippen noch warzige Unebenheiten zeigt. Nach der Farbe des Fleisches unterscheidet man: rotfleischige (am häufigsten), gelbfleischige, grünfleischige und weißfleischige.

Die M. werden besonders in wärmern Gegenden wegen ihrer erfrischenden und kühlenden Eigenschaft allgemein gegessen. Man genießt das von der Schale befreite Fleisch für sich oder mit Zucker, auch mit Cognac, selbst mit etwas Pfeffer oder Ingwer.

Empfehlenswerte Sorten sind:

1) Kantalupen: gelbe, Prescotts, Victoria-, Orangen-, Silber-, Konsul-Schiller-Kantalupe, Pariser Cantaloupe (s. Tafel: Gemüse IV, Fig. 8).
2) Netzmelonen: Berliner (Fig. 7), griechische, grünfleischige weiße, rotfleischige, Golden-Gem-Netzmelone.
3) Glatte M.: Goliath, kleine Chito, Honfleur, Malta, amerik. Klettermelone.

Tafel IV Gemüse

Tafel IV Gemüse aus dem zuvor zitierten „Brockhaus“

…“

Doch damit nicht genug.

In der 49. Ausgabe der Zeitschrift „Gartenflora – Zeitschrift für Garten- und Blumenkunde, Organ des Vereins zur Beförderung des Gartenbaus in den preußischen Staaten“ aus dem Jahre 1900 fand ich auf den Seiten 12 – 15 einen Bericht von Robert Moncorps, Hohen-Schönhausen, seines Zeichens Gärtnereibesitzer und Königlicher Garteninspektor, über die „Die Kultur der Berliner Netzmelone“, den ich hier in voller Länge wiedergeben möchte (und dank Archive.org auch wiedergeben kann):

Titelblatt der Ausgabe mit diesem Beitrag

Titelblatt der besagten Ausgabe

Nicht gerade um den geehrten Lesern der Gartenflora etwas Neues zu unterbreiten, fühle ich mich veranlasst diese Zeilen zu schreiben, wohl aber um einer Jahrhunderte alten Spezialkultur der Berliner Gemüsebranche zu gedenken. Das ist die Kultur der Berliner Netzmelonen.

Es ist eine unumstössliche Thatsache, dass alle grossen Städte Europas, namentlich aber die des Südens und auch die des Orients, ganz enorme Mengen der verschiedensten Sorten Melonen, meist Lokalsorten, auf den Markt bringen, sie alle werden aber meist roh im reifen Zustande verspeist, wogegen Berlin und Umgegend das Material zum Einmachen liefern, und in der Produktion der Berliner Netzmelonen noch einzig und bis jetzt unübertroffen dastehen. Erklärlich ist diese Thatsache dadurch, dass die Sorte stets rein erhalten wird und nie in einer Gärtnerei oder in mehreren dicht zusammengrenzenden verschiedenen Sorten Melonen, d. h. z. B. Cantaloupen-Sorten und Berliner Netzmelonen u. s. w. zusammen kultiviert werden. Die gegenseitige Befruchtung würde sonst eine derartige sein, dass an eine reine Samengewinnung, die unter allen Umständen bei der Kultur der Berliner Netzmelone eine tadellose sein muss, nicht mehr zu denken wäre, denn keine andere Pflanze bastardiert wohl so leicht und nachhaltig wie Cucumis Melo.

Eingeführt ist die Berliner Netzmelone hier s.Z. wohl von den aus Frankreich geflüchteten Réfugiés. Mir ist noch sehr wohl erinnerlich, dass mein Grossvater, der zu Anfang der fünfziger Jahre, bei Ausbruch der Choleraepedemie, noch im Alter von 93 Jahren selbst einer grösseren Gemüsegärtnerei, Kottbuserstrasse 4, vorstand, und bei dem ich mich dieser Epidemie wegen als grösserer Knabe aufhielt, öfter beim Verspeisen der grossen, oft überreifen Netzmelonen (bekanntlich wurden vom Publikum um diese Zeit weder Gemüse noch Früchte gekauft) erzählte, dass „sein” Grossvater und der Melonensamen in einer Kiepe von der Loire hierher getragen worden waren.

Die Melonensamen werden je nach dem vorhandenen Platz von Ende März ab in einem warmen Mistbeetkasten ausgelegt, nach längstens 14 Tagen verpflanzt, wenn sie genügend weit vorgeschritten, gestutzt, und sobald angänglich immer wieder auf einen warmen Kasten verpflanzt, bis endlich unter jedem Fenster nur eine Pflanze steht. Bei diesem Verfahren ist der Handelsgärtner dem Herrschaftsgärtner gegenüber entschieden im Vorteil. Dem ersteren stehen fast täglich warme Mistbeetkästen um diese Zeit zur Verfügung, in denen er oberhalb und unterhalb der Stand-, d. h. der anderen Pflanzen, sehr gut die jungen Melonenpflänzchen heranziehen und nach Belieben verpflanzen kann, wogegen der Privatgärtner sich dadurch zu helfen sucht, dass er seine Melonenpflanzen in Töpfen heranzieht. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Anzucht der jungen Pflanzen frei in dem Mistbeetkasten in recht nahrhafter Erde, sehr viel kräftigeres Pflanzmaterial ergiebt, als das in Töpfen gezogene.
Naturgemäss werden die jungen Melonenpflanzen durch häufiges Verpflanzen auf warme Kästen sehr schnell Ranken entwickeln, und wird es bei entsprechender Lüftung nun notwendig, mit dem Messer vorzugehen.
Ich schneide alle guten starken Ranken auf drei Augen zurück, der sogenannte Geiz (Nebenranken und verbänderte Ranken) wird dabei ausgeputzt. Einige Kollegen raten, zuerst auf zwei, nachher auf vier Augen zu stutzen; vergleichende Versuche haben bei mir dieselben Resultate ergeben. Mit beginnendem Fruchtansatz wird immer mehr gelüftet, und endlich, wenn möglich bei Regenwetter, die Fenster ganz entfernt.

Ich habe bei dieser Kulturmethode auch im letzverflossenen Sommer wieder eine gute Melonenernte zu verzeichnen gehabt, und übernahm die Lieferung von einem Pfund Samen an eine hiesige Samenhandlung mit der freiwilligen Verpflichtung, zur Samengewinnung keine Frucht unter 6 Kilo Schwere zu verwenden; ich habe aber Melonen von 13 Kilo Schwere geerntet.

Es kommt indes, namentlich bei kaltem trübem Mai und Juni auch vor, dass die Netzmelonen bei aller Sorgfalt in der Kultur keinen Fruchtansatz zeigen wollen; dann hat immer noch das Mittel geholfen, dass man während einiger regenfreier Tage die Fenster von denselben entfernt, sie nicht giesst, nach zwei Tagen die Fenster wieder auflegt, und in oben angeführter Weise weiter kultiviert. Es tritt durch dieses Verfahren eine Kulturstockung ein, die fast jedesmal einen reichen Fruchtansatz im Gefolge hat.

Die Gemüsetreiberei hat infolge der Überhandnahme des Imports aus den klimatisch günstiger gelegenen Ländern hier in und um Berlin fast ganz aufgehört, möge der Kultur der Berliner Netzmelone, die den hiesigen Gemüsegärtnern gestattet, ihre vielen Kästen und Fenster durch sie wenigstens zweimal im Jahre gebrauchen zu können, noch ein recht langes Leben beschieden sein, damit sie nicht auch noch von im Süden vielleicht freiwachsenden Melonensorten verdrängt werde.“

Der letzte Wunsch des Herrn Moncorps wurde leider nicht erfüllt: die Berliner Netzmelone ist den Weg allen Vergänglichen gegangen und wurde von der Flut südländischer Fruchtimporte begraben. Und irgendwann ist dann auch ihr Name dem Vergessen anheimgefallen.

Wer mich kennt, der weiß, dass mich ein solcher Hinweis auf eine Berliner Melonensorte nicht eher ruhen lässt, bis ich entweder ihre Samen in Händen halte oder ihre endgültige Grabstätte gefunden habe.

Wie so oft starte ich meine Suche im Eingabefeld einer Suchmaschine.

Was weißt du über die „Berliner Netzmelone?“ frage ich.
Und die Maschine gibt zur Antwort (neben den schon bekannten, früheren Antworten): „Gemüse von Mogersdorf bis Dnjepropetrowsk“.
Gemüse, hä? Geht das nicht etwas klarer?
Obst und Gemüse aus aller Herren Länder zeigen Annette und Ingolf Hofmann bei ihrem Tag der offenen Gartentür am Sonntag, dem 9. August, in Limbach.
Das klingt schon vielversprechender.
Als besondere „Früchtchen“ erwarten sie die Berliner Netzmelone oder das Schönbrunner Gold.

Da hab‘ ich sie also, die Berliner Netzmelone, in der Gegenwart und anscheinend am Leben!

Und einen Ort mit Menschen, die ich um weitere Informationen bitten kann: „Ich würde mich freuen, wenn Sie mir dazu mögliche Informationen zusenden könnten (ob es tatsächlich der Fall ist, dass Sie diese Melonensorte anbauen, ob ich von Ihnen Samen erhalten könnte, woher Sie die Samen erhalten haben, Anbautipps u. ä.)“

Und Frau Hofmann teilt mir umgehend mit: die Samen, die im südlichen Burgenland Österreichs die Berliner Netzmelone entstehen lassen sollten, stammten aus dem Sortenarchiv der österreichischen „Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt & ihre Entwicklung“ ARCHE NOAH; auf meine Nachfrage dort klärt mich der freundliche Herr Luf auf, dass seine Arche diese Samen einst von der deutschen Genbank in Gatersleben erhalten habe, die sie wiederum 1950 von der Saatzuchtfirma Gebrüder Dippe GmbH zwecks Erhaltung übernommen hat.

Und jetzt bekomme ich sie habe ich sie bekommen – und schenke ihr im nächsten Jahr ein neues Leben in der alten Heimat! Sie muss auch nicht mehr mit einem Mistbeet vorlieb nehmen, sondern darf sich in einem melonen-erprobten Folientunnel ausbreiten – so Gott (oder wie auch immer die „Höhere Macht“ genannt sein mag) will.

Samen der "Berliner Netzmelone" aus der Genbank, Anfang Oktober 2016
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Samen der „Berliner Netzmelone“ aus der Genbank, Anfang Oktober 2016

Bis dahin werde ich mich aber erst einmal weiter um meine diesjährige, wilde Melonenmischung (oder sollte ich „Mischmelonenversammlung“ sagen?) kümmern, die hoffnungsvolle Ansätze zeigt und verspricht, meine Liebste/n und mich im Spätsommer zu erfrischen.

Berliner Netz recreated?
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Berliner Netz recreated?

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Werden diese noch gelb vor dem Servieren?